Nordseeschnäpel

nordseeschnäpel

Der Nordseeschnäpel war eine große Maränen-Art, die sich von anderen europäischen Arten unter anderem durch ihre nasenartig verlängerte Schnauze unterschied. Der Oberkiefer stand weit über die Kante des Unterkiefers vor. (© Bloch, Marcus Elieser, 1723-1799, No restrictions, via Wikimedia Commons)

Nordseeschnäpel – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Nordseeschnepel, Rheinschnäpel, Rheinschnepel, Houting, Kleine Schwebrenke
lateinische Namen Coregonus oxyrinchus, Tripteronotus hautin, Salmo thymallus latus, Sphijrena fluviatalis
englischer Name Houting
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Südostküste Englands, südliches/westliches Nordseebecken, Rhein-Maas-Shelde-Delta
Zeitpunkt des Aussterbens um 1940
Ursachen für das Aussterben Überfischung, Lebensraumverlust, Lebensraumfragmentierung, Wasserverschmutzung

Von Maränen, Felchen und Coregonen

Schnäpel oder Schnepel heißen auch Maränen, Rheinanken, Renken, Felchen oder Coregonen und meinen Fische der Gattung Coregonus, die zur Ordnung der Lachsartigen (Salmoniformes) gehört. Die einzelnen Coregonus-Arten lassen sich anhand optischer Merkmale kaum voneinander unterscheiden, sodass manche Wissenschaftler vermuten, dass der ausgestorbene Nordseeschnäpel eigentlich der existierende Ostseeschnäpel (Coregonus maraena) ist. Es heißt, nur mithilfe der Anzahl, Form und Anordnung der Kiemenreusendornen, bezahnte, sich auf den Kiemenbögen befindliche Fortsätze im Schlund der Fische, lassen sich Schnäpel-Arten untereinander abgrenzen. Die Kiemenreuse ist ein Organsystem, das dank der Reusendornen oder Branchiospinen Nahrung und Atemwasser voneinander trennt. Fische, die sich in erster Linie von Plankton ernähren, besitzen mehr und enger stehende Reusendornen zur Filtrierung des Wassers.

Über die Jahre haben unterschiedliche Taxonomen verschiedene Fischarten mit verschiedenen Merkmalen dem Namen Coregonus oxyrinchus zugeordnet. Die Ichthyologen Jörg Freyhof und Christian Schröter haben sich 2005 an eine Neubeschreibung des Nordseeschnäpels gewagt. Der Nordseeschnäpel unterscheide sich von anderen Coregonen anhand seiner 38 bis 46 Kiemenreusendornen auf dem ersten Kiemenbogen und im Mittel 40 Dornen sowie durch sein langes, spitzes Maul.

Der Ostseeschnäpel besitzt zwar nur 25 bis 35 Reusendornen, doch der dänische Wissenschaftler Michael M. Hansen und seine Kollegen weisen 2008 in einer Forschungsarbeit darauf hin, dass die Merkmale, anhand derer sich die Arten unterscheiden sollen, variabel sind und von verschiedenen Faktoren abhängen. Dazu gehören etwa das Alter der Fische, ihr Reproduktionszyklus oder ihre Wachstumsrate. Hansen zufolge, korrelieren die Kiemenreusendornen auch nicht unbedingt mit genetisch verwandten Gruppen. Was die Färbung und Größe des Nordseeschnäpels angeht, so weist er älteren Angaben nach, zumindest keine Unterschiede zum Ostseeschnäpel auf.

Für den Nordseeschnäpel selbst existieren heute keine genetischen Daten, sodass es schwierig ist, seinen taxonomischen Status einzuordnen. Zumal ja auch die Anzahl der Kiemenreusendornen kein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal zur Abgrenzung der Coregonen untereinander zu sein scheint.

Ist der Nordseeschnäpel etwa doch nicht ausgestorben?

Nordseeschnäpel Coregonus oxyrinchus

Zwischen 1596 und 1610 entstandene Darstellung des Nordseeschnäpels. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné beschrieb die Art 1758 als erster. (© Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons)

Nordseeschnäpel lebten, so sind sich Wissenschaftler einig, in den Mündungsgebieten und Unterläufen der Flüsse Rhein, Schelde und Maas. Auch in Südengland scheint die Fischart vorgekommen zu sein; darauf weisen drei Funde aus dem 19. Jahrhundert hin: aus der Stadt Chichester, der Grafschaft Lincolnshire und aus dem River Medway.

In der Elbe und in anderen Flüssen, die in die östliche Nordsee fließen, lebten einst auch Coregonus-Populationen, allerdings ist nicht sicher, welcher Art sie angehörten. Diese Populationen verschwanden – wie auch jene der westlichen Nordsee – ebenfalls in den 1940er-Jahren. Mit einer Ausnahme: Die einzige Coregonen-Population der Nordsee, die überlebte, befand sich im süddänischen Fluss Vidå. Der Bestand der Fische sank zwar in der Nachkriegszeit stark, doch in Zuchtbecken konnte die Art vermehrt werden.

Die Wiedereinbürgerung des „Nordseeschnäpels“

Kiemenreusen im Schlund des Fisches

So sehen Kiemenreusendornen im Schlund eines Fisches (hier ein Zackenbarsch) aus. Sie dienen dazu Atemwasser und Nahrung voneinander zu trennen.  (© Rob and Stephanie Levy, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Zunächst gingen Wissenschaftler davon aus, dass es sich um eine keine Nordseeschnäpel-Population handelt, die dort überlebt hat. Aus diesem Grund ging man seit 1987 dazu über, die Fische zu züchten, um in Schleswig-Holstein Wiedereinbürgerungsprogramme in der Treene, dem Rhein und in anderen Flüssen durchzuführen.

Genetische Analysen haben gezeigt, dass es sich bei den Fischen im Fluss Vidå um Ostseeschnäpel handeln könnte beziehungsweise um einen Ökotyp der Ostsee-Population, so Hansen. Damit seien die Zuchtprogramme zur Umsiedlung von „Nordseeschnäpel“-Populationen vom Fluss Vidå in andere Flüsse (etwa Rhein-Maas-Shelde-Delta) kontraproduktiv. Der Grund: Mit dem Ostseeschnäpel würde lediglich eine exotische Art außerhalb ihres natürlichen Lebensraums eingeführt werden. Trotz des Wissens darüber, dass es sich bei der dänischen Population höchstwahrscheinlich nicht um Nordseeschnäpel handelt, werden die Tiere noch heute so bezeichnet.

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN führt den Nordseeschnäpel jedenfalls in ihrer Roten Liste als ausgestorben, da nach 1940 kein Nachweis geliefert werden konnte, dass die Art in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet noch vorkommt. Viele Suchaktionen, zuletzt 2005, nach dem Nordseeschnäpel verliefen zudem ergebnislos. Auch in der 2011 erschienenen European Red List of Freshwater Fishes von Jörg Freyhof und Emma Brooks wird der Nordseeschnäpel als ausgestorben gelistet. Bereits 2005 beendeten Freyhof und Schröter bihre Neubeschreibung der Art mit der Aussage, der Nordseeschnäpel sei weltweit ausgestorben.

Der Nordseeschnäpel – einst ein wichtiger Speisefisch

Ostseeschnäpel oder Große Maräne (Coregonus maraena)

Zum Vergleich: Zeichnung vom Ostseeschnäpel aus dem Jahr 1913. (© Walter, Emil, Public domain, via Wikimedia Commons)

In der Nordsee galten die Schnäpel zu Beginn des 20. Jahrhunderts als wichtige Speisefische. Die Fischerei im Rhein konzentrierte sich zwischen August und November auf den Nordseeschnäpel. Die Fangzahlen wurden erst ab 1910 dokumentiert, zeigen aber eine eindeutige Tendenz: So wurden 1917 noch 5.000 Kilogramm Nordseeschnäpel gefangen, 1921 waren es 1.000 Kilogramm, 1933 noch 100 Kilogramm und 1939 gerade einmal drei Kilogramm der Fischart.

Als Ursachen für das Verschwinden der Nordseeschnäpel-Populationen gelten vor allem der Bau von Stauwehren und dem damit einhergehenden Verlust der Durchgängigkeit von Fließgewässern. Zudem führt die Begradigung von Flüssen zum Verschwinden schützender Buchten oder von Überschwemmungszonen; beides benötigen die Larven und Jungfische der Nordseeschnäpel als Lebensraum. Auch der Einsatz von sogenannten Fischtreppen konnte nicht dazu führen, dass Nordseeschnäpel Wehre zu überwinden in der Lage waren.

Der Bau von Stauwerken führt auch zu einer Verschlechterung der Wasserqualität, zur Verschmutzung der Gewässer und zum Verschlammen der Laichgründe. Der Nordseeschnäpel war als kieslaichende Art auf Kiesgrund angewiesen. Die sonst im Brackwasser der Flussmündungen lebenden Schnäpel waren anadrome Wanderfische Das heißt, zum Laichen schwimmen sie von November bis Dezember den Fluss hinauf, denn die Eier und Jungfische können in Wasser mit Salzgehalt nicht überleben. Haben sie ihr Laichhabitat erreicht, geben sie die Eier ins freie Wasser ab, wo sie an Wasserpflanzen oder Steinen kleben bleiben. Die Jungfische schlüpfen im Februar oder März und lassen sich mit der Strömung in Stillwasserbereiche wie Buchten oder Überschwemmungsbereiche  treiben.

Nicht nur Coregonen reagieren sensibel auf Umwelteinflüsse

Nordseeschnäpel waren bei der Suche nach Nahrung auf Flussmündungen und Brackwasser angewiesen. In diesen Gebieten, wo sich das salzige Meerwasser mit dem süßen Flusswasser vermischt, ist die Wasserverschmutzung meistens am ausgeprägtesten. Es ist bekannt, dass Coregonen auf derartige Umwelteinflüsse sehr sensibel reagieren.

Die Lebensweise wie auch die Aussterbeursachen des Nordseeschnäpels erinnern an das Verschwinden des Schwertstörs. Auch er war ein anadromer Wanderfisch, der im Jangtsekiang endemisch war. Durch den Bau von Staudämmen kam es zur Fragmentierung seines Lebensraums, sodass er seine Laichplätze nicht mehr aufsuchen konnte und zwischen 2005 und 2010 ausstarb.