Pyrenäensteinbock

Pyrenäensteinbock Capra pyrenaica pyrenaica

Darstellung des Pyrenäensteinbocks aus Richard Lydekkers Buch „Wild Oxen, Sheep & Goats of all Lands, living and extinct“ (1898). (© Joseph Wolf, Public domain, via Wikimedia Commons)

Pyrenäensteinbock – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Pyrenäen-Steinbock, bucardo, bukardo, herc, bouquetin
lateinischer Name Capra pyrenaica pyrenaica
englischer Name Pyrenean Ibex
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Pyrenäen (Frankreich, Andorra, Spanien)
Zeitpunkt des Aussterbens 2000 (2003)
Ursachen für das Aussterben unklar, vermutlich Bejagung, Krankheiten, Nahrungskonkurrenz mit anderen Huftieren

Der zweimal ausgestorbene Pyrenäensteinbock

Der Pyrenäensteinbock, eine wilde Bergziegenart, war einst weit verbreitet in den Pyrenäen, eine 430 Kilometer lange Gebirgskette an der Grenze zwischen Spanien und Frankreich. Aufgrund der starken Bejagung verringerte sich die Zahl der Pyrenäensteinböcke in den letzten zwei Jahrhunderten immer weiter. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts existierte schließlich nur noch eine kleine Population im Nationalpark Ordesa y Monte Perdido. Die Regierung rief 1989 ein Projekt ins Leben, bei dem alle Pyrenäensteinböcke eingefangen werden sollten, mit dem Ziel, die Tiere in Gefangenschaft zu züchten. Ein ambitionierter Plan, aber etwas zu spät: Zu diesem Zeitpunkt gab es nur noch drei ältere weibliche Pyrenäensteinböcke und keine Männchen mehr. Der letzte Pyrenäensteinbock – Celia war ihr Name – wurde im Jahr 2000 unter einem umgestürzten Baum erschlagen aufgefunden und die spanische Regierung erklärte den bucardo für ausgestorben. Aber: Ein paar Zellen von Celia lebten in Labors in Saragossa und Madrid weiter.

Der spanische Fortpflanzungsexperte José Folch führte Kerne aus Celias Zellen in die Eizellen von Hausziegen ein und implantierte diese Klone in Leihmütter. Es brauchte 57 Versuche, bis sieben Ziegen tatsächlich trächtig waren. Sechs von ihnen erlitten eine Fehlgeburt, nur eine Leihmutter, eine Kreuzung aus Spanischem Steinbock und Hausziege, trug Celias Klon aus. Folch und sein Team brachten das Tier 2003 per Kaiserschnitt zur Welt.

Das Kitz wog rund zwei Kilo und sah gesund aus, bekam aber keine Luft. Nach knapp zehn Minuten starb es. Die Obduktion des toten Tieres hat gezeigt, dass es nicht lebensfähig war; einer seiner Lungenflügel war missgebildet. In der Studie First Birth of an Animal from an extinct Subspecies (Capra pyrenaica perenaica) by Cloning (2009) fassen Folch und seinen Kollegen die Ergebnisse des Klonexperiments zusammen.

Verschiedene Hypothesen zum Verschwinden der Pyrenäensteinböcke

Pyrenäensteinbock Weibchen ausgestopft

Präparierter weiblicher Pyrenäensteinbock mit den Maßen 135 x 35 x 110 Zentimeter. Das Exemplar befindet sich im Museum von Toulouse in Frankreich. (© Muséum de Toulouse, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Mit dem Tod des letzten Pyrenäensteinbocks im Jahr 2000 ist die zweite Unterart des Iberiensteinbocks (Capra pyrenaica) verschwunden; bereits 1892 starb der Portugiesische Steinbock (Capra pyrenaica lusitanica) aufgrund von übermäßiger Bejagung aus. Auch der Pyrenäensteinbock, der bis ins 14. Jahrhundert in den Pyrenäen noch zahlreich vertreten war, wurde während des 19. und 20.  Jahrhunderts stark bejagt, was zu einem Rückgang seines Bestandes führte. Doch, ob das der Grund dafür ist, dass die Ziegenart ausgestorben ist, weiß niemand so genau.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass auch die Konkurrenz mit anderen domestizierten und wilden Huftieren dem Pyrenäensteinbock zusetzte. Er musste sich seinen ehemaligen Lebensraum mit Schafen, Ziegen, Pferden und Rindern teilen. Die Folge war interspezifische Konkurrenz und Überweidung. Für den Pyrenäensteinbock war dies insbesondere in trockenen Zeiten gefährlich. Doch nicht nur domestizierte Huftiere wurden zur Gefahr für den Steinbock. Auch wilde Huftierarten wie Damhirsche oder Mufflons, eingeführt vom Menschen, erhöhten den Beweidungsdruck. Zudem wuchs das Risiko der Übertragung einheimischer und exotischer Krankheiten.

Andere in der Neuzeit ausgestorbene Huftiere sind etwa der Auerochse (1627), der Blaubock (1799/1800), das Quagga (1883), die Algerische Gazelle (1894), der Schomburgk-Hirsch (1932) und der Kouprey (1982).

Im genetischen Flaschenhals stecken geblieben

Pyrenean ibex

Die männlichen Pyrenäensteinböcke besaßen große starke und gebogene Hörner. Auf der Oberfläche befanden sich Ringe, die mit zunehmendem Alter mehr wurden. Weibchen hatten kurze zylindrische Hörner. (© KKPCW, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Analysen des Genmaterials der letzten Pyrenäensteinböcke haben in einer spanischen Studie 2004 gezeigt, dass die Population eine geringe genetische Vielfalt aufwies. Der Genetiker Marcel Amills und andere Wissenschaftler fanden heraus, dass die Immun-Gene (MHC) des Pyrenäensteinbocks extrem wenige Variationen aufwiesen. Dies führt normalerweise zum sogenannten genetischen Flaschenhals, eine Verarmung der genetischen Vielfalt einer Population. Nachkommen besitzen weniger Genvariationen (Allele) und sind weniger widerstandsfähig gegenüber äußere Einflüsse wie Krankheiten. Zudem sind solche Tiere schwerer zu züchten und mitunter unfruchtbar. Auch das könnte zum Aussterben der Art beigetragen haben.

Bis heute konnten Wissenschaftler nicht eindeutig klären, was letztendlich zum Aussterben des Pyrenäensteinbocks geführt hat. Es gibt verschiedene Hypothesen. Eine davon ist das Unvermögen des Pyrenäensteinbocks, mit anderen Huftierarten um Nahrung zu konkurrieren. Andere Forscher vermuten, dass die Ursache in Infektionskrankheiten und Seuchen liegen könnte. Und wiederum andere vermuten, dass Wilderei zum Verschwinden der Art geführt hat.

Schlussendlich kann man aber davon ausgehen, dass die Überjagung des Pyrenäensteinbocks den Grundstein für das Verschwinden der Wildziegenart gelegt hat. Die extreme Bejagung führte zu sinkenden Bestandszahlen. Weniger Individuen, die sich reproduzieren, verarmen genetisch, vermehren sich kaum noch und kommen weder gegen Nahrungskonkurrenten noch gegen Krankheiten an.

Pyrenäensteinbock: Eine Unterart des Iberiensteinbocks

Pyrenäen Karte

Der Pyrenäensteinbock lebte in den Pyrenäen (rot), eine Gebirgskette, die die Iberische Halbinsel vom Rest Europas trennt. Mitten in den Pyrenäen liegt der Kleinstaat Andorra. (© User:מנחם.אל, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Es existieren viele Theorien zur Evolution und historischen Migration des Pyrenäensteinbocks auf die Iberische Halbinsel so auch über die Beziehung der verschiedenen Unterarten untereinander. Sämtliche Unterarten des Iberiensteinbocks unterscheiden sich äußerlich in der Färbung und der Form der Hörner. So wies der männliche Pyrenäensteinbock teils eine dunklere Fellfärbung und ein vergleichsweise starkes Gehörn auf. Innerhalb der Population konnten diese Merkmale stark schwanken, weshalb der Unterartstatus des Pyrenäensteinbocks bisweilen infrage gestellt wurde. Anhand von Genanalysen konnte 2002 in einer Studie, unter anderem vom spanischen Zoologen Jesús M. Perez, jedoch gezeigt werden, dass sich der Pyrenäensteinbock stark von anderen Iberiensteinbock-Unterarten unterscheidet.

Der Pyrenäensteinbock lebte einst in den Pyrenäen Frankreichs, Spaniens und Andorras sowie in deren Umgebung im Baskenland, in der Region Navarra, in Nordaragonien und Nordkatalonien. Die Wildziegenart war kaum in nördlichen Regionen der Iberischen Halbinsel anzutreffen.

Schätzungen haben ergeben, dass der Pyrenäensteinbock die größte Population mit 50.000 Individuen mit mehr als 50 Untergruppen besaß, die von der Sierra Nevada bis zur Sierra Morena und Muela de Cortes verbreitet waren. Die meisten dieser Untergruppen lebten in bergigen Regionen, die bis nach Portugal und Spanien hineinreichten. Die letzten Pyrenäensteinböcke wurden in Gebieten der mittleren und östlichen Pyrenäen in einer Höhe von weniger 1.200 Metern gesehen.