Auerochse

auerochse ur

Diese Illustration des Auerochsen entstand zwischen 1700 und 1880. Der Banteng, der Gaur und der ausgestorbene Kouprey sind mit dem Wildrind verwandt. (© Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons)

Auerochse – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Ur, Eurasischer Auerochse, Europäischer Auerochse
lateinische Namen Bos primigenius, Bos primigenius primigenius, Bos taurus primigenius
englische Namen Aurochs, Urus, Ure, Eurasian Aurochs
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Europa, Mittlerer Osten, Zentralasien (Unterarten auch in Nordafrika und Indien)
Zeitpunkt des Aussterbens 1627
Ursachen für das Aussterben Lebensraumverlust, Bejagung

Wie aus dem Wildtier ein Haustier wurde

Der Auerochse oder Ur gilt als das erste Wildrind, das von Menschen domestiziert wurde, um eine stete Fleisch- und Milchversorgung zu garantieren und Last- und Arbeitstiere zur Verfügung zu haben. Eine Haustierwerdung ist immer auch mit körperlichen Veränderungen verbunden: Die Tiere werden mit der Zeit kleiner, die Hörner krümmer, die Beine und der Schädel kürzer und der Rumpf wird lang und massig. Es wird so gezüchtet, dass besonders ertragreiche Tiere geboren werden. Unser heutiges Hausrind ist aus der vor rund 8.000 Jahren beginnenden Domestikation des Eurasischen Auerochsen entstanden, der in seiner Wildform 1627 ausstarb.

Vom Auerochsen werden drei Unterarten unterschieden: Eurasischer oder Europäischer Auerochse (Bos primigenius primigenius), Indischer Auerochse (Bos primigenius namadicus) und Afrikanischer Auerochse (Bos primigenius africanus oder B. p. mauretanicus).

Der Indische Auerochse ist in seiner Wildform vor mindestens 4.400 Jahren ausgestorben und seine Domestikation setzte vor etwa 9.000 Jahren ein; heutige Zebus (Bos indicus) sind domestizierte Indische Auerochsen. Der Afrikanische Auerochse starb vor mindestens 3.000 Jahren aus. Bis in die historische Zeit hat nur der Eurasische Auerochse als Wildform überlebt.

Der Auerochse als Teil der Kultur

lascaux auerochse

Darstellung von Auerochsen (links und rechts), Rotwild (im Hintergrund unten) und einem Wildpferd (oben) in der Höhle von Lascaux. (© Lascaux, Public domain, via Wikimedia Commons)

Die ältesten jemals gefundenen Auerochsen-Überbleibsel sind rund 700.000 Jahre alt und wurden in Tunesien entdeckt. Die ältesten Nachweise aus Europa sind 600.000 Jahre alt. Als die ältesten kulturellen Überlieferungen der Auerochsen in Europa gelten Höhlenmalereien in Frankreich, etwa in der Höhle von Lascaux  und in der Chauvet-Höhle. Die Malereien zeigen den Ur mit anderen Wildtieren aus der Eiszeit. Seit jeher galt der Ur als wichtiges Jagdwild des Menschen. Prähistoriker gehen davon aus, dass die Malerei in der Lascaux-Höhle aus der Zeit von circa 36.000 bis 19.000 vor Christus stammt; die in der Chauvet-Höhle sind möglicherweise noch älter.

In der Antike wurden Auerochsen von den Römern für Tierhetzen in Amphitheatern eingefangen – neben Gladiatorenkämpfe waren Tierhetzen die Hauptattraktionen zu jener Zeit. Zudem verwendeten die Römer die Hörner des Auerochsen als Jagdhörner und demjenigen, der einen Ur erlegte, wurde große Ehre zuteil.

Nicht nur der Auerochse war Teil von Tierhetzen im Römischen Reich. Auch andere heute ausgestorbene Tiere dienten der Unterhaltung, so zum Beispiel der Kaspische Tiger (Panthera tigris virgata), der Afrikanische Leopard (Panthera pardus pardus), der Atlasbär oder der Berberlöwe.

jagdhorn vom Ur Bos primigenius

Das aus einem Auerochsenhorn gefertigte Jagdhorn von Sigismund III., der ab 1587 König von Polen war. (© Royal Armoury, Public domain, via Wikimedia Commons)

Je seltener die Auerochsen wurden, desto mehr wurde es zum Privileg des Adels Jagd auf die Wildrinder zu machen. Die Hörner der Ure wurden reich verziert oder in Gold eingefasst und als Trinkhörner und Statussymbol verwendet.

Adlige bejagten Ure mit Jagdhunden, Pfeil und Bogen und Netzen. Man schrieb dem Auerochsen magische Kräfte zu. Zu dieser Mystifizierung trugen unter anderem die kreuzförmigen Herzknochen bei, die man, war der Ur geschlachtet, sah, wenn man ihm das Herz entfernt hatte. Auch ausgewachsene Hausrinder besitzen zwei kreuzförmige Herzknochen (Ossa cordis).

Morphologie des Auerochsen: Relikte aus der Megafauna

Ur Bos primigenius Lebendrekonstruktion

Lebendrekonstruktion eines in Braunschweig gefundenen Auerochsenbullen. Das Skelett diente als direkte Referenz für die Proportionen und Hörner. Körperform und Farbe basieren auf heutigem Wissen über das Wildrind. (© Jaap Rouwenhorst (photograph) DFoidl (GIMP modifications), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Wie ein wilder Auerochse einst ausgesehen haben muss, konnte die Wissenschaft mithilfe zahlreicher fossiler Funde, historischer Beschreibungen und von Höhlenmalereien oder späteren zeitgenössischen Darstellungen rekonstruieren.

Der Auerochse war in Europa einer der größten Pflanzenfresser nach der Eiszeit, gleichwohl es regionale Größenunterschiede gab: In Dänemark und Norddeutschland lag die Schulterhöhe der Auerochsenbullen im Holozän bei 155 bis 180 Zentimeter, die der Auerochsenkühe bei 135 bis 155 Zentimeter; in Polen hatten die Bullen eine Schulterhöhe von 170 bis 185 Zentimeter, bei Kühen lag sie bei 165 Zentimeter; in Ungarn betrug die Schulterhöhe der Bullen nur 155 bis 160 Zentimeter. Schulterhöhen von zwei Metern sind beim Auerochsen nur aus dem Pleistozän bekannt.

Das Gewicht der Wildrinder ist wahrscheinlich mit dem heutiger Wisente (Bos bonasus) und Bantengs (Bos javanicus) vergleichbar und lag zwischen 700 und 1.000 Kilogramm. Der Indische Auerochse besaß größere Hörner, war aber insgesamt etwas kleiner. Auerochsenkühe waren kleiner als Auerochsenbullen, doch Hörner besaßen sie beide, wobei die Bullen größere und geschwungenere Hörner aufwiesen. Die Hörner konnten zwischen 80 und 140 Zentimeter lang werden; der Durchmesser betrug zehn bis 20 Zentimeter.

Die Auerochsenkühe waren rotbraun und die Bullen schwarz. Die männlichen Tiere hatten zudem einen hellen Aalstrich auf dem Rücken und ein weiß umrandetes Maul, ein Flotzmaul wie bei den Bantengs.

Im Vergleich zu ihrer domestizierten Form besaßen Ure lange und schlanke Beine, sodass ihre Schulterhöhe in etwa ihrer Rumpflänge entsprach. Aufgrund der großen Hörner war ihr Schädel viel größer und länger als bei Hausrindern. Insbesondere Auerochsenbullen verfügten über eine stark ausgeprägte Nacken- und Schultermuskulatur, die ihnen den sogenannten Schulterbuckel verschaffte. Diesen findet man heute noch beim Spanischen Kampfrind, das für Stierkämpfe gezüchtet wird.

Der Auerochse war ein Kulturflüchter

Erlenbruchwald in Saarmund

Erlenbruchwald bei Saarmund: Sumpfige Bruchwälder wie dieser dienten als letzte Zufluchtsorte für den Auerochsen. (© Lienhard Schulz, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Wo die Menschen sich ansiedelten, verschwand der Auerochse. Seit jeher vermied der Ur die Nähe zu Menschen. Hohe Besiedlungsdichte, Städte- und Siedlungsbau, damit einhergehende landschaftliche Veränderungen, eingeführtes Weidevieh und die Jagd machten den Auerochsen zu einem Kulturflüchter.

Mit dem Wachstum der Bevölkerung sanken die Populationszahlen der Auerochsen. In Nordafrika und im Nahen Osten verschwanden die Ure schon in der Antike, in Bayern wurde der letzte Auerochse 1470 im Neuburger Wald erschossen. Spätestens im 15. Jahrhundert war der Ur in Mitteleuropa ausgerottet.

Die letzten Auerochsen versteckten sich im europäischen Urwald des weniger dicht besiedelten Osteuropas, in Polen, Ostpreußen und Litauen. Nicht nur  Auerochsen, auch andere große europäische Huftiere suchten dort Zuflucht: Elche, Wisente und Wildpferde.

Der Wald von Jaktorów, der sich etwa 55 Kilometer südwestlich von Warschau befindet, diente als letztes Refugium der Ure – geschützt und gepflegt von den Herzögen von Masowien. Diese stellten die Wildrinder unter Schutz und sorgten dafür, dass sie im Winter gefüttert werden.

Otto Antonius, der einstige Leiter des Tiergartens Schönbrunn in Wien, wertete die Protokolle aus dieser Zeit aus: 1564 waren es elf Stiere, 22 Kühe und fünf Kälber; 1599 waren es insgesamt 24 Ure, 1602 nur noch vier. Ab 1620 war nur noch eine einzige Auerochsenkuh übrig, die schließlich 1627 verstarb.

Warum der Ur ausgestorben ist

Kopenhagen Skelett vom Auerochse

Das Skelett eines Auerochsenbullen in Kopenhagen, Dänemark.(© Marcus Sümnick from Rostock, Germany, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Das schnelle Verschwinden der letzten verbliebenen Ure in Jaktorów erklärt die Weltnaturschutzorganisation IUCN mit dem Wechsel ihrer Besitzer. Anfangs gehörten Sie dem Adel und wurden beschützt und versorgt, später jedoch gingen sie in den königlichen Besitz über.

König Sigismund I. und sein Nachfolger Sigismund August hatten augenscheinlich weniger Interesse an Auerochsen als die Vorbesitzer. Sie taten wenig zum Schutz der Wildrinder. Da der Lebensraum des Urs am Ende sehr begrenzt war, konnten nicht alle Tiere im Winter genügend Futter finden und verhungerten. Zudem heißt es, dass sich einige Bullen in Kämpfen gegenseitig töteten, und sehr aggressive Bullen erschoss man, um das Fleisch dem König zukommen zu lassen.

Nach politischen Unruhen ab 1572 wurde erst 1604 ein königliches Dekret erlassen, das besagte, dass alles getan werden müsse, um die Auerochsen zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings kaum noch Auerochsen, sodass das Dekret nichts keine Wirkung mehr zeigen konnte.

Die wachsende Bevölkerung, Waldrodungen und Siedlungsbau verdrängten den Auerochsen nach und nach aus seinem Lebensraum. Zusätzlich machten domestizierte Rinder den Auerochsen ihre Futterplätze streitig. Auch Viehkrankheiten und Bejagung sorgten für das Verschwinden der Art.

Historischen Aufzeichnungen ist laut Cis van Vuure in Retracing The Aurochs (2005) zu entnehmen, dass vermutlich noch eine zweite Auerochsenpopulation bis nach 1600 überlebt hat. Die Tiere sollen sich im Tierpark Zamoyski in Polen aufgehalten haben. Igor Akimuschkin weist in Vom Aussterben bedroht? (1972) noch auf eine Behauptung des Zoologen Max Hilzheimer hin, demzufolge ein Auerochse bis 1669 in Kaliningrad, Russland gelebt haben soll.

Abbildzüchtung: Ein dem Auerochsen entsprechendes Tier schaffen

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Vergleich von Auerochse (oben) und Heckrind (unten). Sehr gut sichtbar ist der beim Heckrind nicht vorhandene Schulterbuckel. (© DFoidl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Die Idee, dass aus Hausrindern, die man der Wildnis aussetzt, wieder der Wildform ähnliche Tiere werden, hatte der polnische Zoologe Feliks Pawel Jarocki 1835. Mithilfe von Hausrindern und ihren teilweise noch vorhandenen Wildeigenschaften wollte man ein dem Auerochsen entsprechendes Tier schaffen.

Alle taurinen und zebuinen Hausrinder stammen vom Auerochsen ab und es sind etliche Rassen entstanden, die unterschiedliche Merkmale des ursprünglichen Auerochsen übernommen haben – seien es ähnliche Proportionen, die Fellfarbe, die Hörner, die Robustheit oder die Fähigkeit, ganzjährig ohne menschliches Zutun in der Wildnis überleben zu können.

Die Biologenbrüder Heinz und Lutz Heck wollten die ursprünglichen Merkmale des Urs, die auf unterschiedliche Hausrindrassen verteilt sind, durch Kreuzungszucht und Selektion wieder zusammenzuführen. Heinz Heck begann in den 1920er-Jahren mit seinem Rückzüchtungsprogramm. Er verwendete dafür Schottische Hochlandrinder, Steppenrinder, Korsische Rinder sowie Milchrinder wie Braunvieh und Murnau-Werdenfelser.

Das Zuchtresultat ist das Heckrind, das tatsächlich ähnliche Hörner und Fellfarben wie der Auerochse besitzt. Das war es auch schon mit den gemeinsamen Merkmalen, denn das Heckrind ist im Vergleich zum Auerochsen viel kleiner, hat kürzere Beine, einen massigen Körperbau, einen kurzen Schädel und teils auch vom Ur abweichende Farb- und Hornvarianten.

Es gibt verschiedene Projekte, in denen Heckrinder und andere Rinder gekreuzt werden, um Abbildzüchtungen zu betreiben. Die Weiterzüchtungen des Heckrinds werden als Taurusrind bezeichnet. Das Taurusrind ähnelt dem Auerochsen recht stark und hat immerhin eine Schulterhöhe von 165 Zentimetern.

Eines der jüngsten Projekte in Deutschland namens Auerrind ist seit 2015 aktiv und nutzt keine Heckrinder für die Zucht, sondern fünf andere Rassen, die dem Ur optisch, genetisch oder vom Verhalten her ähnlich sind: Chianina, Maremmana, Sayaguesa, Ungarisches Steppenrind und Watussi. Das Ziel des Projekts ist, in zehn bis 20 Jahren ein hohes Maß an Homogenität bei den Kreuzungstieren zu erreichen.