Regenwürmer als Indikatoren für gesunde Böden
Regenwürmer gelten als Indikatoren für gesunde Böden, weil sie Bodenstruktur, Nährstoffkreisläufe und mikrobielle Aktivität fördern – und gleichzeitig empfindlich auf Belastungen wie Pestizide reagieren. Donald Hobern from Copenhagen, Denmark, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Studie: Pestizidrückstände in mehr als zwei Dritteln der Böden Europas – nicht nur in Agrarlandschaften

Wenn über Pestizide diskutiert wird, geht es meist um Bienen, Vögel oder Rückstände in Lebensmitteln. Weniger Aufmerksamkeit erhält der Ort, an dem viele ihrer Wirkungen beginnen: der Boden. Dabei bildet er die Grundlage unserer Ernährung und ist Lebensraum für Milliarden von Organismen. Eine internationale Studie, die Anfang 2026 im Fachjournal Nature erschienen ist, zeigt, wie stark Pestizidrückstände dieses Ökosystem bereits verändert haben.

Die Forschenden untersuchten, wie verbreitet Pestizide in Europas Böden sind – und welche Folgen sie für das Bodenleben haben. Das Ergebnis ist eindeutig: Pestizide sind kein Randphänomen. Sie sind inzwischen Teil des Alltags in vielen Böden – mit messbaren Folgen für Biodiversität und Bodenfunktionen.

Ein europaweiter Boden-Querschnitt

Für die Studie wurden 373 Standorte in 26 EU-Mitgliedstaaten untersucht. Die Proben stammten aus ganz unterschiedlichen Landschaften: von intensiv genutzten Ackerflächen über Obst- und Weinbaugebiete bis hin zu extensivem Grünland und Wäldern. Ziel war es, ein realistisches Bild der Situation in Europa zu erhalten – nicht nur unter Laborbedingungen, sondern in der tatsächlichen Umwelt.

Die Forschenden kombinierten mehrere moderne Methoden. Einerseits analysierten sie chemisch, welche Pestizidrückstände im Boden vorhanden waren und in welchen Konzentrationen. Andererseits untersuchten sie mithilfe von DNA-Analysen, welche Organismen im Boden lebten: Bakterien, Pilze, Einzeller, Fadenwürmer und kleine Gliederfüßer. Zusätzlich wurden Gene erfasst, die anzeigen, welche Funktionen diese Organismen erfüllen – etwa bei der Versorgung von Pflanzen mit Stickstoff und Phosphor. So entstand ein detailliertes Bild davon, wie Chemikalien und Bodenleben zusammenhängen.

Pestizide in Europas Böden – fast überall

Das erste zentrale Ergebnis: In rund 70 % aller untersuchten Böden wurden Pestizidrückstände gefunden. Besonders häufig war dies auf Ackerflächen der Fall. Doch auch in Wäldern und Wiesen, wo gar nicht gespritzt wird, ließen sich Rückstände nachweisen. Sie gelangen offenbar über Wind, Wasser oder aus benachbarten Agrarflächen in diese Gebiete.

Pestizide bleiben zudem oft lange im Boden. Viele Wirkstoffe und ihre Abbauprodukte werden nur langsam abgebaut. Dadurch entsteht keine kurzfristige Belastung, sondern eine dauerhafte Hintergrundbelastung, die sich über Jahre hinweg aufbaut.

Einer der wichtigsten Treiber für Veränderungen im Boden

Die Studie zeigt außerdem: Pestizidrückstände im Boden gehören zu den stärksten Faktoren, die erklären, warum sich Lebensgemeinschaften von Ort zu Ort unterscheiden. Nur die grundlegenden Bodeneigenschaften – etwa pH-Wert oder Humusgehalt – hatten einen noch größeren Einfluss.

Damit widerlegt die Untersuchung die verbreitete Annahme, Pestizide seien im Boden eher ein Nebeneffekt intensiver Landwirtschaft. Tatsächlich prägen sie das Bodenleben in vielen Regionen entscheidend mit. Dabei reagieren verschiedene Organismengruppen unterschiedlich. Manche nehmen ab, andere scheinen zeitweise zuzunehmen. Doch diese scheinbaren „Gewinner“ sind kein Zeichen für ein gesundes System. In gestörten Ökosystemen verschieben sich oft die Machtverhältnisse, ohne dass das Gleichgewicht erhalten bleibt.

Wenn wichtige Helfer verschwinden

Besorgniserregend ist der Rückgang von Organismen, die für fruchtbare Böden unverzichtbar sind. Dazu gehören unter anderem Mykorrhiza-Pilze, die Pflanzen bei der Aufnahme von Wasser und Nährstoffen unterstützen, sowie bestimmte Bodenbakterien und Fadenwürmer, die an der Nährstoffumsetzung beteiligt sind. Diese Lebewesen sorgen dafür, dass Pflanzen effizient versorgt werden, dass Humus entsteht und dass Krankheitserreger in Schach gehalten werden. Werden sie geschwächt, verliert der Boden einen Teil seiner natürlichen Leistungsfähigkeit.

Die Studie zeigt zudem, dass sich durch Pestizide im Boden auch grundlegende Stoffkreisläufe verändern. Gene, die für den Stickstoff- und Phosphorhaushalt wichtig sind, werden beeinflusst. Das betrifft direkt die langfristige Fruchtbarkeit der Böden.

Kurzfristiger Nutzen, langfristiger Schaden

Neue Studie: Pestizide in Europas Böden
Großflächiger Pestizideinsatz in der Landwirtschaft: Chemische Pflanzenschutzmittel belasten nicht nur Schädlinge, sondern auch das empfindliche Leben im Boden.
Lite-Trac, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Aus diesen Ergebnissen ergibt sich ein grundlegender Widerspruch. Pestizide werden eingesetzt, um Erträge zu sichern. Kurzfristig erfüllen sie diesen Zweck oft. Schädlinge und Krankheiten werden reduziert, Ernten steigen. Langfristig jedoch schädigen sie genau jene biologischen Prozesse, die stabile Erträge erst ermöglichen. Wenn nützliche Mikroorganismen, Pilznetzwerke und Bodenfauna zurückgehen, werden Pflanzen anfälliger für Stress, Trockenheit und Krankheiten. Um das auszugleichen, braucht es mehr Dünger, mehr Pflanzenschutz und mehr technische Kontrolle. So entsteht eine Abwärtsspirale: Der Boden verliert seine Selbstregulationsfähigkeit, die Abhängigkeit von Chemie steigt, und das System wird immer instabiler – eine sogenannte „chemische Tretmühle“.

Die neue Studie belegt erstmals auf europäischer Ebene, dass dieser Mechanismus auch im Boden nachweisbar ist. Pestizide destabilisieren nicht nur einzelne Arten, sondern ganze Funktionsnetze. Was kurzfristig als Lösung erscheint, wird langfristig zum Problem.

Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass die komplexe Realität von Pestizidanwendungen – etwa als Mischungen, in unterschiedlichen Konzentrationen und über lange Zeiträume – in klassischen Zulassungsverfahren und Laborversuchen oft nicht vollständig abgebildet wird. Weil genaue Anwendungsdaten pro Standort fehlen, lassen sich nicht immer alle Wechselwirkungen einzelner Wirkstoffe eindeutig trennen. Gleichzeitig betonen sie, dass der große Umfang der untersuchten Standorte und Lebensräume die Aussagekraft ihrer Ergebnisse stärkt, weil sich die beobachteten Muster über Ländergrenzen hinweg wiederholen und nicht nur zufällig auftreten.

Warum das für den Arten- und Naturschutz entscheidend ist

Die Studienergebnisse betreffen nicht nur die Landwirtschaft, sondern den Naturschutz insgesamt. Wenn vom Artensterben die Rede ist, denken viele zunächst an Vögel, Insekten oder an das Verschwinden von Wäldern und Lebensräumen. Weniger Beachtung findet jedoch der Lebensraum unter unseren Füßen. Dabei lebt ein großer Teil der biologischen Vielfalt im Boden: Milliarden von Bakterien, Pilzen, Einzellern, Würmern und Kleintieren bilden dort hochkomplexe Gemeinschaften, die für das Funktionieren ganzer Ökosysteme unverzichtbar sind.

Pestizide zerstören langfristig die Ernteerträge
Getreideernte in Europa: Langfristig stabile Erträge sind nur mit gesunden, biologisch aktiven Böden möglich.
freestocks.org from Olsztyn, Poland, CC0, via Wikimedia Commons)

Diese Organismen sorgen dafür, dass Pflanzen mit Nährstoffen und Wasser versorgt werden, dass abgestorbenes Material zersetzt wird, dass Humus entsteht und dass Krankheitserreger in Schach gehalten werden. Sie regulieren Stoffkreisläufe, speichern Kohlenstoff und stabilisieren die Bodenstruktur. Ohne diese Prozesse könnten Wälder, Wiesen oder Ackerflächen nicht dauerhaft bestehen.

Der Boden ist damit keine passive „Unterlage“ für Pflanzen, sondern ein lebendiges System. Wird dieses System geschädigt, bleiben die Folgen nicht auf den Untergrund beschränkt. Wenn Böden biologisch verarmen, verlieren Pflanzen einen Teil ihrer natürlichen Unterstützung. Sie wachsen langsamer, werden anfälliger für Trockenheit, Krankheiten und Nährstoffmangel. Das wirkt sich auf Insekten aus, die auf diese Pflanzen angewiesen sind, auf Vögel, die sich von ihnen ernähren, und auf ganze Nahrungsketten. Der Verlust an Bodenleben setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die sich durch alle Ebenen des Ökosystems zieht.

Die neue Studie macht deutlich, dass Pestizide diese unsichtbaren Lebensgemeinschaften systematisch verändern und schwächen. Damit greifen sie nicht nur einzelne Arten an, sondern die grundlegenden Prozesse, auf denen biologische Vielfalt aufbaut. Für den Naturschutz bedeutet das: Der Schutz von Biodiversität darf sich nicht auf sichtbare Arten und Landschaften beschränken. Er muss auch die verborgenen Systeme im Boden einbeziehen. Wer Insekten, Vögel und Pflanzen erhalten will, muss zugleich das Leben unter der Oberfläche schützen. Biodiversität endet nicht an der Bodenoberfläche.

Wenn Wissenschaft und Politik auseinanderdriften

Besonders brisant werden diese Ergebnisse vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen. In der EU wird derzeit diskutiert, Pestizide künftig teilweise unbefristet zuzulassen und regelmäßige Neubewertungen zu reduzieren. Diese Pläne stehen im Widerspruch zu einer wachsenden Zahl wissenschaftlicher Studien. So zeigte eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung aus Frankreich, dass pestizidbedingte Effekte mit Bestandsrückgängen bei rund 84 % der untersuchten Vogelarten in Verbindung stehen. Eine weitere, 2025 veröffentlichte Studie dokumentierte negative Auswirkungen von Pestiziden auf mehr als 800 Arten, darunter Wirbeltiere, wirbellose Tiere, Mikroorganismen und Pflanzen.

Humusreicher Boden: Die Grundlage für Nährstoffkreisläufe, Wasserspeicherung und Pflanzenwachstum.
Humusreicher Boden: Die Grundlage für Nährstoffkreisläufe, Wasserspeicherung und Pflanzenwachstum.
Edafologia2.0, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Vor diesem Hintergrund erscheinen unbefristete Zulassungen und verzögerte Neubewertungen nicht als sinnvoller Bürokratieabbau, sondern als Rückschritt im Umwelt- und Gesundheitsschutz. Viele problematische Wirkstoffe wurden in der Vergangenheit erst nach Jahren oder Jahrzehnten als schädlich erkannt – oft erst, nachdem irreversible Schäden eingetreten waren.

Die aktuelle Nature-Studie unterstreicht, wie wichtig regelmäßige und umfassende Überprüfungen sind. Sie zeigt, dass selbst zugelassene und legal eingesetzte Mittel langfristige ökologische Nebenwirkungen haben können, die in klassischen Zulassungsverfahren kaum erfasst werden. Werden diese Verfahren weiter abgeschwächt, wächst die Gefahr, dass Umweltfolgen systematisch unterschätzt oder zu spät erkannt werden.

Gleichzeitig verfolgt die EU offiziell das Ziel, Biodiversität zu schützen, Böden widerstandsfähiger zu machen und die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen. Unbefristete Zulassungen würden jedoch genau jene Abhängigkeit von chemischen Hilfsmitteln verstärken, die diese Ziele untergräbt.

Die neue Studie ist deshalb nicht nur ein wissenschaftlicher Befund, sondern auch eine politische Warnung: Eine Landwirtschaft, die ihre biologischen Grundlagen schrittweise zerstört, verspielt langfristig ihre eigene Zukunft.


Quelle

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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