Isoliert, einzigartig – und hochgradig gefährdet: Reptilien, die nur auf Inseln leben, stehen besonders unter Druck. Eine neue internationale Studie unter Leitung der University of Oxford zeigt, dass rund 30 % dieser Inselreptilien vom Aussterben bedroht sind – doppelt so viele wie bei Festlandsarten. Viele von ihnen verschwinden sogar, bevor sie überhaupt wissenschaftlich beschrieben oder erforscht wurden.
Inseln als Hotspots der Evolution – und der Bedrohung
Ob Galápagos-Riesenschildkröten, Komodowarane oder winzige Anolis-Echsen der Karibik – Inseln gelten als „natürliche Labore der Evolution“. Hier entstehen Arten über Jahrtausende unter einzigartigen Bedingungen. Obwohl Inseln weniger als 7 % der Erdoberfläche bedecken, beherbergen sie ein Viertel der rund 12.000 bekannten Reptilienarten.
Doch genau die Isolation, die diese Vielfalt hervorgebracht hat, macht sie heute so verwundbar. Viele Arten haben sich ohne größere Fressfeinde entwickelt und besitzen kaum Abwehrmechanismen gegen eingeschleppte Tiere wie Ratten oder Katzen. Auf Madeira etwa kann eine einzige streunende Katze mehr als 90 Eidechsen pro Jahr töten, erklärt Studienleiter Ricardo Rocha in einer Pressemitteilung.
Reptilien auf Inseln gelten daher als besonders gefährdet: Sie haben meist winzige Verbreitungsgebiete – oft beschränkt auf nur eine Insel – und reagieren empfindlich auf jede Veränderung. Lebensraumverlust durch Rodungen, Landwirtschaft, Tourismus und die Folgen des Klimawandels bilden einen gefährlichen Cocktail für ihre ohnehin kleinen Populationen.
Ein gigantisches Wissensdefizit
Für ihre im Fachjournal Conservation Science and Practice veröffentlichte Studie analysierten die Forschenden über 90.000 wissenschaftliche Publikationen aus den Jahren 1960 bis 2021.

(© MCZ:Herp:R-36138 Anolis roosevelti – Anolis roosevelti Grant, 1931 Collected in Puerto Rico by © President and Fellows of Harvard College, CC BY-NC-SA 3.0, via GBIF)
Das Ergebnis: Nur 6,7 % der Arbeiten befassen sich überhaupt mit Inselreptilien – das entspricht 6.115 Studien gegenüber über 82.000 zu Festlandsarten. Fast die Hälfte aller inselbewohnenden Reptilien (47,7 %) wurde bislang noch nie wissenschaftlich untersucht.
Besonders auffällig ist die Konzentration der Forschung auf wenige bekannte Arten: Nur zehn – meist große oder auffällige – Inselreptilien machen mehr als ein Viertel aller Veröffentlichungen aus. Unter den zehn weltweit am besten erforschten Reptilien befindet sich kein einziger Inselbewohner.
Die vier Spitzenreiter – die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta) sowie die Kobra (Naja naja) – wurden zusammen häufiger untersucht als sämtliche Inselreptilienarten weltweit.
Diese Schieflage zieht sich quer durch alle Reptiliengruppen: Während Krokodile und Mauereidechsen vergleichsweise gut erforscht sind, liegen Geckos oder Blindskinke nahezu im Dunkeln – im Schnitt existieren zu bedrohten Arten dieser Gruppen weniger als fünf Studien.
Gerade diese unterrepräsentierten Familien umfassen viele endemische Inselarten, die besonders stark vom Aussterben bedroht sind – und über deren Lebensweise, Bestand oder Ökologie es kaum Daten gibt. Die Forschenden sehen darin ein Muster, das sich auch bei anderen Tiergruppen wiederholt: Wie schon bei inselgebundenen Vögeln und Fledermäusen stehen auch Reptilien mit kleiner Verbreitung und empfindlichen Ökosystemen meist am Rand des wissenschaftlichen Interesses.
Ungleichgewicht der Forschung
Die weltweite Reptilienforschung ist höchst ungleich verteilt. Die meisten Studien stammen aus wohlhabenden Regionen mit starker Forschungsinfrastruktur – etwa aus Europa, Nordamerika und Australien. In der paläarktischen Zone (Europa, Nordasien, Nordafrika) gibt es daher im Schnitt die meisten Untersuchungen pro Art.

(© Edward Bell, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)
Ganz anders sieht es in den artenreichen Tropen aus: In Südostasien, Australasien oder der Karibik existieren oft weniger als zwei wissenschaftliche Studien pro Art. Besonders drastisch ist die Lage in Ozeanien – dort wurde bislang keine einzige Schutzstudie zu Inselreptilien veröffentlicht, obwohl zahlreiche Arten als stark bedroht gelten.
Forschung konzentriert sich vor allem dort, wo Geld, Infrastruktur und wissenschaftliche Einrichtungen vorhanden sind. In ärmeren Inselstaaten fehlen häufig die Mittel, um langfristige Biodiversitätsforschung zu betreiben. Gleichzeitig fließen in wohlhabenden, touristisch geprägten Regionen – etwa in der Karibik – viele Fördergelder eher in den Tourismus als in den Naturschutz.
Die Folge: Ausgerechnet die Regionen mit der größten Artenvielfalt sind am schlechtesten erforscht. Besonders betroffen ist der indo-malaiische Raum, der weltweit die meisten Inselreptilien beherbergt, aber wissenschaftlich kaum erschlossen ist. Auch in Australasien und der neotropischen Region Lateinamerikas ist der Anteil bedrohter, aber unerforschter Inselarten besonders hoch.
Ein extremes Beispiel ist Madagaskar: Die Insel nimmt weniger als 0,4 % der Landfläche der Erde ein, beherbergt aber über 450 Reptilienarten – etwa 4 % aller bekannten Arten – und ein Viertel der von der IUCN als bedroht eingestuften Reptilien.
Auch auf den Makaronesischen Inseln, zu denen unter anderem die Kapverden und die Kanaren gehören, zeigt sich, wie verletzlich isolierte Ökosysteme sind: Seit der menschlichen Besiedlung sind dort mindestens 15 endemische Reptilienarten ausgestorben – darunter der Kapverdische Riesenskink (Chioninia coctei) und die Teneriffa-Rieseneidechse (Gallotia goliath).
Welche Arten erforscht werden – und welche nicht
Ob eine Reptilienart erforscht wird, hängt selten von ihrer Gefährdung ab – vielmehr entscheiden äußere Merkmale und Zufälle über die wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Große, auffällige oder „charismatische“ Arten – etwa giftige Schlangen oder die urtümlichen Brückenechsen (Sphenodon punctatus) Neuseelands – werden überproportional häufig untersucht.
Kleine, unscheinbare oder erst spät entdeckte Arten hingegen bleiben fast vollständig unbeachtet – besonders, wenn sie versteckt leben oder schwer zugängliche Habitate bewohnen, etwa in Gebirgsregionen oder eben auf abgelegenen Inseln.
Ein Beispiel dafür ist die Dalupiri-Wolfzahnnatter (Lycodon chrysoprateros), die ausschließlich auf der winzigen philippinischen Insel Dalupiri vorkommt. Ihr Lebensraum umfasst kaum 52 Quadratkilometer, und über ihre Lebensweise, Ernährung oder Fortpflanzung ist fast nichts bekannt. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1990 wurde sie nur selten wieder beobachtet – und gilt heute laut IUCN als vom Aussterben bedroht.
Wo die Forschung am dringendsten gebraucht wird
Von den 15 Reptilienarten mit dem weltweit höchsten Forschungsbedarf leben zwölf ausschließlich auf Inseln – acht davon im indo-malaiischen Raum, drei in Australasien und eine in Afrika. Sie alle gelten als stark bedroht oder sind in der Roten Liste der IUCN unter „Datenlage unzureichend“ (Data Deficient) gelistet.
Zu diesen Arten gehören etwa die Sumatra-Wühlnatter (Anoplohydrus aemulans), der Thwaites Skink (Chalcidoseps thwaitesi) und die Blindschlange Cyclotyphlops deharvengi von der indonesischen Insel Sulawesi. Über keine dieser Arten existiert bislang auch nur eine einzige veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung.
Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen, dass gerade solche Arten höchste Priorität für künftige Forschung haben sollten – nicht nur, um ihren Erhaltungsstatus zu klären, sondern auch, um ihre ökologische Bedeutung in den empfindlichen Inselökosystemen besser zu verstehen.

(© Chalcidoseps thwaitesi (Günther, 1872) Observed in Sri Lanka by Edward, CC BY-NC 4.0, via GBIF)
Die besonderen Anpassungen der Inselreptilien
Warum sind ausgerechnet Reptilien so erfolgreich darin, abgelegene Inseln zu besiedeln – und zugleich so gefährdet, dort zu verschwinden? Ihre Anatomie und Lebensweise machen sie zu wahren Überlebenskünstlern: Die dicht geschuppte, nahezu undurchlässige Haut schützt sie vor Austrocknung und erlaubt das Überleben selbst in heißen, trockenen oder salzhaltigen Lebensräumen. Ihr langsamer Stoffwechsel ermöglicht es ihnen, wochenlang ohne Nahrung oder Wasser auszukommen – ein entscheidender Vorteil auf kleinen Inseln, wo Ressourcen knapp sind.
Viele Arten haben zudem ausgeprägte Energiesparstrategien entwickelt. Bei Nahrungsmangel können sie in eine Art Torpor – eine Ruhephase mit stark reduziertem Energieverbrauch – verfallen. Andere nutzen Mikrohabitate, um Wasser zu sparen: Sie verstecken sich in Felsspalten, suchen Schatten oder lecken Morgentau von Pflanzen.
Auch ihre Fortpflanzung ist an die Isolation angepasst. Zahlreiche Inselreptilien haben längere Lebenszyklen, werden später geschlechtsreif oder legen weniger, dafür größere Eier, um die Überlebenschancen ihres Nachwuchses zu erhöhen. In seltenen Fällen kommt sogar Parthenogenese vor – eine „jungfräuliche“ Fortpflanzung ohne Befruchtung. So können Weibchen auch ohne Männchen Nachkommen hervorbringen – ein unschätzbarer Vorteil in kleinen, isolierten Populationen.
Diese evolutionären Anpassungen erklären, warum Reptilien Inseln so erfolgreich besiedeln konnten. Doch sie machen sie zugleich verletzlich: Jede Störung – ob eingeschleppte Räuber, Klimawandel oder Lebensraumverlust – kann das empfindliche Gleichgewicht dieser Spezialisten zerstören.

(© DECOURT Théo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Schutz von Inselreptilien = Schutz ganzer Ökosysteme
Reptilien sind Schlüsselarten vieler Inselökosysteme: Sie bestäuben Pflanzen, verbreiten Samen, regulieren Insektenpopulationen und gestalten Lebensräume. Damit tragen sie entscheidend zur Stabilität und Widerstandsfähigkeit dieser sensiblen Systeme bei. Ihr Rückgang hätte weitreichende Folgen für ganze Lebensgemeinschaften.
„Wenn wir auf Komodo reisen und keine Warane mehr sehen würden – die Insel wäre nicht mehr dieselbe“, sagt Rocha. „So dramatisch ist die Situation vieler Inselreptilien – nur bekommen es die meisten Menschen gar nicht mit.“
Um das Ungleichgewicht zwischen Festlands- und Inselreptilien zu verringern, schlagen die Forschenden mehrere Maßnahmen vor:
- gezielte Studien zu wenig bekannten Inselarten mit hohem Aussterberisiko,
- eine stärkere Zusammenarbeit mit lokalen Forschenden und Institutionen,
- sowie die Einbindung nichtwissenschaftlicher Quellen – etwa NGO-Berichte, behördliche Daten oder lokale Beobachtungen,
- sowie die Übersetzung und Integration nicht englischer Studien, um ein vollständigeres Bild der globalen Reptilienforschung zu erhalten.
Die Studie macht deutlich: Inselreptilien sind am stärksten bedroht – und zugleich am schlechtesten erforscht. Während zu europäischen Vogelarten im Schnitt rund 100 Studien pro Art existieren, liegt der Wert bei Inselreptilien unter drei.
„Wer die Reptilien der Inseln schützt, bewahrt zugleich die empfindlichen Ökosysteme, in denen sie eine zentrale Rolle spielen“, schreiben die Forschenden im Fazit. Doch dafür braucht es mehr als internationale Aufmerksamkeit – es braucht konkrete Forschung vor Ort, auf den Inseln selbst. Nur so lässt sich verhindern, dass Arten verschwinden, bevor wir sie überhaupt kennen.
Quellen
- Rocha, R., Nunes, S., Powell, K. et al. (2025). Island-restricted reptiles are more threatened but less studied than their mainland counterparts. Conservation Science and Practice. https://doi.org/10.1111/csp2.70184
- University of Oxford. (2025, 5. November). Island reptiles face extinction before they are even studied, warns global review [News release]. EurekAlert!. https://www.eurekalert.org/news-releases/1104685
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