Kouprey

Kouprey Bos sauveli

Ein männlicher Kouprey im Vincennes Zoo in Paris 1937, dessen Hörner noch nicht voll entwickelt sind. Anhand dieses Exemplars wurde die Art beschrieben. Der Bulle verhungerte im 2. Weltkrieg 1941 im Zoo. (© [2], CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Kouprey – Steckbrief
lateinische Namen Bos sauveli, Bibos sauveli, Novibos sauveli
englische Namen Kouprey, Grey Ox
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Kambodscha, Laos, Vietnam, (Thailand)
Zeitpunkt des Aussterbens unklar, möglicherweise nach 1982
Ursachen für das Aussterben Wilderei, Krankheiten, Lebensraumverlust

Der Kouprey, ein zoologisches Mysterium

Der Kouprey, ein Rind, das einst im Regenwald des Dreiländerecks Vietnam, Kambodscha und Laos versteckt lebte, gab der Wissenschaft einige Rätsel auf. In zahlreichen Hypothesen versuchte man der Herkunft des Koupreys auf den Grund zu gehen: War der Kouprey eine Kreuzung aus Banteng mit Zebu, Gaur oder Wasserbüffel? War er ursprünglich ein Hausrind, das verwilderte? Sind Koupreys vielleicht eine vikariierende Banteng-Population? Oder handelt es sich beim Kouprey etwa um einen Nachfahren des Auerochsen, der ja eigentlich Anfang des 17. Jahrhunderts ausgestorben ist? Eines ist (fast) sicher: Der Kouprey ist ausgestorben. Oder zumindest so selten geworden, dass man meinen könnte, er sei es.

Die IUCN listet den Kouprey indes als ’stark gefährdet (wahrscheinlich ausgestorben)‘. Sie gibt 1969/70 als den Zeitpunkt für die letzte absolut sichere Sichtung der Tierart an. Sollte es noch Exemplare geben, so vermutet die Weltnaturschutzorganisation, sei dies in Laos und Kambodscha. Für Thailand und Vietnam wird angenommen, dass das Wildrind dort ausgestorben ist.

Die Bezeichnung Kouprey oder Kouproh bedeutet in der Khmer-Sprache, der Amtssprache Kambodschas, graues Rind. Tatsächlich waren die Kühe und Kälber grau, die Bullen dagegen hatten dunkelbraunes Fell. Sowohl weibliche als auch männliche Tiere besaßen Hörner; die der Kühe erreichten eine Länge von bis zu 40 Zentimetern und die der Bullen waren etwa doppelt so lang. Auffällig an Bullen war ihre riesige, fast bis zum Boden reichende Wamme, eine von der Kehle bis zur Brust herabhängende Hautfalte aus Fettgewebe.

Kouprey Mensch Vergleich

Größenvergleich: Mensch, Kouprey-Bulle und -Kuh. Männliche Tiere konnten eine Schulterhöhe von bis zu 190 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 910 Kilogramm erreichen. (© DFoidl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Wie der Kouprey zum Nationaltier Kambodschas wurde

‚Entdeckt‘ hat den Kouprey der Direktor des Vincennes Zoo in Paris. Ein im Norden Kambodschas gefangenes Kalb wuchs nämlich in seinem Zoo zu einem Tier heran, das der westlichen Welt gänzlich unbekannt war. Dort wurde es dann 1937 durch den französischen Zoologen Achille Urbain zum Holotypus erklärt und als Bos sauveli beschrieben.

Fortan begann sich die Wissenschaft für das neue Wildrind zu interessieren. So bereiste etwa der amerikanische Biologe Charles H. Wharton Kambodscha, um die Tierart zu beobachten. Wharton schätzte die Zahl der Koupreys 1951 auf gerade einmal 500 Exemplare in der Wildnis. Noch 1938 schätzten Experten den Gesamtbestand auf 800 Tiere.

Und nicht nur das Interesse der Wissenschaft war geweckt: Prinz Sihanouk, damaliges Staatsoberhaupt Kambodschas, erklärte den Kouprey 1964 zum Nationaltier des Landes und richtete mehrere Schutzgebiete ein.

Die letzten dokumentierten Sichtungen durch einen Wissenschaftler fanden zwischen 1965 und 1967 statt: Der ehemalige WWF-Präsident Pierre Pfeffer beobachtete in fünf ausgedehnten Südostasien-Expeditionen mehrere Herden mit rund 15 Koupreys.

kouprey statue Kambodscha

Kouprey-Statue als Wahrzeichen von Saen Monourom in der Mondulkiri-Provinz in Kambodscha. (© Christian Pirkl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Bei einem internationalen Zusammenkommen für das Kouprey-Artenschutzprogramm in Hanoi 1988 schätzten die teilnehmenden Experten, dass es noch 27 Koupreys in Vietnam, 40 bis hundert Tiere in Laos und weniger als 200 in Kambodscha gibt. Suchexpeditionen in diese Länder sollen die Tierart vor dem Aussterben bewahren.

Von 1989 bis 1990 suchten Wissenschaftler im südlichen Laos nach dem Kouprey – erfolglos. Einige Suchen mussten auch aufgrund der schwierigen politischen Situation in Indochina abgebrochen werden. Und auf allen anderen Suchen, zum Beispiel 1994, 1999 sowie zwischen 2000 und 2006, wurde kein Kouprey gesehen.

Die kambodschanische Regierung machte den Kouprey 2004 schließlich offiziell zum Nationaltier und errichtete eine lebensgroße Statue des Wildrinds nahe Wat Phnom in der Hauptstadt Phnom Penh.

Kouprey: Eine valide Art? Eine Kreuzung? Ein Auerochse?

Da der Kouprey optische Gemeinsamkeiten mit dem indischen Zebu (Bos indicus) und (südost)asiatischen Rindern wie dem Banteng (Bos javanicus), dem Gaur (Bos gaurus) und dem Wasserbüffel (Bubalus arnee) aufweist, wurde schon kurz nach der Erstbeschreibung des Koupreys über dessen Ursprung diskutiert. So vermuteten einige Biologen, der Kouprey sei keine neue Wildart, sondern das Produkt einer Kreuzung.

Der Zoologe Harold J. Coolidge propagiert 1940 in The Indo-Chinese Forest Ox or Kouprey allerdings, dass sich der Kouprey stark von anderen Wildrindern unterscheidet. Coolidge erfindet daher eigens für den Kouprey eine neue Gattung namens Novibos. Und I. I. Sokolov stellte den Kouprey 1954 dann als eigene Art in die Gattung Bibos, eine Untergattung der Echten Rinder (Bos), die dem Banteng und Gaur vorbehalten ist.

Der Zoologe Frits Braestrup war entschiedener Gegner der Hybridentheorie und lehnte auch die Gattung Novibus ab. Er hatte seine eigenen Vorstellungen und veröffentlichte diese im Journal Naturens Verden 1960: Braestrup sah im Kouprey vielmehr einen engen, primitiveren Verwandten des Auerochsen. Der Auerochse oder Ur starb 1627 in seiner Wildform aus; Banteng und Gaur sind mit ihm verwandt.

In neuerer Zeit setzte sich der Biologe Gary J. Galbreath mit der Hybridentheorie in Genetically solving a zoological Mystery: Was the Kouprey a feral Hybrid? (2006) auseinander. Galbreaths DNA-Analysen offenbaren tatsächlich eine nahe Verwandtschaft zwischen Kouprey und Banteng. Er schlussfolgert, dass es sich beim Kouprey um keine natürliche Art handelt, sondern um eine wilde Hybridform aus Banteng und Zebu-Rind.

Doch das war noch nicht des Rätsels endgültige Lösung: 2007 kamen die französischen Biologen Alexandre Hassanin und Anne Ropiquet zu einer Erkenntnis, die den gegenwärtigen Konsens in der Wissenschaft bildet. Für ihre Studie Resolving a zoological Mistery: The Kouprey is a real Species (2007) analysierten sie DNA vom Kouprey und seinen verwandten Arten. Mit dem Ergebnis, dass der Kouprey eine valide, natürlich vorkommende Art ist.

Die genetischen Übereinstimmungen mit dem Banteng sind bereits während des Pleistozäns durch natürliche introgressive Hybridisierung zustande gekommen.

Bejagung: Hauptursache für das Aussterben der Koupreys

kouprey verbreitungsgebiet

Ehemaliges geografisches Verbreitungsgebiet des Koupreys im Dreiländereck Kambodscha, Laos und Vietnam. (© IUCN Red List of Threatened Species, species assessors and the authors of the spatial data., CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Bereits zu dem Zeitpunkt, an dem die westliche Welt Kenntnis vom Kouprey nahm, war die Zahl der Wildrinder im Sinken begriffen. Mit dem Fall der Roten Khmer und der damit einhergehenden schnell wachsenden freien Marktwirtschaft wurden Wildtiere vermehrt gejagt. Die unkontrollierte Bejagung durch Soldaten oder die Bevölkerung stellte (oder stellt) die größte Bedrohung für die Koupreys dar.

Dabei ging es nicht nur um die Jagd auf Fleisch, sondern auch um die Hörner und Schädel des Wildrinds. Buschfleisch sowie Geweihe oder Hörner als Trophäen oder Wundermittel der traditionellen Medizin lassen sich für viel Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Auch das wahrscheinlich 2009 ausgestorbene Vietnamesische Nashorn fiel so der Wilderei zum Opfer.

Die IUCN nennt als weiteren Grund für das Sterben des Wildrinds Krankheiten, die von Haustieren und/oder freilaufenden Nutztieren übertragen worden sein könnten. Für die ohnehin geringe Bestandszahl an Koupreys kann dies verheerende Folgen gehabt haben. Weiterhin spielte sicherlich auch der Verlust natürlichen Lebensraums aufgrund von Waldrodungen zur Schaffung von Wohnraum, Weideflächen oder für den Bergbau eine Rolle.