Kubanischer Elfenbeinspecht

kubanischer elfenbeinspecht

Ein männlicher Kubanischer Elfenbeinspecht, im Oktober 1948 vom Ornithologen John Dennis fotografiert. (© John Dennis, Public domain, via Wikimedia Commons)

Kubanischer Elfenbeinspecht – Steckbrief
alternative Bezeichnung Carpintero Real
lateinische Namen Campephilus principalis bairdii, Campephilus bairdii
englischer Name Cuban Ivory-billed Woodpecker
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Kuba
Zeitpunkt des Aussterbens nach 1987
Ursachen für das Aussterben Lebensraumverlust, Bejagung

Kubanischer Elfenbeinspecht: Die letzten und einzigen Fotos entstanden 1948

Der Ornithologe John V. Dennis und der Vogelbeobachter Davis Crompton reisten 1948 nach Kuba, um den Gerüchten, dort gäbe es noch Elfenbeinspechte, auf den Grund zu gehen. Und tatsächlich: In einem kahl geschlagenen Kiefernwald der Provinz Oriente nistete in einer toten Kiefer ein Paar Kubanischer Elfenbeinspechte. Dennis schoss die bis dato einzigen Fotos lebender Elfenbeinspechte auf Kuba – und die letzten wissenschaftlich anerkannten Fotografien der Vogelart. Von da an verbrachte Dennis den Rest seines Lebens damit, nach dem Elfenbeinspecht zu suchen…

Jahrelang ging Dennis unzähligen vermeintlichen Sichtungsberichten des Elfenbeinspechts in Nordamerika nach und als er endlich 1966 einen Elfenbeinspecht in einem Sumpfgebiet in Texas entdeckt hatte, glaubte ihm niemand. Die Ornithologen betrachteten seinen Bericht mit Skepsis, zumal er die Sichtung nicht fotografisch festhalten konnte. Der Ornithologe James T. Tanner suchte daraufhin zwei Tage lang die Sumpfgegend ab und konnte keinen Elfenbeinspecht entdecken. Zudem erklärte er den Lebensraum für absolut ungeeignet für die Vogelart.

Der amerikanische Vogelkundler John Cassin beschrieb den Kubanischen Elfenbeinspecht in  Notes on the Picidae bereits 1863 als Campephilus bairdii wissenschaftlich und verglich die Vogelart mit dem in Nordamerika endemischen und heute vermutlich auch ausgestorbenen Nordamerikanischen Elfenbeinspecht (Campephilus principalis):

 „Er ist C. prinicipalis sehr ähnlich, aber kleiner und mit schwarzen Federn am vorderen Teil der Haube, die länger als die nachfolgenden scharlachroten Federn sind. Eine weiße längs verlaufende Linie am Hals, die bis zur Basis des Schnabels reicht. (…) Es scheint sich um eine einzigartige Insel-Spezies zu handeln (…).“

Eine einzigartige Insel-Spezies – Unterart oder Art?

Einige Zeit später verleitete Wissenschaftler die optische Ähnlichkeit zwischen Amerikanischen und Kubanischen Elfenbeinspecht dazu, den von Cassin beschriebenen Vogel zur Unterart des Amerikanischen Elfenbeinspechts zu erklären: Campephilus principalis bairdii.

Neuere Forschungen wiederum bestätigen, dass es sich beim Kubanischen Elfenbeinspecht tatsächlich um eine eigene Art handelt. Der Ornithologe und Evolutionsgenetiker Robert C. Fleischer analysierte die DNA von sieben Amerikanischen und drei Kubanischen Elfenbeinspechten aus Museen.

Die Ergebnisse standen 2006 in den Biology Letters: So würden der Kubanische und der Nordamerikanische Elfenbeinspecht zusammen mit dem ausgestorbenen Kaiserspecht (Campephilus imperalis) aus Mexiko eine Klade bilden. Sie seien genetisch ungefähr gleich weit voneinander entfernt, was darauf hindeute, dass es sich bei jeder der drei Abstammungslinien um eine eigene Art handelt.

Die Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass sich die drei Abstammungslinien bereits vor mehr als einer Million Jahre im Mittelpleistozän aufspalteten. Somit ist auch die Theorie, amerikanische Ureinwohner hätten den Elfenbeinspecht vor rund 600 Jahren vom Festland nach Kuba gebracht, widerlegt. Fleischers Studie zeigt, dass die Elfenbeinspechte lange vor den Menschen auf Kuba lebten.

Fleischer schlägt zwar vor, den Nordamerikanischen und den Kubanischen Elfenbeinspecht als unterschiedliche Spezies zu listen, doch die endgültige Entscheidung darüber muss das American Ornithologists‘ Committee on Classification and Nomenclature fällen. Und dort sah man die Sache 2006 (und heute wohl auch noch) so:

„Die neuen Daten sind faszinierend, aber verlagern diese Vögel nur in eine Grauzone. Einige Biologen würden sie als zwei unterschiedliche Spezies klassifizieren und andere würden sie als eine Spezies belassen. Die Ergebnisse der Studie werden wahrscheinlich eine interessante Debatte darüber auslösen, wie wir diese Vögel fortan klassifizieren wollen.“

Schon Ende der 1940er-Jahre sehr selten – der Kubanische Elfenbeinspecht

Kubanischer Elfenbeinspecht ausgestopft

Ein 1863 von John Cassin gesammeltes weibliches Exemplar des Kubanischen Elfenbeinspechts. Dieses befindet sich heute im Naturalis Biodiversity Center in Leiden, Niederlande. (© Huub Veldhuijzen van Zanten/Naturalis Biodiversity Center, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Der Kubanische Elfenbeinspecht – oder Carpintero Real, wie er in Kuba genannt wurde – bewohnte alte Wälder mit vielen toten oder absterbenden Bäumen. Dort gab es auch reichlich Bockkäfer (Cerambycidae) und andere Käferlarven, die den Großteil seiner Nahrung ausmachten.

Die meisten Laubwälder in den Tiefländern Kubas waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerodet worden, sodass sich der Kubanische Elfenbeinspecht bald in die Bergkiefernwälder im Nordosten der Insel zurückzog. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet wurde durch die Bergkette Sierra los Órganos im Westen Kubas abgesteckt, es umfasste die Tieflandwälder an der Bucht Ensenada de Cochinos und entlang des Flusses Hanabana.

Der Elfenbeinspecht auf Kuba soll einst recht verbreitet gewesen sein, doch bereits in den späten 1940er-Jahren galt er als äußerst selten. Das war die Zeit, in der John Dennis ein paar Vögel in einem kleinen Rest Wald im Gebirge Cuchillas de Moa, dessen größten Teil man bereits einige Jahre zuvor gerodet hatte, beobachten konnte.

Der Ornithologe George Lamb reiste 1956 nach Kuba und fand sechs Territorien, in denen Elfenbeinspechte leben. Es wurden zwölf oder 13 Vögel gezählt. Lamb sprach sich für einen Rettungsplan zum Schutz der Vogelart aus, doch die Kubanische Revolution ab 1959 durchkreuzte den Plan.

Zahlreiche Suchen verliefen ohne Erfolg

In den Bergen im Osten Kubas, im Gebiet Ojito de Agua in einem hügeligen Kiefernwald erspähte ein Team von Ornithologen 1987 männliche und weibliche Kubanische Elfenbeinspechte. Trotzdem das Gebiet durch die kubanische Regierung sogleich unter Naturschutz gestellt wurde, sah es wenige Jahre später so aus, als seien die Vögel, die zwischen 1986 und 1987 dort beobachtet wurden, nicht mehr da.

Der niederländische Ornithologe und Spechtforscher Martjan Lammertink begab sich 1991 und 1993 nach Kuba, um den Status des Kubanischen Elfenbeinspechts zu bestimmen. Das Ergebnis seiner Suchen hielt er in einem Artikel (1993) für die wissenschaftliche Zeitschrift Cotinga fest.

Während der ersten Suchexpedition 1991 verbrachte Lammertink 62 Tage in und um Ojito de Agua und sah oder hörte keinen einzigen Elfenbeinspecht. Zudem stellte er fest, dass Ojito de Agua nicht wie der ideale Lebensraum für einen Elfenbeinspecht erscheint. Die besten Teile des Waldes sind in den 1950er- und 1980er-Jahren abgeholzt worden und nur schwach nachgewachsen.

Bei seiner zweiten Suche nach dem Kubanischen Elfenbeinspecht 1993 war es schon schwierig, überhaupt geeigneten Lebensraum für die Vogelart zu finden. Lammertink besuchte auch das Gebiet rund um den Oberlauf des westlichen Nebenflusses des Toa-Flusses – ein Ort, an dem der Kubanische Elfenbeinspecht 1984 gesichtet wurde. Der Ort war jedoch nicht mehr der, der er einst war. Der Wald, der unmittelbar außerhalb einer seit 1986 geschützten Zone liegt, wurde 1992 gerodet.

Kubanischer Elfenbeinspecht vermutlich um 1990 herum ausgestorben

Elfenbeinspecht Männchen

Der Elfenbeinspecht zeichnete sich durch seinen elfenbeinfarbenen Schnabel aus. Nur die männlichen Tiere trugen einen roten Schopf auf dem Kopf. Die Illustration zeigt den Amerikanischen Elfenbeinspecht. (© Mark Catesby, Public domain, via Wikimedia Commons)

In 120 Tagen intensiver Suche in den Jahren 1991 und 1993 konnte Lammertink nicht einen Elfenbeinspecht auf Kuba ausfindig machen. Er geht deshalb davon aus, dass der Kubanische Elfenbeinspecht um 1990 herum ausgestorben ist. Einige Wissenschaftler und auch die Weltnaturschutzorganisation IUCN halten es für möglich, dass eine überschaubare Anzahl an Exemplaren der Vögel in einem der wenigen, nicht durch Menschenhand zerstörten Waldgebiet der Insel überlebt haben könnten.

Die  IUCN gibt außerdem an, dass 1998 Vogelrufe im Gebirgszug Sierra Maestra im Südosten Kubas gehört worden seien, die vom Elfenbeinspecht stammen könnten. Das Gebiet gehört allerdings nicht zum historischen Verbreitungsgebiet des Kubanischen Elfenbeinspechts und liegt außerdem höher als der von der Art bevorzugte Höhenbereich. Anschließende Suchen in der Region förderten einen schlecht geeigneten Lebensraum und keine Hinweise auf die Anwesenheit von Elfenbeinspechte zutage.

Letztendlich waren Waldrodungen zur Holzgewinnung und zur Schaffung landwirtschaftlicher Flächen wahrscheinlich der Hauptgrund für das Verschwinden des Kubanischen Elfenbeinspechts. Manche Wissenschaftler gehen auch davon aus, dass nur die Bejagung der Vögel ein solch schnelles Aussterben verursacht haben kann.  Die Lebensraumzerstörung soll nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Diese Theorie ist jedoch umstritten.

Die letzten Suchen nach dem Elfenbeinspecht auf Kuba fanden 2010 und 2011 statt – ohne Erfolg. Demnach konnte nach 1987 trotz großer Bemühungen kein Beweis dafür erbracht werden, dass der Kubanische Elfenbeinspecht noch existiert.