Mücken in Hawaii zur Rettung des Hawaii-Sichelkleidervogels Hemignathus munroi
Der Hawaii-Sichelkleidervogel gehört zu den Arten auf Hawaii, die von der Vogelmalaria, gegen die sie keine natürliche Immunität besitzen, bedroht sind. Die Weltnaturschutzunion IUCN klassifiziert den Hawaii-Sichelkleidervogel als „stark gefährdet“. Photographer: Carter Atkinson, U.S. Geological Survey, Public domain, via Wikimedia Commons)

Rettung der letzten Kleidervögel: Millionen Mücken in Hawaii gegen das Aussterben

Für den Schuppenkehlmoho, den Annakleidervogel oder den Schwarzen Mamo kommt jede Hilfe zu spät, doch die noch existierenden Kleidervögel (Drepanidini) und auch andere zahlreiche Vogelarten auf den Hawaii-Inseln können noch gerettet werden. Eine ungewöhnliche Maßnahme könnte nun das Überleben der bedrohten Arten sichern.

Das Problem: Vogelmalaria auf Hawaii

Die Hawaii-Inseln waren lange isoliert und entwickelten eine einzigartige Flora und Fauna. Mit der Ankunft der Menschen brachten diese jedoch invasive Säugetiere wie Ratten, Indische Mungos und Schweine mit. Besonders Mungos, die eingeführt wurden, um die Rattenpopulationen auf Zuckerrohrplantagen zu kontrollieren, haben sich als fatal erwiesen, da sie die Eier und Jungvögel der bodenbrütenden einheimischen Vogelarten erbeuten.

Heute gelten die Hawaii-Inseln als ein Hotspot des Artensterbens. Seit es Siedler auf Hawaii gibt, sind rund 100 Vogelarten ausgestorben. Von den heute noch existierenden 44 endemischen Vogelarten gelten 33 als vom Aussterben bedroht, und ein Drittel davon wurde seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen und ist vermutlich bereits ausgestorben. Ein wichtiger Grund für das massenhafte Sterben der Vögel ist die Vogelmalaria, die durch Stechmücken übertragen wird. Die Insekten gelangten im 19. Jahrhundert mit europäischen und amerikanischen Schiffen auf das Archipel.

Die einheimischen Vögel hatten keine natürliche Immunität gegen die Vogelmalaria und starben teils nach einem einzigen Stich. Ursprünglich beschränkte sich die Seuche auf die tieferen Lagen der Inseln, während die Vögel in höheren, kühleren Lagen überlebten. Doch durch den Klimawandel wandern die Moskitos in immer größere Höhen und bringen die Malaria mit. Besonders betroffen ist der Haleakalā-Nationalpark auf Maui, wo einige der seltensten Vögel der Erde leben.

Die Lösung: Mücken mit Wolbachia-Bakterien

crested honeycreeper
Der ʻākohekohe galt aufgrund der Vogelmalaria bereits als ausgestorben, bis 1945 eine kleine Population auf Maui wiederentdeckt werden konnte. (© English: NPS Photo, Public domain, via Wikimedia Commons)

Um die bedrohten Vögel zu retten, setzen US-Behörden 2024 auf eine innovative Methode: Sie lassen Millionen von Mücken frei. Jede Woche werden 250.000 männliche Moskitos von Hubschraubern auf die Hawaii-Inseln abgeworfen; insgesamt wurden bereits zehn Millionen freigesetzt. Diese Mücken sind mit Wolbachia-Bakterien infiziert, die natürlicherweise in vielen Insekten vorkommen und deren Fortpflanzung beeinträchtigen. Wenn diese infizierten Männchen sich mit wilden Weibchen paaren, verhindern die Bakterien, dass die Eier der Weibchen sich entwickeln.

Weibliche Moskitos paaren sich nur einmal in ihrem Leben, daher hoffen die Wissenschaftler, dass die Population der Moskitos allmählich abnimmt. Diese Technik wurde bereits erfolgreich in China, Mexiko und Teilen der USA eingesetzt. Im Laufe des Sommers wird sich zeigen, ob die Maßnahme auf Hawaii erfolgreich ist, da sich die Moskitos dann intensiv vermehren. Das Projekt wird von einer Koalition von Gruppen geleitet, darunter der US National Park Service, der Staat Hawaii und das Maui Forest Bird Recovery Project, die unter dem Banner Birds, Not Mosquitoes arbeiten.

Die Situation auf Kauaʻi: Rettung in letzter Minute?

Auf der Insel Kauaʻi könnte diese Maßnahme jedoch zu spät kommen, um das Überleben des ʻakikiki oder Weißkehl-Kleidervogels (Oreomystis bairdi) zu sichern. Im Jahr 2024 ist nur noch ein einziger ʻakikiki in freier Wildbahn bekannt, was bedeutet, dass die Art in der Natur praktisch ausgestorben ist. Aktuellen Angaben zufolge, existieren vielleicht noch drei Weißkehl-Kleidervögel in freier Wildbahn; die Art gilt daher als funktionell ausgestorben.

Vor einigen Jahren wurde eine kleine Population in Gefangenschaft gegründet. Der Bestand der Art schrumpfte von 450 Individuen im Jahr 2018 auf nur fünf im Jahr 2023, parallel zur Ausbreitung der Malariamücken auf der Insel. Nachzuchten könnten erst wieder freigelassen werden, wenn ein Gegenmittel gegen die Malaria gefunden wird oder die Mückenpopulation zurückgedrängt werden kann.

Es gibt noch viele andere aufgrund der Vogelmalaria selten gewordene Vogelarten auf Hawaii: Der ʻĀkohekohe (Palmeria dolei) etwa, der bereits als ausgestorben galt und 1945 wiederentdeckt wurde, ist durch die Einführung der Krankheit Mitte des 19. Jahrhunderts stark dezimiert worden. Und auch der stark gefährdete Hawaii-Sichelkleidervogel (Drepanis coccinea) ist nur noch auf ein sehr kleines, hochfragmentiertes Verbreitungsgebiet in den höheren Lagen der Vulkane Mauna Kea und Mauna Loa beschränkt. Diese Höhenlagen bewohnt er hauptsächlich aufgrund der Ausbreitung von Stechmücken in den niedrigeren Höhen.

Warum Wolbachia-Mücken und keine Pestizide?

Myadestes palmeri
Kein Kleidervogel, aber dennoch durch die Vogelmalaria bedroht: der puaiohi (Myadestes palmeri). (© Eike Wulfmeyer, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons)

Die Verwendung von Wolbachia-infizierten Mücken ist aus mehreren Gründen vorzuziehen. Pestizide haben oft weitreichende negative Auswirkungen auf andere Arten und das gesamte Ökosystem. Mit Wolbachia-Bakterien lässt sich hingegen eine biologische Methode realisieren, die speziell die Fortpflanzung der Moskitos beeinflusst, ohne andere Insekten oder Tiere zu schädigen.

Dr. Nigel Beebe von der University of Queensland, der die Wolbachia-Technik an anderen Mückenarten erforscht hat, erklärt gegenüber The Guardian: „Es ist viel besser als der Einsatz von Pestiziden, die große nicht-zielgerichtete Effekte haben. Besonders bei der Erhaltung kritischer Arten.“ Langfristig ist die vollständige Ausrottung der Stechmücken eine Herausforderung, besonders auf dem Festland. Inseln sind für solche Maßnahmen ideal, da die Migrationsraten von Mücken gering sind.

Hoffnung für Hawaii und die endemische Vogelwelt

Die aktualisierte IUCN Rote Liste 2024 zeigt sowohl besorgniserregende Entwicklungen als auch hoffnungsvolle Erfolge im Bereich des Artenschutzes. Während viele Arten durch menschliche Aktivitäten und Umweltveränderungen unter Druck stehen, beweisen Naturschutzprojekte wie das auf Hawaii, dass gezielte Maßnahmen zur Wiederherstellung von Populationen führen können. Die Zusammenarbeit von verschiedenen Organisationen und die Unterstützung durch die Öffentlichkeit sind entscheidend, um diese Arten vor dem Aussterben zu bewahren.

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