bodenabhängige Arten: Regenwürmer
Regenwürmer sind zentrale Akteure im Bodenökosystem und stehen stellvertretend für eine weitgehend unsichtbare Biodiversität, über deren Zustand noch immer wenig bekannt ist. Bild: Depositphotos (Kooperation)

Unsichtbares Artensterben im Boden: Jede fünfte Art ist gefährdet (IUCN)

Unter unseren Füßen liegt eines der wichtigsten und zugleich am wenigsten verstandenen Ökosysteme der Erde. In einer einzigen Handvoll Boden leben Milliarden von Mikroorganismen, Pilzen und wirbellosen Tieren – sogenannte bodenabhängige Arten, die einen Großteil ihres Lebens im Boden oder in der Streuschicht verbringen. Sie treiben zentrale Prozesse wie Zersetzung, Nährstoffkreisläufe und Bodenbildung an und sichern damit sowohl die landwirtschaftliche Produktion als auch die Stabilität des Klimas.

Trotz dieser Bedeutung wissen wir erstaunlich wenig über die Biodiversität im Boden. Zwar gilt er als artenreichster Lebensraum des Planeten und beherbergt schätzungsweise rund 60 % aller Arten, doch viele dieser Organismen sind kaum erforscht oder nicht einmal wissenschaftlich beschrieben. Deutlich wird diese Wissenslücke in der IUCN Red List: Von den weltweit geschätzten sieben Millionen terrestrischen Gliederfüßern wurden bislang nur etwa 0,18 % hinsichtlich ihres Aussterberisikos bewertet, bei Pilzen sind es sogar nur rund 0,04 %.

Diese Schieflage bleibt nicht folgenlos: Während gut sichtbare Boden-Arten – etwa Kaninchen, Maulwürfe oder Präriehunde – vergleichsweise umfassend untersucht sind, bleibt der Zustand der eigentlichen Schlüsselorganismen (u. a. Pilze, Bakterien und Wirbellose) im Boden weitgehend unbekannt. So fehlen wichtige Gruppen der Bodenbiodiversität, wie Mykorrhiza-Pilze, bislang in der Roten Liste.

Dementsprechend ist über das Aussterberisiko einzelner bodenabhängiger Arten oft kaum etwas bekannt. Ohne Kenntnisse über ihren Erhaltungszustand ist es jedoch nicht möglich, zu beurteilen, welche Schutzmaßnahmen geeignet sind.

Vor diesem Hintergrund haben Forschende der IUCN und von Conservation International erstmals systematisch erfasst, wie viele bodenabhängige Arten in der Roten Liste verzeichnet sind. Zusätzlich wurden über 500 Boden-Arten erstmals hinsichtlich ihres Aussterberisikos bewertet.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen nicht nur, wie groß die Wissenslücken sind, sondern auch, dass das Artensterben im Boden bereits im Gange ist.

Pseudosinella immaculata - Springschwänze
Zu den im Boden lebenden Organismen gehören auch Springschwänze wie Pseudosinella immaculata, winzige Tiere, die in Bodenporen und der Streuschicht vorkommen. Viele dieser Arten sind bislang kaum erforscht und fehlen vollständig in der Roten Liste der IUCN, obwohl einzelne Vertreter dieser Gruppe bereits als gefährdet gelten.
Bild: Andy Murray, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Was sind bodenabhängige Arten?

Um bodenlebende Organismen in der Roten Liste zu erfassen, musste zunächst eine klare Definition entwickelt werden. Zwar steht nahezu jede Art in irgendeiner Beziehung zum Boden (viele Tiere graben, Pflanzen wurzeln im Erdreich), für die Studie wurden jedoch nur jene berücksichtigt, für die der Boden nicht nur eine Nebenrolle spielt, sondern ein zentraler Bestandteil ihres Lebens ist.

Als bodenabhängig gelten demnach Organismen, die einen wesentlichen Teil ihres Lebenszyklus innerhalb des Bodens verbringen oder überwiegend an der Grenzschicht zwischen Boden und Streuschicht leben. Entscheidend ist also nicht irgendein Kontakt zum Boden, sondern eine enge ökologische Bindung an diesen Lebensraum.

Unter diese Definition fallen ganz unterschiedliche Organismengruppen: von größeren Bodenbewohnern wie grabenden Wirbeltieren über die sogenannte Makro- und Mesofauna – etwa Insekten, Milben oder Würmer – bis hin zu Mikroorganismen und Pilzen. Auch Mikrofauna und Mikroflora werden einbezogen. Gemeinsam ist all diesen Gruppen, dass sie zentrale Prozesse im Boden steuern, etwa den Abbau organischer Substanz, die Nährstoffverfügbarkeit oder die Stabilität von Bodenstrukturen.

Nicht berücksichtigt werden dagegen Organismen, für die der Boden keine zentrale Rolle spielt. Auch Pflanzen zählen trotz ihrer Bedeutung für die Bodenbildung nicht zu den bodenabhängigen Arten im Sinne der Roten Liste.

Europäischer Maulwurf (Talpa europaea) - bodenabhängige Art
Europäischer Maulwurf (Talpa europaea)ungefährdet (LC) laut IUCN Rote Liste
Maulwürfe verbringen den Großteil ihres Lebens unter der Erde und zählen damit zu den bodenabhängigen Wirbeltieren. Sie sind jedoch nur ein sichtbarer Teil einer weit größeren, meist unsichtbaren Biodiversität im Boden.
Bild: Christoph Moning, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Ergebnis: Mehr als 8.600 bodenabhängige Arten bewertet

Die Auswertung der IUCN Red List zeigt erstmals, wie viele bodenabhängige Arten bislang überhaupt erfasst sind. Insgesamt identifizieren die Forschenden 8.653 Arten, darunter auch 503 wirbellose Tiere und Pilze, die im Rahmen der Studie erstmals bewertet wurden (weitere 38 Arten wurden aktualisiert).

Auffällig ist die Zusammensetzung dieser Gruppe:
5.010 terrestrische Wirbeltiere,
3.133 wirbellose Tiere (überwiegend Gliederfüßer und Weichtiere)
– sowie 510 Pilzarten.

Damit entfällt der größte Anteil der erfassten Arten auf Wirbeltiere – also auf jene Gruppen, die vergleichsweise gut untersucht sind. Die eigentlichen Schlüsselorganismen des Bodens, insbesondere wirbellose Tiere und Pilze, sind deutlich unterrepräsentiert.

IUCN: bodenabhängige Arten (Diagramm)
Von den mehr als 8.600 bodenabhängigen Arten gelten rund 27 % als gefährdet oder potenziell gefährdet. Gleichzeitig ist für fast 20 % der Arten die Datenlage unzureichend – ein Hinweis darauf, dass das tatsächliche Ausmaß der Gefährdung deutlich höher sein könnte.

Zu den neu bewerteten Taxa zählen unter anderem zahlreiche Mistkäferarten aus dem südlichen Afrika, ausgewählte nordamerikanische Pilzarten sowie mehr als 100 Regenwurmarten aus Brasilien. Eine dieser erstmals erfassten Arten ist der Brasilianische Riesenregenwurm (Rhinodrilus fafner), der unter Datenlage unzureichend (DD) eingestuft wird. Die Art ist bislang nur durch den 1912 entdeckten, über zwei Meter langen Holotyp bekannt.

Die Analyse zeigt, dass bereits ein erheblicher Anteil dieser Arten gefährdet ist: 1.758 Arten (20,3 %) werden in die Kategorien gefährdet (VU), stark gefährdet (EN) oder vom Aussterben bedroht (CR) eingeordnet. Weitere 35 Arten gelten bereits als in der Wildnis ausgestorben (EW) oder vollständig ausgestorben (EX), darunter der Lake-Pedder-Regenwurm († nach 1972).

Gleichzeitig ist die Datenlage für viele Arten unzureichend. 1.722 Arten (19,9 %) werden unter Data Deficient (DD) geführt – für sie fehlen grundlegende Informationen, um das Aussterberisiko überhaupt einschätzen zu können. Dieser hohe Anteil verdeutlicht, wie groß die Wissenslücken bei bodenabhängigen Arten sind. Es ist daher wahrscheinlich, dass der tatsächliche Anteil gefährdeter Arten deutlich höher liegt.

Die Mehrheit der erfassten Arten gilt derzeit nicht als bedroht: 4.530 Arten (52,4 %) werden als global nicht gefährdet (LC) eingestuft, weitere 608 Arten (7 %) als potenziell gefährdet (NT). Auch diese Einordnung ist mit Vorsicht zu interpretieren, da sie stark von der derzeit verfügbaren Datenlage abhängt.

Was bodenabhängige Organismen bedroht

Die aktuelle Analyse macht deutlich, dass die Gefährdung bodenabhängiger Arten auf bekannten Mustern basiert. Die Einstufung erfolgt nach den Kriterien der IUCN Red List, die unterschiedliche Risikofaktoren abbilden:

Mistkäfer Thorectes hispanus
Der Mistkäfer Thorectes hispanus ist laut der Roten Liste der IUCN als stark gefährdet (EN) eingestuft. Als Bodenorganismus trägt er wesentlich zum Abbau organischer Substanz und zu Nährstoffkreisläufen bei.
Bild: Thorectes hispanus (Reitter, 1892) Observed in Spain by Juan José Areso, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

1.136 Arten: kleines und weiter schrumpfendes Verbreitungsgebiet
335 Arten: extrem kleine oder stark begrenzte Populationen
245 Arten: starker und schneller Populationsrückgang
130 Arten: sehr geringe Zahl geschlechtsreifer Individuen
2 Arten: Bewertung auf Basis quantitativer Analysen

Zusätzlich erfüllen 109 Arten mehrere dieser Kriterien gleichzeitig, was auf komplexe Gefährdungssituationen hinweist.

Die Forschenden benennen die wichtigsten Bedrohungsfaktoren für bodenabhängige Organismen:

  • intensive Landwirtschaft und Landnutzungsänderungen, etwa durch Bodenverdichtung, Entwässerung und den Einsatz von Düngern und Pestiziden
  • Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung, die Lebensräume zerstört oder fragmentiert
  • Holzeinschlag und Forstwirtschaft, die Bodenstruktur und Mikrohabitate verändert
  • invasive Arten, die bestehende Bodenökosysteme verdrängen oder verändern
  • Klimawandel und extreme Wetterereignisse, etwa Dürren oder Starkregen
  • Feuer und verändertes Brandmanagement

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die intensive Landwirtschaft. Eine aktuelle Studie (2026) zeigt, dass in rund 70 % der untersuchten Böden in Europa Pestizidrückstände nachweisbar sind, und zwar nicht nur auf Ackerflächen, sondern auch in Wäldern und Wiesen. Diese Stoffe beeinflussen nachweislich die Zusammensetzung von Bodenlebensgemeinschaften und schädigen zentrale Organismen wie Pilze, Bakterien und wirbellose Tiere.

In der Praxis wirken diese Faktoren selten isoliert. Häufig überlagern sie sich und verstärken ihre Effekte gegenseitig. Gerade Bodenorganismen reagieren empfindlich auf Veränderungen der chemischen und physikalischen Eigenschaften ihres Lebensraums. Schon vergleichsweise geringe Eingriffe können Nährstoffkreisläufe, Bodenstruktur und mikrobielle Gemeinschaften nachhaltig verändern.

Die Bedrohungen sind damit nicht neu, ihre Auswirkungen auf die Bodenbiodiversität werden jedoch oft unterschätzt. Die Studie zeigt, dass die gleichen Treiber, die auch oberirdische Ökosysteme unter Druck setzen, im Boden eine zentrale Rolle spielen – meist weitgehend unbemerkt.

Die Folgen des Verlusts der Bodenbiodiversität

Die Studienautorinnen und -autoren machen deutlich, dass die Bedeutung bodenabhängiger Organismen für die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen kaum überschätzt werden kann. Ein Großteil zentraler Prozesse im Boden wird von ihnen gesteuert.

Schwärzende Kraterelle (Cantharellus melanoxeros) - bodenabhängige Art
Schwärzende Kraterelle (Cantharellus melanoxeros)unzureichende Datenlage (DD): ein typischer bodenabhängiger Pilz, da sein eigentlicher Lebensraum im Boden liegt und er dort in Symbiose mit Pflanzenwurzeln zentrale ökologische Funktionen erfüllt. In Deutschland gilt diese Art als selten, da sie durch Versauerung und Nährstoffeinträge bedroht ist. In Baden-Württemberg sind etwa die Hälfte der früher bekannten Vorkommen verschwunden.
Bild: GLJIVARSKO DRUSTVO NIS from Serbia, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Entsprechend gravierend wären die Folgen ihres Verlusts. Ein Rückgang der Bodenbiodiversität betrifft nicht nur einzelne Arten, sondern gefährdet ganze Ökosysteme. Nährstoffkreisläufe geraten aus dem Gleichgewicht, Böden verlieren an Fruchtbarkeit und ihre Fähigkeit, Wasser zu speichern und Kohlenstoff zu binden, nimmt ab. Dies hat direkte Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität, die Ernährungssicherheit und das globale Klimasystem.

Besonders kritisch ist dabei, dass viele dieser Veränderungen schleichend verlaufen und lange unbemerkt bleiben. Während oberirdische Artenverluste oft sichtbar sind, zeigen sich Veränderungen im Boden meist erst dann, wenn zentrale Funktionen bereits gestört sind.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, kommt der Landnutzung eine Schlüsselrolle zu. Insbesondere in der Landwirtschaft bestehen große Potenziale, Bodenökosysteme zu stabilisieren oder wiederherzustellen. Organisationen wie Conservation International fördern daher Anbaumethoden, die stärker mit natürlichen Prozessen arbeiten.

Ein Beispiel sind Agroforstsysteme, bei denen Nutzpflanzen mit Bäumen und stickstoffbindenden Pflanzen kombiniert werden. Solche Ansätze verbessern die Bodenstruktur, fördern die Biodiversität, reduzieren Erosion und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Veränderungen. Gleichzeitig können sie zur Regeneration degradierter Flächen beitragen und langfristig stabile Erträge sichern.

Den Schutz bodenlebender Arten verbessern

Die Studie zeigt, dass bodenabhängige Organismen bislang im Naturschutz deutlich unterrepräsentiert sind. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Rote Liste der IUCN, die als globaler Maßstab für das Aussterberisiko von Arten dient. Um ein realistischeres Bild zu erhalten, müssen insbesondere wirbellose Tiere und Pilze deutlich stärker in die Bewertungen einbezogen werden.

Der Fortschritt wird jedoch durch begrenzte finanzielle Ressourcen und einen Mangel an taxonomischer Expertise gebremst. Gleichzeitig stößt das bestehende Bewertungssystem an Grenzen: Ein Großteil der Bodenbiodiversität besteht aus Mikroorganismen, die mit den aktuellen Kriterien nicht erfasst werden können. Unklare Artdefinitionen, schwer nachweisbare Verbreitung und fehlende Daten erschweren ihre Bewertung zusätzlich. Neue Methoden wie genetische Analysen bieten hier zwar bessere Möglichkeiten, stehen aber noch am Anfang einer breiten Anwendung im Artenschutz.

Um diese Lücken zu schließen, schlagen die Autorinnen und Autoren konkrete Maßnahmen vor: den Aufbau stärker vernetzter Expertengremien, eine engere Zusammenarbeit mit bestehenden Forschungs- und Naturschutzinitiativen sowie eine bessere Ausstattung entsprechender Programme. Gleichzeitig braucht es eine stärkere Vermittlung der Bedeutung von Bodenbiodiversität – sowohl in der Politik als auch bei Landnutzenden und in der Öffentlichkeit.

Ansätze wie nachhaltige Landwirtschaft oder Agroforstsysteme zeigen, dass sich Nutzung und Schutz von Böden miteinander verbinden lassen. Sie können dazu beitragen, Bodenökosysteme zu stabilisieren und ihre Funktionen langfristig zu erhalten.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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