Seit über 50 Millionen Jahren leben Lemuren ausschließlich auf Madagaskar, wo sie sich in völliger Isolation zu mehr als 100 heute bekannten Arten entwickelt haben – vom winzigen Mausmaki bis zum imposanten Indri. Auf keinem anderen Kontinent und keiner anderen Insel existieren sie in freier Wildbahn. Doch ausgerechnet in ihrem einzigen natürlichen Lebensraum stehen sie nun vor einer beispiellosen Krise: Lemuren sind mittlerweile die am stärksten bedrohte Wirbeltiergruppe der Erde.
Laut der IUCN Roten Liste gelten fast 95 % aller Lemurenarten als bedroht. Drei der ursprünglich acht Lemurenfamilien sind bereits vollständig verschwunden: die Koala-Lemuren, die Faultier-Lemuren wie Palaeopropithecus ingens sowie die Pavian-Lemuren – ausgelöscht durch Lebensraumverlust und intensive Jagd.
Was sagt die IUCN Rote Liste über Lemuren?
Die Rote Liste der IUCN macht das Ausmaß der Krise deutlich: 105 der 111 erfassten Lemurenarten gelten als bedroht (CR, EN, VU).

(© Charles J. Sharp, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
- Zu den am stärksten betroffenen Arten zählen 32 Lemuren, die als vom Aussterben bedroht (CR) eingestuft sind, etwa der Larvensifaka (Propithecus verreauxi).
- 45 Arten werden als stark gefährdet (EN) geführt, darunter bekannte Arten wie der Katta (Lemur catta).
- Weitere 28 Arten fallen in die Kategorie gefährdet (VU), etwa der Braune Maki (Eulemur fulvus).
- Als potenziell gefährdet (NT) ist der Goodman-Mausmaki (Microcebus lehilahytsara) gelistet.
- Nur 2 Arten – der Graubraune Mausmaki (Microcebus griseorufus) und der Graue Mausmaki (Microcebus murinus) – gelten derzeit als nicht gefährdet (LC), obwohl auch bei ihnen die Bestände abnehmen.
- 2 jüngst beschriebene Arten, der Groves-Fettschwanzmaki (Cheirogaleus grovesi, 2017) und der Nosy-Boraha-Mausmaki (Microcebus boraha, 2016), sind aufgrund mangelnder Daten als Data Deficient (DD) gelistet, doch auch für sie meldet die IUCN sinkende Populationstrends.
Die Zahlen zeigen: Lemuren stehen am Rand eines massenhaften Aussterbens. Viele Populationen schrumpfen so schnell, dass ohne sofortige Schutzmaßnahmen ein unwiederbringlicher Verlust droht. Mehrere Arten finden sich zudem in der internationalen IUCN-Top25 der am stärksten bedrohten Primaten.
Der neue Treiber des Artensterbens: Der urbane Lemurenfleisch-Handel
Neben den bekannten Bedrohungen wie Lebensraumverlust, illegaler Abholzung und traditioneller Jagd rückt eine neue Studie (2025) aus Conservation Letters einen bislang unterschätzten Faktor in den Mittelpunkt: den illegalen, zunehmend städtisch geprägten Handel mit Lemurenfleisch.
Die vierjährige Untersuchung zeigt, dass jedes Jahr fast 13.000 Lemuren getötet und konsumiert werden, obwohl die Jagd seit 1960 verboten ist. Die Nachfrage stammt vor allem aus städtischen Gebieten, in denen Lemurenfleisch als „Luxusprodukt“ gilt. Die Autoren um Cortni Borgerson warnen, dass diese Entwicklung mehrere bedrohte Arten innerhalb weniger Jahre an den Rand der Ausrottung treiben könnte.
Wie groß ist der urbane Handel mit Lemurenfleisch?
Die Forschenden befragten 2.600 Menschen in 17 großen Städten, darunter Jäger, Käufer, Händler und Restaurantpersonal. Zusätzlich wurden 2.573 Restaurants untersucht und Handelsketten vom Teller bis zurück in die Wälder rekonstruiert.
Das Ergebnis: Der Handel ist deutlich größer, organisierter und unsichtbarer als bisher angenommen. Zwar taucht Lemurenfleisch in mehr als einem Drittel der Städte auf Speisekarten auf, doch Restaurants sind nur ein kleiner Teil des Geschäfts. 94,5 % des Handels laufen über verdeckte Direktnetzwerke zwischen Jägern, Zwischenhändlern und wohlhabenden Konsumentinnen und Konsumenten.
Da nahezu alle Lemurenarten bedroht sind, verschärft dieser Konsum ihren Populationsrückgang massiv. Ohne gezielte Maßnahmen zur Reduktion der Nachfrage und zur Schaffung alternativer Einkommensquellen wird sich die Lage weiter verschlimmern.
Welche Arten sind besonders betroffen?
Im Zeitraum 2023 bis 2024 dokumentierte die Studie den Verkauf von 1.265 Lemuren. Besonders häufig geraten große, fleischreiche Arten ins Visier:

(© Mathias Appel, CC0, via Wikimedia Commons)
- Die großen Varis (Varecia) werden wegen ihres hohen Fleischanteils am stärksten bejagt. Beide Arten sind vom Aussterben bedroht (CR).
- Große Makis (Eulemur) sind besonders weit verbreitet und daher oft Opfer der Jagd. Alle zwölf Arten sind (stark) gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
- Der Indri (Indri indri) und die Sifakas (Propithecus) liefern als große Arten ebenfalls viel Fleisch und werden deshalb gezielt gejagt. Acht der neun Sifaka-Arten sowie der Indri sind vom Aussterben bedroht.
- Auch die sechs Arten der Bambuslemuren (Hapalemur) und der Große Bambuslemur (Prolemur simus) sind regelmäßig im Handel zu finden. Viele sind vom Aussterben bedroht (CR) oder gefährdet (VU).
Der Fleischhandel betrifft damit genau jene Arten, die ohnehin am stärksten zurückgehen.
Warum kaufen und verkaufen Menschen Lemurenfleisch?
Die Untersuchung macht deutlich, dass der Handel mit Lemurenfleisch von einem Zusammenspiel aus wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Faktoren angetrieben wird. Die Forschenden identifizierten sechs Hauptgründe:
1. Existenzsicherung:
Für viele Jäger ist der Verkauf von Lemuren eine überlebenswichtige Einnahmequelle, vor allem in Regionen mit wenigen Arbeitsmöglichkeiten. Die Jagd bringt schnell Geld und ist oft verlässlicher als andere Tätigkeiten.

(© Simponafotsy, Public domain, via Wikimedia Commons)
2. Nachfrage nach Delikatessen:
Städtische Käuferinnen und Käufer betrachten Lemurenfleisch häufig als Delikatesse oder Luxusfleisch. Es wird mit sozialem Status und besonderen Anlässen verbunden.
3. Wahrgenommene Gesundheitsvorteile:
Einige Konsumenten schreiben Lemurenfleisch vitalisierende Wirkungen zu – Vorstellungen, die tief in lokalen Traditionen verankert sind. Die Studie zitiert Käufer direkt: „Ich esse es, weil ich weiß, dass so etwas jung hält“, sagte ein Käufer. „Das erzählt man sich heimlich im Wald – es hält dich jung aufgrund dessen, was die Tiere fressen.“ Ein anderer bezeichnete Lemurenfleisch als „das köstlichste Essen, das ich je probiert habe“ und ergänzte: „Sobald man es einmal gegessen hat, will man nicht mehr aufhören.“
4. Soziale Netzwerke:
Der Handel funktioniert fast ausschließlich über persönliche Kontakte. Empfehlungen und Erwartungen aus dem sozialen Umfeld können Jäger und Käufer zusätzlich motivieren.
5. Geringes Risiko:
Da Kontrollen selten sind, fürchten die Beteiligten kaum strafrechtliche Folgen.
6. Fehlende Alternativen:
Viele Befragte würden laut Studie die Jagd aufgeben, wenn sie stabile wirtschaftliche Alternativen hätten – doch diese fehlen in vielen Regionen.
Nicht nur der Fleischhandel bedroht Lemuren
Die Bedrohungen für Madagaskars Lemuren reichen weit über den illegalen Handel mit Lemurenfleisch hinaus. Im Zentrum steht der massive Verlust ihres Lebensraums. Ihr größtes Problem ist der rapide Verlust ihres Lebensraums. Lemuren sind vollständig auf intakte Wälder angewiesen, doch mehr als die Hälfte der madagassischen Waldflächen ist bereits verschwunden und der Rest wird zunehmend fragmentiert. Ursache ist vor allem die alltägliche Nutzung durch die lokale Bevölkerung: Brandrodung für Ackerflächen, Holzschlag für den Eigenbedarf, illegale Holzkohleproduktion oder das Fällen einzelner Bäume, um kurzfristig Einkommen zu erzielen.

(© Canva Pro)
Anders als in vielen anderen Ländern gehen diese Waldverluste jedoch nicht auf industrielle Landwirtschaft oder große Konzerne zurück, sondern auf die alltäglichen Überlebensstrategien einzelner Familien. Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, und für viele Menschen ist der Wald die einzige Ressource, die unmittelbares Einkommen verspricht. Sie roden Bäume, um Felder anzulegen, Brennmaterial zu gewinnen oder Holz zu verkaufen – nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber der Natur, sondern weil ihnen Alternativen fehlen. Da nur rund ein Drittel der Bevölkerung Zugang zu Strom hat, wird fast überall mit Feuerholz oder Holzkohle gekocht – beides treibt die Abholzung weiter voran. Selbst in Schutzgebieten wird deshalb weiter illegal abgeholzt, weil das Überleben der eigenen Familie Vorrang vor Naturschutzgesetzen hat.
Die politische Instabilität des Landes verschlimmert die Lage zusätzlich. Wechselnde Regierungen, wirtschaftliche Krisen und schwache Behörden führen dazu, dass Kontrollen selten stattfinden, illegaler Holzeinschlag kaum verfolgt wird und Schutzgebiete unzureichend betreut sind. Gleichzeitig nimmt der Druck auf die Wälder weiter zu, weil Menschen aus von Dürren oder Ernteausfällen betroffenen Regionen in intaktere Waldgebiete migrieren und dort neue Ressourcen suchen.
Neben der Lebensraumzerstörung spielt die Jagd weiterhin eine Rolle: In einigen Regionen werden Lemuren als Haustiere gefangen, für lokale Märkte gejagt oder als „Luxusfleisch“ gehandelt. Der Klimawandel verschärft die Krise zusätzlich: Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle treiben Menschen noch stärker in Aktivitäten, die Wälder und Tiere gefährden.
All diese Faktoren machen Madagaskar zu einem der schwierigsten Orte für erfolgreichen Natur- und Artenschutz. Viele Projekte scheitern nicht an mangelndem Wissen, sondern daran, dass sie die gesellschaftliche Realität nicht ausreichend berücksichtigen. Solange Menschen keine sicheren Alternativen zum Wald haben, wird die Abholzung weitergehen. Wirksamer Schutz kann hier nur funktionieren, wenn er die Lebensumstände der Bevölkerung einbezieht.
Natur- und Artenschutz in Madagaskar: Was hilft wirklich?
Wirksamer Naturschutz in Madagaskar gelingt dort, wo er an den Bedürfnissen der Menschen ansetzt und ihnen echte Alternativen bietet. Projekte, die dies berücksichtigen, zeigen, dass sich der Schutz von Wäldern und Lemuren durchaus mit einem besseren Alltag für die Bevölkerung verbinden lässt.

(© Rod Waddington, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)
Besonders erfolgreich sind sind Initiativen, die neue, nachhaltige Einkommensquellen schaffen. In mehreren Gemeinden im Südwesten des Landes konnten Familien die Holzkohleproduktion vollständig durch den Anbau von Gemüse ersetzen. Unterstützt von Organisationen wie dem WWF erhielten sie Saatgut, Schulungen und Zugang zu regionalen Märkten. Das Ergebnis ist doppelt positiv: Die Menschen verdienen mehr Geld, und der Druck auf die Wälder sinkt deutlich. Ähnlich erfolgreich sind Programme, die handwerkliche Produkte fördern, ökologischen Landbau einführen oder Ökotourismus in kleinem Maßstab ermöglichen.
Ein zweites zentrales Element liegt in der Stärkung lokaler Verantwortung. Viele Dörfer haben eigene Waldkomitees und stellen bezahlte Waldwächter – sogenannte polisin’ala – ein, die regelmäßig patrouillieren und illegale Eingriffe melden. Wo Gemeinden selbst über Regeln, Kontrollen und Sanktionen entscheiden, ist die Akzeptanz des Schutzes oft höher und die Wirkung nachhaltiger. Erfolgreiche Schutzgebiete zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die Bevölkerung nicht nur „mitmachen“ soll, sondern tatsächlich über ihr Land mitbestimmt.
Auch Bildung ist entscheidend. Umweltunterricht an Schulen und lokale Informationskampagnen erhöhen langfristig das Verständnis dafür, warum Wälder und ihre Tierwelt geschützt werden müssen. Parallel dazu kann die Nachfrage nach Wildfleisch nur sinken, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher über Gesundheitsrisiken, ökologische Folgen und den bedrohlichen Status vieler Arten informiert werden. Maßnahmen wie strengere Kontrollen illegaler Waffen ergänzen diese Ansätze und können die Jagd zusätzlich reduzieren, denn viele Lemuren werden mit nicht registrierten Feuerwaffen erlegt.
Entscheidend für nachhaltigen Erfolg ist zudem ein stabiles politisches Umfeld. Politische Krisen erschweren Kontrollen, behindern Forschung und lassen den Tourismus einbrechen, der häufig eine wichtige Einnahmequelle für Naturschutzprojekte ist. Internationale Unterstützung und langfristige Finanzierung sind daher unerlässlich, denn viele Schutzgebiete sind zu groß, um allein durch lokale Ressourcen ausreichend überwacht zu werden.
Ein Erfolgsbeispiel: Amoron’i Onilahy
Wie erfolgreich solche Ansätze sein können, zeigt das Schutzgebiet Amoron’i Onilahy im Südwesten Madagaskars. Dort verwalten mehrere Dörfer gemeinsam ein riesiges und ökologisch vielfältiges Gebiet. Über Jahre wurden alternative Einkommen geschaffen, lokale Ranger ausgebildet und der Wald in gemeinschaftliche Verantwortung überführt. 2024 meldete der WWF erstmals keine neuen Waldverluste, und auch die Bestände von Sifakas und Kattas erholen sich wieder. Das Beispiel macht deutlich: Wenn Menschen direkt vom Schutz profitieren, kann selbst in schwierigen Regionen ein Trend zur Erholung entstehen.
Menschen stärken – Lemuren retten
Natur- und Artenschutz kann in Madagaskar nur dann funktionieren, wenn er die Lebensrealitäten der Menschen ebenso ernst nimmt wie den Schutz der Tiere. Die madagassischen Wälder sind keine abgeschiedenen Rückzugsorte, sie liegen mitten in den alltäglichen Lebensräumen der Bevölkerung. Wer Lemuren retten möchte, muss deshalb auch Wege finden, die Armut zu lindern, Alternativen zur Rodung zu schaffen und wirtschaftliche Sicherheit jenseits der Jagd und Wilderei zu ermöglichen.
Lemuren verschwinden nicht, weil Menschen ihnen schaden wollen, sondern vor allem aufgrund menschlicher Not und fehlender Perspektiven. Und hier setzt wirksamer Artenschutz an: Lebensgrundlagen stärken, Wälder stabilisieren, Lemuren retten.
Quellen
- Borgerson, C., Razafindrapaoly, B. N., & Rasolofoniaina, B. J. (2025). Madagascar’s urban lemur meat trade. Conservation Letters, 18(6). https://doi.org/10.1111/conl.13163
- Jones, B. (2025, 11. November). The world’s lemurs are going extinct. This is the only way to save them. Vox. https://www.vox.com/climate/467647/lemurs-madagascar-endangered-deforestation
- Lemur Conservation Network. (o. J.). The IUCN Red List and the Conservation Status of Lemurs. https://www.lemurconservationnetwork.org/learn/the-iucn-red-list-and-lemurs/
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