Parasiten genießen meist keinen guten Ruf. Sie gelten als lästig oder gar gefährlich und viele ekeln sich vor ihnen. Doch sie kommen bei den meisten Tierarten vor – und ihr Aussterben geht oft Hand in Hand mit dem Rückgang ihrer Wirte. Ökologisch betrachtet erfüllen viele Parasiten wichtige Funktionen: Sie können Nahrungsnetze verknüpfen, Immunsysteme „trainieren“ und invasive Arten bremsen.
Eine neue Studie im Fachjournal Current Biology zeigt dies am Beispiel des neuseeländischen Kākāpō (Strigops habroptilus), dem schwersten Papagei der Welt. Während die Art durch aufwendige Schutzprogramme vor dem Aussterben bewahrt wird, sind die meisten ihrer ursprünglichen Parasiten bereits verschwunden – mit möglichen Folgen für Biodiversität, Krankheitsdynamiken und künftige Schutzstrategien.
Ko-Extinktion: Wenn der Parasit mit dem Wirt verschwindet
Unter Ko-Extinktion versteht man das Mit-Aussterben von Arten, die eng an einen Wirt gebunden sind – etwa bestimmte Läuse, Milben oder Pilze. Besonders gefährdet sind hoch spezialisierte Parasiten mit nur einer Wirtsart. Da Parasiten auf ausreichend Übertragungsmöglichkeiten zwischen Wirtsindividuen angewiesen sind, verschwinden sie oft schon, bevor die Wirtsart endgültig ausstirbt.
Nachweise sind selten: Ko-Extinktionen treten oft zeitversetzt auf, Parasiten lassen sich schwer konservieren und werden häufig gar nicht dokumentiert. Viele Ko-Extinktion fallen oft erst im Nachhinein auf, etwa wenn Parasiten an Museumsexemplaren ausgestorbener Wirte identifiziert werden.
Eine Analyse von Koh et al. (2004) schätzte, dass bereits mindestens 200 Arten historisch gemeinsam mit ihren Wirten verschwunden; künftig könnten es tausende weitere werden. Die Folge: Die tatsächliche globale Aussterberate wird deutlich unterschätzt, wenn Ko-Extinktionen nicht berücksichtigt werden. Der Paläoökologe und Hauptautor der aktuellen Studie Alexander P. Boast und sein Team gehen davon aus, dass Parasitenverluste ein unterschätzter Teil der Biodiversitätskrise sind.
Der Kākāpō – ein Sonderfall mit einzigartigen Daten
Der Kākāpō ist ein vom Aussterben bedrohter (IUCN) flugunfähiger, nachtaktiver Papagei. Er ist der einzige Vertreter seiner Gattung und gehört zur Familie der Eulenpapageien. Früher waren Kākāpōs in ganz Neuseeland weit verbreitet, doch mit der polynesischen Besiedlung ab dem 13. und der europäischen Kolonisation ab dem 18. Jahrhundert gingen die Bestände zurück. Bejagung, Lebensraumverlust und eingeschleppte Raubtiere brachten die Art an den Rand des Aussterbens.
Mitte des 20. Jahrhunderts gab es nur noch zwei Reliktpopulationen. In den 1990er-Jahren lebten noch 51 Individuen. Umsiedlungen auf raubtierfreie Inseln und intensives Management ließen den Bestand auf 244 Individuen (2024) anwachsen.
Kākāpō-Studie: Was der Verlust seiner Parasiten verrät

(© Doreen Fräßdorf, fotografiert im Heineanum Halberstadt)
Frühes Interesse am Erhalt des Kākāpō führte dazu, dass heute ein ungewöhnlich umfassendes Archiv aus tiefgefrorenen Kotproben, die Naturschutzteams seit den 1960er-Jahren bis heute gesammelt haben, und fossilen Koprolithen aus vor-menschlicher Zeit existiert. Die Proben stammen aus zwei Phasen – einerseits von wildlebenden Vögeln (1960er- bis 1980er-Jahre), andererseits von den seit den 1990er-Jahren intensiv gemanagten Populationen. Das Material reicht bis zu 1.500 Jahre zurück und deckt damit den rund 800 Jahre andauernden Rückgang und die anschließende Erholung der Art ab.
Dieses Archiv bot Alexander P. Boast und seinen Kollegen eine einmalige Gelegenheit, den langfristigen Verlust von Parasiten im Zuge des Bestandsrückgangs zu rekonstruieren. Parasiten dienen hier nicht nur als Mitbewohner des Wirts, sondern auch als biologische Marker: Sie geben Hinweise auf den Zustand von Lebensräumen, die Dichte ihrer Wirte und deren Wanderbewegungen.
Neben mikroskopischen Untersuchungen setzten die Forschenden auch Methoden zur aDNA-Analyse ein, um Wirt und Parasiten über lange Zeiträume hinweg gleichzeitig nachweisen sowie frühere Nahrungsketten und Artenkontakte nachzuvollziehen zu können.
Verluste in der Parasitenfauna
Die Analyse von mehr als 200 modernen Kotproben und historischen Koprolithen von 14 verschiedenen Fundorten zeigt: Von 16 historisch nachgewiesenen Parasitenarten fehlen heute 13 – ein Verlust von 81,3 %. Neun dieser Verluste ereigneten sich bereits vor den 1990er-Jahren, also vor Beginn des modernen Bestandsmanagements, vier weitere danach – trotz intensiver Schutzmaßnahmen. Unter den sieben Parasitenarten, die vor 1990 regelmäßig und vermutlich ausschließlich im Kākāpō vorkamen, konnten vier (57 %) in aktuellen Proben nicht mehr nachgewiesen werden; sie sind möglicherweise ausgestorben.
Die Daten belegen, dass ein Rückgang der Wirtsbestände zu dauerhaften Verlusten von Parasiten führen kann und dass ein erholter Wirt nicht automatisch die Rückkehr seiner Parasitenfauna bedeutet. Möglicherweise sterben beim Kākāpō alle Parasiten aus, lange bevor die Art selbst verschwindet. Vermutlich spielen dabei mehrere Faktoren zusammen:
- Aussterbeschuld (zeitverzögertes Aussterben)
- die Umsiedlung der Vögel in sichere, aber parasitenarme Gebiete
- gezielte Behandlungen (etwa Entlausung oder Fumigation) gegen Parasiten im Rahmen des Schutzprogramms
Boast und sein Team gehen davon aus, dass solche Verluste bei schrumpfenden Wirbeltierpopulationen weit häufiger auftreten, als bisher dokumentiert. Welche ökologischen Folgen das hat, ist bislang kaum erforscht, aber eines ist klar: Der Artenverlust beginnt bereits, bevor der Wirt endgültig ausgestorben ist.
Warum Parasitenverlust zählt
Parasiten sind nicht automatisch „schlecht“. Viele leben seit Jahrtausenden mit ihrem Wirt, ohne Schaden anzurichten, und sind an dieses Gleichgewicht angepasst.
Diese ökologische Funktionen können sie erfüllen:
- die Vielfalt der Immungene fördern und so das Immunsystem des Wirts stärken sowie Anpassung und Artbildung unterstützen
- als Schutzschild gegen neue, potenziell gefährlichere Parasiten wirken
- invasive Arten bremsen
- Populationsbooms dominanter Arten regulieren
- selbst als Beute für andere Organismen Teil der Nahrungskette sein
Für den Kākāpō könnte der Verlust seiner Parasiten bedeuten: ein weniger trainiertes Immunsystem, höhere Anfälligkeit für Krankheiten und das Risiko, dass frei gewordene ökologische Nischen von aggressiveren Parasiten besetzt werden.
Historische Beispiele: Vom Huia bis zur Karibischen Mönchsrobbe

(© Ricardo Palma, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)
- Huia & Rallicola extinctus
Der in Neuseeland endemische Huia starb um 1907 aus – und mit ihm die ausschließlich in seinem Gefieder lebende Federlaus Rallicola extinctus. - Kuba-Ara & Psittacobrosus bechsteini
Erst 2005 entdeckte man auf einem Museumsbalg des Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorbenen Kuba-Aras eine bislang unbekannte Kieferlaus, Psittacobrosus bechsteini. Außerdem fanden Forschende auf alten Bälgen zwei weitere, wirtsspezifische Federmilbenarten. - Wandertaube & Diplaegidia gladiator
Mit der Wandertaube verschwand 1914 auch die wirtsspezifische Wandertaubenmilbe Diplaegidia gladiator. Die ebenfalls auf der Wandertaube lebende Federlaus Columbicola extinctus hielt man lange für ausgestorben, bis sich herausstellte, dass sie auf mindestens eine andere Taubenart übergegangen ist. - Maclear-Ratte & ihre Parasiten
Mit der auf der Weihnachtsinsel endemischen Maclear-Ratte verschwanden 1904 gleich zwei Ektoparasiten: der Floh Xenopsylla nesiotes und die Schildzecke Ixodes nitens. - Karibische Mönchsrobbe & Halarachne americana
Die Nasenmilbe Halarachne americana lebte ausschließlich in den Nasengängen der Karibischen Mönchsrobbe. Als die Robbenart Mitte des 20. Jahrhunderts ausstarb, verschwand auch die Milbe. Dass Nasenmilben stark spezialisiert sind, zeigen auch andere Beispiele: So befällt Halarachne laysanae ausschließlich die Hawaii-Mönchsrobbe (Neomonachus schauinslandi).
Conservation-induced Extinction: Wenn Artenschutz Parasiten ausrottet

(© Bob Wick/BLM, Public domain, via Wikimedia Commons)
Manche Parasiten sterben nicht wegen sinkender Wirtszahlen, sondern durch Schutzmaßnahmen. Ein bekanntes Beispiel ist die Laus Colpocephalum californici, die 1963 erstmals auf dem Kalifornischen Kondor (Gymnogyps californianus) beschrieben wurde.
In den 1980er-Jahren fing man alle verbliebenen Kondore ein, um sie in Zoos vor dem Aussterben zu bewahren – inklusive einer gründlichen Behandlung gegen Ektoparasiten. Die Maßnahme rettete den Wirt, doch die wirtsspezifische Federlaus gilt seither als ausgerottet. Hinweise auf gesundheitliche Schäden durch die Laus gab es nicht.
Der Fall zeigt den Zielkonflikt im Artenschutz: Einerseits gilt es, den Wirt vor akuten Gefahren zu schützen; andererseits können so harmlose Symbionten verloren gehen, die Teil des natürlichen Ökosystems sind. Mit dem Verschwinden der Kondor-Laus ging zudem eine potenzielle genetische und biogeografische Informationsquelle über die Evolutionsgeschichte des Kondors verloren – ein Wissen, das sich gerade durch die genetische Analyse von Parasiten oft detailliert über die Herkunft, Wanderungen und Evolutionsgeschichte ihres Wirts erschließen lässt.
Konsequenzen für den Artenschutz: Parasiten mitdenken
Verschwinden Parasiten, gerät das ökologische Gleichgewicht ihres Wirts ins Wanken. Studien zeigen: Parasiten müssen nicht immer gefährlich sein, vor allem wirtsspezifische Arten sind meist harmlos und oft über sehr lange Zeit an ihren Wirt angepasst.
Da Parasiten im Artenschutz bislang kaum Beachtung finden, empfehlen Fachleute einige zentrale Grundsätze:
- Von Anfang an miterfassen
Bei Wiederansiedlungen, Umsiedlungen und Zuchtprogrammen sollten Wirt–Parasit-Beziehungen systematisch dokumentiert werden – etwa durch Mikroskopie oder DNA-Analysen aus Kot. So werden „unsichtbare“ Verluste sichtbar, und Trends harmloser Wirtsspezialisten lassen sich erkennen. Sinkt die Parasitenvielfalt, kann das sogar ein Frühwarnsignal für den Rückgang der Wirtsart sein. - Abwägen statt pauschal ausrotten
Entlausung oder Fumigation können den Wirt schützen, gleichzeitig aber harmlose Mitbewohner auslöschen – wie im Fall der Laus beim Kalifornischen Kondor. Behandeln sollte man, wenn Parasiten den Wirt akut gefährden, besonders bei winzigen Restbeständen. Tolerieren kann man hingegen Arten, die ökologisch unbedenklich oder sogar nützlich sind. - Wissen sichern
Viele wirtsspezifische Parasiten sind schlecht erforscht. Deshalb braucht es Daten- und Probenbanken, um Abhängigkeiten zu erfassen und Risiken abzuwägen. Auch Museumssammlungen und Archive sollten gezielt nach „mit-ausgestorbenen“ Arten durchsucht werden. So entsteht die Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen. - Zielkonflikte offenlegen
Transparenz hilft, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen: Warum werden Parasiten in manchen Fällen geschont, in anderen bekämpft? So bleibt der Schutz des Wirts vorrangig, ohne die abhängige Biodiversität unnötig zu verlieren.
Parasiten sind Teil der Artenvielfalt. Ihr Verschwinden kann Ökosysteme verändern und Wirte anfälliger machen. Artenschutz, der sie ignoriert, riskiert Nebenwirkungen. Ein differenziertes Parasiten-Management schützt Wirt und Mitbewohner – und stärkt das ganze Ökosystem.
Quellen
- Boast, A. P., Wood, J. R., Bolstridge, N., et al. (2025). Long-term parasite decline associated with near extinction and conservation of the critically endangered kākāpō parrot. Current Biology. Advance online publication. https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.07.009
- Koh, L. P., Dunn, R. R., Sodhi, N. S., et al. (2004). Species coextinctions and the biodiversity crisis. Science, 305(5690), 1632–1634. https://doi.org/10.1126/science.1101101
- Muller, K. (2025, 12. August). The coco, the heaviest parrot in the world, is extinguishing together with its parasites. Evidence Network. https://evidencenetwork.ca/the-coco-the-heaviest-parrot-in-the-world-is-extinguishing-together-with-its-parasites/
Unterstützen Sie diesen Blog
Wenn Ihnen dieser Beitrag geholfen hat, freuen ich mich über eine kleine Spende. Damit bleibt artensterben.de werbefrei und ohne Bezahlschranken – und alle Leser behalten freien Zugang zu den Inhalten.
Alternativ können Sie auch ein Buch von meiner Amazon-Wunschliste schenken.
Vielen Dank!
