Rodrigues-Solitär

Pezophaps solitaria Rodrigues-Solitär
Der ausgestorbene Rodrigues-Solitär ist nah verwandt mit der heutigen Kragentaube (Caloenas nicobarica). Die Darstellung stammt aus L. W. Rothschilds Buch Extinct Birds (1907). (© Frederick William Frohawk, Public domain, via Wikimedia Commons)
Rodrigues-Solitär – Steckbrief
alternative Bezeichnungen Rodriguez-Solitär, Rodrigues-Einsiedler, Rodriguez-Einsiedler
lateinische Namen Pezophaps solitaria, (Pezophaps minor), Didus solitarius
englische Namen Rodrigues Solitaire, Rodriguez Solitaire
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Rodrigues (Maskarenen, Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens unklar, möglicherweise 1730er-Jahre
Ursachen für das Aussterben Bejagung, auf Insel eingeschleppte Tiere, Lebensraumverlust

Die Inselkette der ausgestorbenen Vögel

Etwa 580 Kilometer östlich von Madagaskar liegt die knapp 110 Quadratkilometer große Insel Rodrigues (auch Rodriguez) als Teil der Maskarenen im Indischen Ozean. Auf ihr lebte einst der Rodrigues-Solitär, eine große, flugunfähige Taube, nahe verwandt mit dem ausgestorbenen Dodo von der Maskarenen-Insel Mauritius. Und 200 Kilometer weiter wiederum befindet sich die Insel Réunion, auf der der flugunfähige Réunion-Solitär, den man lange Zeit für einen weißen Dodo hielt, einmal existierte.

Der französische Entdecker und Hugenotte François Leguat floh 1690 zusammen mit anderen Hugenotten auf einem Schiff nach La Réunion, um dort ein neues Leben anzufangen. Doch nachdem feststand, dass die Insel noch von Franzosen bewohnt war, landeten Leguat und seine Männer schließlich auf der unbewohnten Insel Rodrigues. Dort wollten sie eine protestantische Republik namens Eden aufbauen.

Als Leguat 1698 nach Europa zurückkehrte, hielt er die naturkundlichen Beobachtungen seiner siebenjährigen Reise in seinem 1708 in London erschienenen Buch The Voyage of Francois Leguat fest. Er berichtete von einer bislang unbekannten Welt; die Menschen erfuhren so von neuen Vogel- und Reptilienarten, unter anderem auch vom Rodrigues-Solitär. Die meisten der von Leguat erstmals erwähnten Arten sind heute ausgestorben.

Eine Auswahl der auf Rodrigues endemischen Vogel- und Reptilienarten, die in der Neuzeit ausgestorben sind: Leguats Sumpfhuhn, die Rodrigues-Eule, der Rodrigues-Nachtreiher, der Rodrigues-Papagei, der Rodrigues-Sittich, die Rodrigues-Riesenschildkröte und der Rodrigues-Riesengecko. 

Der Rodrigues-Solitär wird zum Gegenstand der Wissenschaft

Zeichnung vom Rodrigues-Solitär, angefertigt von Leguat
Diese Zeichnung von Leguat (1708) ist wohl die einzige des Rodrigues-Solitärs von jemandem, der den Vogel lebendig zu Gesicht bekam. (© François Leguat, Public domain, via Wikimedia Commons)

Lange zweifelten Wissenschaftler die Existenz des Rodrigues-Einsiedlers an und taten Leguats Reisebericht als Märchen ab, bis man 1786 tatsächlich Knochen des Vogels in einer Höhle entdeckte. Dies nahm der deutsche Naturforscher J. F. Gmelin zum Anlass, den Rodrigues-Solitär 1789 als eine Dodo-Art (Didus solitarius) wissenschaftlich zu beschreiben.

Der englische Naturkundler H. E. Strickland und A. G. Melville, ein irischer Experte für vergleichende Anatomie, verglichen 1859 subfossiles Material vom Rodrigues-Solitär mit denen vom Dodo und hielten ihre Erkenntnisse in einem Artikel für The Transactions of the Zoological Society of London fest. Sie fanden heraus, dass die Knochen nicht identisch sind, aber viele Gemeinsamkeiten aufweisen und dass die Beinknochen der beiden Vögel wiederum denen von Tauben ähneln.

Strickland ordnete den Rodrigues-Solitär sogleich einer neuen Gattung zu, die er Pezophaps nannte (altgriechisch pezos für Fußgänger und phaps für Taube). Mit der Benennung spielt er auch auf die Flugunfähigkeit der Vogelart an.

Im Übrigen ergaben die von der Evolutionsbiologin Beth Sharpio 2002 durchgeführten DNA-Analysen an Dodo und Rodrigues-Solitär, dass diese wirklich nah verwandt sind und zur Familie der Tauben (Columbidae) gehören. Der nächste lebende Verwandte der beiden ausgestorbenen Vogelarten ist die in Südostasien heimische Kragen- oder Nikobarentaube (Caloenas nicobarica), gefolgt von den Krontauben (Goura) auf Neuguinea und der seltenen auf Samoa lebenden Zahntaube (Didunculus strigirostris). Es handelt sich bei der Gruppe also ausschließlich um auf Inseln endemische Bodenvögel.

Verhalten und Ökologie: Warum der Rodrigues-Solitär ein Einsiedler ist

Zeitgenössische Beobachtungen des Rodrigues-Solitärs deuten darauf hin, dass sowohl die Männchen als auch die Weibchen ein sehr territoriales Verhalten aufwiesen. Um ihr Revier zu verteidigen setzten sie knöcherne Verhärtungen an ihren Flügeln zum Kampf ein. Der Autor I. Akimuschkin, der den Solitär noch für eine Dodo-Art hielt, veranschaulicht dies in Vom Aussterben bedroht? (1972) so:

„An ihren Spitzen baumelten (…) runde Knochengebilde, je eines an jedem Flügel, herab, die die Größe einer Musketenkugel hatten. Mit diesen ‚Kugeln‘ konnten die Dronten einander wie mit Schlagringen bekämpfen und sich zum Beispiel auch vor Hunden schützen.“

Häufige Knochenbrüche, die man an den Flügelknochen der Solitäre fand, weisen auch auf ein solches Verhalten hin. Zu dieser Erkenntnis erlangte der Ornithologe B. C. Livezey 1993 in einem Beitrag über flugunfähige Tauben der Maskarenen, veröffentlicht im Journal of Zoology.

Zwar fanden Wissenschaftler auch beim Dodo verheilte Frakturen, doch vermutet man, dass der Rodrigues-Solitär mehr Grund hatte, territoriales Verhalten an den Tag zu legen. Der britische Paläontologe und Vogelkundler J. P. Hume sieht 2013 in Fight Club: A unique Weapon in the Wing of the Solitaire den Grund in den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen auf Mauritius und Rodrigues. So führten möglicherweise saisonale Schwankungen und geringere Niederschläge auf Rodrigues zu aggressivem Verhalten im Kampf um verfügbare Ressourcen. Zudem weist E. Fuller in seiner Monographie Extinct Birds auf die Existenz von Berichten hin, nach denen sich der Rodrigues-Einsiedler mit kräftigen Bissen verteidigte.

Dass Rodrigues-Solitäre nicht zu den geselligsten Vögeln zählen, zeigt auch der Umstand, dass sie keine Koloniebrüter waren. Sie lebten monogam und verteidigten ihr Territorium als Paar oder Einzelgänger. Sie legten immer nur ein Ei in das auf dem Boden errichtete Nest; die weiblichen und männlichen Tiere teilten sich die Brutpflege.

Der Einsiedler von Rodrigues war ein Steinfresser

Sexualdimorphismus bei Pezophaps solitaria (Rodrigues-Solitär)
Die Zeichnung der Solitär-Skelette zeigt die Größenunterschiede zwischen Weibchen (links) und Männchen bei dieser Vogelart. (© C. L. Griesbach (d. 13-Apr-1907), Public domain, via Wikimedia Commons)

Die wissenschaftliche Bezeichnung Pezophaps minor stammt von Strickland und geht zurück auf den stark ausgeprägten Sexualdimorphismus beim Rodrigues-Einsiedler. Der Unterschied zwischen den weiblichen und männlichen Solitär-Vögeln war nämlich so groß, dass Strickland annahm, es handele sich bei dem kleineren, weiblichen Vogel um eine andere Art, die er P. minor nannte.

Die männlichen Tiere konnten 90 Zentimeter Länge erreichen und bis zu 28 Kilogramm auf die Waage bringen. Die Weibchen dagegen erreichten nur eine Körperlänge von rund 70 Zentimetern und ein Gewicht von 17 Kilogramm. Auch farblich unterschieden sich die beiden Geschlechter; das graubraune Federkleid der weiblichen Tiere war etwas blasser.

Wie auch bei Dinosauriern oder beim Dodo fanden Wissenschaftler Magensteine (Gastrolithen) in Skeletten des Rodrigues-Solitärs. Der Vogel hat sozusagen Steine gefressen. Diese dienen im Magen üblicherweise zur Zerkleinerung von Nahrung, was darauf hindeutet, dass sich der Solitär unter anderem von harten pflanzlichen Samen ernährte, deren Schale nur durch die Steine zerstört werden konnte. Manche Steine sollen so groß wie Hühnereier gewesen sein.

Schon Leguat beobachtete dieses Verhalten, er ging aber zu jener Zeit davon aus, dass die Vögel bereits mit Steinen im Magen schlüpfen. Tatsächlich ist es wahrscheinlicher, dass die erwachsenen Rodrigues-Einsiedler ihre Jungtiere bereits mit Steinen fütterten, so J. P. Hume und A. Cheke in Lost Land of the Dodo (2008).

Das Fehlen pflanzenfressender Säugetiere auf Rodrigues und Mauritius hat dazu geführt, dass Vogelarten wie der Rodrigues-Solitär und der Dodo im Laufe der Zeit derart groß werden konnten. Und das Fehlen fleischfressender Säuger führte dazu, dass sie ihre Flugfähigkeit einbüßten.

Der Rodrigues-Einsiedler verschwand, als die Menschen kamen

Mit der Besiedlung von Rodrigues ab 1725 durch Franzosen begann das Sterben vieler nur dort existierender Tierarten. Das Ökosystem der Insel veränderte sich: Von den Wäldern, die einst die gesamte Insel bedeckten, ist heute kaum noch etwas übrig. Die IUCN nennt 1778 als Zeitpunkt des Aussterbens des Rodrigues-Solitärs.

Vermutlich fiel das Aussterben der Vogelart mit dem Schildkrötenhandel zwischen 1730 und 1750 zusammen. Damals fingen französische Kolonisten tausende Riesenschildkröten, um sie als Reiseproviant an vorbeifahrende Schiffe zu verkaufen. In dieser Zeit wurden auch Brandrodungen durchgeführt und Katzen, Ratten oder Schweine eingeschleppt, die sich von Vogeleiern und jungen Vögeln ernährten.

Der auf Mauritius geborene Ingenieur Joseph-François Charpentier de Cossigny suchte 1755, nachdem man ihm versicherte, die Solitäre gibt es noch, 18 Monate lang in abgelegeneren Inselregionen nach dem Vogel – erfolglos. Seinen Aufzeichnungen nach, gaben die Bewohner eingeschleppten Katzen die Schuld am Verschwinden des Solitärs. Doch er erkannte schon damals den wahrend Grund: Die flugunfähigen Vögel waren eine leichte Beute für die Menschen. Bestätigt wird dies durch Leguats Aufzeichnungen, wonach er und seine Männer das zarte Fleisch der Jungvögel schätzten.

Auch dem französischen Astronom Alexandre Guy Pingré versicherte man, die Solitäre hätten überlebt, allerdings nur an den unzugänglichsten Stellen der Insel. Als er 1761 nach Rodrigues kam, sah er jedoch ebenfalls kein Exemplar.

Bereits 1786, als die ersten subfossilen Überreste des Rodrigues-Solitärs entdeckt wurden, so Fuller, erinnerte sich keiner der Inselbewohner daran, jemals einen lebenden Solitär gesehen zu haben. Da die Insel mit ihren 110 Quadratkilometern recht überschaubar ist, erscheint es ziemlich unwahrscheinlich, dass der Rodrigues-Einsiedler längere Zeit unentdeckt überlebt haben könnte.