Burmeister-Fuchs

Falklandwolf Burmeister-Fuchs

Darstellung eines Falklandwolfes  aus ‚Iconographica Zoologica – Special Collections‘ (1868) der Universität Amsterdam. Der Burmeister-Fuchs und der Falklandwolf müssen aufgrund ihrer nahen Verwandtschaft morphologisch ziemlich ähnlich ausgesehen haben. (© Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons)

Burmeister-Fuchs – Steckbrief
lateinische Namen Dusicyon avus, Canis avus, Canis platensis
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Süd-Südamerika (Chile, Uruguay, Argentinien, Brasilien)
Zeitpunkt des Aussterbens unklar, möglicherweise frühes 17. Jahrhundert, vielleicht auch erst 20. Jahrhundert
Ursachen für das Aussterben anthropogene Auswirkungen (etwa Einfuhr von Haushunden,  Lebensraumverlust, Bejagung), klimatische Veränderungen

Wie der Burmeister-Fuchs zum Falklandwolf wurde

Während der letzten Eiszeit vor rund 16.000 Jahren nutzten ein paar Burmeister-Füchse flache, zugefrorene Stellen im Meer, um von Südamerika zu den 500 Kilometer entfernten Falklandinseln zu gelangen. Der Burmeister-Fuchs auf den Falklandinseln entwickelte sich im Laufe der Zeit anders als seine kontinentalen Verwandten. So entstand auf den Inseln eine neue Art der Gattung Dusicyon: der Falklandwolf oder Falklandfuchs. Die übrigen Burmeister-Füchse verlieben auf dem südamerikanischen Kontinent. Heute sind beide Arten ausgestorben.

Es besteht also eine enge Verwandtschaft zwischen Falklandwolf und Burmeister-Fuchs. Da der Falklandwolf sozusagen aus dem Burmeister-Fuchs hervorgegangen ist, bildet der Burmeister-Fuchs dessen Stammform und zugleich Schwestertaxon.

Der Burmeister-Fuchs war im Süden Südamerikas weit verbreitet. Fossile Überreste fanden Wissenschaftler zum Beispiel in Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay. Er bevorzugte offene Lebensräume wie Gras- oder Strauchsteppen, wie sie in den Regionen Pampa und Patagonien vorkommen.

Während sich der Falklandwolf als einziges Landsäugetier auf den Falklandinseln hauptsächlich von Vögeln ernährte, bestand die Nahrung des Burmeister-Fuchses aus kleinen Säugetieren und Kadavern, die auch groß sein konnten. Untersuchungen zufolge, ernährte er sich stärker karnivor (fleischfressend) als heute lebende Füchse.

Sehr viel später ausgestorben als angenommen – der Burmeister-Fuchs

Patagonien, Südamerika

Der Burmeister-Fuchs lebte unter anderem in Patagonien. Die Großlandschaft Patagonien (rot) umfasst Teile Argentiniens und Chile sowie Feuerland an der Südspitze Südamerikas. (© The original uploader was LadyInGrey at Spanish Wikipedia., CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass der Burmeister-Fuchs bereits vor etwa 3.000 Jahren ausgestorben ist. Reisetagebücher und Überlieferungen aus jüngerer Zeit deuten allerdings an, dass die Art noch länger existiert haben könnte. Das geht zum Beispiel aus George Chaworth Musters, einstiger Kommandant der British Royal Navy, südamerikanischen Reiseeindrücken in At Home with the Patagonians (1873) hervor. Darin beschreibt er die Begegnung mit einem Fuchs in Patagonien, der einem Warrah ähnlich sehen würde. Warrah ist eine Abwandlung des Wortes aquará, was in der Guaraní-Sprache, eine der Muttersprachen Amerikas, so viel wie Fuchs bedeutet. Der Falklandwolf auf den Falklandinseln wurde auch als Warrah Fox bezeichnet. Musters könnte also tatsächlich dem Burmeister-Fuchs begegnet sein.

Gewissheit brachte 2015 eine Studie, für die der Paläontologe Francisco J. Prevosti und seine Kollegen mittels Radiokarbonmethode herausfanden, dass der Burmeister-Fuchs erst viel später ausgestorben ist. Für die Pampa-Region hat Prevosti ein Aussterbezeitraum zwischen 1232 und 1397 ermittelt und in Patagonien existierte der Burmeister-Fuchs zwischen 1354 und 1626.

Möglicherweise existierte er auch noch länger, denn die südamerikanische Volksgruppe Selk’nam, die einst auf Feuerland, einer Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas, lebte, kannte um 1900 herum zwei Fuchsvarianten. Einer dieser Füchse sei ungewöhnlich groß gewesen. Wenn es sich bei dem großen Fuchs um den Burmeister-Fuchs handelt, hieße das, er hat auf Feuerland sogar bis ins 20. Jahrhundert überlebt, so der Archäologe Luis A. Borrero in American Megafaunal Extinctions at the End of the Pleistocene (2008).

Der Burmeister-Fuchs soll, so die Encyclopedia of Life, die Größe eines Deutschen Schäferhundes erreicht haben. Eine recht vage Aussage, aber sicher ist, der Burmeister-Fuchs war größer als andere südamerikanische Füchse. Sein Gewicht betrug zwischen zehn und 15 Kilogramm.

Drei Hypothesen zum Aussterben des Burmeister-Fuchses

Pampa, Südamerika

Neben Patagonien war der Burmeister-Fuchs auch in der Ökoregion Pampa (auch Pampas) an der Südostküste Südamerikas endemisch. Argentinien, Brasilien und Uruguay haben Anteil an der Pampa. (© Jjw, via Wikimedia Commons)

Im Gegensatz zum Falklandwolf und dessen ausgeprägter Inselzahmheit sind die Gründe für das Aussterben des Burmeister-Fuchses eher rätselhaft. Warum sollte dieses weit verbreitete, nicht spezialisierte Raubtier mit einer mittleren Körpergröße aussterben? – Und das so lange nach der Quartären Aussterbewelle, dem Massenaussterben am Übergang vom Pleistozän zum Holozän.

In der Vergangenheit diskutierten Wissenschaftler vor allem drei Hypothesen, die zum Verschwinden der Art geführt haben könnten: der Klimawandel, die Kreuzung mit domestizierten Hunden und der Einfluss der einheimischen Bevölkerung. Prevosti kann die ersten beiden Hypothesen gleich ausschließen, denn es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass das feuchtere Klima den Füchsen schadete. Und auch eine Hybridisierung von Burmeister-Füchsen mit Haushunden habe nicht stattgefunden, da das Genmaterial, die Fuchsschädel und die Fuchsgebisse vom Pleistozän bis ins Holozän keine auffälligen Veränderungen aufweisen.

Der Fuchs und der Mensch

Überreste, vor allem Zähne, des Burmeister-Fuchses in zahlreichen archäologischen Ausgrabungsstätten deuten darauf hin, dass das Raubtier für die Ureinwohner Südamerikas einen hohen symbolischen Wert besaß und im späten Holozän rituellen Zwecken diente. Vermutlich trug die indigene Bevölkerung die Zähne des Burmeister-Fuchses als Schmuck um den Hals.

Der Archäologe Luciano Prates untersuchte 2015 die Beziehung zwischen wilden Caniden und Menschen. Anlass war die Entdeckung eines Grabes aus dem späten 2. Jahrtausend vor Christus in der argentinischen Provinz Rio Negro. Es enthielt die Überreste eines Burmeister-Fuchses, der in vergleichbarer Weise wie die Menschen damals bestattet worden ist. Es liegt nahe, dass man ihn als Haustier gehalten und als Teil der menschlichen sozialen Gemeinschaft betrachtet hatte.

Prevosti hält es für möglich, dass die wachsende Bevölkerungszahl im Spätholozän die Nutzung der Tierart für religiöse Zwecke noch intensiviert haben könnte. Vielleicht sogar so sehr, dass es sich negativ auf die Bestandszahlen des Burmeister-Fuchses auswirkte? Die Radiokarbondaten aus Prevostis Studie deuten aber darauf hin, dass der Burmeister-Fuchs erst in neuerer Zeit, nach der Besiedlung Südamerikas durch Europäer verschwunden ist. Ziemlich sicher lässt sich daher sagen, dass die voreuropäische Bevölkerung mit ihren rituellen Handlungen den Fuchs allein nicht ausgerottet haben kann.

Die Kolonialisierung Südamerikas und ihre Folgen

Pampasfuchs

Ein Pampasfuchs (Lycalopex gymnocercus) im brasilianischen Teil der Pampa. Er bevorzugt Pampasgrasländer als Lebensraum. Auch der Burmeister-Fuchs bewohnte Gras- und Strauchsteppen in der Pampa und in Patagonien. (© Cláudio Dias Timm from Rio Grande do Sul, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Die Besiedlung der Regionen Pampa und Patagonien durch Europäer ging mit großen Umweltveränderungen einher, die das Aussterben oder den Bestandsrückgang diverser großer Säugetiere (Pflanzen- und Fleischfresser) beschleunigten. Lokal ausgestorben ist dadurch etwa der Jaguar (Panthera onca); und die Populationszahlen von Puma (Puma concolor) und Pampashirsch (Ozotoceros bezoarticus) sanken enorm. Zusätzlich sind seit dem 19. Jahrhundert in Pampa und seit dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Patagonien negative Auswirkungen auf die Bestandszahlen von Kleinsäugern dokumentiert.

Veränderungen, die mit der europäischen Kolonisierung im Zusammenhang stehen, könnten tatsächlich zum Verschwinden des Burmeister-Fuchses geführt haben. Die Urbarmachung eines Gebietes geht immer mit ökologischen Veränderungen für Flora und Fauna einher: Menschen benötigen Behausungen und Ackerland und eingeführte Rinder und Pferde Weideland.

Auch die von den europäischen Siedlern mitgebrachten domestizierten Hunde sieht Prevosti im Zusammenhang mit dem Verschwinden des Burmeister-Fuchses. Die Haushunde können als Überträger von Hundekrankheiten wie Tollwut oder Staupe einen negativen Einfluss auf die Zahl der Füchse gehabt haben. Verwilderte Hunde wurden sicherlich zu Nahrungskonkurrenten. Und auch die Bejagung durch die Kolonialisten – vielleicht auch mit Jagdhunden – dürfte die Anzahl der Burmeister-Füchse verringert haben.

Viele Ursachen führen zum Aussterben eines Generalisten

Mittelgroße Säugetiere, wie der Burmeister-Fuchs eines war, gehören eigentlich zu den Generalisten. Das bedeutet, die Tierarten sind nur gering spezialisiert und haben kaum oder keine Ansprüche an die Umwelt. Wieso konnten dann voreuropäische und später europäische Siedler sowie Umweltveränderungen einen so großen Effekt auf den Burmeister-Fuchs als mittelgroßen Canid und Generalisten mit Allesfresser-Gebiss und -Ernährung haben? Zumal andere generalisierte Canide wie der Kojote (Canis latrans) oder der Andenschakal (Lycalopex culpaeus) in historischer Zeit sogar steigende Populationszahlen und eine Ausdehnung ihres Verbreitungsgebietes zu verzeichnen hatten.

Das genetische Material des Burmeister-Fuchses, das Wissenschaftlern heute zur Verfügung steht, weist auf wenig genetische Variabilität hin, so Prevosti. Dies kann durch eine geringe Populationsdichte oder durch einen genetischen Flaschenhals zustande kommen, der zu einer starken genetischen Verarmung führt, da nur eine überschaubare Zahl an Individuen vorhanden ist, die sich untereinander fortpflanzen können.

Das passt auch zur Aussage der IUCN, die angibt, dass es eine große Zahl an fossilen Funden des Fuchses in unterschiedlichen spätpleistozänen Orten gab, aber kaum fossile Überreste aus dem Holozän und diese auch nur im südlichen Teil seines eigentlichen Verbreitungsgebietes. Wenn es bloß noch wenige, genetisch verarmte Burmeister-Füchse gab, muss die Art umso empfindlicher gegenüber äußeren Bedrohungen gewesen sein. Letztendlich hält Prevosti es für am Wahrscheinlichsten, dass das Verschwinden des Burmeister-Fuchses auf eine Kombination von Ursachen zurückgeht, hervorgerufen durch den Menschen und klimatische Veränderungen.