IUCN-Update: Antarktis-Bewohner leiden unter Klimawandel: Kaiserpinguin, Antarktischer Seebär, Südlicher See-Elefant
Kaiserpinguin, Antarktischer Seebär und Südlicher See-Elefant: Diese drei antarktischen Arten wurden von der IUCN neu bewertet und gelten nun als stark gefährdet (EN) bzw. gefährdet (VU) – ein deutliches Signal für die zunehmenden Folgen des Klimawandels. (© Wikimedia Commons – Pinguin: Ian Duffy UK, CC BY 2.0 / Seebär: Winky from Oxford, CC BY 2.0 / See-Elefant: Colorado State University Libraries, CC BY-SA 4.0)

IUCN warnt: Klimawandel bedroht Kaiserpinguine, Seebären und See-Elefanten im Südpolarmeer

Die Antarktis und die angrenzenden subantarktischen Regionen sind längst keine stabilen Ökosysteme mehr. Der Klimawandel lässt Meereis schwinden, Ozeantemperaturen steigen und Nahrungsnetze ins Wanken geraten – mit direkten Folgen für die Tierwelt des Südpolarmeers. Neue Einschätzungen der IUCN machen deutlich, dass selbst an extreme Bedingungen angepasste Arten wie Pinguine und Robben zunehmend unter Druck geraten.

Die IUCN gab in einer im April 2026 veröffentlichten Pressemitteilung bekannt, dass drei ikonische Arten des antarktischen und subantarktischen Raums jeweils deutlich in höhere Gefährdungskategorien eingestuft wurden: der Kaiserpinguin, der Antarktische Seebär und der Südliche See-Elefant.

Neueinstufungen im Überblick:

  • Kaiserpinguin
    bisher: Near Threatened (NT)potenziell gefährdet
    neu: Endangered (EN)stark gefährdet
  • Antarktischer Seebär
    bisher: Least Concern (LC)nicht gefährdet
    neu: Endangered (EN)stark gefährdet
  • Südlicher See-Elefant
    bisher: Least Concern (LC)nicht gefährdet
    neu: Vulnerable (VU)gefährdet

Diese Änderungen sind zwar bereits offiziell wissenschaftlich bestätigt, werden aber erst mit dem nächsten globalen Update der Datenbank in der IUCN Red List, vermutlich noch 2026, zu sehen sein.

Gemeinsame Ursache: Ein Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht

Obwohl es sich um unterschiedliche Tiergruppen handelt – einen Vogel und zwei Meeressäuger –, verbindet sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie sind eng an die extremen Bedingungen des Südpolarmeers angepasst. Ihr Überleben hängt von stabilen Umweltbedingungen ab – vom Meereis ebenso wie von funktionierenden Nahrungsnetzen.

Genau diese Grundlagen verändern sich derzeit mit hoher Geschwindigkeit. Der Klimawandel greift gleichzeitig in mehrere zentrale Prozesse ein und bringt das empfindliche Gleichgewicht dieses Ökosystems ins Wanken.

Kaiserpinguin: Lebensraum bricht weg

Pinguine zählen heute zu den am stärksten bedrohten Vogelgruppen der Erde; der Brillenpinguin (Spheniscus demersus) etwa wurde bereits 2024 in die Kategorie vom Aussterben bedroht eingestuft, da seine Nahrungsgrundlage klimabedingt schwindet.

Der Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri) ist vollständig an das antarktische Meereis gebunden. Sein Lebensraum umfasst die Küstenbereiche der Antarktis sowie die angrenzenden Meereisflächen des Südpolarmeers. Für seine Fortpflanzung und die Mauser ist er auf sogenanntes „festes Eis“ angewiesen – stabile Eisflächen, die mit der Küste oder dem Meeresboden verbunden sind und über Monate hinweg bestehen bleiben müssen. Diese Eisflächen dienen nicht nur als Brutplatz, sondern auch als Aufenthaltsraum für große Kolonien während empfindlicher Lebensphasen.

Dieser Lebensraum gerät jedoch zunehmend unter Druck. Seit 2016 werden in der Antarktis immer wieder Rekordtiefs beim Meereis verzeichnet. Zugleich kommt es häufiger zu einem frühzeitigen Aufbrechen der Eisflächen, wodurch Brutkolonien zerstört werden, noch bevor die Jungtiere schwimmen können.

Diese Veränderungen bleiben nicht folgenlos. So weisen Satellitendaten bereits zwischen 2009 und 2018 auf einen Rückgang der Population um rund 10 % hin (mehr als 20.000 adulte Tiere) – ein gravierender Verlust für eine langlebige Art mit vergleichsweise geringer Reproduktionsrate. Modellrechnungen gehen davon aus, dass sich die Bestände bis in die 2080er-Jahre halbieren könnten, insofern es zu keiner Reduktion der Treibhausgasemissionen kommt.

Kaiserpinguine verlieren nicht nur einzelne Individuen; viel gravierender ist, dass sich die Bedingungen, auf die die Art evolutionär spezialisiert ist, grundlegend verändern und damit ihr gesamter Lebensraum zunehmend verschwindet.

Kaiserpinguine der Antarktis unter Druck durch Klimaveränderungen
Kaiserpinguin-Kolonie auf antarktischem Meereis
Die Tiere sind für Fortpflanzung und Aufzucht ihrer Küken auf stabile Eisflächen angewiesen – deren zunehmender Verlust gilt als eine der größten Bedrohungen für die Art.
Denis Luyten, Public domain, via Wikimedia Commons)

Antarktischer Seebär: Nahrung wird knapp

Beim Antarktischen Seebären (Arctocephalus gazella) zeigt sich ein anderer, aber eng mit dem Klimawandel verknüpfter Mechanismus. Die Art lebt überwiegend auf subantarktischen Inseln wie Südgeorgien, den Südlichen Sandwichinseln oder den Kerguelen, wo sie dichte Kolonien an felsigen Küsten bildet. Von dort aus nutzt sie das kalte, produktive Wasser des Südpolarmeers als Nahrungsgebiet. Ihr Lebensraum ist zweigeteilt: Landflächen dienen der Fortpflanzung und Aufzucht, während die Tiere zur Nahrungssuche weite Strecken im offenen Ozean zurücklegen.

Ihr Lebensraum bleibt auf den ersten Blick bestehen, allerdings verändert sich ihre Nahrungsgrundlage. Steigende Wassertemperaturen führen dazu, dass sich wichtige Beutearten wie Krill in größere Tiefen oder kühlere Regionen zurückziehen. Für die Seebären bedeutet das, dass ihre wichtigste Nahrungsquelle schwerer erreichbar wird.

Besonders betroffen sind Jungtiere, die auf eine zuverlässige Nahrungsversorgung angewiesen sind. Wenn Weibchen aufgrund der veränderten Bedingungen längere oder erfolglose Jagdzüge unternehmen müssen, sinken die Überlebenschancen für Jungtiere. Die Folgen sind jetzt schon messbar: Seit 1999 ist die Population um mehr als 50 % zurückgegangen, begleitet von massiv sinkenden Überlebensraten im ersten Lebensjahr.

Jungtier Antarktischer Seebär
Jungtier des Antarktischen Seebären
Durch den Rückgang von Krill finden viele Muttertiere weniger Nahrung, wodurch die Überlebenschancen der Jungtiere deutlich sinken.
Rob Oo from NL, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Südlicher See-Elefant: Krankheiten nehmen zu

Beim Südlichen See-Elefanten (Mirounga leonina) tritt eine weitere Dimension hinzu: Krankheiten. In den letzten Jahren hat sich die hochpathogene Vogelgrippe (HPAI) auch unter Meeressäugern ausgebreitet und dabei erhebliche Verluste verursacht. So hat die Krankheit bereits vier der fünf Hauptpopulationen betroffen; in einigen Kolonien sind über 90 % der neugeborenen Jungtiere gestorben.

Der Klimawandel verstärkt diese Entwicklung indirekt. Veränderte Umweltbedingungen und steigende Temperaturen begünstigen die Ausbreitung von Krankheitserregern und ermöglichen deren Vordringen in bislang isolierte Regionen. Laut der IUCN ist anzunehmen, dass krankheitsbedingte Sterblichkeit bei Meeressäugern mit zunehmender globaler Erwärmung weiter ansteigen wird – insbesondere in polaren Regionen, in denen Tiere bislang wenig Kontakt mit Krankheitserregern hatten. Arten, die in dichten Kolonien leben, sind besonders anfällig.

Gleichzeitig zeigt sich, dass diese Entwicklung nicht überraschend kommt. Südliche See-Elefanten gelten seit Langem als sensibel gegenüber Umweltveränderungen. Ihr Verbreitungsgebiet war einst deutlich größer und reichte bis nach Neuseeland oder Westaustralien; heute sind sie auf wenige subantarktische Regionen beschränkt. Diese räumliche Einschränkung reduziert ihre Anpassungsfähigkeit erheblich. Während sie frühere Klimaschwankungen noch ausgleichen konnten, wirken nun mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig: fragmentierte Lebensräume, bestehender Druck durch menschliche Einflüsse und nun zusätzlich neue Krankheitsrisiken.

Die aktuelle Hochstufung spiegelt daher keine plötzliche Veränderung wider, sondern bestätigt einen längerfristigen Trend. Wenn zu bestehenden Belastungen neue Stressfaktoren hinzukommen, kann das Gleichgewicht einer Population schnell kippen.

Südliche See-Elefanten
Dicht gedrängte Kolonie Südlicher See-Elefanten
Die enge räumliche Nähe begünstigt die schnelle Ausbreitung von Krankheitserregern – ein wachsendes Risiko in Zeiten des Klimawandels.
Benoit Gineste, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Warum sind gerade Arten des Südpolarmeeres betroffen?

Die drei Beispiele zeigen, dass Arten des Südpolarmeeres besonders empfindlich auf den Klimawandel reagieren. Der Grund liegt in ihrer starken Spezialisierung: Sie sind an extreme, aber über lange Zeit stabile Umweltbedingungen angepasst. Doch diese Stabilität geht mehr und mehr verloren.

Schon vergleichsweise geringe Veränderungen – etwa beim Meereis, bei der Wassertemperatur oder in der Verfügbarkeit von Beutetieren – können Auswirkungen auf ihr Überleben und ihre Fortpflanzung haben. Viele dieser Arten sind eng an bestimmte Lebensräume oder Nahrungsquellen gebunden und können nicht flexibel auf Veränderungen reagieren.

Hinzu kommt, dass ihre Ausweichmöglichkeiten stark begrenzt sind. Während Arten in gemäßigten Breiten ihr Verbreitungsgebiet verschieben können, ist dieser Spielraum in der Antarktis kaum vorhanden. Der Lebensraum endet buchstäblich am Rand des Kontinents – eine Wanderung in noch kältere Regionen ist nicht möglich.

Die Kombination aus hoher Spezialisierung, begrenzter Flexibilität und rasch fortschreitenden Umweltveränderungen macht Arten der Antarktis und Subantarktis daher extrem anfällig für die Folgen des Klimawandels. Kaiserpinguin, Seebär und See-Elefant stellen sicherlich keine Einzelfälle dar, sondern stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die voraussichtlich viele weitere Arten betreffen wird.

Was nun wichtig ist

Die aktuellen Neubewertungen zeigen einmal mehr, wie groß der Handlungsbedarf ist. Im Zentrum steht vor allem ein konsequenter Klimaschutz: Nur durch eine schnelle und deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen lässt sich der Verlust von Meereis begrenzen und die Stabilität der antarktischen Ökosysteme erhalten.

Die IUCN fordert zudem eine intensivere wissenschaftliche Überwachung der Region. In der schwer zugänglichen Antarktis fehlen vielerorts langfristige Daten, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gezielt darauf reagieren zu können. Solche Informationen sind jedoch entscheidend, um politische Entscheidungen – etwa im Rahmen des Antarktis-Vertrags – fundiert zu treffen.

Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen: Ohne koordinierte Maßnahmen gegen den Klimawandel wird sich der Druck auf viele Arten weiter verstärken. Die Antarktis ist kein isoliertes System – was hier geschieht, ist Teil einer globalen Veränderung, deren Auswirkungen zunehmend sichtbar werden.


Quelle

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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