emeus crassus kleiner moa
Kleiner Moa-Skelett von 1880 im Otago Museum, Neuseeland. Kleine Moas erreichten ein Gewicht von 51 bis 70 Kilogramm. Burton Brothers studio, Public domain, via Wikimedia Commons)

Kleiner Moa

Weibliche Laufvögel sind meistens größer als männliche

Verglichen mit heute noch existierenden flugunfähigen Laufvögeln, war der Kleine Moa gar nicht so klein. Er erreichte immerhin eine Gesamtgröße von 150 bis 180 Zentimetern. Ähnlich den Emus (Dromaius) also. Beim größten bekannten Moa, dem Südinsel-Riesenmoa, lag allein die Rückenhöhe der weiblichen Vögel bei 350 Zentimetern, die Männchen waren knapp einen Meter kleiner. Das Phänomen, dass männliche Tiere kleiner sind als weibliche, nennt sich umgekehrter Geschlechts- oder Sexualdimorphismus. Unter Laufvögeln, wie etwa den Kiwis (Apteryx), ist das keine Seltenheit. Der weibliche Kleine Moa war zwischen 15 und 25 Prozent größer als der männliche Kleine Moa.

Der britische Naturforscher Richard Owen, der neben Charles Darwin als zweitbedeutendster Naturforscher seiner Zeit gilt, ordnete die ersten von ihm beschriebenen Moas der Gattung Dinornis zu. Zu dieser Gattung gehörten einst der Südinsel-Riesenmoa, der Nordinsel-Riesenmoa sowie der 1846 beschriebene Kleine Moa. Der deutsche Naturwissenschaftler Ludwig Reichenbach ordnete die Spezies Kleiner Moa 1852 in eine eigene neue Gattung namens Emeus ein.

Der Gattung Emeus gehört ausschließlich der Kleine Moa an; Emeus casuarinus und Emeus huttonii gelten heute als Synonyme von Emeus crassus. Schon lange munkelten Wissenschaftler, dass es sich bei den Arten, die einst als E. huttonii und E. casuarinus beschrieben wurden, lediglich um Männchen und Weibchen ein und derselben Art handelt. Mittels Analyse geschlechtsspezifischer genetischer Marker in der Knochen-DNA ließ sich diese Annahme 2003 anhand der neuseeländischen Studie Nuclear DNA Sequences detect Species Limits in ancient Moa bestätigen.

Kleiner Moa – Steckbrief
alternative Bezeichnung Östlicher Moa
wissenschaftliche Namen Emeus crassus, Dinornis crassus, Emeus casuarinus, Dinornis casuarinus, Emeus huttonii, Dinornis huttonii, Dinornis major, Dinornis rheides 
englische Namen Eastern Moa, Emeus
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Südinsel Neuseelands
Zeitpunkt des Aussterbens um 1500
Ursachen für das Aussterben Bejagung, langsame Reproduktionsrate

Kleiner Moa: Ausrottung durch Bejagung

Gemälde Heinrich Harder: Maori und Moa
Das etwa 1920 entstandene Gemälde des deutschen Malers Heinrich Harder zeigt eine Jagdszene, bei der Maori mit Pfeil und Bogen auf zwei Moas schießen. Harder wusste offenbar nicht, dass den Maori Pfeil und Bogen unbekannt waren. (© Heinrich Harder (1858-1935), Public domain, via Wikimedia Commons)

Der Kleine Moa bewohnte ausschließlich die Südinsel Neuseelands und dort vor allem die östlichen und südöstlichen Küstenregionen, was ihm den englischen Trivialnamen Eastern Moa einbrachte. Aus Fossillagerstätten geht aber hervor, dass der Kleine Moa in geringerer Zahl auch im Westen der Südinsel lebte. Die Laufvögel bevorzugten Wälder, Tiefebenen, Gras- und Buschland sowie Wiesen. Sie ernährten sich hauptsächlich von Blättern und Früchten wie Klebsamen (Pittosporum) oder Beeren.

Der Kleine Moa hatte keine natürlichen Feinde mit Ausnahme des heute ebenfalls ausgestorbenen Haastadlers – zumindest bis polynesische Einwanderer Ende des 13. Jahrhunderts damit begannen, Neuseeland zu besiedeln. Die großen Laufvögel dürften kein Fluchtverhalten oder gar wehrhaftes Verhalten gegenüber Menschen gezeigt haben, was die Ausrottung der verschiedenen Moa-Arten über einen kurzen Zeitraum ermöglichte. Heute gehen Forscher davon aus, dass bereits Ende es 14. Jahrhunderts sämtliche Moas verschwunden waren.

Die neuseeländische Urbevölkerung, die Maori, musste nicht einmal spezielle Waffen für die Jagd entwickeln, um Moas zu erlegen. Bezeichnend ist auch, dass Moas in den Sagen und Mythen der Maoristämme nicht vorkommen. Das Verschwinden der Moas muss also so lange zurückliegen, dass es über die Generationen hinweg in Vergessenheit geraten ist.

Der Ornithologe Richard N. Holdaway und der Archäologe Chris Jacomb rekonstruierten 2000 in Rapid Extinction of the Moas die Ausrottung der großen Laufvögel. Sie schätzen, dass die Ursprungsbevölkerung Neuseelands gerade einmal aus 200 Menschen bestand. Eine andere Studie aus dem Jahr 2014 schätzt allein die Südinsel-Riesenmoa-Population vor Ankunft der Siedler auf 9.200 Individuen. Es gab also weitaus mehr Moas als Menschen und dennoch konnten die Maori die Vögel innerhalb eines Jahrhunderts ausrotten.

Späte sexuelle Reife und langsame Reproduktionsrate

Emeus crassus Kleiner Moa
Kleiner Moa im Musée de Confluences in Lyon, Frankreich. Die Füße des Kleinen Moas waren im Gegensatz zu anderen Moas erstaunlich groß, sodass sich der Vogel nur langsam fortbewegen konnte, sodass er besonders leichte Beute für die Siedler Neuseelands war. (© Ghedoghedo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Wie auch andere Moas besaß der Kleine Moa einen langen Hals und kräftige Beine. Seine Federn hatten eine den Haaren ähnliche Struktur und waren vermutlich beige. Wahrscheinlich wurden die Federn halsaufwärts immer kürzer und grober; ihr Kopf könnte sogar kahl gewesen sein.

Vögel weisen normalerweise ein Brustbein mit Kiel auf. Ein großes Brustbein beziehungsweise ein gewölbtes Brustbeinkiel dient als Ansatz für die Brustmuskulatur, die besonders stark sein muss, damit Vögel aktiv fliegen können. Moas besaßen solch ein Brustbeinkiel nicht, sondern lediglich ein breites und flaches Brustbein. Auch besaßen sie keine verkümmerten Flügelknochen wie es bei anderen flugunfähigen Vögeln der Fall ist.

Im Gegensatz zu anderen Laufvögeln zeigten Moas eine lange Wachstumszeit und erreichten ihre Geschlechtsreife sehr spät. Einige kleine Moa-Arten (etwa Euryapteryx curtus) benötigten bis zu neun Jahre, bis sie ausgewachsen waren. Aus diesem Grund war die Reproduktionsrate der Moas sehr gering, weshalb die Verfolgung durch die Maori zur schnellen Ausrottung der Moas geführt haben dürfte. Wissenschaftler gehen davon aus, dass langsames Wachstum und eine verzögerte Geschlechtsreife als ein Ergebnis der Anpassung an einen Lebensraum ohne räuberische Säugetiere zu werten ist.