Auch heute werden noch neue Vogelarten entdeckt und beschrieben, obwohl Vögel zu den vergleichsweise gut erforschten Tiergruppen zählen. In vielen Fällen handelt es sich dabei jedoch nicht um völlig unbekannte Tiere, sondern um Arten, die lange Zeit übersehen oder falsch eingeordnet wurden. Erst moderne Methoden wie genetische Analysen und bioakustische Untersuchungen machen sichtbar, dass sich hinter vermeintlich weit verbreiteten Arten oft mehrere eigenständige Linien verbergen.
Die vier hier vorgestellten Beispiele neuentdeckter Vogelarten aus dem Jahr 2026 zeigen, wie unterschiedlich solche „Neuentdeckungen“ aussehen können: Der Tokara-Laubsänger, die Chiloe-Dampfschiffente und der Beni-Vireo gehören zu jenen Arten, die sich äußerlich kaum von ihren nächsten Verwandten unterscheiden und nur durch detaillierte Analysen als eigenständig erkannt wurden. Sie stehen stellvertretend für sogenannte Kryptospezies. Der Lavareiher hingegen ist alles andere als verborgen – er gehört zu den häufigsten Vögeln der Galapagosinseln und wurde dennoch über Jahrzehnte hinweg falsch eingeordnet.
Gemeinsam verdeutlichen diese Fälle ein zentrales Prinzip der Biodiversitätsforschung: Neue Arten entstehen nicht erst, wenn wir sie entdecken – sie waren schon lange da. Was sich verändert, ist unser Verständnis und damit auch unser Blick auf ihre tatsächliche Verbreitung.
Gerade das hat Konsequenzen für den Artenschutz: Wird eine Art als einheitlich betrachtet, obwohl sie mehrere eigenständige Linien umfasst, erscheint ihr Verbreitungsgebiet größer und stabiler, als es ist. Erst ihre taxonomische Auftrennung macht sichtbar, dass es sich oft um mehrere, lokal begrenzte und anfälligere Arten handelt.
Der Tokara-Laubsänger von Japans Tokara-Inseln
Der Tokara-Laubsänger (Phylloscopus tokaraensis, engl. Tokara Leaf Warbler) gehört zu jenen Arten, die lange Zeit übersehen wurden. Zwar ist seit den 1980er-Jahren bekannt, dass auf den zu Japan gehörenden Tokara-Inseln Laubsänger vorkommen, doch wurden diese zunächst dem auf den Izu-Inseln lebenden Ijima-Laubsänger (P. ijimae) zugeordnet. Eine Studie von Takema Saitoh und seinem Team zeigte nun, dass es sich bei den Vögeln des Tokara-Archipels um eine eigene Art handelt.
Damit ist der Tokara-Laubsänger eine der wenigen Vogelarten, die in Japan in jüngerer Zeit neu beschrieben wurden. Die zuvor letzte Vogelart war die 1981 wissenschaftlich beschriebene Okinawaralle (Gallirallus okinawae).
Der Tokara-Laubsänger ist ein klassisches Beispiel für eine Kryptospezies. Äußerlich unterscheidet er sich kaum vom Ijima-Laubsänger: Gefieder und Körperform zeigen nahezu keine auffälligen Unterschiede. Erst genomweite Analysen belegten eine deutliche genetische Isolation, und auch die mitochondriale DNA weist auf eine lange eigenständige Entwicklung hin. Hinzu kommen klare Unterschiede im Gesang – ein bei Laubsängern entscheidendes Merkmal zur Artabgrenzung.
Bemerkenswert ist, dass sich die Populationen auf den Tokara- und Izu-Inseln genetisch nicht vermischen, obwohl sich ihre Zugrouten potenziell überschneiden könnten. Dies deutet auf eine reproduktive Trennung hin, also darauf, dass kein genetischer Austausch durch Fortpflanzung stattfindet. Auch ökologisch kommen sich beide Arten nahe: Während der Sommermonate tritt der Ijima-Laubsänger ebenfalls auf einigen Tokara-Inseln auf. Trotz dieser räumlichen und zeitlichen Überschneidungen bleiben die beiden Arten klar getrennt.

Als kryptische Arten sind sie äußerlich kaum zu unterscheiden, zeigen jedoch klare Unterschiede im Gesang und in ihrer genetischen Divergenz.
Bilder: Per Alström, Uppsala University, CC BY, via EurekAlert! (links), 孫鋒 林 from Taipei, Taiwan, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons (rechts)
Die beiden Linien trennten sich vermutlich bereits vor rund 2,8 bis 3,2 Millionen Jahren voneinander.
Seitdem entwickelte sich die Tokara-Population – begünstigt durch die isolierte Lage der Inseln – unabhängig weiter. Solche Prozesse sind typisch für Inselökosysteme: Kleine, voneinander getrennte Populationen und begrenzter Genfluss fördern die Entstehung neuer Arten. Gleichzeitig machen genau diese Faktoren Inselarten besonders anfällig für das Aussterben.
Der Tokara-Laubsänger ist kein Bewohner des gesamten Archipels, der aus zwölf kleinen Inseln besteht. Zwar wurde er auf mehreren Inseln nachgewiesen, doch gesicherte Brutvorkommen sind bislang nur von Nakanoshima bekannt. Die Tokara-Inseln umfassen insgesamt nur etwas mehr als 100 Quadratkilometer Landfläche, wobei sich das tatsächliche Verbreitungsgebiet der Art auf etwa 89 Quadratkilometer beschränkt.
Innerhalb dieses kleinen Areals besiedelt der Tokara-Laubsänger vor allem subtropische Laubwälder mit dichtem Bambusunterwuchs. Häufig ist er auf den Inseln Nakanoshima, Kuchinoshima, Suwanosejima und Akusekijima anzutreffen. Während der Brutzeit gehört er auf Nakanoshima sogar zu den häufigsten Vogelarten.
Die Art brütet bevorzugt im Bambus und ist damit eng an strukturreiche Waldlebensräume gebunden. Wie andere Laubsänger ist auch der Tokara-Laubsänger ein kleiner Singvogel, der sich überwiegend von Insekten ernährt. Er sucht seine Nahrung vor allem im Blätterdach und fällt während der Brutzeit durch seinen Gesang besonders auf. Es handelt sich zudem um einen Zugvogel, über dessen Winterquartiere bislang nichts bekannt ist.
Obwohl der Tokara-Laubsänger erst kürzlich wissenschaftlich beschrieben wurde, gilt er bereits als gefährdet. Ausschlaggebend sind sein sehr kleines Verbreitungsgebiet, eine vermutlich geringe Populationsgröße sowie eine niedrige genetische Vielfalt. Hinzu kommen Bedrohungen durch eingeschleppte Raubtiere und Veränderungen des Lebensraums. Die Studie empfiehlt daher, Phylloscopus tokaraensis in die IUCN-Kategorie Gefährdet (VU) einzuordnen – ebenso wie den verwandten Ijima-Laubsänger. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass beide Arten weiterhin genau überwacht werden sollten, um zukünftige Veränderungen der Populationen frühzeitig erkennen zu können.
Der Beni-Vireo aus dem Amazonasgebiet
Auch der Beni-Vireo (Hylophilus moxensis, engl. Beni Greenlet) lieb lange Zeit unerkannt. Bereits seit den 1960er-Jahren waren Vireos aus dem bolivianischen Departamento Beni bekannt, doch ihre systematische Einordnung blieb unklar. Man betrachtete sie als isolierte Population innerhalb einer Artengruppe, zu der auch der Rostkappenvireo (H. poicilotis) und der Grauaugenvireo (H. amaurocephalus) zählen. Detaillierte Untersuchungen führten schließlich zu der Erkenntnis, dass es sich um eine eigenständige Art handelt.
Ausschlaggebend für die Neubeschreibung (2026) durch den niederländischen Ornithologen Paul van Els und seinem Team waren vor allem genetische Analysen. Dabei wurden sowohl mitochondriale als auch mehrere nukleare Gene untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Population aus Beni eine eigenständige evolutionäre Linie darstellt. Sie ist die Schwestergruppe zu H. poicilotis und H. amaurocephalus, hat sich jedoch bereits vor mehreren Millionen Jahren von diesen getrennt.

Bild: © 2026 van Els, Montenegro-Avila, Avalos, Wijpkema & Wijpkema, CC BY-NC-ND 4.0
Interessant ist die starke geografische Isolation: Die Vorkommen des Beni-Vireos liegen rund 2.000 Kilometer von den nächsten Populationen verwandter Arten entfernt. Ein solcher Abstand macht einen genetischen Austausch praktisch unmöglich.
Wie viele Arten der Gattung Hylophilus lässt sich auch der Beni-Vireo äußerlich nur schwer von verwandten Arten unterscheiden. Trotz seiner kontrastreichen Färbung fehlen ihm auffällige Merkmale, die eine eindeutige Bestimmung erleichtern würden. So ist die Gesichtspartie insgesamt relativ einheitlich gefärbt und weist weder deutliche schwarze Zeichnungen noch markante Flecken im Bereich der Ohrdecken auf.
Aber es gibt auch Unterschiede zu verwandten Arten: Vom Grauaugenvireo unterscheidet sich der Beni-Vireo durch das Fehlen schwarzer Strichelungen oder eines braunen Flecks im Bereich der Ohrdecken. Vom Rostkappenvireo lässt er sich durch das Fehlen eines größeren grauen Stirnflecks sowie eines ausgeprägten dunklen Ohrdeckenflecks abgrenzen. Des Weiteren zeigen sich im Gesang eindeutige Unterschiede. Während die Rufe denen der Weibchen des Grauaugenvireos ähneln können, ist der eigentliche Gesang deutlich anders aufgebaut.
Der Beni-Vireo bewohnt die saisonal überfluteten Savannenlandschaften des bolivianischen Tieflands, insbesondere der Moxos-Ebene (Llanos de Moxos). Dort lebt er bevorzugt in buschreichen Feuchtgebieten, niedrigen, oft dornigen Gehölzen sowie in Gewässernähe. Die Art scheint ganzjährig im Gebiet zu verbleiben und ist damit ein Standvogel. Wie andere Vireos ernährt sie sich vermutlich überwiegend von Insekten, die sie in der Vegetation sucht.
Der wissenschaftliche Name moxensis verweist auf die Region der Llanos de Moxos sowie auf die dort lebenden indigenen Bevölkerungsgruppen, die Moxeños. Die Landschaft selbst ist seit Jahrhunderten durch menschliche Nutzung geprägt, etwa durch künstlich angelegte Erdhügel, Kanäle und Waldinseln.
Die Gefährdungssituation des Beni-Vireos ist bislang nicht systematisch untersucht. Zwar scheint geeigneter Lebensraum noch vergleichsweise weit verbreitet zu sein, doch die geringe Zahl an Nachweisen sowie zunehmende Veränderungen der Savannenlandschaften – etwa durch Brände und Landwirtschaft – könnten langfristig Risiken darstellen.
Der Beni-Vireo zeigt exemplarisch, wie selbst in vergleichsweise gut untersuchten Vogelgruppen noch eigenständige Arten verborgen sein können. Anders als beim Tokara-Laubsänger handelt es sich hier jedoch nicht um eine isolierte Inselart, sondern um eine Population, die durch große geografische Distanzen und spezielle Lebensräume voneinander getrennt wurde.
Die Chiloe-Dampfschiffente aus Südchile
Auf den ersten Blick wirkt die Chiloe-Dampfschiffente (Tachyeres ketru, engl. Chiloe Steamerduck) wie eine gewöhnliche Vertreterin der bereits bekannten Dampfschiffenten, weshalb sie auch über Jahrzehnte hinweg der Magellan-Dampfschiffente (T. pteneres) zugerechnet wurde. Erst eine Studie von Bernabé López-Lanús und Mariano Costa aus dem Jahr 2026 zeigte, dass die Population im Norden des Verbreitungsgebiets eine eigenständige Art darstellt.
Der Grund für diese späte Neubewertung liegt vor allem in ihrer äußerlichen Ähnlichkeit zur Magellan-Dampfschiffente. Gefieder, Körpergröße und viele morphologische Merkmale sind nahezu identisch. Hinzu kommt, dass innerhalb einzelner Populationen sowohl flugfähige als auch flugunfähige Individuen auftreten können. Dadurch verlieren klassische Merkmale, die üblicherweise zur Abgrenzung von Arten herangezogen werden, an Aussagekraft.
Vor diesem Hintergrund erwiesen sich rein äußerliche Kriterien als unzureichend. Um die Arten dennoch voneinander unterscheiden zu können, griffen die Forschenden auf bioakustische Methoden zurück. Sie analysierten die Lautäußerungen aller bekannten Dampfschiffenten-Arten anhand von Feldaufnahmen, Archivmaterial und spektrographischen Auswertungen.

Der Artname ketru stammt aus der Sprache der indigenen Mapuche und bedeutet schlicht „Ente“. Damit greift die Benennung bewusst einen lokalen Begriff auf und verweist auf die lange Präsenz dieser Tiere in der Region.
Bild: Charles J. Sharp, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Dabei zeigte sich, dass einige Rufe – etwa schnelle, „tickende“ Laute im Kontext von Territorialverhalten – bei mehreren Arten ähnlich sind. Entscheidend war jedoch ein anderer Laut: ein charakteristischer, rau klingender Kontaktlaut („rasping grunt“), der bei jeder Art eine spezifische akustische Struktur aufweist. Diese Unterschiede sind stabil und unabhängig von Jahreszeit oder Mauser. Erst in Kombination mit solchen bioakustischen Merkmalen und subtilen morphologischen Unterschieden ließ sich die Chiloe-Dampfschiffente eindeutig als eigenständige Art abgrenzen. Der Fall zeigt, dass bioakustische Analysen ein zentrales Werkzeug sein können, um kryptische Arten zu erkennen.
Auch morphologisch unterscheidet sich die Chiloe-Dampfschiffente, wenn auch nur subtil. Adulte Tiere besitzen einen Fleck unterhalb der Nasenöffnung am Schnabel. Zudem besteht ein Geschlechtsdimorphismus in der Schnabelfärbung – ein Merkmal, das bei der Magellan-Dampfschiffente fehlt, deren Männchen und Weibchen gleich gefärbt sind.
Die Chiloe-Dampfschiffente ist ein flugunfähiger Meeresvogel, der entlang der Pazifikküste Südchiles vorkommt, von der Region Los Lagos bis nach Aysén. Trotz ihres Namens ist sie nicht auf das Chiloé-Archipel beschränkt, auch wenn dieses einen zentralen Teil ihres Verbreitungsgebiets ausmacht. Bevorzugt werden geschützte Buchten, Lagunen und küstennahe Kanäle mit dichten Beständen von Makroalgen. Damit unterscheidet sich ihr Lebensraum von dem der Magellan-Dampfschiffente, die eher offene, stärker wellenexponierte Küstenabschnitte nutzt. Wie andere Dampfschiffenten ernährt sich auch Tachyeres ketru überwiegend von wirbellosen Meerestieren und kleinen Fischen, die sie in flachen Küstengewässern aufnimmt.
Eine formale Bewertung nach den Kriterien der IUCN liegt bislang nicht vor. Die Art ist jedoch auf einen vergleichsweise kleinen Küstenabschnitt beschränkt und an spezifische Lebensräume gebunden. Potenzielle Risiken ergeben sich insbesondere aus Veränderungen der Küstenökosysteme, dem Rückgang von Makroalgenbeständen sowie lokalen Störungen durch menschliche Nutzung. Da die Art erst kürzlich als eigenständig erkannt wurde, besteht ein erhöhter Bedarf an weiteren Untersuchungen, um ihre tatsächliche Populationsgröße und Gefährdung genauer einschätzen zu können.
Die Gattung Tachyeres umfasst nur wenige Arten innerhalb der Entenvögel. Charakteristisch ist ihre ungewöhnliche Fortbewegung: Viele Dampfschiffenten sind flugunfähig und bewegen sich über das Wasser, indem sie ihre Flügel wie Paddel einsetzen – ein Verhalten, das ihnen ihren Namen eingebracht hat. Zudem gelten sie als ausgesprochen territorial und verteidigen ihr Revier teils aggressiv gegen Artgenossen und andere Vögel.
Der Lavareiher von den Galapagosinseln
Der Lavareiher (Butorides sundevalli, engl. Galápagos Lava Heron) gehört zu den seltenen Fällen, in denen eine „neue“ Art nicht in entlegenen Regionen entdeckt wird, sondern seit Jahrzehnten bekannt ist – nur falsch eingeordnet. Auf den Galapagosinseln ist der Vogel ein alltäglicher Anblick. Lange Zeit galt er jedoch lediglich als Unterart des auf dem südamerikanischen Festland verbreiteten Mangrovereihers (B. striata). Eine 2026 veröffentlichte Studie konnte nun klarstellen, dass es sich um eine eigenständige Art handelt.
Der Artname sundevalli geht auf den schwedischen Zoologen Carl Jakob Sundevall zurück, der den Vogel bereits 1871 erstmals beschrieb. Der ursprünglich vergebene Name (Ardea plumbea) wurde wenige Jahre später durch den deutschen Ornithologen Anton Reichenow ersetzt, da er bereits anderweitig vergeben war. Es handelt sich demnach nicht um eine neu benannte Art, sondern um die Wiederanerkennung einer bereits im 19. Jahrhundert beschriebenen Linie.

Bild: DickDaniels (http://theworldbirds.org/), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Nach seiner Erstbeschreibung im 19. Jahrhundert wurde der Lavareiher unterschiedlich eingeordnet und schließlich über lange Zeit weitgehend als Unterart des Mangrovereihers betrachtet. Erst genetische Untersuchungen führten zu seiner erneuten Abgrenzung. Streng genommen ist der Lavareiher daher kein klassischer Neufund, sondern ein Beispiel dafür, wie neue Methoden bestehende taxonomische Einordnungen korrigieren können.
Im Gegensatz zu vielen anderen neu beschriebenen Arten ist der Lavareiher kein seltener Vogel. Er gehört zu den häufigsten Reihern der Galapagosinseln und ist entlang von Küsten, Mangroven und Lagunen weit verbreitet. Gerade diese Allgegenwärtigkeit dürfte dazu beigetragen haben, dass seine Eigenständigkeit lange übersehen wurde. Ein weiterer Grund liegt in seiner großen Variabilität. Innerhalb der Populationen treten unterschiedliche Gefiederformen auf – von einheitlich dunkelgrauen Individuen bis hin zu Tieren, die dem Mangrovereiher tatsächlich stark ähneln. Diese Vielfalt erschwerte eine eindeutige Zuordnung auf Grundlage äußerer Merkmale.
Genetische Analysen brachten schließlich Klarheit. Die entscheidenden Untersuchungen wurden im Rahmen einer Masterarbeit von Ezra Mendales durchgeführt, der gemeinsam mit anderen Forschenden Proben aus verschiedenen Inselpopulationen sowie Museumsbestände analysierte. Mithilfe sogenannter ultrakonservierter DNA-Abschnitte (UCEs) konnten sie zeigen, dass alle Galápagos-Reiher eine eigene, monophyletische Linie bilden. Überraschend war, dass der Lavareiher genetisch sogar näher mit dem nordamerikanischen Grünreiher (B. virescens) verwandt ist als mit dem südamerikanischen Mangrovereiher. Diese Erkenntnis stellte die frühere, auf morphologischen Merkmalen basierende Annahme grundlegend infrage.
Auch äußerlich unterscheidet sich der Lavareiher von seinen Verwandten, wenn auch subtil. Auffällig ist der vergleichsweise kräftige Schnabel, der im Durchschnitt höher und breiter ist als bei anderen Arten der Gattung. Diese Anpassung steht vermutlich im Zusammenhang mit der Nahrung: Während viele Reiher vor allem kleine Fische und weiche Beute fressen, jagt der Lavareiher entlang felsiger Küsten und nimmt in größerem Umfang hartschalige Krebstiere auf. Ein robuster Schnabel erleichtert dabei das Greifen und Zerkleinern der Beute.
Auch die meist grauschwarze Färbung dürfte funktional sein, da sie eine effektive Tarnung auf den dunklen Lavafelsen der Küsten bietet. Solche Anpassungen an den Untergrund sind von Inselarten vielfach bekannt und können sich unabhängig voneinander entwickeln.
Die Entstehung des Lavareihers geht vermutlich auf ein einzelnes Besiedlungsereignis zurück: Vorfahren der heutigen Population gelangten vom amerikanischen Festland auf die Galapagosinseln und entwickelten sich dort isoliert weiter. Auch bei anderen Galápagos-Arten hat ein solcher Prozess zur Ausbildung eigenständiger Linien geführt. Beispiele dafür sind die Floreana-Riesenschildkröte oder die Darwin-Reisratte. Genetische Analysen deuten darauf hin, dass sich der Lavareiher vor etwa 1,3 Millionen Jahren von seinen nächsten Verwandten abspaltete.
Eine Einstufung durch die IUCN steht derzeit noch aus, da die taxonomische Neubewertung erst kürzlich erfolgt ist. Als endemische Inselart ist der Lavareiher jedoch grundsätzlich anfällig für Veränderungen seines Lebensraums. Zu den potenziellen Risiken zählen Störungen durch Tourismus, Veränderungen der Küstenökosysteme sowie invasive Arten. Gleichzeitig profitiert die Art derzeit von den vergleichsweise gut geschützten Lebensräumen des Galápagos-Archipels.
Alte Arten neu gedacht – und neu bewertet
Die vier Beispiele machen deutlich, wie vielfältig die Wege zur „Entdeckung“ neuer Arten sind: von äußerlich kaum unterscheidbaren Arten, die erst durch genetische und bioakustische Analysen erkannt werden, bis hin zu häufigen und gut sichtbaren Tieren, die lange Zeit falsch eingeordnet wurden.
Für den Artenschutz ist diese Erkenntnis von großer Bedeutung, denn Schutzmaßnahmen orientieren sich in der Regel an formal beschriebenen Arten. Sie sind nämlich die zentrale Einheit von Roten Listen, Gesetzen und Abkommen. Bleiben eigenständige Linien unerkannt oder werden sie nicht offiziell beschrieben, existieren sie gewissermaßen nicht im System des Artenschutzes.
Damit schrumpft mit jeder taxonomischen Neubewertung in der Regel das tatsächliche Verbreitungsgebiet einer Art. Was zuvor wie eine weit verbreitete und stabile Population erschien, entpuppt sich als mehrere, lokal begrenzte und potenziell bedrohte Arten. Zugleich zeigt die neuere Forschung, dass nur ein kleiner Teil der genetisch identifizierten kryptischen Linien tatsächlich formal beschrieben wird. Ein großer Teil der biologischen Vielfalt bleibt damit namenlos – und damit auch ungeschützt.
Biodiversität liegt nicht nur in abgelegenen Regionen verborgen. Sie existiert auch dort, wo sie scheinbar längst bekannt ist, vielleicht sogar direkt vor unseren Augen. Entscheidend ist, sie als eigenständige Arten zu erkennen. Denn nur, was wir verstehen und benennen können, lässt sich auch gezielt schützen.
Quellen
- Anderson, N. (2026, 25. März). New species of steamer duck discovered in Chile. Sci.News. https://www.sci.news/biology/tachyeres-ketru-14649.html
- López-Lanús, B., & Costa, M. (2026). A new species of Steamerduck (Anatidae: Tachyeres) from the Chiloé region, Chile, finally confirmed as a taxon distinct from Tachyeres pteneres. Audiornis, 5, 2–130.
- Mendales, E. Z., McCormack, J. E., Castañeda-Cepeda, J. S., et al. (2026). Global phylogenetic relationships of Butorides herons (Aves: Ardeidae) reveal the evolutionary history and taxonomic status of the Galápagos lava heron. Molecular Phylogenetics and Evolution, 220, 108600. https://doi.org/10.1016/j.ympev.2026.108600
- Rajan, K. (2026, 26. März). Tale of the lava heron: Student describes new Galapagos species. Phys.org.
https://phys.org/news/2026-03-tale-lava-heron-student-galapagos.html - Saitoh, T., Shipilina, D., Xia, C., et al. (2026). Discovering and protecting cryptic biodiversity: A case study of a previously undescribed, vulnerable bird species in Japan. PNAS Nexus, 5(3), pgag037. https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgag037
- Uppsala University. (2026, 17. März). New rare bird species discovered in Japan. Phys.org. https://phys.org/news/2026-03-rare-bird-species-japan.html
- van Els, P., Montenegro-Avila, M., Avalos, N. A., et al. (2026). A new species of greenlet from Bolivia in the Hylophilus poicilotis/amaurocephalus group (Vireonidae). Avian Systematics, 3(3), 17–37.
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