Rote Liste der Brutvögel Berlins 2025
Die 4. Fassung der Roten Liste der Brutvögel Berlins dokumentiert einen Rückschritt: Heute gilt fast jede zweite regelmäßig brütende Art als gefährdet. Seit der letzten Fassung (2013) hat sich die Gefährdungslage der Berliner Brutvögel deutlich verschärft.

Rote Liste Brutvögel Berlins: Fast jede zweite Art in Not

Die Anfang September 2025 veröffentlichte Rote Liste der Brutvögel Berlins kommt ernüchternd daher: Fast jede zweite regelmäßig brütende Art in Berlin gilt inzwischen als gefährdet oder ist bereits verschwunden. Die Bewertung beruht auf tausenden Meldungen aus ornitho.de, standardisierten Zählungen im Monitoring häufiger Brutvögel, gezielten Brutvogelkartierungen und Bestandserfassungen – ergänzt durch die Auswertung einschlägiger Fachliteratur.

Die wichtigsten Zahlen

185 Arten wurden als Brutvögel im Stadtgebiet Berlin nachgewiesen (historisch und aktuell) – Arten, die ohne menschliche Hilfe in Berlin mindestens drei Jahre hintereinander gebrütet haben. Bewertet wurden daraus 138 regelmäßig brütende, einheimische Arten. Von diesen landen 81 Arten (48 %) in den Roten-Liste-Kategorien 0–R – also von „ausgestorben“ bis „extrem selten“). Unregelmäßige Brutgäste und eingewanderte Neozoen werden in keine Gefährdungsklasse eingeordnet.

Rote Liste Berlin: Wintergoldhähnchen
Das Wintergoldhähnchen ist in Berlin inzwischen vom Aussterben bedroht. In den Forsten ist der winzige Nadelwaldbewohner stark zurückgegangen; kleine Restvorkommen halten sich vor allem auf strukturreichen Friedhöfen.
Alpsdake, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
  • 32 Brutvogelarten (19 %) gelten als in Berlin ausgestorben, darunter das Blaukehlchen (Luscinia svecica), der Brachvogel (Numenius arquata), die Nachtschwalbe (Caprimulgus europaeus) und die Turteltaube (Streptopelia turtur).
  • 24 Arten (14 %) sind vom Aussterben bedroht. Dazu gehören etwa die Saatkrähe (Corvus frugilegus), der Wachtelkönig (Crex crex) und die Löffelente (Spatula clypeata).
  • 14 Arten (8 %) sind stark gefährdet, beispielsweise der Wanderfalke (Falco peregrinus), der Flussregenpfeifer (Charadrius dubius) oder der Wiedehopf (Upupa epops).
  • 7 Arten (4 %) werden als gefährdet gelistet, unter anderem die Mehlschwalbe (Delichon urbicum), der Wespenbussard (Pernis apivorus) und der Zwergtaucher (Tachybaptus ruficollis).
  • 4 Arten (2 %) gelten als extrem selten: die Mittelmeermöwe (Larus michahellis), die Sturmmöwe (Larus canus), der Seeadler (Haliaeetus albicilla) und die Wacholderdrossel (Turdus pilaris).
  • 9 Arten (5 %) stehen auf der Vorwarnliste, darunter Feldsperling (Passer montanus), Kuckuck (Cuculus canorus), Pirol (Oriolus oriolus) und Teichralle (Gallinula chloropus)
  • 80 Arten (47 %), also knapp die Hälfte, gelten aktuell als ungefährdet. Zum Beispiel: Amsel (Turdus merula), Blaumeise (Cyanistes caeruleus), Eichelhäher (Garrulus glandarius) und Schwarzspecht (Dryocopus martius).

Rote Liste der Brutvögel Berlins: Was hat sich seit 2013 verändert?

Den Brutvögeln im Stadtgebiet Berlins geht es schlecht. Die neue Liste zeigt einen deutlichen Rückschritt gegenüber 2013:

Zwergdommel (Ixobrychus minutus) - Rote Liste Brutvögel Berlin
Zwergdommel (Ixobrychus minutus) – in Berlin von Kategorie 3 (gefährdet) auf Kategorie 1 (vom Aussterben bedroht) hochgestuft: Seit 2014 Rückzug aus drei von vier Brutgebieten, letzter gesicherter Brutnachweis 2019. Ursachen bislang unklar.
Alexis Lours, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)
  • 30 Arten mussten in eine höhere Gefährdungskategorie verlagert oder neu in die Rote Liste oder Vorwarnliste aufgenommen werden.
  • 26 Arten können als eindeutige „Verlierer“ gegenüber 2013 betrachtet werden, zum Beispiel das Wintergoldhähnchen (Regulus regulus) oder der Zwergschnäpper (Ficedula parva). Diese Brutvogelarten wurden hochgestuft, neu aufgenommen oder zeigen einen abnehmenden Trend.
  • 18 Brutvogelarten konnten herabgestuft werden oder aus der Roten Liste oder Vorwarnliste entfernt werden.
  • 6 Arten gehen als „Gewinner“ hervor. Davon verzeichnen die Hohltaube (Columba oenas), der Sperber (Accipiter nisus) und der Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) eine eindeutige Bestandszunahme.
  • Neu als ausgestorben in Berlin werden die Rohrdommel (Botaurus stellaris), der Rotmilan (Milvus milvus) und die Schleiereule (Tyto alba) gelistet. Bei Letzterer gab es 2023/24 allerdings wieder eine Brut; ob sie sich dauerhaft hält, bleibt offen.
  • Es gibt auch Neuzugänge unter den regelmäßigen Brutvögeln, beispielsweise die Bartmeise (Panurus biarmicus) und die Steppenmöwe (Larus cachinnans).

Mehr Menschen, mehr Druck – und der Klimawandel

In den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich die Lage der Berliner Brutvögel deutlich verschlechtert. Zwei Entwicklungen wiegen besonders schwer: das starke Bevölkerungswachstum (seit 2011 rund 300.000 zusätzliche Einwohner) mit mehr Bau-, Verkehrs- und Freizeitnutzung – und überregionale Veränderungen wie Klimawandel sowie Verschiebungen auf Zugrouten und in Winterquartieren. Je dichter, heißer und heller die Stadt, desto weniger Rückzugsorte, Nahrung und Ruhe finden Vögel.

Die Hauptursachen:

Braunkehlchen Saxicola rubetra
Das Braunkehlchen (Saxicola rubetra) wurde in der neuen Rote Liste Berlins von „gefährdet“ auf „vom Aussterben bedroht“ hochgestuft: erhebliche Abnahmen in allen Brutgebieten. Hauptursache ist der Verlust extensiver, nährstoffarmer und strukturreicher Wiesenlandschaften mit Brachen – durch Intensivierung, Düngung und häufigere Mahd.
El Golli Mohamed, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
  • Wachstum & Verdichtung: Neue Wohnungen, Straßen und Gewerbe bedeuten Flächenverlust und Zerschneidung von Lebensräumen. Alte Bäume mit Höhlen verschwinden, Grünflächen werden „aufgeräumt“ oder versiegelt. Mehr Verkehr und Freizeitbetrieb (Hunde im Brutgebiet, Wassersport an Ufern, Betreten von Schilfzonen) erhöhen den Stördruck – besonders in der sensiblen Brutzeit.
  • Rückgang und Austrocknung von Feuchtgebieten: Röhrichte, Verlandungszonen und Auen trocknen aus oder werden verbaut. Mit weniger Wasser schrumpfen Brutplätze und Nahrungsangebote. Arten wie Rohrdommel, Feldschwirl (Locustella naevia) oder Reiherente (Aythya fuligula) sind darauf angewiesen – fallen diese Strukturen weg, brechen Bestände ein.
  • Verschwinden von Brachen: Früher boten vegetationsarme, offene Brachen Insektenreichtum, Samen und Verstecke – ideal für Spezialisten. Heute werden solche Flächen oft schnell bebaut oder intensiv gepflegt. Ohne diese „Zwischenräume“ verlieren viele Arten ihre letzten Nischen in der Stadt.
  • Licht & Glas: Lichtverschmutzung wird zum Problem, da Dauerbeleuchtung den Tag-Nacht-Rhythmus stört – Balz, Brutpflege und Gesang geraten aus dem Takt. Vermehrte Glasfassaden führen zu Kollisionen, denn Scheiben spiegeln Himmel oder Grün – Vögel erkennen Glas nicht und prallen dagegen. Nachts wirken beleuchtete Innenräume wie „Löcher im Dunkeln“, was Kollisionen noch häufiger macht.
  • Klimawandel: Hitze und Dürre lassen Gewässer austrocknen, Insektenangebote schwanken; teils wächst Vegetation früher. Dadurch entstehen Zeitverschiebungen: Wenn Küken schlüpfen, ist der Insektenhöhepunkt womöglich schon vorbei. Extreme Wetterereignisse und Veränderungen in Winterquartieren oder auf den Zugrouten können zudem ganze Jahrgänge schwächen.

Der Auftrag der Roten Liste für Berlin

Die neue Rote Liste der Brutvögel enthält einen Arbeitstrag, denn wenn Berlin seine restlichen Brutvögel behalten will, ist es an der Zeit zu handeln: Die Stadt kann Feuchtgebiete schützen und renaturieren, Röhrichte sichern und Uferbereiche störungsarm gestalten. Brachen und Offenland sollten nicht restlos „aufgeräumt“ werden, sondern Raum für Vogelarten lassen, die offene und karge Lebensräume besiedeln. Auch vogelfreundliches Bauen kann helfen: Nistplätze einplanen, Glaskollisionen vermeiden und Licht gezielt steuern.

Jeder kann etwas bewirken: heimische Pflanzen im Hof oder auf dem Balkon, Wasserstellen, Verzicht auf Pestizide, Rücksicht nehmen in der Brutzeit (Hund anleinen, Abstand zu Röhrichten) und: Licht aus, wenn es nicht benötigt wird. Zudem kann jeder Vogelbeobachtungen über Meldeplattformen mitteilen, sodass Bestände und Trends sichtbar werden, seltene Vorkommen schneller erkannt werden und Schutzmaßnahmen gezielter greifen.

Quelle

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