Lost Shark (Carcharhinus obsoletus)

Carcharhinus obsoletus

Der schlanke Körper des Lost Shark ist an der Oberseite grau gefärbt und an der Unterseite heller. Seine Augen sind groß, der Kopf breit. (© Lindsay Marshall (www.stickfigurefish.com.au), CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Lost Shark – Steckbrief
lateinische Namen Carcharhinus obsoletus, Carcharhinus obsolerus
englische Namen Lost Shark, False Smalltail Shark
ursprüngliches Verbreitungsgebiet unklar, vermutlich Südchinesisches Meer
Zeitpunkt des Aussterbens unklar, frühestens 1934
Ursachen für das Aussterben Überfischung, langsame Reproduktionsrate

Lost before found – Carcharhinus obsoletus: 2019 als neue Spezies identifiziert und schon ausgestorben?

Die Identität des Lost Shark oder Carcharhinus obsoletus basiert gerade einmal auf drei in den 1930er-Jahren gesammelten Museumsexemplaren, von denen eines ein in Ethanol eingelegter Embryo ist. Lange Zeit nahmen Wissenschaftler an, die Museumstiere seien Borneohaie (Carcharhinus borneensis). Neuere Analysen der im Museum wiederentdeckten, konservierten Fische wiesen aber morphologische Merkmale auf, die sich von Borneohaien unterscheiden.

Seit den 1980er-Jahren vermuteten unterschiedliche Haiforscher immer mal wieder, dass die drei Museumsfische einer neuen Art angehören könnten. Es wurde auch in Erwägung gezogen, dass es in Mittel- und Südamerika heimische Atlantische Zwerghaie (Carcharhinus porosus) sein könnten, obwohl die Museumstiere aus Südostasien stammten, andere Zähne und  morphologische Eigenheiten aufweisen.

Dass es sich bei den drei Exemplaren um einen Embryo und zwei Jungtiere handelt, machte es umso schwieriger, Aussagen zur Artzugehörigkeit zu treffen. Ausgewachsene Tiere dieser Art würden die Forschungen wesentlich erleichtern. Die Ichthyologen William T. White, Peter M. Kyne und Mark Harris entschlossen sich dennoch dazu, den drei Museumshaien einen formellen Namen zu geben, sie als neue Spezies zu beschreiben und mit Artgenossen zu vergleichen. So erschien Anfang 2019 die wissenschaftliche Erstbeschreibung zum Lost Shark beziehungsweise Carcharhinus obsolerus.

White und Kollegen begründen die Wahl des Artnamens obsolerus damit, dass dies das lateinische Wort für ausgestorben sei. Das Epitheton solle zum Ausdruck bringen, dass die Art seit vielen Jahrzehnten nicht nachgewiesen wurde. Dem widersprechen die Biologen Alain Dubois und Bernard Seret ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Studie und berufen sich dabei auf die ICZN: Bei obsolerus handele es sich „zweifelsohne um eine inkorrekte ursprüngliche Schreibweise“ des Wortes, weshalb es zu obsoletus korrigiert werden müsse. 

Wahrscheinlich eine relativ kleine Art aus der Gattung der Grauhaie

Einige Wissenschaftler hielten Carcharhinus obsoletus für den in Süd- und Mittelamerika lebenden Atlantischen Zwerghai. (© D Ross Robertson, Public domain, via Wikimedia Commons)

Die Wissenschaftler bleiben dabei und ordnen die neue Spezies in die Gattung der Requiemhaie oder Grauhaie (Carcharhinus) ein. Die drei Exemplare weisen Körperlängen von rund 34, 37 und 43 Zentimeter auf. Der Spätembryo und die zwei weiblichen Jungfische lassen jedoch nur Spekulationen darüber zu, welche Maximallänge die neue Haiart erreichen konnte. White und sein Team gehen davon aus, dass es sich um eine relativ kleine Art handelt. Die IUCN schätzt die maximale Länge auf rund einen Meter und orientiert sich dabei an ähnlichen Arten.

Beim Vergleich mit Artgenossen zeigt sich eine Ähnlichkeit mit dem Borneohai. Die Anzahl und das Aussehen der Zähne unterscheiden sich dennoch von diesem sowie auch diverse andere morphologische Merkmale. Der Borneohai scheint indes ein naher Verwandter von Carcharhinus obsoletus zu sein.

Das exakte Verbreitungsgebiet von Carcharhinus obsoletus ist nicht bekannt, was auch daran liegt, dass die Angaben zu den Fundorten der drei Museumsfische nicht sehr präzise sind. Nur „Baram in Sarawak“ ist eindeutig: ein Bundesstaat Malaysias an der Nordwestküste der Insel Borneo. Bei den beiden anderen Exemplaren sind Ho-Chi-Minh-Stadt und Bangkok als Herkunft vermerkt. Da Haie nun mal nicht unbedingt in Großstädten leben, dieses aber der Fundort ist, heißt das wohl, dass sie dort auf größeren Märkten zum Verkauf angeboten wurden. Gefangen wurden sie in anderen Gebieten Südostasiens – nur wo?

White hält es für möglich, dass das Verbreitungsgebiet viel kleiner ist, als bislang angenommen. Genauso gut sei es möglich, dass der Lost Shark im südostasiatischen Raum viel weiter verbreitet war. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Carcharhinus obsoletus – wie andere kleine Requiemhaie auch – in flachen, weniger als 50 Meter tiefen, küstennahen Bereichen des Südchinesischen Meeres verbreitet war.

Lost Shark: Führte Überfischung zum Verschwinden der Haifischart?

Jetziges (dunkelblau) und historisches (hellblau) Verbreitungsgebiet des Borneohais. Möglicherweise kam / kommt der Lost Shark dort auch vor. (© Chris_huh, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Trotz intensiver Suchen auf Fischmärkten in der Region des Südchinesischen Meeres, konnte nach 1934 kein weiteres Individuum ausfindig gemacht werden. Auch andere Forschungsexpeditionen zu Requiemhaien rund um Borneo, Indonesien oder den Philippinen zeigten keinen Erfolg. Die IUCN erklärte den Lost Shark 2020 für wahrscheinlich ausgestorben.

Ist es tatsächlich so, dass der Lost Shark flache Küstenbereiche bewohnte, haben White und Kollegen wenig Hoffnung, dass die Art noch existiert. Der Grund: Fischerei findet insbesondere im küstennahen Gewässer statt und im flachen Wasser gibt es kaum Möglichkeiten, sich zu verstecken. Das vermeintliche Verbreitungsgebiet des Lost Shark unterliegt einer intensiven, kaum regulierten Küstenfischerei. Außerdem greift die handwerkliche Fischerei vermehrt auf Haie und Rochen zurück, da in Küstennähe immer mehr Speisefische verschwinden, so ein Artikel des WWF zu Neuerungen in der Roten Liste der IUCN.

Der WWF nennt als Ursachen für die Bedrohung der Meere Überfischung, Umweltverschmutzung, die destruktive Küstenentwicklung, die Klimaerwärmung sowie das kaum regulierte Fischereimanagement. Die Natur- und Umweltschutzorganisation fordert wirksame Fischereikontrollen, verbindliche Fangquoten und den Verbot schädlicher Fischereisubventionen und Fischereipraktiken, die Lebensräume im Boden und an den Küsten zerstören.

Überfischung führte bei vielen Fischarten zum Verschwinden der Art, wie zum Beispiel bei der Féra und der Gravenche aus dem Genfersee, beim Blauen Glasausgenbarsch aus dem Erie- und Ontariosee in Nordamerika oder dem Yilong-Karpfen aus dem chinesischen Yilongsee.

Neben der Überfischung könnte auch eine langsame Reproduktionsrate zum Aussterben des Lost Shark geführt haben, dies legen biologische Daten nahe. Möglicherweise wuchs Carcharhinus obsoletus – genau wie der ihm ähnliche Atlantische Zwerghai – sehr langsam heran und war auch erst im Alter von sechs Jahren geschlechtsreif. Die Tragzeit betrug beim Lost Shark vermutlich ein Jahr für zwei bis neun Jungfische.

Vielleicht besteht noch Hoffnung

Es gibt auch Wissenschaftler, die nicht daran glauben, dass Carcharhinus obsoletus tatsächlich ausgestorben ist. Gründe dafür sind etwa, dass die Art keine (bislang bekannte) ökologische Spezialisierung aufweist, die zu ihrem Aussterben geführt haben könnte. Außerdem handelt es sich um eine kleine Haiart, die in großen Fängen leicht übersehen oder mit anderen Requiemhaien verwechselt werden könnte.

Doch am meisten Hoffnung gibt wohl, dass in letzter Zeit zwei verloren geglaubte Requiemhaiarten wiederentdeckt wurden. Den Pondicherryhai (Carcharhinus hemiodon) hielt man seit den 1970er-Jahren für ausgestorben und dieser konnte 2016 im Fluss Menik Ganga auf Sri Lanka fotografiert werden. Und der Borneohai war einst nur von fünf Individuen bekannt, die zwischen 1858 und 1937 gesammelt wurden. Da nach 1937 kein Exemplar mehr gesichtet wurde, erklärte man die Haifischart für ausgestorben. Bis 2007 – da entdeckte nämlich ein Forscherteam der Universität Malaysia Sabah den Borneohai wieder.