Kaiserspecht

Kaiserspecht – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Mexikanischer Elfenbeinspecht, Carpintero Gigante
lateinischer Name Campephilus imperialis
englische Namen Imperial Woodpecker, Mexican Ivory-billed Woodpecker
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Mexiko
Zeitpunkt des Aussterbens frühestens 1956
Ursachen für das Aussterben Lebensraumverlust, Bejagung

Ein Zahnarzt aus Pennsylvania im Hochland Mexikos

kaiserspecht Campephilus imperialis

Der männliche Kaiserspecht besaß eine schwarz-rote und das Weibchen eine schwarze spitze Haube. (© American Ornithologists‘ Union, No restrictions, via Wikimedia Commons)

Bereits in den 1950er-Jahren war klar, dass es nur noch wenige Kaiserspechte gibt. In dieser Zeit arrangierte William L. Rhein, ein Zahnarzt und Hobby-Ornithologe aus Pennsylvania, drei selbstfinanzierte Expeditionen in die riesige Sierra Madre, dem zentralen Hochland von Mexiko. Er wollte diesen einzigartigen Specht finden und seine Existenz dokumentieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Kaiserspecht kaum erforscht; es existierten nicht einmal Fotografien von ihm. Erst auf seiner dritten Expedition in die Sierra Madre gelang es Rhein, Videoaufnahmen von einem Kaiserspecht zu machen. Rhein filmte 85 Sekunden lang, wie ein Kaiserspecht-Weibchen im Kreis von Baum zu Baum flog und gelegentlich nach Nahrung suchte. Leider entsprachen die Filmaufnahmen nicht Rheins Qualitätsansprüchen, sodass er sie jahrzehntelang unter Verschluss hielt. Erst der niederländische Ornithologe Martjan Lammertink brachte die Kaiserspecht-Aufnahmen ans Licht der Öffentlichkeit. Lammertink entdeckte nämlich in den Archiven der Cornell University einen Brief, den Rhein Anfang der 1960er-Jahre an den Spechtforscher James Tanner geschrieben hatte. Darin erwähnte er die Kaiserspecht-Aufnahmen. Lammertink, dessen Forschungsschwerpunkt Spechte sind, spürte Rhein in Pennsylvania auf und interviewte diesen weniger als zwei Jahre vor seinem Tod.

Rheins Videoaufnahmen vom Kaiserspecht sind zwar nur von kurzer Dauer, doch der Vogel ist leicht zu erkennen und das Material liefert eine Fülle an Informationen über einen bis dahin nahezu unbekannten Vogel: Der Kaiserspecht zeigt unterschiedliche Verhaltensweisen wie das Fliegen, das Hochklettern am Baum und die Nahrungssuche.

Bis heute gelten Rheins 1956 gemachte Aufnahmen eines Kaiserspechts im Bergland der Sierra Madre im mexikanischen Bundesstaat Durango als die einzigen:

Lammertink und Kollegen haben das Filmmaterial von William Rhein unter die Lupe genommen und ihre Ergebnisse in Film Documentation of the probably extinct Imperial Woodpecker 2011 veröffentlicht. Die Wissenschaftler stellten unter anderem fest, dass der Kaiserspecht im Vergleich zu anderen Spechten ein langsamer Kletterer mit vergleichsweise schneller Flügelschlagrate war.

Warum Totholz seine Berechtigung hat

Pinus durangensis Durango-Kiefer

Das ursprüngliche Hauptverbreitungsgebiet der Durango-Kiefern deckt sich fast mit dem des ausgestorbenen Kaiserspechts. (© Alejandro Gómez Nísino, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Lammertink besuchte im März 2010 die Stelle im nordwestlichen Hochland Mexikos, an der 1956 Rheins Videoaufnahmen entstanden: Die riesigen Durango-Kiefern (Pinus durangensis), die dort einst standen, waren über die Jahre hinweg mehrfach gefällt worden und stehendes Totholz war verschwunden. Dicht beieinander stehende junge Kiefern dominieren die Gegend heute. Vieles deutet darauf hin, dass der Kaiserspecht zwischen 1956 und 1960 aus seinem ursprünglichen Lebensraum verschwunden ist.

Die weit verbreitete Holzfällerei in der Sierra Madre Occidental konzentrierte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Kiefern mit einem Durchmesser von mehr als 30 Zentimetern zur Holzgewinnung und auf stehende tote Bäume zur Zellstoffherstellung. Das widerstrebt den Bedürfnissen des Kaiserspechts, denn Rheins Film legt nahe, so Lammertink, dass er auf der Suche nach Nahrung oder Nistplätzen Kiefern mit großem Durchmesser bevorzugte.

Mit der Abholzung der alten, totholzreichen Kiefer- und Eichenwälder verschwand die Lebensgrundlage des Kaiserspechts, denn er benötigte eine große Zahl abgestorbener Bäume mit Aststümpfen zur Nahrungssuche und zum Nisten. Er ernährte sich hauptsächlich von den Larven großer Käfer, die er unter der Rinde abgestorbener Kiefern fand.

Angesengte Kaiserspecht-Federn zur Anregung der Wehentätigkeit

Kaiserspecht - Lithographie von Malherbe 1863

Lithographie vom Kaiserspecht von Alfred Malherbe, 1863. Der Kaiserspecht besaß einen großen und kräftigen elfenbeinfarbenen Schnabel. (© BNF, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons)

Nicht nur der Verlust seinen natürlichen Lebensraums führte zum Verschwinden des Kaiserspechts, sondern auch dessen Bejagung. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN gibt an, dass der Specht über einen langen Zeitraum zum Vergnügen, zu Nahrungszwecken sowie vermeintlichen medizinischen Zwecken gejagt wurde. Die Federn und Schnäbel seien von dem indigenen Volk der Tepehuán und der Huicholen-Stämme im Süden Durangos für Rituale verwendet worden.

Tanner verweist 1964 in The Decline and present Status of the Imperial Woodpecker of Mexico auf Unknown Mexico, eine 1902 erschienene Publikation des norwegischen Naturforschers und Ethnologen Carl Sophus Lumholtz, der zwischen 1890 und 1900 durch das Land der Tarahumara-Indianer reiste und die indigenen Kulturen Mexikos erforschte. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte Lumholtz, dass der Kaiserspecht kurz vor der Ausrottung stand. Er machte dies etwa an seinen Beobachtungen bei den Tarahumara fest, die die Jungvögel des Spechts als Delikatesse ansahen. Sie sollen sogar riesige Bäume gefällt haben, um an die Nester zu gelangen.

Weiterhin schreibt Lumholtz, dass die Tarahumara das Gefieder des Kaiserspechts als wertvoll und gesundheitsfördernd ansahen; sie hätten die Federn angesengt und die entstehenden Dämpfe als Stimulans für in den Wehen liegende Frauen genutzt.

Die Anthropologen Robert Zingg und Wendell Bennett studierten die Tarahumara um 1935 im Bundesstaat Chihuahua. Sie stellten damals schnell fest, dass der Kaiserspecht dort bereits ausgerottet wurde. Zingg und Bennett machen Mexikaner dafür verantwortlich, die die Federn des Vogels als Ohrenschützer nutzten, weil sie glaubten, diese schütze sie vor Luft, die in den Kopf eindringt und Kopfschmerzen verursacht. Weiterhin gibt es Berichte über Einheimische, die glaubten, dass der Schnabel des Kaiserspechts die Kraft hätte, dem Körper Krankheiten zu entziehen.

Sozialverhalten machte Kaiserspecht anfällig gegenüber Bedrohungen

Historisch gesehen handelte es sich beim Kaiserspecht um keine wirklich seltene Art in ihrem geeigneten Lebensraum, wenn auch die Gesamtpopulation nie mehr als 8.000 Individuen umfasste, so Lammertink. Aus mindestens drei Berichten aus den Jahren 1887, 1906 und 1951 geht hervor, dass der Kaiserspecht „verbreitet“ oder „relativ verbreitet“ war.

Die sich ausweitende Abholzung der Wälder Anfang der 1950er-Jahre in abgelegene Teile der Sierra Madre schuf nicht nur Platz für Siedlungsgebiete, sondern ebnete auch Jägern den Weg. Die Bejagung des Kaiserspechts legte sicherlich den Grundstein für das Verschwinden der Art. Doch das Abholzen der toten Kiefern zur Papierzellstoffgewinnung und der ausgewachsenen Kiefern zur Holzgewinnung führte letztendlich zum Niedergang des Kaiserspechts.

Das Sozialverhalten des Kaiserspechts machte ihn sowohl für die Bedrohung durch die Holzfällerei als auch für die Bedrohung durch Überjagung anfällig. Kaiserspechte traten häufig in Gruppen von vier bis acht (manchmal bis zu 20) Tieren auf, weshalb sie große Waldflächen benötigten. Jäger hatten es somit leicht, die Gruppen um einige Individuen zu erleichtern. Die Verfolgung des Kaiserspechts wuchs mit der Holzfällerei. Lammertink berichtet in seiner 2011er-Publikation überdies von vergifteten Nahrungsbäumen.

Auch Tanner verweist auf den Zusammenhang zwischen dem Abholzen der Wälder und der Bejagung. So hätten die Einwohner im Süden von Durango behauptet, während einer Holzfälleraktion 1953 insgesamt „12 der großen Spechte innerhalb eines Jahres“ erschossen zu haben.

Lebenszeichen vom Kaiserspecht?

Verbreitungsgebiet Kaiserspecht in Mexiko

Das einstige Verbreitungsgebiet des Kaiserspechts im nordwestlichen Hochland von Mexiko. Es erstreckt sich vom Westen der Bundesstaaten Sonora und Chihuahua bis in den Süden nach Jalisco und Michoacan. (© Cephas, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Die letzte bestätigte Sichtung ist die von Rhein 1956 aus Durango, aber es gab auch nach 1965 noch einige glaubhafte Berichte lokaler Einwohner. Vielversprechende Sichtungen gelangen 1993 und 1995: Ein Paar Kaiserspechte im Zentrum von Durango 1993, 1995 ein einzelnes Männchen 20 Kilometer von der 1993er-Sichtung entfernt sowie ein einzelnes Weibchen im Norden des Bundesstaates Sonora.

Einer weiteren Sichtung im nördlichen Zentrum von Durango im Jahr 1996 wurde nachgegangen, doch es konnten keine Kaiserspechte aufgespürt werden. Auch eine Sichtung in Chihuahua 2005 war bei näherer Betrachtung nicht vielversprechend. Es konnte weder ein geeigneter Lebensraum im Umkreis von 50 Kilometern ausgemacht werden noch konnten dort lebende Einheimische bestätigen, Kaiserspechte gesehen zu haben.

Seit den 1960er-Jahren wurden eine Menge spezifische Suchen nach dem Kaiserspecht unternommen. So reiste James Tanner 1962 nach Mexiko; er wollte den Kaiserspecht finden, um ihn mit dem Amerikanischen Elfenbeinspecht (Campephilus principalis) zu vergleichen, den er zuvor intensiv erforscht hatte. Tanner schreibt dazu:

„Unsere Suche nach dem Specht war erfolglos, aber wir haben etwas über den derzeitigen Status der Art und über die Gründe für ihr Verschwinden gelernt.“

Auch Lammertink unternahm eine elfmonatige Expedition zwischen 1994 und 1995. Es sollen noch weitere Suchen stattfinden, doch eine Tatsache ist auch, dass Suchaktionen nach dem Kaiserspecht schwierig und gefährlich sind. Darauf geht Tim Gallagher in seinem Sachbuch The Grail Bird (2006) ein. Er gibt an, dass es in der Sierra Madre Occidental große Marihuana- und Schlafmohn-Anbaugebiete der Drogenkartelle gibt, die von bewaffneten Männern bewacht werden. So kommt es mitunter vor, dass Personen getötet werden, die den Ernten zu nahe kommen.

Der Kaiserspecht: Der größte Specht der Welt

Der Kaiserspecht war mit bis zu 60 Zentimetern Körperlänge wohl der größte in der Neuzeit existierende Vogel aus der Familie der Spechte (Picidae). Ihm nahe verwandt sind der ebenfalls ausgestorbene Amerikanische Elfenbeinspecht und der Kubanische Elfenbeinspecht. Aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit mit dem Elfenbeinspecht wird der Kaiserspecht bisweilen auch als Mexikanischer Elfenbeinspecht bezeichnet. Die beiden nah verwandten Spechte unterscheiden sich in erster Linie durch ihre Größe. Zudem besitzen der Kubanische und der Amerikanische Elfenbeinspecht beidseitig am Hals weiße Querstreifen, die der Kaiserspecht nicht aufweist.

Es wurden keine Naturschutzreservate oder ähnliches eingerichtet, die der Erhaltung des Kaiserspechts oder der Altbaumbestände hätten dienen können. Selbst, wenn es noch einige wenige Spechte dieser Art geben sollte, haben die umfangreichen Habitatveränderungen und der anhaltende Jagddruck durch die Bevölkerung das Aussterben des Kaiserspechts wohl unvermeidlich gemacht.

Die IUCN listet den Kaiserspecht bislang als ’stark gefährdet (wahrscheinlich ausgestorben)‘. Die Weltnaturschutzorganisation vermutet aufgrund fehlender bestätigter Sichtungen nach 1956, wenn überhaupt, eine Population von weniger als 50 Individuen. Zudem hätten Analysen des verbleibenden Lebensraums ergeben, dass dieser nicht groß genug wäre, um genügend Nahrung liefern zu können.

Lammertink veröffentlichte bereits 1996 eine Studie, in der er den Status und die Erhaltung alter Wälder und endemischer Vögel in der Kiefer-Eichen-Zone der Sierra Madre Occidental untersuchte. Aus dieser geht unter anderem hervor, dass es 1996 nur noch 22 Quadratkilometer für den Kaiserspecht geeignetes Bruthabitat gäbe. Zudem sei auch das Gebiet, in dem es 1993 angeblich zu einer Sichtung eines Kaiserspecht-Paares kam, 1996 vollständig abgeholzt gewesen.