Orangebauch-Raupenfänger wiederentdeckt
Weiblicher (links) und männlicher Orangebauch-Raupenfänger (Lobotos lobatus) in einer historischen Illustration. Die seltene Art wurde 2026 erstmals seit 13 Jahren wieder eindeutig nachgewiesen. Bilder: Nicolas Huet, Public domain, via Wikimedia Commons

Zwei „Lost Birds“ wiedergefunden – im Regenwald und im Fotoarchiv

Inhaltsverzeichnis

Der Orangebauch-Raupenfänger wurde nach 13 Jahren erstmals wieder fotografiert und sogar gefilmt. Bei der Großen Mindoro-Fruchttaube genügte dagegen ein bislang unveröffentlichtes Foto, damit sie nicht länger als „verschollen“ gilt. Beide Fälle zeigen, wie wichtig eine zugängliche Dokumentation seltener Arten ist.

Innerhalb weniger Tage meldete das Projekt Search for Lost Birds im Juli 2026 zwei Erfolge. In beiden Fällen verschwand eine Vogelart von der Liste der Lost Birds. Doch während eine Art tatsächlich im Regenwald wiederentdeckt wurde, kam der entscheidende Nachweis der anderen aus einem privaten Fotoarchiv.

Was bedeutet „verschollen“?

Als „Lost Bird“ gilt bei dem internationalen Projekt eine Vogelart, von der seit mindestens zehn Jahren kein überprüfbarer Nachweis mehr vorliegt. Anerkannt werden beispielsweise Fotos, Tonaufnahmen, Videos oder genetisches Material. Eine unbestätigte Beobachtung allein reicht nicht aus.

„Verschollen“ bedeutet keineswegs, dass eine Art vermutlich ausgestorben ist. Der Begriff beschreibt zunächst lediglich eine Lücke in der wissenschaftlichen Dokumentation. Die beiden aktuellen Fälle verdeutlichen genau das.

Orangebauch-Raupenfänger nach 13 Jahren dokumentiert

Der Orangebauch-Raupenfänger (Lobotos lobatus) gehört zu den seltensten Vögeln Westafrikas. Seine letzten dokumentierten Aufnahmen stammten aus dem Jahr 2013 aus dem Atewa-Wald in Ghana. Danach gab es zwar weitere Sichtungsmeldungen, auch aus dem Taï-Nationalpark, doch fehlten Fotos oder andere überprüfbare Nachweise.

2026 waren die Forschenden Stephanie Bartlett und Paulo Ditzel für ein sechsmonatiges Projekt in Westafrika unterwegs. Im Taï-Nationalpark im Südwesten der Elfenbeinküste erkundeten sie mögliche Standorte für künftige Forschungsarbeiten.

Kurz nach ihrer Ankunft an einer Forschungsstation machten sich beide auf den Weg in den Wald. Auf einer kleinen Holzbrücke bemerkte Ditzel einen Vogel im Kronendach. Die Kombination aus dunklem Kopf, orangefarbener Unterseite und gelblich-grünem Gefieder ließ kaum Zweifel, dass über ihnen ein Orangebauch-Raupenfänger saß.

Bevor der Vogel wieder im dichten Blätterdach verschwand, gelangen Bartlett mehrere Aufnahmen und ein kurzes Video. Es handelt sich wahrscheinlich um die bislang besten Fotos und um die erste bekannte Filmaufnahme der Art.

Die Beobachtung erfolgte nur etwa zehn Gehminuten von der Forschungsstation entfernt. Dennoch ist die Art leicht zu übersehen: Orangebauch-Raupenfänger halten sich meist in 20 bis 50 Metern Höhe auf und ziehen nahezu lautlos mit gemischten Vogelschwärmen durch die Baumkronen. Bislang ist keine Tonaufnahme der Art bekannt.

Orangebauch-Raupenfänger im Naturalis, Leiden
Ein männlicher Orangebauch-Raupenfänger im Naturalis Biodiversity Center in Leiden, Niederlande – kennzeichnend sind der schwarze Kopf, die orangefarbene Brust und Bauch sowie die gelben unteren Federn am Schwanz.
Bild: Campephaga lobata (Temminck, 1824) collected in Ghana by Naturalis Biodiversity Center, CC0 1.0, via GBIF

Ein wichtiger Nachweis – aber keine Entwarnung

Die Art bewohnt die verbliebenen Tieflandregenwälder der westafrikanischen Oberguinea-Region und wird von der IUCN als gefährdet (VU) eingestuft. Große Teile dieser Wälder sind bereits verschwunden oder nur noch als voneinander isolierte Fragmente erhalten. Besonders in Liberia stehen selbst größere zusammenhängende Waldgebiete durch kommerziellen Holzeinschlag unter zunehmendem Druck. Die dadurch erleichterte Erschließung fördert weitere Besiedlung und kleinbäuerliche Landwirtschaft.

Auch in anderen Teilen der Oberguinea-Region werden die verbliebenen Waldflächen intensiv forstwirtschaftlich und landwirtschaftlich genutzt. Im Gola-Wald sind selbst Gebiete beeinträchtigt, die früher als unberührter Primärwald galten. Hinzu kommen regional Wilderei und illegaler Bergbau.

Die Wiederentdeckung zeigt, dass der Orangebauch-Raupenfänger noch existiert und dass der Taï-Nationalpark zu seinen wichtigsten Rückzugsräumen gehören könnte. Über die Größe und Verbreitung seiner Population sagt die einzelne Beobachtung jedoch kaum etwas aus, weshalb weitere Untersuchungen notwendig sind, um gezielte Schutzmaßnahmen entwickeln zu können.

Mit dem neuen Nachweis gelten nach Angaben von Search for Lost Birds erstmals alle zuvor als verschollen eingestuften Vogelarten Westafrikas als wiedergefunden. Zuvor waren bereits die Rostlerche im Tschad und der Togo-Gelbschnabel-Bartvogel (Trachylaemus togoensis) erneut dokumentiert worden.

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Die Große Mindoro-Fruchttaube war nie wirklich verschwunden

Große Mindoro-Fruchttaube
Eine historische Illustration der Großen Mindoro-Fruchttaube. Ein bislang unveröffentlichtes Foto aus dem Jahr 2019 zeigte, dass die seltene Art nicht so lange verschollen war wie zunächst angenommen.
Bild: John Gerrard Keulemans, Public domain, via Wikimedia Commons

Nur vier Tage vor der Nachricht aus Westafrika berichtete Search for Lost Birds über einen ganz anderen Fall. Die Große Mindoro-Fruchttaube (Ducula mindorensis) war Anfang 2026 in die Liste der verschollenen Vögel aufgenommen worden, weil seit mehr als zehn Jahren kein überprüfbarer Nachweis der Art bekannt zu sein schien.

Daraufhin sichteten die Vogelkundler Kenneth Manuel, Dariel Naguit und Erwin Torio ihre persönlichen Unterlagen. Dabei stießen sie auf ein bislang unveröffentlichtes Foto, das Torio im Dezember 2019 in den Bergen Mindoros aufgenommen hatte.

Damit war klar, dass die Art zumindest 2019 noch nachgewiesen worden war. Da dieser Beleg weniger als zehn Jahre zurückliegt, erfüllt die Große Mindoro-Fruchttaube nicht die formale Definition eines „Lost Bird“ und wurde wieder von der Liste gestrichen.

Um eine aktuelle Wiederentdeckung handelt es sich allerdings nicht. Das Foto ist inzwischen rund sieben Jahre alt, und die Fruchttaube wird weiterhin nur selten dokumentiert. Neue Beobachtungen, Fotos und Tonaufnahmen bleiben daher wichtig.

Kleiner Bestand, unklare Entwicklung

Die Große Mindoro-Fruchttaube kommt ausschließlich auf der philippinischen Insel Mindoro vor und wird von der IUCN als potenziell gefährdet (NT) eingestuft. Ihr Verbreitungsgebiet ist klein, der Bestand wird vorsichtig auf etwa 800 bis 3.000 erwachsene Tiere geschätzt. In ihrem Höhenbereich zwischen 700 und 2.000 Metern sind noch rund 650 Quadratkilometer Wald erhalten. Nur etwa 270 Quadratkilometer davon liegen jedoch unterhalb von 1.000 Metern, wo die Art bevorzugt vorkommt.

Am Mount Halcon scheint sie örtlich noch vergleichsweise häufig zu sein. In anderen geeigneten Waldgebieten wird sie dagegen nur selten nachgewiesen. Wie sich der Gesamtbestand entwickelt, ist nicht bekannt.

Als mögliche Bedrohungen gelten die Beeinträchtigung der Wälder und die Jagd zur Nahrungsgewinnung. Fruchttauben der Gattung Ducula werden auf den Philippinen häufig bejagt, doch wie stark die Große Mindoro-Fruchttaube davon betroffen ist, lässt sich bislang nicht abschätzen. Für einen aktuellen Rückgang durch Entwaldung gibt es ebenfalls kaum Hinweise: Satellitendaten zeigen seit 2000 innerhalb ihres Verbreitungsgebiets nahezu keinen Verlust geschlossener Waldflächen. Langfristig könnte die vor allem in Bergwäldern lebende Art jedoch zusätzlich durch den Klimawandel unter Druck geraten.

Zwei Wege zurück von der Liste

Die beiden Meldungen führen zum gleichen Ergebnis, beruhen aber auf völlig unterschiedlichen Ereignissen: Der Orangebauch-Raupenfänger wurde 2026 lebend beobachtet und erstmals seit 13 Jahren wieder zweifelsfrei dokumentiert. Bei der Großen Mindoro-Fruchttaube änderte sich dagegen nicht das Wissen darüber, wo sie heute lebt. Stattdessen tauchte ein älterer Nachweis auf, der zuvor nicht öffentlich zugänglich gewesen war.

Die beiden Fälle zeigen, dass die Liste verschollener Arten immer auch vom verfügbaren Wissen abhängt. Seltene Vögel können in schwer zugänglichen Wäldern überleben, ohne fotografiert oder gefilmt zu werden. Genauso gut können wichtige Belege jahrelang auf Kameras, Festplatten oder in privaten Sammlungen liegen.

Plattformen wie eBird, iNaturalist, Xeno-canto und wissenschaftliche Sammlungsdatenbanken spielen deshalb eine wichtige Rolle. Öffentlich bereitgestellte Fotos, Tonaufnahmen und Funddaten helfen nicht nur bei der Suche nach verschollenen Arten, sondern auch bei der Erforschung ihrer Verbreitung und beim Schutz ihrer Lebensräume.

Dass eine Art nicht länger als verschollen gilt, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sie sicher ist.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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