haastadler greift moas an
Haastadler greift ebenfalls bereits ausgestorbene Moas Neuseelands an. Die größten Moas waren die weiblichen Südinsel-Riesenmoas. Sie konnten eine Größe von 360 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 250 Kilogramm erreichen. (© John Megahan, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons)

Haastadler

Inselgigantismus: Die größten Greifvogel der Neuzeit

Bevor Menschen nach Neuseeland kamen, dominierten zwei große Vögel die dortige Tierwelt. In Abwesenheit von Säugetieren haben der Haastadler und die im 13. Jahrhundert ausgestorbene Eyles-Weihe (Circus teauteensis), der größte bekannte Vertreter der Gattung der Weihen, eine ökologische Nische auf Neuseeland gefüllt. Diese Nische wird in anderen Teilen der Erde für gewöhnlich von Tieren wie Großkatzen oder Wölfen eingenommen. Die ersten Siedler Neuseelands haben die Eyles-Weihe und den Haastadler noch gesehen; davon zeugen etwa Felszeichnungen. Mit einer Flügelspannweite von drei Metern und einem Gewicht von bis zu 18 Kilogramm war der Haastadler der größte Greifvogel der Neuzeit.

Eine neuseeländische Studie zeigt 2019, dass sowohl die Eyles-Weihe als auch der Haastadler im späten Pliozän oder im frühen Pleistozän von sehr viel kleineren, an offene Lebensräume angepasste australische Verwandte abstammen. Klima- und Umweltveränderungen sollen im frühen Pleistozän für die Ansiedlung australischer Greifvögel in Neuseeland gesorgt haben.

Kaninchenadler Hieraetus morphnoides Little Eagle
Der heute noch existierende Kaninchenadler gilt als der nächste Verwandte des Haastadlers. (© Broinowski, Gracius J., Public domain, via Wikimedia Commons)

Aus einer 2005 in der wissenschaftlichen Zeitschrift PLOS Biology veröffentlichten Untersuchung von Michael Bunce geht hervor, dass der Haastadler eng mit dem Kaninchenadler (Hieraaetus morphnoides) und dem Zwergadler (Hieraaetus pennatus) verwandt ist.

Die Wissenschaftler der 2019er-Studie konnten mithilfe vergleichender Analysen der mitochondrialen DNA zusätzlich nachweisen, dass der Haastadler näher mit dem kleineren Kaninchenadler als dem Zwergadler verwandt ist. Er soll sich vor 2,2 Millionen Jahren vom Kaninchenadler abgespalten haben. Experten gehen davon aus, der Haastadler habe aufgrund der Anwesenheit großer Beutetiere und der Abwesenheit großer Fressfeinde in einem besonders kurzen Zeitfenster evolutionsbiologisch immer mehr an Größe gewonnen.

Der Paläontologe R. Paul Scofield deutet in diesem Zusammenhang in einem Artikel (2009) darauf hin, dass die schnelle Entwicklung der Körpergröße und der Bestandteile des somatischen Nervensystems der Beine beim Haastadler auf Kosten des Größenwachstums des Gehirns, der visuellen und olfaktorischen Apparate sowie des Gleichgewichtsorgans ging.

Haastadler – Steckbrief
lateinische Namen Hieraaetus moorei, Harpagornis moorei
englischer Name Haast’s Eagle
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Südinsel Neuseelands
Zeitpunkt des Aussterbens 14. oder 15. Jahrhundert
Ursachen für das Aussterben Verlust von Beutetieren

Haastadler: Er tötete wie ein Adler, fraß wie ein Geier

Haastadler - Schädel
Der Schädel eines Haastadlers im Canterbury Museum in Christchurch, Neuseeland. (© GordonMakryllos, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common)

Die Zoologin Anneke H. van Heteren und ihre Kollegen haben im Dezember 2021 Ergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass der Hirnschädel des Haastadlers dem eines Geiers gleicht; Schnabel und Krallen würden aber an heute existierende Adler erinnern. Anhand biomechanischer Konstruktionen fanden die Wissenschaftler heraus, dass der Haastadler kräftiger zubeißen konnte als andere Adlerarten wie zum Beispiel die Harpyie (Harpia harpyja), einer der stärksten Greifvögel unserer Zeit.

Das Fressverhalten des Haastadlers wiederum habe nichts mit dem eines Adlers gemein, so Heteren, sondern glich dem eines Andenkondors (Vultur gryphus) aus der Familie der Neuweltgeier (Cathartidae). Das heißt, er ernährte sich vermutlich von Eingeweiden und drang dabei mit seinem Kopf tief ins Innere der Kadaver vor. Auch Felszeichnungen von Haastadlern deuten optische Ähnlichkeiten mit heutigen Geiern an. So wurde der Adler mit nur wenigen oder gar keinen Federn am Kopf dargestellt – eine Anpassung an das Fressen von Innereien in blutigen Kadavern.

Ausgestorbene Moas standen auf dem Speiseplan des Haastadlers

Unter anderem Überlieferungen der Maori weisen darauf hin, dass der Haastadler in erster Linie heute ausgestorbene große Vögel erbeutete: verschiedene Moa-Arten oder die Südinsel-Riesengans etwa. Bis auf den Haastadler und den ebenfalls ausgestorbenen bis zu 60 Zentimeter langen Kawekaweau-Gecko gab es im von Vögel dominierten Neuseeland keine Bodenraubtiere.

Zunächst mag es unglaubwürdig klingen, wenn es heißt, ein 18 Kilogramm schwerer Adler tötet einen mehr als 200 Kilogramm schweren Laufvogel. Doch das dies möglich ist, zeigt eine Videoaufnahme, in der ein höchstens sechs Kilogramm schwerer Steinadler (Aquila chrysaetos) einen bis zu 80 Kilogramm wiegenden Sikahirsch (Cervus nippon) attackiert und tötet:

Mit seinen riesigen Krallen konnte der Haastadler mühelos Moas erbeuten, indem er sich von einem erhöhten Platz aus mit einer Geschwindigkeit von bis zu 80 Kilometern pro Stunde auf seine Beute stürzte und sie mit seinen kräftigen Krallen durchbohrte. Auch Knochen konnten die Krallen des Adlers durchschlagen.

Anneke H. van Heteren und ihr Team konnten außerdem zeigen, dass die Fänge des Haastadlers in der Lage waren, extrem hohen Belastungen standzuhalten. Anhand einer Simulation veranschaulichten sie, dass die Formveränderung der Krallen beim Zupacken deutlich geringer gewesen sein muss als dies bei heutigen Greifvögeln der Fall ist.

Heute wird angenommen, dass Haastadler in vielen Maori-Legenden unter den Namen Pouakai, Hokioi oder Hakawai Erwähnung finden. Die indigene Bevölkerung Neuseelands berichtet in einigen der Legenden von einem gefährlichen Riesenvogel, der auch Jagd auf Menschen machte. Wissenschaftler halten das durchaus für möglich. Dies bestätigt die Studie der University of New South Wales aus dem Fachblatt Journal of Vertebrate Paleontology. Da auch kleinere Adler in der Lage sind, große Beutetiere wie einen Sikahirsch oder ein Bärenjunges zu erlegen, ist es wahrscheinlich, dass Haastadler Menschen angegriffen haben können.

Der Haastadler starb etwa zur gleichen Zeit wie die Moas aus

kralle haastadler im vergleich
Vergleich der Krallen eines Haastadlers (oben) mit denen eines Kaninchenadlers (unten). (© (see above), CC BY 2.5, via Wikimedia Commons)

Bis zur Besiedlung Neuseelands durch den Menschen und den mit ihnen eingeführten Nagetieren und Katzen, waren die einzigen auf den Inseln lebenden Säugtiere drei Fledermausarten. Vögel besetzten alle relevanten Nischen der neuseeländischen Ökologie. Statt Rehen oder Weidetieren existierten dort grasfressende Moas. Und statt großer Säugetiere wie Tiger oder Löwen gab es Haastadler.

Die ersten menschlichen Siedler kamen um 1280 nach Neuseeland. Dabei handelte es sich um die Vorfahren der Maori. Sie jagten sämtliche große, flugunfähige Moa-Arten bis hin zu ihrer Ausrottung. Mit dem Verlust seiner Hauptnahrungsquelle starb auch der Haastadler aus. Der Zoologe und Evolutionsbiologe Alan Tennyson geht in Extinct Birds of New Zealand 2006 davon aus, dass der Haastadler zusammen mit den Moas im 14. oder 15. Jahrhundert ausgestorben ist.

Der Landvermesser und Entdecker Charles Edward Douglas behauptete in seinen Tagebüchern, in den 1870er-Jahren im Tal des Landsborough River auf zwei Raubvögel von enormer Größe getroffen zu sein. Er habe sie geschossen und gegessen. Der Bericht gilt gemeinhin als unglaubwürdig. Im Zweifelsfall könnte es sich bei den von Douglas erschossenen Greifvögeln um Eyles-Weihen gehandelt haben, die allerdings zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits lange Zeit ausgestorben waren. Bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert hinein gab es unbestätigte Sichtungen des Haastadlers und seiner Nester.

Vom Haastadler existieren heute viele subfossile Funde und drei vollständige Skelette. Die Knochen weisen teils Bearbeitungsspuren durch frühe Siedler Neuseelands auf. Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde der Greifvogel 1872 vom deutschen Naturforscher Julius von Haast. Dieser fand 1871 Knochen des Adlers in einem ehemaligen Sumpf. Haast benannte den Vogel nach George Henry Moore, dem Besitzer des Glenmark-Anwesens, auf dem die Knochen entdeckt wurden.