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Europa will mehr Natur schützen und geschädigte Ökosysteme wiederherstellen. Doch selbst wenn wichtige Naturschutzziele erreicht werden, könnten die Bestände vieler heute noch häufiger Vogel- und Schmetterlingsarten bis 2050 weiter zurückgehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Juli 2026 in Nature Ecology & Evolution veröffentlichte Modellstudie. In keinem der untersuchten Zukunftsszenarien kehrt sich der durchschnittliche Rückgang der betrachteten Arten um.
Wirkungslos ist Naturschutz deshalb trotzdem nicht. Vor allem bei Vögeln verbessern sich die Aussichten, wenn Naturschutzziele stärker berücksichtigt werden; besonders Agrarvögel profitieren. Für eine Trendwende reicht das in den Modellen jedoch nicht aus. Bei Schmetterlingen fällt der zusätzliche Effekt der Schutzmaßnahmen noch geringer aus.
Die Ergebnisse von Biodiversitätsforscher Stanislas Rigal und seinem Forschungsteam werfen damit eine grundlegende Frage auf: Reicht es aus, mehr Flächen unter Schutz zu stellen und die Landnutzung naturverträglicher zu gestalten – oder braucht es zusätzlich tiefgreifendere Veränderungen in Landwirtschaft, Ressourcenverbrauch und Landschaftsnutzung?
Im Mittelpunkt stehen keine seltenen Arten
Für die Untersuchung betrachteten die Forschenden nicht in erster Linie stark bedrohte Tiere, sondern 265 häufige Vogelarten und 144 häufige Schmetterlingsarten. Das ist wichtig, denn auch weit verbreitete Arten können große Teile ihrer Bestände verlieren, lange bevor sie als unmittelbar vom Aussterben bedroht gelten.
Die Studie untersucht also nicht, ob einzelne Arten bis 2050 aussterben, sondern wie sich die Bestände heute noch häufiger Arten unter verschiedenen Zukunftsszenarien entwickeln könnten. Ein prognostizierter Rückgang ist demnach keine Aussterbeprognose.

Bild: Apotnis, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Daten von mehr als 20.000 Standorten in Europa
Die Grundlage der Untersuchung bilden Langzeitdaten aus zwei europäischen Monitoringprogrammen. Für die Vögel werteten die Forschenden Beobachtungen des Pan-European Common Bird Monitoring Scheme von 15.731 Standorten in 27 europäischen Ländern aus. Die Schmetterlingsdaten stammen aus dem European Butterfly Monitoring Scheme und umfassen 4.959 Transekten in 15 Ländern. Insgesamt reichen die Daten von 2000 bis 2021.
Die Forschenden untersuchten, wie die Bestandsentwicklung der einzelnen Arten mit Veränderungen von Klima, Landnutzung und Nutzungsintensität zusammenhing. Berücksichtigt wurden unter anderem Temperatur und Niederschlag, der Anteil von Agrar- und Waldflächen, die Vielfalt der Landschaft, Schutzgebiete sowie die Intensität land- und forstwirtschaftlicher Nutzung.
Diese Zusammenhänge kombinierten sie mit verschiedenen Szenarien für die Entwicklung von Klima und Landnutzung in Europa bis 2050. So konnten sie modellieren, wie sich die Bestände unter unterschiedlichen Zukunftsbedingungen entwickeln könnten.
Fünf mögliche Wege in die Zukunft
Für ihre Prognosen wurden in der aktuellen Studie fünf Zukunftsszenarien verglichen:
- Business as usual: Bisherige Entwicklungen von Landnutzung und Nutzungsintensität setzen sich weitgehend fort.
- SSP1 („Taking the Green Road“): Ein nachhaltigerer Entwicklungspfad mit stärkerer Ausrichtung auf Umwelt- und Klimaschutz.
- Nature for Nature: Der Schutz der biologischen Vielfalt steht im Mittelpunkt.
- Nature for Society: Natur wird vor allem wegen ihrer Leistungen für den Menschen geschützt, etwa für die Klimaregulierung.
- Nature as Culture: Menschliche Nutzung und Naturschutz sollen stärker miteinander verbunden werden, etwa durch vielfältige Kulturlandschaften und naturverträglichere Landnutzung.
Die drei letztgenannten Szenarien beruhen auf dem Nature Futures Framework der Biodiversitätsplattform IPBES und wurden für Europa bereits in einer früheren Studie ausgearbeitet (Dou et al., 2023).
Agrarvögel profitieren von mehr Naturschutz

Bild: Neil Smith, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Besonders deutlich zeigen sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien bei den Vögeln der Agrarlandschaft. Diese Artengruppe gehört seit Jahrzehnten zu den Verlierern des europäischen Landschaftswandels. Auch in Deutschland nehmen typische Agrarvögel wie Kiebitz, Rebhuhn oder Braunkehlchen vielerorts stark ab. Als wichtige Ursachen gelten die Intensivierung der Landwirtschaft, der Verlust strukturreicher Lebensräume und der Einsatz von Pestiziden. Eine aktuelle Studie aus Frankreich zeigte beispielsweise, dass häufige Vogelarten in Regionen mit höherem Pestizideinsatz überwiegend seltener vorkommen.
Auch die für die aktuelle Untersuchung ausgewerteten Daten aus den Jahren 2000 bis 2021 zeigen bei zahlreichen Agrarvögeln einen negativen europaweiten Bestandstrend. Sehr deutlich fällt er etwa bei Kiebitz (Vanellus vanellus), Braunkehlchen (Saxicola rubetra) und Turteltaube (Streptopelia turtur) aus. Auch die Feldlerche (Alauda arvensis) nahm ab; bei ihr war ein größerer Anteil wenig intensiv bewirtschafteter Agrarflächen mit einer günstigeren Bestandsentwicklung verbunden.
In den Zukunftsmodellen profitieren Agrarvögel deutlich von den Szenarien, die Naturschutzziele stärker berücksichtigen. Weniger intensive Landnutzung, vielfältigere Landschaften und mehr für die Natur verfügbare Flächen können ihre Entwicklung verbessern. Für eine Trendwende reicht das allerdings nicht: Selbst in den günstigeren Szenarien bleibt der durchschnittliche Bestandstrend der Agrarvögel bis 2050 negativ. Der Rückgang wird also gebremst, aber nicht gestoppt.
Waldvögel – eine wichtige Ausnahme
Waldvögel entwickeln sich in den Modellen deutlich günstiger als Agrarvögel. Ihr gemeinsamer Bestandsindex stieg bereits im Beobachtungszeitraum und bleibt auch in den Zukunftsszenarien vergleichsweise positiv. Eine mögliche Erklärung ist die Zunahme der Waldfläche in Teilen Europas.
Davon profitieren jedoch nicht automatisch alle Arten. Eine zunehmende Bewaldung kann für Vögel offener Landschaften sogar Lebensraumverlust bedeuten. Die Ergebnisse zeigen damit, dass sich Veränderungen der Landschaft je nach Artengruppe sehr unterschiedlich auswirken können.

Bild: Bene Riobó, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schmetterlinge profitieren weniger von den Naturschutzszenarien
Während sich die Zukunftstrends der Vögel unter den naturschutzorientierten Szenarien deutlich verbessern, stellen die Forschenden bei Schmetterlingen nur geringe zusätzliche Effekte fest. Neben einem allgemeinen Schmetterlingsindex wurden auch Arten des Grünlands und der Wälder getrennt betrachtet. Insgesamt unterscheiden sich die Zukunftsszenarien hier sehr viel weniger als bei den Vögeln. Auch bis 2050 ergibt sich im Durchschnitt keine Trendwende; besonders bei den Grünlandschmetterlingen reichen die untersuchten Maßnahmen nicht aus, um den Rückgang zu stoppen.

Bild: Doreen Fräßdorf
Das bedeutet nicht, dass Maßnahmen zum Schutz von Schmetterlingen unwirksam sind. Die Modelle legen vielmehr nahe, dass die vorgesehenen Veränderungen nicht ausreichen, um wichtige Belastungen entscheidend zu verringern. Eine Rolle spielt dabei auch der Klimawandel. Gleichzeitig reagieren Schmetterlinge empfindlich auf Struktur und Nutzung ihrer Lebensräume.
Eine überwiegend landwirtschaftlich genutzte Landschaft kann großflächig und einheitlich sein oder aus einem Mosaik von Wiesen, Säumen, Hecken und Brachen bestehen. Für viele Schmetterlinge können solche Unterschiede entscheidend sein. Auch ein Schutzstatus allein garantiert daher noch keinen geeigneten Lebensraum.
Hinter dem insgesamt negativen Trend verbergen sich zudem sehr unterschiedliche Entwicklungen einzelner Arten. Der Kleine Fuchs (Aglais urticae) zeigte zwischen 2000 und 2021 einen negativen europaweiten Bestandstrend; zunehmende Schwankungen der Frühjahrstemperaturen waren im Modell mit einer ungünstigeren Entwicklung verbunden. Beim Großen Ochsenauge (Maniola jurtina), einer der Arten des europäischen Grünlandschmetterlings-Indikators, war der Trend dagegen nahezu stabil.
Andere häufige Arten entwickelten sich im selben Zeitraum sogar positiv, darunter Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) und Kleiner Kohlweißling (Pieris rapae). Der negative Gesamttrend bedeutet also nicht, dass jede einzelne untersuchte Art abnimmt.

Bild: Doreen Fräßdorf
Mehr Schutzflächen lösen nicht jedes Problem
Viele Biodiversitätsstrategien setzen darauf, Flächen besser zu schützen oder geschädigte Lebensräume wiederherzustellen. Doch gerade häufige Arten leben nicht nur in Schutzgebieten, sondern auch auf Äckern, im Grünland, in Wäldern und anderen genutzten Landschaften. Was dort geschieht, kann für ihre Bestände ebenso entscheidend sein.
Die untersuchten Naturschutzszenarien verbessern zwar zahlreiche Bedingungen für die Natur, verändern das europäische Landnutzungs- und Wirtschaftssystem aber nicht grundlegend. Die Forschenden weisen deshalb darauf hin, dass für eine Trendwende möglicherweise weitergehende Veränderungen notwendig sind – etwa eine weniger intensive Landwirtschaft, vielfältigere Landschaften, ein geringerer Ressourcenverbrauch und ein wirksamerer Klimaschutz.
Welche Kombination solcher Veränderungen ausreichen würde, beantwortet die Studie nicht. Sie zeigt aber, dass selbst vergleichsweise naturfreundliche Zukunftsszenarien nicht automatisch zu einer Erholung der häufigen Vogel- und Schmetterlingsbestände führen.
Was die Studie nicht vorhersagen kann

zwischen 2000 und 2021 einen stark negativen europaweiten Trend aus.
Bild: Stephan Sprinz, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Die Zukunftsprojektionen beruhen darauf, wie Vogel- und Schmetterlingsbestände in der Vergangenheit, also zwischen 2000 und 2021, auf Veränderungen von Klima, Landnutzung und Nutzungsintensität reagiert haben. Diese Zusammenhänge werden auf mögliche Entwicklungen bis 2050 übertragen. Ökosysteme sind jedoch komplex: Arten können sich anpassen, ihre Verbreitungsgebiete verschieben oder künftig anders auf Umweltveränderungen reagieren.
Zudem konnten nur Einflussfaktoren berücksichtigt werden, für die ausreichend Daten auf europäischer Ebene vorlagen. Die Ergebnisse sind deshalb nicht als exakte Vorhersage für das Jahr 2050 zu verstehen. Aussagekräftiger ist der Vergleich der Szenarien: Unter welchen Bedingungen entwickeln sich die Bestände günstiger – und welche Maßnahmen reichen voraussichtlich nicht für eine Trendwende aus?
Auch die gemeinsamen Bestandsindizes dürfen nicht auf jede einzelne Art übertragen werden. Hinter einem negativen Durchschnitt können sowohl abnehmende als auch stabile oder zunehmende Arten stehen. Außerdem sagt ein Bestandsrückgang noch nichts darüber aus, ob eine Art unmittelbar vom Aussterben bedroht ist.
Naturschutz muss weiter reichen
Die Ergebnisse der Studie sind kein Argument gegen Naturschutz. Im Gegenteil: Besonders bei Agrarvögeln zeigen die Modelle, dass ambitioniertere Schutzmaßnahmen den Rückgang deutlich bremsen können. Doch weniger schnell zu verlieren ist noch keine Erholung.
Wenn selbst Zukunftsszenarien mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen keinen durchschnittlichen Aufwärtstrend bei häufigen Vögeln und Schmetterlingen erzeugen, deutet das darauf hin, dass Biodiversitätsschutz nicht auf einzelne Schutzgebiete oder isolierte Maßnahmen beschränkt bleiben kann. Entscheidend ist die gesamte Landschaft, in der die Arten leben.
Eine Feldlerche profitiert nur begrenzt von einem neuen Schutzgebiet, wenn sich die Bedingungen in der übrigen Agrarlandschaft weiter verschlechtern. Ähnliches gilt für Schmetterlinge, die geeignete Pflanzen, vielfältige Strukturen und passende klimatische Bedingungen benötigen.
Die Studie zeigt: Naturschutzmaßnahmen können viel bewirken, für eine dauerhafte Trendwende müssen sie jedoch möglicherweise mit weitergehenden Veränderungen bei Landnutzung, Landwirtschaft, Ressourcenverbrauch und Klimaschutz verbunden werden.
Quellen
- Dou, Y., Zagaria, C., O’Connor, L., Thuiller, W., & Verburg, P. H. (2023). Using the Nature Futures Framework as a lens for developing plural land use scenarios for Europe for 2050. Global Environmental Change, 83, 102766.
https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2023.102766 - Rigal, S., Lenormand, M., Tardieu, L., et al. (2026). Predicted decline in common bird and butterfly species even under conservation policy scenarios in Europe. Nature Ecology & Evolution.
https://doi.org/10.1038/s41559-026-03139-6 - Rigal, S., Lenormand, M., Tardieu, L., et al. (2026). Predicted decline in common bird and butterfly species despite conservation policy scenarios in Europe [Preprint]. arXiv.
https://doi.org/10.48550/arXiv.2509.18227
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