Pestizide gehören zu den zentralen Treibern des weltweiten Artensterbens. Sie werden in der modernen Landwirtschaft eingesetzt, um Erträge zu sichern, greifen dabei jedoch tief in ökologische Prozesse ein. Dass diese chemischen Pflanzenschutzmittel weit über ihre eigentlichen Zielorganismen hinaus wirken, ist seit Langem bekannt. Neuere Forschung zeigt zunehmend, wie groß das tatsächliche Ausmaß dieser Effekte ist.
Bereits 2025 hat eine Metaanalyse im Fachjournal Nature Communications gezeigt, dass Pestizide weltweit negative Auswirkungen auf Hunderte nicht-zielgerichtete Arten haben. Die Auswertung von mehr als 1.700 Studien belegte Beeinträchtigungen von Wachstum, Fortpflanzung, Verhalten und Überlebensfähigkeit bei über 800 Arten. Deutlich wurde dabei auch, dass moderne Pestizide keineswegs umweltverträglicher als ältere Wirkstoffe sind.
Diese umfassende Analyse ließ jedoch die Frage offen, ob sich die beschriebenen biologischen Schäden auch in messbaren Bestandsrückgängen wildlebender Tierarten in der freien Landschaft niederschlagen. Hier setzt nun eine neue Pestizid-Studie aus Frankreich an, die 2026 in den Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde.
Worum geht es in der Studie?
Die Studie untersucht, wie stark der Einsatz von Pestiziden mit der Häufigkeit häufiger Vogelarten in Agrarlandschaften zusammenhängt. Analysiert wird dies für ganz Frankreich, mit dem Ziel, den Einfluss von Pestiziden unter realen Bedingungen sichtbar zu machen.
Im Fokus stehen häufige Brutvogelarten, also Arten, die lange Zeit als vergleichsweise robust galten und große Teile der Agrarlandschaften besiedeln. Grundlage der Analyse sind umfangreiche Vogelzählungen aus einem Bürgerwissenschaftsprogramm, die mit regionalen Daten zum Pestizideinsatz verknüpft wurden.
Ziel der Studie war es, folgende Frage zu beantworten: Gibt es einen messbaren Zusammenhang zwischen Pestiziden in der Landschaft und der Häufigkeit von Vögeln und lässt sich dieser Effekt von anderen Aspekten intensiver Landwirtschaft trennen?

(© Maasaak, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Wie sind die Forschenden vorgegangen?
Die Analyse erfolgte auf nationaler Ebene. Berücksichtigt wurden 242 verschiedene Pestizidwirkstoffe – nahezu alle Substanzen, die 2017 verkauft wurden –, bezogen auf die landwirtschaftliche Fläche der jeweiligen Region.
Um die Aussagekraft der Daten zu prüfen, verglichen die Forschenden die Verkaufszahlen mit Messungen von Pestizidrückständen in Gewässern. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang: Regionen mit hohem Pestizidverkauf wiesen auch höhere Rückstände auf. Die Verkaufsdaten gelten damit als belastbarer Indikator für regionale Umweltbelastung.
Die Vogelbestandsdaten stammen aus dem französischen Brutvogelmonitoring (STOC), einem langjährigen Bürgerwissenschaftsprogramm mit standardisierten Zählungen. Analysiert wurden 64 häufige Vogelarten an über 2.000 Zählpunkten in Agrarlandschaften. Entscheidend ist zudem, dass der Einfluss von Pestiziden von anderen Faktoren intensiver Landwirtschaft getrennt wurde, etwa von Landschaftsstruktur, Düngung oder Klima.
Je mehr Pestizide, desto höher der Vogelrückgang
Langzeitdaten zeigten bereits seit Jahren einen deutlichen Rückgang häufiger Vogelarten in Frankreich. Eine 2021 veröffentlichte Auswertung, die auf demselben Vogelmonitoring-System wie die aktuelle Studie basiert, dokumentierte einen Bestandsverlust von rund 29 % innerhalb von drei Jahrzehnten (1989–2019). Besonders stark betroffen waren Agrarlandschaften und urbane Räume, während die Verluste in Waldlebensräumen deutlich geringer ausfielen oder die Bestände dort weitgehend stabil blieben.
Die neue Pestizid-Studie liefert nun einen Erklärungsansatz für diese langfristigen Trends. Ihr zentrales Ergebnis lautet: Mit steigendem Pestizideinsatz nimmt die Häufigkeit der meisten Vogelarten ab. Dieses Muster zeigt sich bei 84,4 % der untersuchten Arten, bei 25 davon statistisch eindeutig. Die Ergebnisse deuten damit auf einen weit verbreiteten negativen Einfluss von Pestiziden auf Vogelpopulationen in Agrarlandschaften hin.
Betroffen sind nicht nur typische Feldvögel
Die Forschenden zeigen auch, dass der Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz und Vogelhäufigkeit weit über wenige empfindliche Spezialisten hinausgeht. In Regionen mit hohem Pestizideinsatz kommen nicht nur klassische Feldvögel seltener vor, sondern auch zahlreiche weit verbreitete Arten, die Agrarflächen regelmäßig zur Nahrungssuche nutzen. Pestizide betreffen damit das gesamte Artenspektrum der Agrarlandschaften.
Die Studie nennt keine konkreten Rückgangszahlen für einzelne Arten. Stattdessen analysiert sie, wie sich die Häufigkeit der Vogelarten räumlich mit dem regionalen Pestizideinsatz verändert. Für viele typische Agrararten ergibt sich dabei ein klar negativer Zusammenhang – ebenso für mehrere eigentlich als anpassungsfähig geltende Arten.
Klassische Agrararten
Zu den erwartbar betroffenen Arten zählen Vögel der offenen Agrarlandschaft, deren Lebensweise eng an Felder, Äcker und Wiesen gebunden ist.

(© Kostikidis Georgios, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
- Feldlerche (Alauda arvensis)
Die Feldlerche kommt in Regionen mit hohem Pestizideinsatz deutlich seltener vor. Ein zentraler Grund dürfte der Rückgang von Insekten sein, die für die Aufzucht der Jungvögel unverzichtbar sind. Unabhängig von dieser Studie gilt die Feldlerche europaweit seit Jahren als Sorgenart, mit dokumentierten starken Langzeitrückgängen (siehe u. a. im Faktencheck Artenvielfalt von 2024). - Grauammer (Emberiza calandra)
Auch die Grauammer reagiert deutlich negativ auf hohen Pestizideinsatz. Sie ist auf strukturreiche Agrarlandschaften mit Brachen, Feldrändern und vielfältigem Nahrungsangebot angewiesen – Strukturen, die in intensiv bewirtschafteten Regionen zunehmend fehlen. Entsprechend zählt sie schon lange zu den Verlierern der modernen Landwirtschaft. - Rebhuhn (Perdix perdix)
Das Rebhuhn ist besonders sensibel gegenüber Insektenverlusten. Die Küken ernähren sich in den ersten Lebenswochen fast ausschließlich von Insekten. Werden diese durch Pestizide dezimiert, sinken Überlebens- und Reproduktionsraten deutlich. Das Rebhuhn gilt daher als klassisches Beispiel für indirekte Pestizideffekte, bei denen nicht die Vögel selbst vergiftet werden, sondern ihre Nahrungsgrundlage verschwindet.
Neben Feldlerche, Grauammer oder Rebhuhn umfasst die Studie zahlreiche weitere häufige Vogelarten der Agrarlandschaft. Dazu zählen unter anderem Goldammer, Kiebitz, Star, Buchfink, Kohl- und Blaumeise sowie verschiedene Grasmücken- und Stelzenarten. Auch bei diesen Arten zeigt sich überwiegend ein negativer Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz und Häufigkeit.
Auch weit verbreitete Arten betroffen
Die französische Studie zeigt außerdem, dass auch vermeintlich robuste „Allerweltsarten“ in pestizidreichen Regionen seltener vorkommen, darunter:

(© Francesco Veronesi from Italy, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)
- Nachtigall (Luscinia megarhynchos)
Obwohl sie kein typischer Agrarvogel ist, zeigt die Nachtigall einen negativen Zusammenhang mit Pestizideinsatz. Sie sucht ihre Insektennahrung häufig in angrenzenden Agrarflächen – sinkt dort das Angebot, wirkt sich dies direkt auf den Bruterfolg aus. - Zilpzalp (Phylloscopus collybita)
Der Zilpzalp, eigentlich an Wälder und Gehölze gebunden, nutzt Agrarflächen regelmäßig zur Insektenjagd. Auch er kommt in Regionen mit hohem Pestizideinsatz seltener vor, was die Reichweite indirekter Effekte unterstreicht. - Amsel (Turdus merula)
Die Amsel gilt als anpassungsfähiger Generalist. Umso bemerkenswerter ist, dass sie in intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften mit hohem Pestizideinsatz seltener vorkommt. Dies deutet darauf hin, dass selbst robuste Arten ökologische Belastungsgrenzen erreichen. - Haussperling (Passer domesticus)
Auch der Haussperling ist in pestizidreichen Regionen weniger häufig. Während erwachsene Tiere teilweise Samen fressen, sind Jungvögel auf proteinreiche Insekten angewiesen. Der Rückgang dieser Nahrungsquelle wirkt sich direkt auf den Bruterfolg aus – ein weiteres Beispiel für indirekte Pestizideffekte.
Dass sowohl spezialisierte Feldvögel als auch weit verbreitete Arten negativ reagieren, macht deutlich: Pestizide schwächen nicht nur einzelne Arten, sondern die ökologische Basis ganzer Agrarlandschaften. Wenn selbst anpassungsfähige Arten seltener werden, ist dies ein starkes Warnsignal für den Zustand landwirtschaftlich geprägter Ökosysteme.
Pestizide als eigenständiger Treiber des Vogelrückgangs

(© Monnet et al. (2026), Proceedings of the Royal Society B, modifiziert, CC BY 4.0)
Ein Ergebnis der Studie ist, dass der negative Einfluss von Pestiziden nicht allein durch andere Merkmale intensiver Landwirtschaft erklärbar ist. Selbst wenn Faktoren wie große Feldstrukturen, ein geringer Anteil an Hecken und Brachen, hohe Mineraldüngung oder intensive Bodenbearbeitung statistisch berücksichtigt werden, bleibt der Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz und sinkender Vogelhäufigkeit bestehen. Pestizide sind also nicht nur ein Begleitphänomen intensiver Landwirtschaft, sondern ein eigenständiger Treiber des Vogelrückgangs.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil in der öffentlichen Debatte häufig argumentiert wird, der Verlust an Biodiversität sei vor allem auf Landschaftsvereinheitlichung oder Überdüngung zurückzuführen. Die aktuelle Studie aus Frankreich legt nahe, dass in vergleichbaren Landschaften Unterschiede im Pestizideinsatz messbare Auswirkungen auf Vogelbestände haben. Pestizide wirken dabei vor allem indirekt – etwa über den Rückgang von Insekten als Nahrungsgrundlage oder über Veränderungen der Pflanzenvielfalt, die für Nahrungssuche und Brut relevant sind.
Menge oder Giftigkeit – was ist entscheidend?
Die Forschenden wollten nicht nur wissen, ob Pestizide Vogelbestände beeinflussen, sondern auch wodurch genau. Dafür verglichen sie zwei Ansätze: Einerseits die Gesamtmenge der eingesetzten Pestizide, andererseits einen Gefährdungsindex, der zusätzlich die Giftigkeit (LD50), die Umweltpersistenz sowie toxische Abbauprodukte berücksichtigt – also wie giftig und langlebig die einzelnen Wirkstoffe sind.
Das Ergebnis war eindeutig: Schon die Gesamtmenge der eingesetzten Pestizide erklärt gut, wo Vogelarten seltener vorkommen. Der aufwendigere Gefährdungsindex lieferte darüber hinaus kaum zusätzliche Erkenntnisse. Entscheidend war also nicht, welches einzelne Mittel eingesetzt wurde, sondern wie viel insgesamt gespritzt wurde.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Giftigkeit einzelner Wirkstoffe keine Rolle spielt. Anne-Christine Monnet und ihr Team erklären den Befund so: In Regionen mit hohem Pestizideinsatz werden meist viele verschiedene Mittel gleichzeitig eingesetzt – darunter auch sehr problematische Substanzen. Die Gesamtmenge spiegelt diese kombinierte Belastung daher bereits gut wider.
Kurz gesagt: Wo viel Pestizid ausgebracht wird, ist die ökologische Belastung insgesamt hoch.
Konsequenzen für den Artenschutz
Für den praktischen Artenschutz heißt das: Es reicht nicht aus, einzelne Wirkstoffe auszutauschen oder geringfügig anzupassen. Entscheidend ist eine grundsätzliche Verringerung des Pestizideinsatzes in Agrarlandschaften.
Die Studie zeigt zudem, dass Pestizide einen eigenständigen Beitrag zum Rückgang der Vogelbestände leisten – unabhängig von Landschaftsstruktur, Düngung oder Klima. Betroffen sind nicht nur seltene oder stark spezialisierte Arten, sondern ein großer Teil häufiger Vogelarten.
Damit wird deutlich: Der Rückgang der Vogelvielfalt ist kein Randproblem einzelner Arten, sondern ein strukturelles Ergebnis intensiver Landwirtschaft. Eine spürbare Reduktion des Pestizideinsatzes ist daher eine zentrale Voraussetzung, um die Biodiversität in Agrarlandschaften langfristig zu erhalten.
Quellen
- Muséum national d’Histoire naturelle (MNHN), Office français de la biodiversité (OFB), & Ligue pour la Protection des Oiseaux (LPO). (2021). Suivi temporel des oiseaux communs : bilan 1989–2019. Paris.
- Monnet, A.-C., Cairo, M., Deguines, N., et al. (2026). Common birds have higher abundances in croplands with lower pesticide purchases. Proceedings of the Royal Society B, 293, 20252370. https://doi.org/10.1098/rspb.2025.2370
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