Moorfrosch (Rana arvalis) - Moore als Lebensraum
Der Moorfrosch (Rana arvalis) ist wohl einer der bekanntesten Moorbewohner. Dabei besiedelt er nicht nur Moore, sondern auch andere nasse Lebensräume wie Bruchwälder, Nasswiesen, sumpfiges Grünland und Auen. Bild: Depositphotos (Kooperation)

Mehr als Kohlenstoffspeicher: Moore als Lebensräume bedrohter Arten

Moore gelten seit jeher als geheimnisvolle, schwer zugängliche Landschaften. In Geschichten und Filmen erscheinen sie oft als gefährliche Orte mit schwankendem Boden, dunklem Wasser und Nebel – Orte, an denen man versinken oder spurlos verschwinden könnte. Ökologisch sind sie jedoch weit mehr als diese alte Vorstellung: Sie zählen zu den bedeutendsten natürlichen Kohlenstoffspeichern der Erde und spielen damit eine wichtige Rolle für den Klimaschutz.

Obwohl sie nur etwa 3 % der weltweiten Landfläche bedecken, speichern sie ungefähr doppelt so viel Kohlenstoff wie die gesamte Biomasse aller Wälder der Erde zusammen. Solange Moore nass bleiben, wächst ihr Torfkörper weiter und bindet Kohlenstoff über Jahrhunderte oder Jahrtausende. Werden sie entwässert, kehrt sich diese Wirkung um: Der Torf zersetzt sich, gespeicherter Kohlenstoff wird freigesetzt, und aus einem Klimaschützer wird eine Emissionsquelle.

Aus diesem Grund sind Moore längst ein zentrales Klimathema. Doch wer sie nur als Kohlenstoffspeicher betrachtet, übersieht einen zweiten, ebenso wichtigen Aspekt: Moore sind Lebensräume hochspezialisierter Arten. Viele Pflanzen, Tiere und Pilze kommen nur dort vor, wo Wasserstände dauerhaft hoch bleiben, Nährstoffe knapp sind und Torfmoose, Seggen, Wollgräser oder Zwergsträucher besondere Lebensgemeinschaften bilden. Der Schutz von Mooren dient daher nicht allein dem Klimaschutz, sondern trägt zugleich zum Erhalt dieser besonderen Arten und Lebensgemeinschaften bei.

Wie schnell solche Lebensräume aus dem Gleichgewicht geraten können, zeigt eine aktuelle Analyse der Universität Wien. Rund 200 österreichische Moore wurden erneut untersucht – mehr als drei Jahrzehnte nachdem sie Ende der 1980er-Jahre bereits für den Österreichischen Moorschutzkatalog erfasst worden waren. Das Ergebnis ist deutlich: Viele Moore sind heute trockener, nährstoffreicher und stärker beschattet als damals.

Das bleibt nicht folgenlos für die Artenzusammensetzung. Moortypische Pflanzen verlieren an Konkurrenzkraft, während Gehölze, Pfeifengras und andere Arten zunehmen, die von trockeneren oder nährstoffreicheren Bedingungen profitieren. Auf den ersten Blick kann das sogar wie ein Gewinn wirken, weil die Zahl der Pflanzenarten stellenweise steigt. Ökologisch ist es jedoch ein Warnsignal, denn die einzigartige Artenvielfalt der Moore entsteht gerade durch Nässe, Nährstoffarmut, Sauerstoffmangel und extreme Standortbedingungen. Verschwinden diese Bedingungen, verschwinden auch die Arten, die auf sie spezialisiert sind.

Die österreichischen Ergebnisse stehen damit für ein Problem, das weit über Österreich hinausreicht. Auch in Deutschland sind viele Moore seit Langem entwässert, land- oder forstwirtschaftlich genutzt, nährstoffbelastet oder durch den Klimawandel zusätzlich unter Druck geraten. Eine 2025 veröffentlichte Studie aus Schleswig-Holstein zeigt ähnliche Entwicklungen: Historische Vegetations- und Kartierungsdaten aus den 1930er-Jahren wurden mit heutigen Biotopdaten verglichen. Früher dominierten dort artenreichere, mäßig genutzte Feuchtgrünland-Ökosysteme; heute sind viele Moorstandorte artenärmer oder verbracht. Gleichzeitig sind die geschätzten Treibhausgasemissionen stark gestiegen.

Moore in Deutschland, Europa und der Welt: wichtige Zahlen

Wie groß das Problem ist, zeigt eine Übersicht (2024) der Moorforscherin Franziska Tanneberger. Weltweit gelten etwa 12 % der Moorflächen als degradiert. Jedes Jahr gehen weitere rund 500.000 Hektar natürliche Moore verloren – etwa zehnmal schneller als sie wachsen können.

Hochmoor Stengelhaide (Sachsen, Deutschland)
Hochmoor Stengelhaide bei Kühnhaide in Sachsen: Die Vegetation ist geprägt von Torfmoosen, Wollgras und Birkenaufwuchs. Der Torfabbau wurde 1990 eingestellt; seitdem wird versucht, den Torfkörper durch Wiedervernässung und Wasseranstau zu revitalisieren.
Bild: Doreen Fräßdorf

Auch Europa ist stark betroffen. Nach Tanneberger sind hier etwa 25 % der Moore degradiert, in der Europäischen Union sogar rund 50 %. Nur 16 % der europäischen Moorflächen liegen in Schutzgebieten, und selbst dort ist ein wirksamer Schutz des Wasserhaushalts nicht automatisch gesichert. Bisher wurde in Europa weniger als 1 % der Moore wiedervernässt.

Deutschland ist ein sehr deutliches Beispiel für diese Entwicklung. Moorböden nehmen hier etwa 1,8 Millionen Hektar ein, also rund 5 % der Landesfläche. Besonders hohe Moorbodenanteile haben Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Brandenburg. Weitere Schwerpunkte liegen in Bayern, Teilen Baden-Württembergs sowie in Mittelgebirgen wie Harz, Erzgebirge und Fichtelgebirge.

Der Zustand dieser Flächen ist jedoch stark verändert. Tanneberger beschreibt Deutschland als ein Land massiver Moorzerstörung: Nur etwa 2 % der Moore gelten noch als naturnah. Rund 95 % sind mittlerweile entwässert, bebaut, abgetorft oder landwirtschaftlich genutzt; etwa 4 % wurden bisher wiedervernässt. Dadurch werden Moore vom Klimaschützer zum Klimaproblem. Entwässerte Moorböden sind in Deutschland für rund 7 % der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich, obwohl Moorböden nur einen kleinen Teil der Landesfläche ausmachen. Moore entscheiden also mit darüber, wie viel Kohlenstoff in Landschaften gespeichert bleibt und ob spezialisierte Arten weiterhin Lebensräume finden.

Was genau sind Moore?

Moore findet man auf allen Kontinenten. Sie entstehen dort, wo Böden dauerhaft wassergesättigt sind und abgestorbene Pflanzenreste deshalb nur unvollständig zersetzt werden. Unter diesen nassen, sauerstoffarmen Bedingungen verrotten Pflanzen nicht vollständig. Stattdessen sammeln sich ihre Reste über Jahrhunderte oder Jahrtausende als Torf an. Erst diese fortlaufende Torfbildung macht ein Moor aus: Torf ist also kein gewöhnlicher Boden, sondern langsam gewachsenes Pflanzenmaterial – und zugleich ein großer Kohlenstoffspeicher.

Je nach Wasser- und Nährstoffversorgung unterscheidet man verschiedene Moortypen. Niedermoore werden vor allem durch Grundwasser, Quellwasser oder Oberflächenwasser gespeist. Sie sind meist nährstoffreicher und können sehr unterschiedliche Pflanzengemeinschaften tragen. Hochmoore, auch Regenmoore genannt, erhalten ihr Wasser dagegen fast ausschließlich aus Regen. Sie sind besonders nährstoffarm, sauer und stark spezialisiert; typische Arten sind Torfmoose, Sonnentau, Moosbeere, Rosmarinheide oder Wollgräser. Zwischenmoore stehen ökologisch zwischen beiden Formen: Sie zeigen Merkmale grundwasserbeeinflusster Niedermoore, entwickeln aber bereits Eigenschaften nährstoffärmerer, regenwassergeprägter Moore.

Diese Unterschiede in Wasser- und Nährstoffversorgung prägen nicht nur den jeweiligen Moortyp, sondern auch die dort lebenden Arten. Hochmoore, Niedermoore und Zwischenmoore bieten sehr unterschiedliche Bedingungen – von nährstoffarm, sauer und regenwassergeprägt bis hin zu grundwasserbeeinflusst und artenreicher.

Hochmoor & Niedermoor Vergleich
Rein optisch lassen sich Niedermoore, Zwischenmoore und Hochmoore nur grob unterscheiden. Hochmoore (links) wirken meistens offen, nährstoffarm und torfmoosreich, Niedermoore (rechts) dagegen eher wie Feuchtwiesen, Röhrichte oder Seggensümpfe. Zwischenmoore bilden Übergänge und sind kaum eindeutig zu erkennen. Entscheidend ist, woher das Wasser kommt: Hochmoore leben fast nur vom Regen, Niedermoore vom Grund-, Quell- oder Oberflächenwasser; Zwischenmoore zeigen Merkmale beider Moortypen.

Neben den drei Grundtypen Hochmoor, Niedermoor und Zwischenmoor gibt es zahlreiche feinere Moorformen. Allein für Mitteleuropa werden 26 verschiedene Moor-Naturraumtypen beschrieben. Maßgeblich sind dabei ihre Entstehung, die Herkunft des Wassers, der Nährstoffgehalt und die jeweils prägende Vegetation. Dazu zählen etwa Verlandungsmoore, Quellmoore, Hangmoore, Durchströmungsmoore, Seggenriede, Röhrichte sowie Moor- und Bruchwälder. Deutschland gilt als das Land in Europa, das die meisten verschiedenen Moorformen aufweist.

Ein Moor ist deshalb nicht zwangsläufig eine kleine sumpfige Wasserstelle. Viele Moore bilden großflächige Moorkomplexe, die sich über viele Hektar oder mehrere Quadratkilometer erstrecken können. Innerhalb eines solchen Gebietes können offene Wasserflächen, Torfmoosrasen, Schwingrasen, Moorheiden, Röhrichte oder bewaldete Moorbereiche nebeneinander vorkommen. Je nach Wasserstand, Nährstoffgehalt und Vegetation entstehen so sehr unterschiedliche Lebensräume – und damit auch Lebensbedingungen für jeweils andere Arten.

Weshalb intakte Moore verschwinden

Viele Moore wurden durch menschliche Eingriffe stark verändert – sie wurden nicht zufällig trocken, sondern gezielt entwässert und entwaldet für Land- und Forstwirtschaft. Entwässerungsgräben, Drainagen, begradigte Bäche und Pumpwerke sollten nasse Moorflächen für Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Siedlungen oder Torfabbau nutzbar machen. Dadurch sinkt der Wasserstand, der Moorboden wird tragfähiger, und der ursprünglich nasse Lebensraum verändert sich grundlegend.

Landwirtschaft und Düngung erhöhen zusätzlich den Nährstoffeintrag, Aufforstung und Verbuschung verändern Licht- und Temperaturverhältnisse. In Deutschland werden mehr als zwei Drittel aller Moore landwirtschaftlich, insbesondere zur Gewinnung von Viehweiden, genutzt.

Besonders direkt greift der Torfabbau in den Moorkörper ein: Dabei wird der über lange Zeit gewachsene Torf abgetragen, vor allem für Blumenerde, Anzuchterden und Kultursubstrate im Gartenbau. Torf war lange beliebt, weil er leicht ist, viel Wasser speichert, nährstoffarm ist und sich gut zu gleichmäßigen Substraten verarbeiten lässt. Für den privaten Garten ist er heute jedoch nicht mehr notwendig, da torffreie und torfreduzierte Erden breit verfügbar sind. Ökologisch ist Torfabbau kaum zu rechtfertigen, weil dabei ein sehr langsam gewachsener Lebensraum zerstört wird.

Torfstich in Bad Zwischenahn
Alter Torfstich im Kayhauser Moor bei Bad Zwischenahn. Torfstiche entstanden durch den Abbau von Torf, der früher als Brennstoff und später vor allem im Gartenbau genutzt wurde. Zurück bleiben eingeschnittene, oft wassergefüllte Bereiche im Moorkörper.
Bild: JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Auch der Klimawandel setzt Moore zusätzlich unter Druck. Höhere Temperaturen erhöhen die Verdunstung, längere Trockenphasen und veränderte Niederschläge können Wasserstände senken. Niedermoore, die stark vom Grundwasser abhängen, reagieren äußerst empfindlich auf sinkende Grundwasserstände. Wird ein Moor trockener, gelangt mehr Sauerstoff in den Torf. Dann beginnt er sich stärker zu zersetzen, und der zuvor gespeicherte Kohlenstoff wird als Treibhausgas freigesetzt.

Ein Moor verliert dadurch gleich mehrfach: Es speichert weniger Kohlenstoff, gibt Treibhausgase ab, verliert seine Fähigkeit zum Wasserrückhalt und wird für viele spezialisierte Arten unbewohnbar. Zudem erhöht Entwässerung die Gefahr von Moorbränden. Intakte, nasse Moore brennen kaum; trockener Torf kann sich dagegen entzünden und als Schwelbrand unter der Oberfläche weiterbrennen. Solche Brände sind schwer zu löschen und setzen in kurzer Zeit große Mengen Kohlendioxid sowie gesundheitsschädlichen Rauch frei. Moorbrände zerstören daher nicht nur Lebensräume, sondern verschärfen auch die Klimawirkung bereits geschädigter Moore.

10 Arten, die Moore brauchen

Hochmoor-Laufkäfer (Carabus menetriesi)
Hochmoor-Großlaufkäfer (Carabus menetriesi)
Dieser bis zu 2,4 cm große Laufkäfer ist ein hochspezialisierter Moorbewohner. Er besiedelt sehr feuchte, kühle Moorbereiche und ist auf hohe Bodenfeuchtigkeit sowie kleinräumig niedrige Temperaturen angewiesen. In Deutschland gilt er als vom Aussterben bedroht; es sind nur wenige Vorkommen bekannt, u. a. in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern. Trockenlegung, Grundwasserabsenkung, Torf- und Materialentnahme, Stoffeinträge sowie direkter Flächenverlust gefährden seine Lebensräume.
Bild: Carabus menetriesi subsp. menetriesi Hummel, 1827 Observed in Russian Federation by zincarabus, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Braunes Torfmoos Sphagnum fuscum
Braunes Torfmoos (Sphagnum fuscum)
Diese Art lebt in sauren, nährstoffarmen Hoch- und Zwischenmooren. Wie andere Torfmoose kann sie große Mengen Wasser speichern, ihre Umgebung versauern und durch Wachstum zur Torfbildung beitragen. Während die Pflanze nach oben weiterwächst, sterben ältere Teile unter Luftabschluss ab und werden nur unvollständig zersetzt – so entsteht Torf. In Deutschland ist das Braune Torfmoos stark gefährdet, insbesondere durch den Verlust nasser, nährstoffarmer Moorlebensräume.
Bild: HermannSchachner, CC0, via Wikimedia Commons
Hochmoor-Perlmuttfalter (Boloria aquilonaris)
Hochmoor-Perlmuttfalter (Boloria aquilonaris)
Der Hochmoor-Perlmuttfalter ist eng an Hochmoore und saure, nährstoffarme Zwischenmoore gebunden. Seine Raupen fressen an typischen Moorpflanzen wie der Moosbeere und Rosmarinheide (Andromeda polifolia). Erwachsene Falter suchen Nektar auch in angrenzenden Niedermooren oder Wiesen. Durch Entwässerung und Torfabbau sind viele Hochmoore verschwunden; die Art ist in Deutschland stark gefährdet.
Bild: Kristof Zyskowski & Yulia Bereshpolova, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Langblättriger Sonnentau (Drosera longifolia)
Langblättriger Sonnentau (Drosera anglica)
Der Langblättrige Sonnentau ist eine fleischfressende Moorpflanze und die seltenste Sonnentau-Art in Deutschland; sie ist stark gefährdet. Sie wächst vor allem in sonnigen, dauerhaft nassen Hochmoor-Schlenken, Zwischenmooren und Flachmooren, meist zusammen mit Torfmoosen. Ungewöhnlich für Sonnentau ist seine vergleichsweise hohe Kalktoleranz; im Alpenvorland kommt er auch in kalkhaltigen Quellmooren vor. Viele frühere Fundorte, besonders in Nordwestdeutschland, sind verschwunden.
Bild: NoahElhardt, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola)
Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola)
Der Seggenrohrsänger ist ein Spezialist nasser, insektenreicher Niedermoore mit niedrigen Seggenbeständen und flachem Wasserstand. In Deutschland kam er zuletzt nur noch im Unteren Odertal vor; der letzte Brutverdacht stammt aus dem Jahr 2013. Hauptursachen seines Rückgangs sind Entwässerung, Torfabbau, Flussbegradigungen, intensive Mahd und der Verlust offener Feuchtgebiete. Bundesweit gilt die Art als Brutvogel in Deutschland ausgestorben.
Bild: Ron Knight from Seaford, East Sussex, United Kingdom, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Moor-Hallimasch (Desarmillaria ectypa)
Moor-Hallimasch (Desarmillaria ectypa)
Der Moor-Hallimasch ist ein sehr seltener Pilz wassergesättigter Moorlebensräume. Er wächst in Hochmooren, Torfmooren und alkalischen Niedermooren, oft zwischen Torfmoosen, Seggen, Wollgras oder Schilf. In Deutschland ist die Art vom Aussterben bedroht. Zugleich trägt Deutschland eine besonders hohe Verantwortung für ihren Erhalt, da hier ein bedeutender Teil der bekannten Weltvorkommen liegt. Weltweit sind nur wenige Vorkommen bekannt; auch global nehmen die Bestände ab.
Bild: Desarmillaria ectypa (Fr.) R.A.Koch & Aime Observed in Russian Federation by Marina Privalova, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Moorkäferzikade (Ommatidiotus dissimilis)
Moorkäferzikade (Ommatidiotus dissimilis)
Die Moorkäferzikade, auch Moorwalzenzikade genannt, ist eine hoch spezialisierte Art der Regen- und Zwischenmoore. Sie lebt auf Torfmoospolstern und saugt Pflanzensäfte, vermutlich vor allem (oder nur) am Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum). Wegen dieser engen Bindung an Moorlebensräume gilt sie als tyrphobiont. In Deutschland kommt sie insbesondere in Regenmooren Nordwestdeutschlands und im Alpenvorland vor; bundesweit ist sie stark gefährdet.
Bild: Ommatidiotus dissimilis (Fallén, 1806) Observed in Netherlands (Kingdom of the) by Gerard Beersma, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Typische Pflanze der Moore: Zwerg-Birke (Betula nana)
Zwerg-Birke (Betula nana)
Die Zwerg-Birke wächst oft strauchförmig in kleinen Gruppen. In Mitteleuropa besiedelt sie nasse, saure und nährstoffarme Torfböden in Hoch- und Niedermooren, Moorwiesen und an Bruchwaldrändern. Häufig wächst sie zusammen mit typischen Moorpflanzen wie Sonnentau und Torfmoos. In Deutschland ist sie vom Aussterben bedroht; gefährdet ist sie vor allem durch Entwässerung, Wassermangel und die zunehmende Konkurrenz durch höherwüchsige Gehölze.
Bild: El Grafo, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica elisabethae)
Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica elisabethae)
Die Hochmoor-Mosaikjungfer gehört mit bis zu 10,5 Zentimetern Flügelspannweite zu den großen Libellen Mitteleuropas. Sie ist eng an Hochmoorgewässer mit Torfmoos-Schwingrasen gebunden; ihre Larven leben zwischen den Torfmoosen, die Weibchen stechen ihre Eier in diese Pflanzen ein. Weil sie kaum auf andere Moorlebensräume ausweichen kann, trifft sie die Zerstörung und Trockenlegung von Moorgewässern besonders stark. In Deutschland ist die Hochmoor-Mosaikjungfer vom Aussterben bedroht.
Bild: Aeshna subarctica subsp. elisabethae Djakonov, 1922 Observed in Franceby Bastien Louboutin, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Schlankes Wollgras (Eriophorum gracile)
Schlankes Wollgras (Eriophorum gracile)
Diese krautige Pflanzenart wächst in nährstoffarmen, dauerhaft nassen Mooren und Moorwäldern, vor allem in Zwischenmooren, auf Schwingrasen und an verlandenden Moorgewässern. Die Art ist auf stickstoffarme, saure bis mäßig saure Böden angewiesen und reagiert empfindlich auf Nährstoffeinträge. Deutschland trägt eine besondere Verantwortung, da hier etwa 10 % des Areals liegen. Bundesweit ist das Schlanke Wollgras vom Aussterben bedroht; seine Bestände gehen weiter zurück.
Bild: Eriophorum gracile W.D.J.Koch Observed in Russian Federation by Елена Левкина, CC BY-NC 4.0, via GBIF

Artenvielfalt im Moor: Spezialisten unter Extrembedingungen

Moore sind keine besonders artenreichen Lebensräume im herkömmlichen Sinn. Ihr Wert liegt vor allem darin, dass sie hochspezialisierte Arten beherbergen, die ökologisch an den Lebensraum Moor gebunden (tyrphobiont) und an die dortigen Gegebenheiten angepasst sind. Viele dieser Arten sind außerhalb intakter Moore kaum konkurrenzfähig und langfristig nicht überlebensfähig, weshalb die Zerstörung von Moore ihr Aussterben bedeuten kann.

Typische Moorpflanzen

Pflanzen in Mooren müssen mit Bedingungen zurechtkommen, die für viele andere Arten schwierig sind: dauerhaft nasse Böden, Sauerstoffmangel im Wurzelraum, wenig verfügbare Nährstoffe und in Hochmooren oft ein saures Milieu. Moorpflanzen sind deshalb häufig Spezialisten. Sie wachsen nicht unbedingt ausschließlich in Mooren, haben dort aber ihren Schwerpunkt – in einem Umfeld, in dem andere Pflanzen wegen Nässe und Nährstoffarmut kaum dauerhaft überleben können.

Eine zentrale Rolle spielen Torfmoose (Sphagnum spp.). Sie können Nährstoffe selbst in sehr geringer Konzentration aufnehmen, große Mengen Wasser speichern und ihre Umgebung versauern. Gleichzeitig tragen sie entscheidend zur Torfbildung bei: Während sie nach oben weiterwachsen, sterben ältere Pflanzenteile unten ab und werden unter Luftabschluss nur unvollständig zersetzt. So entsteht über lange Zeit Torf. Torfmoose sind daher nicht nur Bewohner der Moore, sondern Gestalter dieses Lebensraums.

Nicht alle Torfmoose wachsen an denselben Standorten. Einige Arten sind typisch für Hochmoore, andere kommen eher in Nieder- und Zwischenmooren, Moorwäldern, Quellbereichen oder an feuchten Hängen vor. Zu den für Moorbildung und Torfaufbau wichtigen Arten gehören unter anderem das Rötliche Torfmoos (Sphagnum rubellum), das Braune Torfmoos (S. fuscum), Magellans Torfmoos (S. magellanicum) und das Spitzblättrige Torfmoos (S. capillifolium).

Torfmoos Stengelhaide Moor
Torfmoose in einem stark vernässten Moorbereich
Die Pflanzen können große Mengen Wasser speichern und tragen entscheidend zur Torfbildung bei. Solche nassen Torfmoosflächen sind wichtige Mikrohabitate für spezialisierte Moorarten.
Bild: Doreen Fräßdorf

Typische Moorpflanzen sind außerdem Wollgräser, Seggen, Moosbeeren, Rauschbeeren (Vaccinium uliginosum), Rosmarinheide (Andromeda polifolia), die Drachenwurz (Calla palustris), Fieberklee (Menyanthes trifoliata) und in manchen Mooren auch die seltene Zwerg-Birke (Betula nana). In nährstoffarmen Mooren kommen zudem fleischfressende Pflanzen wie Sonnentau, Wasserschlauch oder Fettkraut vor. Sie gleichen den Nährstoffmangel teilweise aus, indem sie kleine Insekten oder andere Kleintiere „fangen“ und verwerten.

Viele dieser Pflanzen sind auf dauerhaft hohe Wasserstände angewiesen. Wird ein Moor entwässert oder mit Nährstoffen angereichert, verschieben sich die Verhältnisse. Dann breiten sich häufig Pfeifengras, Schilf, Birken, Kiefern, Gehölze oder andere Arten nährstoffreicherer Standorte aus. Für typische Moorpflanzen bedeutet das weniger Licht, veränderte Bodenbedingungen und stärkere Konkurrenz. Die typische Moorflora geht zurück, und auch viele spezialisierte Tiere verlieren die Bedingungen, die sie zum Überleben brauchen.

Die Zerstörung von Mooren spiegelt sich auch in der Roten Liste für Deutschland wieder: So sind etwa Rosmarinheide, Fettkräuter und Davalls Segge (Carex davalliana) gefährdet; Braunes Torfmoos, Langblättriger Sonnentau (Drosera anglica) und Sumpfenzian (Swertia perennis) gelten als stark gefährdet; und das Schlanke Wollgras (Eriophorum gracile) und die Zwerg-Birke sind sogar vom Aussterben bedroht.

Tierische Spezialisten im Moor

Intakte Moorlandschaften dienen mittlerweile auch als Rückzugsraum für viele weitere Arten, die ursprünglich nicht unbedingt in Mooren anzutreffen waren. So finden zum Beispiel manche Amphibien oder wiesenbrütende Vogelarten in entwässerten, strukturarmen und intensiv genutzten Landschaften keinen anderen Lebensraum mehr und weichen auf vitale Moore aus.

Wald- oder Mooreidechse (Zootoca vivipara)
Die Wald- oder Mooreidechse (Zootoca vivipara) kommt auch in kühlen, feuchten Lebensräumen wie Mooren, Feuchtheiden und nassen Waldlichtungen vor. Dort nutzt sie sonnige, trockene Stellen zum Aufwärmen und dichte Vegetation als Deckung.
Bild: Doreen Fräßdorf

Amphibien und Reptilien nutzen Moore dabei vor allem als nasse, strukturreiche Rückzugs- und Fortpflanzungsräume. Der bekannte Moorfrosch (Rana arvalis) laicht in flachen, sonnigen Gewässern und besiedelt neben Mooren auch Nasswiesen, Bruchwälder und Auen. Er ist also kein reiner Moor-Spezialist, zeigt aber, wie wichtig hohe Wasserstände für viele Amphibien sind.

Auch Reptilien wie Kreuzotter (Vipera berus) und Waldeidechse (Zootoca vivipara), auch Mooreidechse genannt, kommen in Moorlandschaften vor. Sie brauchen dort vor allem ein Mosaik aus feuchten Bereichen, Deckung und sonnigen Plätzen zum Aufwärmen.

Bei Säugetieren gibt es in Deutschland nur wenige Arten, die eng mit Mooren verbunden sind. Anders als viele Moorpflanzen oder Insekten sind sie nicht ausschließlich auf Moore angewiesen. Arten wie Sumpfspitzmaus (Neomys anomalus), Wasserspitzmaus (Neomys fodiens), Zwergmaus (Micromys minutus) oder Fischotter (Lutra lutra) nutzen Moore vor allem als nasse, strukturreiche Lebensräume mit Nahrung und Deckung. Auch Fledermäuse jagen über Mooren, weil dort viele Insekten vorkommen. Wirklich eng an Moore gebundene Spezialisten findet man unter den Wirbeltieren seltener als bei Torfmoosen, Moorpflanzen, bestimmten Insekten oder Pilzen.

Moorinsekten: Libellen, Schmetterlinge, Käfer & Co.

Moore sind wichtige Lebensräume für hochspezialisierte Insekten. Viele Arten sind an die nassen, nährstoffarmen, sauren und oft kühlen Bedingungen angepasst. Sehr deutlich zeigt sich das bei Libellen, deren Larven sich im Wasser entwickeln. Arten wie die Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica elisabethae) oder die Kleine Moosjungfer (Leucorrhinia dubia) sind auf saure, torfmoosreiche Moorgewässer angewiesen.

 Weißband-Torfschwebfliege (Sericomyia lappona)
Die Weißband-Torfschwebfliege (Sericomyia lappona) kommt in Mooren und anderen feuchten, nährstoffarmen Lebensräumen vor. Sie zeigt, dass Moore auch für wenig bekannte Insekten wichtige Rückzugsräume sind.
Bild: Doreen Fräßdorf

Auch die Alpen-Smaragdlibelle (Somatochlora alpestris) nutzt häufig kleine Wasserstellen in Mooren, etwa in Torfmoos-Schwingrasen. Damit sind schwimmende oder federnde Pflanzendecken aus Torfmoosen gemeint, die über wassergefüllten Bereichen wachsen. Für Libellenlarven haben Hochmoorgewässer einen wichtigen Vorteil: Raubfische fehlen dort normalerweise; gleichzeitig wachsen die Larven in den nährstoffarmen, sauren Gewässern oft langsam und benötigen teils mehrere Jahre bis zur Entwicklung.

Auch unter den Schmetterlingen gibt es Moorarten. Einige sind tyrphobiont, also dauerhaft an Hochmoore gebunden. Ihre Raupen sind oft auf wenige Moorpflanzen spezialisiert. Der Hochmoor-Gelbling (Colias palaeno) ist beispielsweise eng an die Rauschbeere gebunden, die Raupen des Hochmoor-Perlmuttfalters (Boloria aquilonaris) fressen an Blättern der Moosbeere, teils auch an Rosmarinheide, und die Hochmoor-Bodeneule (Coenophila subrosea) nutzt ebenfalls typische Moorpflanzen, darunter Rosmarinheide und kleine Moor-Birken (Betula pubescens). Weitere moortypische Falter sind der Heide-Bürstenspinner (Orgyia antiquoides), der Hochmoor-Bläuling (Agriades optilete) und das Moor-Wiesenvögelchen (Coenonympha tullia) – sie alle werden in der aktuellen Roten Liste der Tagfalter und Widderchen für Deutschland jeweils als stark gefährdet eingestuft, mit Ausnahme des Heide-Bürstenspinners, der in Deutschland allenfalls als Gast im Norden vorkommt.

Ein Beispiel für weniger bekannte Moorinsekten ist die Moorkäferzikade (Ommatidiotus dissimilis). Sie findet man in Deutschland vor allem in Regenmooren Nordwestdeutschlands und in den Alpen, wo sie Pflanzensaft aus Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum) saugt. Da diese Pflanze typisch für nährstoffarme Moorstandorte ist, ist auch die Zikade eng an intakte Moorlebensräume gebunden.

Auch Laufkäfer zeigen, wie spezialisiert Moorinsekten sein können. Einige Arten sind auf sehr feuchte, kühle und strukturreiche Moorstandorte angewiesen. Dazu gehören der Hochmoor-Glanzflachlaufkäfer (Agonum ericeti), der Hochmoor-Großlaufkäfer (Carabus menetriesi) und der Ufer-Laufkäfer (Carabus clatratus). Sie reagieren empfindlich auf Entwässerung, Verbuschung, Torfabbau und die Zerschneidung geeigneter Lebensräume.

Sogar Ameisen können moortypische Spezialisten sein. Die Schwarzglänzende Moorameise (Formica transkaucasica) und die Moor-Knotenameise (Myrmica vandeli) leben in sehr feuchten, kühlen Moorbereichen, nutzen Torfmoospolster als Teil ihres Lebensraums und nutzen die vom Sonnentau gefangenen Insekten als Nahrung. Beide Arten gelten hierzulande als stark gefährdet und sind in Mitteleuropa nur noch in unberührten Moorgebieten zu finden.

Vögel als Moorbewohner

Bei den Vögeln sind vor allem Arten offener, nasser Landschaften an Moore gebunden. Bekassine (Gallinago gallinago), Kiebitz (Vanellus vanellus), Großer Brachvogel (Numenius arquata) und Uferschnepfe (Limosa limosa) brauchen feuchte Böden, offene Flächen und ein reiches Angebot an Würmern, Insekten und anderen Wirbellosen. Sie brüten nicht ausschließlich in Mooren, profitieren aber stark von intakten Mooren, Feuchtwiesen und nassen Niederungen.

Enger an Moorlandschaften gebunden sind Arten wie der Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) und das Birkhuhn (Lyrurus tetrix). Der Goldregenpfeifer brütete in Deutschland vor allem in weiten, offenen Moor- und Heidegebieten; seit 2015 wurde hierzulande kein Brutpaar mehr festgestellt. Das Birkhuhn nutzt großräumige, offene bis halboffene Moor-, Heide- und Berglandschaften mit Balzplätzen, Deckung und störungsarmen Bereichen. Auch der Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola) ist ein Spezialist nasser, offener Seggenmoore und gehört europaweit zu den am stärksten bedrohten Singvögeln.

Für viele dieser Vogelarten gilt: Moore sind nur dann geeignet, wenn sie nass, offen und störungsarm bleiben. Entwässerung, Verbuschung, intensive Landwirtschaft und Zerschneidung verändern die Lebensräume so stark, dass typische Moor- und Feuchtgebietsvögel verschwinden.

Birkhuhn (Lyrurus tetrix)
Das Birkhuhn (Lyrurus tetrix) lebt in offenen bis halboffenen Landschaften, etwa an Moorrändern, in Heiden, lichten Wäldern und in den Alpen an der Baumgrenze. Durch Entwässerung und Abtorfung von Mooren, Heideverlust sowie vermehrte Störungen sind die Bestände stark zurückgegangen. In Deutschland gilt die Art mittlerweile als stark gefährdet.
Bild: Pierre-Marie Epiney, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Pilze im Moor

Auch Pilze gehören zur Artenvielfalt der Moore, obwohl sie oft weniger auffallen als Torfmoose, Sonnentau, Libellen oder Vögel. Sie erfüllen wichtige ökologische Funktionen: Einige zersetzen abgestorbene Pflanzenreste, Holz oder Torfmoose, andere leben als Mykorrhiza-Pilze in enger Verbindung mit Moorpflanzen. Gerade in nährstoffarmen Moorböden können solche Pilz-Pflanzen-Beziehungen wichtig sein, weil sie Pflanzen bei der Aufnahme von Nährstoffen unterstützen.

Zu den auffälligen Moorpilzen zählt der Moor-Hallimasch (Desarmillaria ectypa, früher oft Armillaria ectypa), der in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Er wächst in nassen Moorlebensräumen, etwa in Hochmooren, Torfmooren und alkalischen Niedermooren mit Torfmoosen, Seggen, Wollgras oder Schilf. Auch der Moor-Birkenpilz (Leccinum holopus) ist eng mit feuchten Moor- und Birkenstandorten verbunden, weil er mit Birken eine Wurzelsymbiose bildet.

Pilze können auf unterschiedliche Weise im Moor leben: Der Sandröhrling (Suillus variegatus) kommt häufig in sauren, moorigen Kiefernwäldern vor. Kleine torfmoosbewohnende Pilze wie Sumpf-Häublinge (Galerina spp.) oder Helmlinge (Mycena spp.) wachsen direkt zwischen Torfmoosen und sind auf dauerhaft feuchte Bedingungen angewiesen.

Pilze zeigen, dass Moore nicht nur Lebensräume für Pflanzen, Insekten, Amphibien oder Vögel sind. Sie beherbergen auch eigene, oft übersehene Pilzgemeinschaften. Werden Moore entwässert, nährstoffreicher oder verbuschen sie, verändern sich auch diese Lebensgemeinschaften: Arten nasser, torfmoosreicher Standorte gehen zurück, während Pilze trockenerer oder stärker bewaldeter Standorte zunehmen können.

Wiedervernässung als Chance für Klima und Arten

Tanneberger zeigt, dass Wiedervernässung und nasse Nutzung zentrale Bausteine des Moorschutzes sind. Allerdings setzt Wiedervernässung geschädigte Moore nicht einfach in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Sie kann aber messbar dazu beitragen, dass moortypische Arten zurückkehren und sich die Biodiversität erholt. Eine Metaanalyse (2023) von Marvin Beckert und Ana Carolina Rodríguez wertete 62 Studien zu Moorrevitalisierungen in der gemäßigten Klimazone aus. Dabei wurden revitalisierte Moore mit entwässerten und naturnahen Moorflächen verglichen.

Das Ergebnis: Im Vergleich zu degradierten Mooren war die allgemeine Biodiversität in revitalisierten Mooren im Durchschnitt um 49 % höher. Besonders stark profitierten moortypische Arten: Sie kamen dort nicht nur häufiger vor, sondern auch in größerer Artenzahl. Die Häufigkeit moortypischer Arten lag in revitalisierten Mooren im Durchschnitt um 124 % höher als auf entwässerten Vergleichsflächen; die Zahl moortypischer Arten war um 65 % höher.

Wiedervernässung wirkt also. Sie verbessert den Wasserhaushalt und schafft wieder Bedingungen, unter denen spezialisierte Moorarten leben können. Dabei spielen Torfmoose eine zentrale Rolle, weil sie für die Torfbildung und damit für die langfristige Entwicklung naturnaher Hochmoore entscheidend sind.

Gleichzeitig zeigt die Analyse die Grenzen der Revitalisierung: Revitalisierte Moore erreichen die Werte naturnaher Moore meist nicht. Im Vergleich zu naturnahen Mooren lag die allgemeine Biodiversität in revitalisierten Mooren durchschnittlich 11 % niedriger. Moortypische Arten kamen dort im Durchschnitt 37 % seltener vor; auch die Zahl moortypischer Arten war um 31 % geringer.

Insbesondere bei Moosen bleibt die Lücke zu naturnahen Mooren groß. Das ist ökologisch wichtig, weil bestimmte Torfmoose – vor allem Arten der Gattung Sphagnum – für die Torfbildung unverzichtbar sind. Die Rückkehr der Moose kann deutlich langsamer verlaufen als die Wiederbesiedlung durch manche Tiergruppen.

Bei wirbellosen Tieren zeigen sich teils schnellere Erfolge. Die Studie nennt Beispiele, bei denen für Moore typische Insekten revitalisierte Flächen wiederbesiedelten. In finnischen Mooren wurde etwa eine rasche Rückkehr Wirbelloser beobachtet. Auch bei Laufkäfern kann sich die Artengemeinschaft nach Wiedervernässung verändern: Generalisten werden teils durch Moorarten ersetzt. Allerdings bleibt die Zusammensetzung der Fauna häufig anders als in naturnahen Mooren. Einige hochspezialisierte und gefährdete Arten können selbst nach 15 Jahren noch fehlen.

Die Revitalisierung wirkt zudem nicht sofort. In den ersten fünf Jahren nach Beginn einer Maßnahme sind oft noch keine deutlichen Effekte auf Moorarten zu erkennen. Signifikante Verbesserungen zeigen sich meist erst nach fünf bis zehn Jahren oder später. Wiedervernässung ist also keine Sofortmaßnahme, sondern ein langfristiger Prozess.

Besonders positive Effekte wurden dort festgestellt, wo Wiedervernässung mit weiteren Maßnahmen kombiniert wurde. Dazu zählen das Verschließen von Entwässerungsgräben, hydrologische Pufferzonen, Oberbodenabtrag oder das Ausbringen moortypischer Pflanzenarten. Gerade auf ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen oder Torfabbauflächen kann das wichtig sein, wenn nährstoffreiche Oberböden und Samenbanken der Grünlandvegetation die Rückkehr moortypischer Arten erschweren.

Wiedervernässung kann geschädigte Moore somit ökologisch deutlich aufwerten. Sie erhöht die moortypische Biodiversität, fördert spezialisierte Arten und verbessert langfristig die Voraussetzungen für torfbildende Ökosysteme. Dennoch ersetzt sie nicht den Schutz naturnaher Moore. Intakte Moore bleiben biologisch wertvoller und lassen sich, wenn sie einmal zerstört sind, nur langsam und oft unvollständig wiederherstellen.

Moor: Wiese mit Scheiden-Wollgras
Das Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum) ist eine typische Moorpflanze und wichtige Nahrungspflanze spezialisierter Insekten wie der Moorkäferzikade. Die weißen Fruchtstände prägen im Frühsommer viele nasse, nährstoffarme Moorflächen. In Deutschland steht die Art auf der Vorwarnliste.
Bild: Doreen Fräßdorf

Nasse Nutzung nach Wiedervernässung

Eine wichtige Frage ist, wie wiedervernässte Moorflächen künftig genutzt werden können, denn viele Moorböden befinden sich bisher in land- oder forstwirtschaftlicher Nutzung. Der Mooratlas (2023) nennt dafür vor allem Paludikultur als Möglichkeit: Damit ist die land- oder forstwirtschaftliche Nutzung nasser oder wiedervernässter Moorflächen gemeint. Anders als bei herkömmlicher Landwirtschaft wird der Moorboden dabei nicht trockengelegt, sondern der Wasserstand bleibt möglichst ganzjährig hoch. Der Torfkörper bleibt nass, wird weniger stark abgebaut und setzt deutlich weniger Treibhausgase frei.

Paludikultur versucht also, Moorschutz und Nutzung miteinander zu verbinden. Auf nassen Moorflächen können zum Beispiel Schilf, Rohrkolben, Seggen, Erlen oder Torfmoose angebaut werden. Auch die Nutzung von Nasswiesen-Biomasse zur Energiegewinnung oder eine extensive Beweidung, etwa mit Wasserbüffeln, können dazugehören. Die gewonnenen Rohstoffe lassen sich unter anderem für Dämmstoffe, Bauplatten, Reetdächer, Papier, Verpackungen, torffreie Substrate oder regionale Wärme nutzen.

Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet Paludikultur jedoch einen großen Systemwechsel. Wasserstände müssen angehoben, neue Pflanzenbestände aufgebaut, passende Maschinen eingesetzt und neue Absatzwege geschaffen werden. Trotzdem bietet sie eine wichtige Perspektive: Moorflächen können wieder nass werden, ohne vollständig aus der Nutzung zu fallen. Damit lassen sich Emissionen reduzieren, Wasser in der Landschaft halten und zugleich Lebensräume für moortypische Arten erhalten oder wiederherstellen.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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