Wiederentdeckt: Großpolypige Steinkoralle (Rhizopsammia wellingtoni)
Wiederentdeckt nach über 20 Jahren: Die riffbildende Steinkoralle Rhizopsammia wellingtoni galt auf den Galápagos-Inseln lange als verschollen. Während Tauchexpeditionen wurde sie 2024 erneut nachgewiesen. Die leuchtend violetten Polypen mit ihren dunklen Tentakelringen um die Mundöffnung sind charakteristisch für diese seltene Art. (© Abb. 1 aus Keith, I. et al. (2025): Rediscovery of Rhizopsammia wellingtoni: a presumed-extinct coral thriving in Galápagos reefs. In: Marine Biology, 172:122. Foto: ©Rebecca Albright//California Academy of Sciences. CC BY-NC-ND 4.0)

Galápagos: Taucher finden ausgestorben geglaubte Koralle wieder

Wie aus einem im Fachjournal Marine Biology veröffentlichten Artikel hervorgeht, haben Forschende die als ausgestorben geltende Großpolypige Steinkoralle (Rhizopsammia wellingtoni) wiederentdeckt. Die kleine, kelchförmige Koralle wurde zuletzt im Jahr 2000 dokumentiert.

Aufgrund ihrer hohen Empfindlichkeit gegenüber steigenden Meerestemperaturen – insbesondere nach dem verheerenden El-Niño-Ereignis von 1982/83, dem möglicherweise auch der Galápagos-Riffbarsch zum Opfer fiel – kam es zu einem drastischen Populationsrückgang; vor 1982 galt die Spezies noch als häufig. Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) stufte die Art daraufhin als „vom Aussterben bedroht (möglicherweise ausgestorben)“ ein.

Die Wiederentdeckung nach über zwei Jahrzehnten

Am 16. Januar 2024 gelang es einem Team der Charles Darwin Foundation (CDF), des Galápagos-Nationalparks (GPND) und der California Academy of Sciences (CAS), zum ersten Mal seit über zwei Jahrzehnten lebende Kolonien der Großpolypigen Steinkoralle nachzuweisen – und das gleich an vier Fundorten im Galápagos-Archipel.

Fundorte der Großpolypigen Steinkoralle vor 1982 und 2024
Die Galápagos-Inseln gehören politisch zu Ecuador und liegen rund 1.000 Kilometer westlich des südamerikanischen Festlands im Pazifik. Die Karte zeigt aktuelle Fundorte der Großpolypigen Steinkoralle aus dem Jahr 2024 (rosa-gelb) sowie historische Nachweise vor den El-Niño-Ereignissen von 1982/83 und 1997/98 (blau-grün).

Den Auftakt machte eine Entdeckung südlich der Tagus Cove, einer geschützten Tiefwasserbucht an der Westküste Isabelas. In zwölf Metern Tiefe fanden die Forschenden rund 100 Kolonien, viele davon in zwei unterschiedlichen Farbmorphen: mit schwarzen Korallenkelchen (Koralliten) und dunkelviolett-schwarzen Polypen oder mit rot-schwarzen Kelchen und ebenfalls violett-schwarzen Polypen.

Nur einen Tag später entdeckte das Team etwa 20 weitere, kleinere Kolonien in 15 Metern Tiefe bei Punta Vicente Roca entlang einer Steilwand im Nordwesten der Insel Isabela.

Im Mai und Juli 2024 dokumentierten die Wissenschaftler weitere Funde an drei zusätzlichen Standorten:

  • Tagus Cove (Isabela): 50 Kolonien in 15 m Tiefe – der erste Nachweis an diesem historischen Fundort seit dem El-Niño-Ereignis 1982/83
  • Playa Tortuga Negra (Isabela): 20 Kolonien in 15 m Tiefe
  • Cabo Douglas (Fernandina): über 100 Kolonien in 20 m Tiefe – ein bislang unbekannter Lebensraum der Art

Alle Funde wurden fotografisch erfasst, zudem entnahm das Team kleine Gewebeproben für genetische Analysen und morphologische Untersuchungen. Die Auswertung dieser Proben läuft derzeit an der California Academy of Sciences.

Die Großpolypige Steinkoralle im Portrait

Rhizopsammia wellingtoni, auch bekannt als Großpolypige Steinkoralle oder Wellington’s Solitary Coral, ist eine auffällig gefärbte, solitär lebende Vertreterin der Steinkorallen. Nur wenige Exemplare dieser seltenen Art wurden jemals gesammelt.

Der erste Fund gelang dem Meeresbiologen Gerard M. Wellington am 23. Mai 1974 bei Isla Gardner (Santa Maria) in 30 Metern Tiefe; wissenschaftlich beschrieben wurde die Spezies erst 1982. Das ursprüngliche Exemplar (der Holotyp) wird heute in der Sammlung der California Academy of Sciences (San Francisco) aufbewahrt. Ein weiteres Exemplar wurde im Januar 1975 in der Tagus Cove gesammelt und befindet sich heute in der naturkundlichen Sammlung der Charles Darwin Research Station.

Rhizopsammia wellingtoni
Eine weitere Farbvariante von R. wellingtoni, entdeckt bei den Tauchgängen 2024: Im Gegensatz zur rotfarbenen Morphe zeigen diese Individuen ein Schwarz-Weiß-Muster mit dunklen Tentakeln. Die Kelche messen meist 5 × 5 bis 6 × 9 Millimeter und sitzen dicht nebeneinander.
(© Abb. 1 aus Keith, I. et al. (2025): Rediscovery of Rhizopsammia wellingtoni: a presumed-extinct coral thriving in Galápagos reefs. In: Marine Biology, 172:122. Foto: ©Rebecca Albright//California Academy of Sciences. CC BY-NC-ND 4.0)

Steinkorallen (Scleractinia) gehören zu den Nesseltieren. Sie bilden mit winzigen Polypen kalkhaltige Strukturen, die das Fundament tropischer Korallenriffe bilden. Jeder Polyp scheidet an seiner Basis Calciumcarbonat in Form von Aragonit ab – über Jahrhunderte entstehen so mächtige Riffkörper. Während viele Arten Kolonien mit Tausenden Polypen ausbilden, lebt R. wellingtoni als Einzelpolyp oder in kleinen Gruppen.

Typisch für Steinkorallen ist ihre enge Symbiose mit mikroskopisch kleinen Algen – den Zooxanthellen. Diese betreiben Photosynthese, versorgen die Koralle mit Nährstoffen und entziehen dem Wasser CO₂, was der Koralle wiederum bei der Kalkbildung hilft. Im Gegenzug erhalten die Algen Schutz und Zugang zu Licht. Diese Partnerschaft macht die Korallen jedoch zugleich anfällig für Umweltstress, etwa durch steigende Meerestemperaturen.

Die Vielfalt und ökologische Bedeutung der Steinkorallen ist enorm: Sie bieten Lebensraum, Nahrung und Schutz für unzählige Meeresbewohner – von winzigen Krebstieren bis zu bunten Rifffischen. Als Riffbildner sind sie essenziell für ganze Küstenökosysteme und gelten als empfindliche Indikatoren für den Zustand unserer Ozeane.

Zwischen Resilienz und Risiko

Die Wiederentdeckung von Rhizopsammia wellingtoni verdeutlicht, wie fragil das Überleben mariner Arten unter veränderten Umweltbedingungen ist und zugleich, wie erstaunlich ihre Anpassungsfähigkeit sein kann. Der starke Rückgang nach dem El-Niño-Ereignis von 1982/83 hat gezeigt, wie empfindlich diese Koralle auf Temperaturstress reagiert. Vermutlich überlebte sie in tieferen, kühleren oder geschützteren Riffzonen – lange Zeit unbemerkt vom wissenschaftlichen Monitoring.

Isabela, Tagus Cove
Isabela Island: Blick auf den Darwin Lake nahe Tagus Cove, Galápagos. Dort wurde 2024 die seit Jahrzehnten nicht mehr gesichtete Großpolypige Steinkoralle R. wellingtoni wiederentdeckt.
MasterfulNerd, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Moderne Tiefseeerkundungen mit Unterwasserrobotern entdeckten Exemplare schließlich auch in über 100 Metern Tiefe. Diese Rückzugsräume könnten ihr geholfen haben, klimatische Extremjahre zu überstehen. Die darauffolgende La-Niña-Phase (2020–2023), geprägt von kühleren Strömungen, bot möglicherweise ein Zeitfenster zur Rückkehr in flachere Lebensräume. Die dokumentierte Knospung zeigt: Die Großpolypige Steinkoralle kann sich unter günstigen Bedingungen erneut vermehren.

Doch trotz dieser positiven Zeichen bleibt die Lage kritisch: Die Kolonien sind klein, verstreut und selten. Von einer Erholung kann keine Rede sein. Die Meeresbiologen Inti Keith, Terry Gosliner und Rebecca Albright sprechen von einem „Fortbestehen in geringer Dichte“ – ein Zustand, der jederzeit kippen kann.

Das Beispiel dieser Koralle macht deutlich: Solche Arten könnten ohne gezielte Schutzmaßnahmen endgültig verschwinden. Ihr Beispiel unterstreicht die Notwendigkeit langfristiger Überwachung, internationaler Forschungskooperation und aktiven Riffschutzes – gerade im Kontext des Klimawandels.

Warum Korallen so wichtig sind

Korallenbleiche
Korallenbleiche: Aufgrund von Hitzestress stoßen Steinkorallen ihre symbiotischen Algen (Zooxanthellen) aus und verlieren ihre Farbe – ein oft tödlicher Prozess, der durch die globale Erwärmung immer häufiger auftritt.
File:Keppelbleaching.jpg, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons)

Korallenriffe zählen zu den artenreichsten und ökologisch bedeutendsten Lebensräumen der Erde. Obwohl sie weniger als ein Prozent des Meeresbodens bedecken, bieten sie Lebensraum für rund ein Viertel aller bekannten Meeresarten – darunter Fische, Krebstiere, Schnecken, Schwämme, Algen und viele weitere Organismen.

Diese biologischen Hotspots sichern in tropischen Küstenregionen die Lebensgrundlage von Millionen Menschen: Sie sind Quelle für Fischerei, Tourismus und Medizin und dienen als natürliche Wellenbrecher, die Küsten vor Erosion und Sturmfluten schützen. Darüber hinaus spielen sie eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf und gelten als genetische Schatzkammern für die biomedizinische Forschung. Doch trotz ihres enormen ökologischen und ökonomischen Werts sind Korallenriffe weltweit stark bedroht.

Die größten Gefahren für Korallenriffe

  • Klimawandel und Korallenbleiche: Bereits geringe Temperaturanstiege führen dazu, dass Korallen in Stress geraten und ihre symbiotischen Algen ausstoßen – sie verlieren ihre Farbe und Energiequelle. Dieser Prozess, bekannt als Korallenbleiche, endet häufig tödlich. Besonders schlimm war das Massensterben im El-Niño-Jahr 1998: Auf den Malediven verschwanden bis zu 98 % der flachen Korallenpopulationen. Solche Ereignisse nehmen weltweit zu – begünstigt durch globale Erwärmung, Hitzewellen, Versauerung und Verschmutzung.
  • Ozeanversauerung: Mit dem steigenden CO₂-Gehalt in der Atmosphäre nimmt auch die CO₂-Konzentration im Meer zu und damit sinkt der pH-Wert des Wassers – es wird saurer. Die Folge: Die Skelettbildung der Korallen wird gehemmt, da weniger Calciumcarbonat ausfällt. Diese Versauerung der Meere ist für riffbildende Korallen, aber auch für andere kalkbildende Organismen wie Muscheln, Schnecken oder Kalkalgen existenzbedrohend. Ganze Nahrungsnetze geraten dadurch ins Wanken.
  • Krankheiten: Gestresste Korallen sind anfälliger für Infektionen wie die „Black Band Disease“, bei der ein schwarzes Bakterienband das lebende Gewebe zerstört. Eine weitere Krankheit, die „White Pox Disease“, wird durch ein Bakterium (Serratia marcescens) aus menschlichem Abwasser ausgelöst
  • Verschmutzung und Übernutzung: Nährstoffeinträge, Abwässer, Sedimente und zerstörerische Fischereimethoden wie Dynamit- oder Cyanidfischerei schädigen Korallenriffe massiv. Auch der Abbau von Riffgestein für Bauzwecke führt in manchen Regionen zu irreversiblen Verlusten.
  • Tourismus und Aquaristik: Anker, unachtsames Tauchen und das Sammeln lebender Korallen für Aquarien setzen empfindlichen Riffen zusätzlich zu.

Der Schutz von Korallenriffen ist nicht nur eine Frage der Biodiversität, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit, Ernährungssicherheit und wirtschaftlichen Stabilität. Denn ihr Verlust hätte tiefgreifende Folgen für Küstengemeinden, globale Fischbestände und das ökologische Gleichgewicht der Ozeane.

Neue Aufzuchtstation für Korallen

Trotz der weltweiten Bedrohung von Korallenriffen gibt es ermutigende Entwicklungen. In gut geschützten Meeresgebieten zeigen sich viele Korallenarten widerstandsfähiger gegenüber Hitzestress und Krankheiten. Neue Methoden der Aufzucht und gezielten Riffrestauration sowie der internationale Ausbau von Meeresschutzgebieten schaffen wichtige Grundlagen für eine Erholung.

Ein konkretes Beispiel dafür ist die im Juni 2025 eröffnete Korallen-Aufzuchtstation der California Academy of Sciences auf Roatán (Honduras) – die erste Einrichtung ihrer Art in der Region. Ziel des Projekts ist es, gefährdete Korallenarten unter kontrollierten Bedingungen heranzuziehen, ihre genetische Vielfalt zu sichern und sie später gezielt im Mesoamerikanischen Riff auszuwildern. So soll die ökologische Resilienz des zweitgrößten Riffsystems der Welt langfristig gestärkt werden.

Auch die Wiederentdeckung der Großpolypigen Steinkoralle zeigt: Selbst stark gefährdete Arten können überleben, wenn ihre Lebensräume erhalten bleiben. Doch die wenigen, verstreuten Kolonien mahnen zur Vorsicht. Ohne entschlossene Maßnahmen gegen Klimawandel, Ozeanversauerung und Umweltzerstörung wird die Artenvielfalt der Riffe weiter schwinden.

Die Großpolypige Steinkoralle war bis zu ihrer Wiederentdeckung auch auf der Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Arten aufgeführt, die im Zentrum der Re:wild-Initiative „Search for Lost Species“ stehen.

Quellen

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