Bis vor wenigen Jahren war die Spannereule Drepanogynis insciata, die lange Zeit unter dem Namen Axiodes insciata geführt wurde, nur noch eine Randnotiz der Entomologie. Von dem auffallend schönen, smaragdgrünen Nachtfalter existierten fast 150 Jahre lang lediglich zwei historische Museumsexemplare aus der Umgebung der südafrikanischen Stadt Swellendam sowie alte Illustrationen. Die stark verblassten Tiere werden bis heute im Natural History Museum in London aufbewahrt.
Erst durch Fotos auf der Citizen-Science-Plattform iNaturalist änderte sich dieses Bild grundlegend: Zwischen 2020 und 2023 dokumentierten Naturbeobachter 13 Sichtungen männlicher Tiere an vier Standorten im südafrikanischen Westkap. Es waren die ersten gesicherten Lebendnachweise der Art seit dem 19. Jahrhundert.
Historische Spuren
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Drepanogynis insciata erfolgte 1875 durch die österreichischen Entomologen Cajetan und Rudolf Felder sowie Alois F. Rogenhofer anhand eines männlichen Holotyp-Exemplars aus Südafrika. Vieles spricht dafür, dass dieses Tier bereits 1857 während der Novara-Expedition gesammelt wurde, der ersten Weltumsegelung der österreichischen Marine.
Ein zweites männliches Exemplar, das ohne genaue Datums- und Fundortangaben überliefert ist, stammt vermutlich aus der Sammlung des französischen Entomologen Jean-Baptiste Boisduval und wurde vor 1879 gesammelt. Seine Sammlung ging 1927 an das Natural History Museum in London über.
Aus zeitgenössischen Illustrationen lässt sich erahnen, dass die Spannereule ursprünglich intensiv smaragdgrün gefärbt war. Die beiden historischen Museumsexemplare verloren ihre Farbe im Laufe der Jahrzehnte und erscheinen heute bräunlich bis lachsfarben.

Die beiden historischen Museumsexemplare von Drepanogynis insciata aus London.
(© Sihvonen et al. (2025), ZooKeys 1261. CC BY 4.0)
Auch ihre wissenschaftliche Einordnung erwies sich lange Zeit als schwierig. Bei ihrer Erstbeschreibung wurde die Art zunächst einer anderen Gattung zugeordnet und später unter dem Namen Axiodes insciata geführt. In den folgenden Jahrzehnten wechselte ihre systematische Zuordnung mehrfach, da sich Fachleute uneinig darüber waren, wie die verwandten Spannerarten am besten einzuordnen sind.
Erst durch eine umfassende Revision im Jahr 2002 wurde die Art endgültig der Gattung Drepanogynis zugeordnet, und mehrere zuvor getrennte Gattungen – darunter auch Axiodes – wurden zusammengefasst. Grundlage dieser Neubewertung waren vor allem gemeinsame morphologische Merkmale wie die grüne Flügelfärbung und charakteristische Strukturen der männlichen Geschlechtsorgane.
Bis heute gilt Drepanogynis insciata als offiziell anerkannte Bezeichnung, auch wenn die genaue Abgrenzung der Gattung weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen ist.
2020: Ein Foto verändert alles
Das erste moderne Foto von Drepanogynis insciata stammt von Cameron Scott, der den Nachtfalter im September 2020 im Gondwana Private Game Reserve aufnahm, rund 160 Kilometer westlich von Swellendam. Der südafrikanische Lepidopterologe Hermann S. Staude erkannte sofort die Bedeutung der Aufnahme: Die verschollene Art lebte noch.
Auf Staudes Bitte hin fing Scott im Januar 2022 ein Tier als Belegexemplar für wissenschaftliche Untersuchungen. Dieses wurde anschließend von Staude und seinem Kollegen Pasi Sihvonen vom Finnischen Museum für Naturgeschichte in Helsinki analysiert und bildete die Grundlage für die Neubewertung der Art.
Was ergab die Neubewertung des wiederentdeckten Nachtfalters?
Für die im Dezember 2025 im Fachjournal ZooKeys veröffentlichte Studie wurde Drepanogynis insciata erstmals mit modernen Methoden untersucht, darunter DNA-Analysen und hochauflösende Mikro-CT-Scans.
Aus einem Bein des 2022 gesammelten Exemplars konnte Erbmaterial gewonnen werden. Die genetische Analyse zeigte, dass die Art ein eigenständiges Profil besitzt – sie ist also keine Variante einer anderen Spannereule, sondern biologisch klar abgegrenzt. Ihr nächster Verwandter ist Drepanogynis smaragdaria, doch beide unterscheiden sich genetisch um fast 6 %, ein deutlicher Abstand im Insektenreich.
Darüber hinaus wurde die Art erstmals detailliert morphologisch dokumentiert. Mithilfe von Röntgen-3D-Aufnahmen konnten selbst feinste Flügelstrukturen sichtbar gemacht werden. Dabei zeigte sich, dass die Flügeladern ungewöhnlich verschmolzen sind, die Flügelränder stark gezackt verlaufen und die inneren Strukturen charakteristisch aufgebaut sind – wichtige Merkmale zur Abgrenzung von ähnlichen Arten.
Als besonders aussagekräftig erwiesen sich auch die männlichen Geschlechtsorgane. Wie bei vielen Nachtfaltern sind sie artspezifisch ausgeprägt. Bei D. insciata zeigt sich eine einzigartige Kombination aus Haken, Platten und feinen Zähnchen, die eine eindeutige Bestimmung ermöglicht.
Auf Grundlage mehrerer Gene erstellten die Forschenden zudem einen umfassenden Stammbaum mit über 1.200 Spannerarten. Dadurch ließ sich D. insciata eindeutig der Unterfamilie Ennominae und dem Tribus Drepanogynini zuordnen.
Verbreitungsgebiet: Auf wenige Rückzugsorte beschränkt
Die Neubewertung zeigte, wie extrem begrenzt das Vorkommen der Spannereule Drepanogynis insciata ist. Alle gesicherten Nachweise stammen von lediglich fünf isolierten Standorten im südafrikanischen Westkap, innerhalb eines Umkreises von rund 150 Kilometern um Swellendam.
Sämtliche Fundorte liegen im Fynbos-Biom, einem weltweit einzigartigen Pflanzengürtel an der Südwestspitze Afrikas. Dieses artenreiche Ökosystem erstreckt sich entlang der Küsten und Gebirgszüge des West- und Südkaps und ist bekannt für seine außergewöhnliche Vielfalt an Sträuchern, Heidepflanzen und Blütenpflanzen.
Innerhalb dieses Bioms scheint D. insciata vor allem an das seltene Renosterveld – einen zum Fynbos gehörenden Vegetationstyp – sowie an angrenzende Küstenlandschaften in Höhenlagen unterhalb von 330 Metern gebunden zu sein.

Die Typuslokalität Swellendam sowie vier weitere bekannte Fundorte (gelb) liegen vollständig innerhalb des Fynbos-Bioms (dunkel schattierter Bereich).
Gerade diese Lebensräume gehören heute zu den am stärksten zerstörten Landschaften Südafrikas. Sie werden seit Jahrhunderten intensiv landwirtschaftlich genutzt, vor allem als Weizenfelder und Weideflächen. Hinzu kommen Urbanisierung, invasive Pflanzen und wiederkehrende Brände. Infolgedessen sind vom ursprünglichen Renosterveld nur noch etwa 5 % erhalten. Diese wenigen verbliebenen Restflächen bilden vermutlich die letzten Rückzugsorte der Spannerart.
Aufgrund der geringen Datenlage stuften die Forschenden Drepanogynis insciata gemäß IUCN-Richtlinien als Datenlage unzureichend (Data Deficient, DD) ein.
Kurzes Zeitfenster für Beobachtungen
Auch zeitlich ist das Auftreten des Nachtfalters stark eingeschränkt. Alle bekannten Beobachtungen stammen aus den Monaten September bis Januar. In dieser kurzen Phase scheinen die erwachsenen Tiere aktiv zu sein, möglicherweise in zwei Generationen pro Jahr.
Auffällig ist, dass sämtliche Exemplare nachts an künstlichem Licht entdeckt wurden. Tagsüber bleibt die Art offenbar verborgen. Ohne gezielte nächtliche Beobachtungen – etwa durch Lichtfallen oder zufällige Funde an beleuchteten Gebäuden – wäre sie vermutlich weiterhin unentdeckt geblieben.

Das Gondwana Private Nature Reserve auf etwa 330 m Höhe. Zwischen 2020 und 2022 wurden hier vier männliche Exemplare beobachtet, die vom nächtlichen Licht einer Terrasse angelockt wurden.
(© Foto: Mikael Englund, 29. April 2022 – aus: Sihvonen et al. (2025), ZooKeys 1261. CC BY 4.0)
Das große Unbekannte: Die Raupen von Drepanogynis insciata
Trotz Wiederentdeckung und intensiver Forschung bleibt vieles über Drepanogynis insciata unbekannt. Bislang wurden ausschließlich Männchen dokumentiert. Weibchen wurden noch nie beobachtet – vermutlich, weil eiertragende Tiere weniger aktiv sind und sich seltener vom Licht anziehen lassen.
Auch die Raupen der Art sind bislang nicht wissenschaftlich beschrieben. Entsprechend ist unbekannt, von welchen Pflanzen sie sich ernähren. Als mögliche Futterpflanzen kommen Gräser, Kräuter oder Baumblätter infrage; möglicherweise nutzen die Larven sogar mehrere Pflanzenarten.
Laut einem Bericht der Plattform Mongabay sucht Hermann Staude in geeigneten Fynbos-Gebieten bereits gezielt nach Raupen, indem er Büsche abklopft, herabfallende Larven sammelt und diese aufzieht. Erst wenn eine Raupe bis zum erwachsenen Nachtfalter heranwächst, lässt sich ihre Zugehörigkeit eindeutig bestätigen.

(© eongrobler via iNaturalist, CC BY-NC 4.0)
Dass bislang keine Raupen entdeckt wurden, dürfte mehrere Gründe haben:
- die sehr kleine Populationsgröße,
- ihre gute Tarnung, da Spannerraupen oft Zweigen oder Blattstielen ähneln,
- die unbekannten Nahrungspflanzen,
- kurze Entwicklungszeiten von nur wenigen Wochen im Jahr
- sowie der stark fragmentierte und teils privat genutzte Lebensraum.
Diese Suche nach den Raupen ist für den Schutz der Art jedoch enorm wichtig. Bei Schmetterlingen ist die Raupe der entscheidende Lebensabschnitt: Sie frisst und wächst, ist an bestimmte Pflanzen gebunden und bestimmt, wo eine Art überhaupt überleben kann. Solange ihre Futterpflanzen unbekannt sind, lässt sich kaum festlegen, welche Lebensräume zwingend erhalten werden müssen.
Die Forschenden bewerten die Biologie von D. insciata weiterhin als weitgehend unerforscht. Sie empfehlen systematische Lichtfallen-Monitorings, gezielte Raupensuchen, den Ausbau genetischer Referenzdaten sowie – wenn möglich – eine kontrollierte Aufzucht in menschlicher Obhut.
Ein Hoffnungsschimmer – und eine Mahnung
Der Fall von Drepanogynis insciata zeigt, dass Arten über Jahrzehnte hinweg überleben können, ohne entdeckt zu werden – nicht, weil sie verschwunden sind, sondern weil niemand gezielt nach ihnen sucht. Auch andere lange verschollene Nachtfalter, etwa der Gebirgs-Steppenfrostspanner, wurden erst in jüngerer Zeit wieder nachgewiesen, nachdem sie bereits als verloren galten.
Gleichzeitig macht diese Wiederentdeckung deutlich, dass der fortschreitende Verlust von Lebensräumen weiterhin die größte Bedrohung für viele Organismen darstellt. Selbst Arten, die noch existieren, geraten unbemerkt an den Rand des Verschwindens, wenn ihre letzten Rückzugsräume zerstört werden.
Die Geschichte von D. insciata verdeutlicht zudem, wie stark sich die biologische Forschung verändert hat. Moderne genetische Methoden und digitale Plattformen wie iNaturalist ermöglichen heute eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaft und engagierten Laien. Ohne diese Vernetzung wäre die Art vermutlich weiterhin als verschollen geführt worden.
Auch andere Wiederentdeckungen zeigen, welche zentrale Rolle Citizen Science inzwischen spielt. So wurden etwa die Zikadenart Okanagana arctostaphylae und die Amerikanische Sackmotte (Coleophora leucochrysella) im Jahr 2020 erst durch online geteilte Beobachtungen wieder bekannt. Ohne die vielen freiwilligen Naturbeobachterinnen und -beobachter blieben zahlreiche Arten vermutlich weiterhin unsichtbar – und damit auch schutzlos.
Doch die Studie verweist zugleich auf ein strukturelles Problem: Weltweit gibt es zu wenige Taxonominnen und Taxonomen, insbesondere für nachtaktive Insekten. Viele Arten gelten als „verschollen“, weil sie nie wieder systematisch gesucht wurden.
Drepanogynis insciata steht damit stellvertretend für viele unbekannte und übersehene Arten. Die Art ist ein Hoffnungsschimmer, weil sie zeigt, dass Leben selbst unter schwierigen Bedingungen fortbestehen kann – und eine Mahnung, genauer hinzusehen, bevor aus übersehenen Arten tatsächlich verlorene werden.
Quellen
- Sihvonen, P., Lee, K. M., Söderholm, M., et al. (2025). Drepanogynis insciata (Felder & Rogenhofer, 1875), a South African geometrid moth lost to science rediscovered after more than 140 years (Lepidoptera, Geometridae, Ennominae). ZooKeys, 1261, 261–276. https://doi.org/10.3897/zookeys.1261.171904
- Truscott, R. (2026, 11. Februar). Citizen science rediscovers rare South African moth. Mongabay.
https://news.mongabay.com/2026/02/citizen-science-rediscovers-rare-south-african-moth/
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