Am 24. August 2025 gelang indischen Vogelbeobachtern eine besondere Entdeckung: In den Lankamalla-Hügeln im Bundesstaat Andhra Pradesh nahmen sie den Ruf eines Vogels auf, der seit über 20 Jahren nicht mehr dokumentiert worden war – der Gondavarirennvogel (Rhinoptilus bitorquatus), international bekannt als Jerdon’s Courser.
Die Art gilt laut IUCN als „vom Aussterben bedroht“ und zählt zu den seltensten Vögeln der Welt. Schon mehrfach verschwand sie spurlos, um Jahrzehnte später überraschend wieder aufzutauchen. Sie steht auch auf der internationalen Liste der „Lost Birds“, einer Initiative von BirdLife International, der American Bird Conservancy und Re:wild. Dort werden Vogelarten geführt, von denen seit mindestens zehn Jahren keine bestätigten Nachweise mehr existieren.
Verschollen, wiedergefunden, verschollen
Seit mehr als einem Jahrhundert verschwindet der Gondavarirennvogel immer wieder aus dem Blickfeld der Forschung – erst beschrieben, dann verloren, wiederentdeckt und erneut verschwunden. Schon im 19. Jahrhundert galt er als ornithologische Rarität: Nach vereinzelten Sichtungen in den Jahren 1848 und 1871 nahm man ab 1900 an, die Art sei ausgestorben.
Erst im Januar 1986 gelang dem Ornithologen Bharat Bhushan von der Bombay Natural History Society die Wiederentdeckung: Nach monatelanger Suche und mithilfe lokaler Fallensteller konnte erstmals wieder ein Exemplar nachgewiesen werden – in den Buschwäldern bei Reddipalli im Distrikt Kadapa, am Fuß der Lankamalai-Hügel im Süden von Andhra Pradesh.

(© PJeganathan, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
Seither wurden in der Umgebung sechs Fundorte bekannt, mit insgesamt mindestens acht bestätigten Individuen. Während die Initiative Search for Lost Birds das Jahr 2004 als letzte gesicherte Beobachtung nennt, führt die IUCN noch die Sichtung zweier Vögel aus dem Jahr 2009 im Distrikt Cuddapah auf. Diese Diskrepanz dürfte damit zusammenhängen, dass von der 2004er-Beobachtung Kamerafotos existieren, während die Meldung von 2009 auf reinen Sichtungen ohne Belegmaterial beruht. So oder so: Es handelte sich um die ersten bestätigten Sichtungen seit mehreren Jahren. Danach wurde es wieder still um die Art.
Heute schätzen Expertinnen und Experten der IUCN, dass weltweit nur noch 50 bis 249 geschlechtsreife Individuen existieren. Trotz intensiver Bemühungen, darunter Kamerafallen, Tonaufnahmen und der Einsatz von feinen Sandstreifen, um Fußspuren zu erfassen, blieb die Art über Jahre unauffindbar. Auch gezielte Suchaktionen in ähnlichen Habitaten außerhalb des bekannten Vorkommens, etwa in Maharashtra, verliefen ohne Erfolg.
Ein uralter Verwandter zwischen Afrika und Indien
Der Gondavarirennvogel ist der einzige Vertreter seiner Gattung in Indien. Seine nächsten Verwandten leben heute in Afrika – der Amethystrennvogel (R. chalcopterus) und der Bindenrennvogel (R. cinctus). Forschende vermuten, dass beide Linien von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der sich einst über ein trockenes Savannen- und Waldgebiet zwischen Ostafrika und Indien ausbreitete. Dieser „grüne Korridor“ verband die Regionen vermutlich vor Millionen Jahren, bevor sich durch die Entstehung des Roten Meeres und der Arabischen Wüste eine ökologische Barriere bildete. Der Gondavarirennvogel ist damit ein Relikt einer längst vergangenen Zeit und ein lebendes Bindeglied zwischen zwei Kontinenten.
Die Wiederentdeckung des Gondavarirennvogels 2025
Die erneute Entdeckung des Gondavarirennvogels ist das Ergebnis reiner Leidenschaft: Der indische Vogelbeobachter Harish Thangaraj hatte sich nach der Lektüre historischer Beschreibungen das Ziel gesetzt, die Art zu finden. Zusammen mit Shashank Dalvi, Adesh Shivkar, Ronith Urs und Pranav studierte er alle verfügbaren wissenschaftlichen Aufzeichnungen und suchte gezielt nach Gebieten, die dem bekannten Lebensraum im Sri-Lankamalleswara-Wildschutzgebiet ähneln.
Ihre Spurensuche führte sie schließlich in die Lankamalla-Hügel – ein abgelegenes Gebiet aus trockenen Buschlandschaften, Felsen und sandigen Böden. Und dort, nur einen Tag nach Beginn ihrer Expedition, erklang in der Nacht der charakteristische zweinotige Ruf des Gondavarirennvogels. Die Aufzeichnung dieses Rufs war der erste bestätigte Nachweis der Art seit über zwanzig Jahren.
Der Gondavarirennvogel ist etwa taubengroß, braun gefiedert und besitzt lange Beine und auffällig große Augen – perfekt angepasst an seine nächtliche Lebensweise in den trockenen Buschlandschaften Südostindiens. Seine Tarnung ist so effektiv, dass er im dichten Gestrüpp nahezu unsichtbar wird. Da er scheu und nachtaktiv ist, ist es extrem schwierig, ihn zu beobachten oder zu fotografieren.
Bedrohungen und Schutz
Der Gondavarirennvogel lebt in einem sehr kleinen Gebiet im südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh. Sein bevorzugter Lebensraum sind offene, steinige Buschlandschaften mit niedrigem Dornengestrüpp – insbesondere Akazien, Zizyphus– und Carissa-Arten – und lockerem, sandigem Boden. Diese empfindlichen Buschbiotope, die in Indien zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen zählen, machen weniger als 2.000 Quadratkilometer aus.

(© Seebohm, Henry, 1832-1895 author; painting by J G Keulemans, Public domain, via Wikimedia Commons)
Forschungen zeigen, dass die Art nur dort vorkommt, wo die Vegetation eine mittlere Dichte aufweist: Ist das Gelände durch Überweidung zu kahl oder durch ausbleibende Nutzung zu dicht bewachsen, verliert der Vogel seinen Lebensraum. Der Gondavarirennvogel ist also auf eine fragile Balance angewiesen – eine Balance, die durch menschliche Eingriffe leicht kippen kann.
Seit den 1990er-Jahren wurde ein erheblicher Teil des ursprünglichen Buschlandes durch Rodungen, Brennholzsammeln, Viehweiden, Steinbrüche und landwirtschaftliche Nutzung zerstört. Satellitenbilder zeigen, dass allein zwischen 1991 und 2000 rund 11 bis 15 % des Lebensraums verloren gingen – innerhalb nur eines Jahrzehnts.
Zusätzliche Gefahren entstehen durch großangelegte Infrastrukturprojekte. Besonders kritisch war der Bau des Somasila-Staudamms, durch den die Bewohner von 57 Dörfern in das Gebiet umgesiedelt wurden, in dem der Gondavarirennvogel 1986 wiederentdeckt worden war. Mit der wachsenden Bevölkerung stieg auch der Druck auf die Natur: Brennholzgewinnung, Weidewirtschaft und Landwirtschaft nahmen stark zu. Auch Steinbrüche und illegale Bautätigkeiten bedrohen die verbliebenen Rückzugsräume.
Ein weiterer Risikofaktor ist das Telugu-Ganga-Bewässerungsprojekt, das Wasser aus dem Somasila-Stausee über mehrere hundert Kilometer bis in die Metropole Chennai leitet. Der ursprünglich geplante Kanalverlauf hätte direkt durch den letzten bekannten Lebensraum des Gondavarirennvogels im Distrikt Cuddapah geführt. Nach massiven Protesten und einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof Indiens wurde die Trasse 2008 geändert, um das Sri-Lankamalleswara-Wildschutzgebiet zu verschonen. Doch die neue Wasserinfrastruktur führte indirekt zu verstärkter landwirtschaftlicher Nutzung – und damit zu weiterer Fragmentierung des Lebensraums.

(© PJeganathan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Bisherige Schutzmaßnahmen
Trotz der zahlreichen Bedrohungen konnten in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Fortschritte erzielt werden. Das Gebiet, in dem der Gondavarirennvogel 1986 wiederentdeckt wurde, steht seit 1988 als Sri-Lankamalleswara-Wildschutzgebiet unter Schutz. Später kamen ein weiteres, 500 Quadratkilometer großes Reservat und ein zusätzlich geplantes Schutzgebiet von rund 1.300 Quadratkilometern hinzu – wichtige Schritte, um die letzten Rückzugsräume der Art zu sichern.
Zudem wurden ehemalige Vogelfänger aus der Region zu Schutzgebietsaufsehern ausgebildet – ein schönes Beispiel dafür, wie lokales Wissen in den Artenschutz einfließen kann. Nur durch gezieltes Habitatmanagement – etwa kontrollierte Beweidung, den Schutz vor illegalem Abbau und die Wiederherstellung einheimischer Sträucher – lässt sich das fragile Gleichgewicht dieser Buschlandschaften langfristig erhalten.
Nach der Wiederentdeckung 1986 entstanden auch lokale Initiativen: Angehörige der indigenen Yanaadi-Gemeinschaft, die den Vogel in ihrer Sprache Kaluvi Kodi nennen, engagieren sich heute aktiv für seinen Schutz. Sie patrouillieren die Trockenbuschgebiete, melden illegale Eingriffe und beteiligen sich an Forschungs- und Aufklärungsprogrammen. Mehrere Kaluvi Kodi Conservation Committees koordinieren inzwischen diese Arbeit und haben den Gondavarirennvogel zu einem Symbol gemeinsamer Verantwortung gemacht – das zeigt, dass erfolgreicher Artenschutz nur mit der Bevölkerung vor Ort gelingen kann.
Größeres Verbreitungsgebiet als angenommen?

(© Ranjini Murali, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)
Die Wiederentdeckung des Gondavarirennvogels liefert auch neue Hinweise auf sein tatsächliches Verbreitungsgebiet. Bisher nahm man an, dass die Art ausschließlich in den Buschlandschaften von Andhra Pradesh vorkommt. Doch aktuelle Beobachtungen und ältere Funde deuten darauf hin, dass ihr Lebensraum weiter reicht als bislang vermutet – eine Erkenntnis, die für künftige Schutzmaßnahmen entscheidend sein könnte.
Ein spannender Hinweis stammt aus dem Jahr 1917: In den Kolar-Goldfeldern östlich von Bangalore – rund 200 Kilometer südlich des bekannten Vorkommens – wurde ein einzelnes Ei entdeckt, dessen Herkunft lange rätselhaft blieb. Erst 2013 bestätigte eine DNA-Analyse an der Universität Aberdeen, dass es tatsächlich vom Gondavarirennvogel stammt. Dieser überraschende Befund legt nahe, dass die Art einst ein größeres Verbreitungsgebiet hatte – und nährt die Hoffnung, dass sie auch heute noch in bislang unerforschten Buschregionen Südindiens überleben könnte.
Hoffnung für die „verschollene“ Arten
Die Wiederentdeckung ist nicht nur ein Erfolg für die Wissenschaft, sondern auch ein Symbol für die wachsende Bedeutung von Citizen Science – also der Mitwirkung engagierter Naturfreunde an der Forschung. Ohne den Einsatz erfahrener Vogelbeobachter wäre dieser Fund kaum möglich gewesen.
Noch immer gelten weltweit über 110 Vogelarten als „verschollen“ – viele davon stehen vermutlich kurz vor dem Aussterben oder sind bereits ausgestorben. Die Wiederentdeckung des Gondavarirennvogels – ebenso wie jene des Bismarckzwergfischers oder der Unterart des Weißhals-Dickkopfes – erinnert daran, dass sich Geduld, Forschung und Hoffnung im Artenschutz lohnen.
Quellen
- BirdLife International. (2025, 10. September). Glimmer of hope: Sought-after lost bird rediscovered in India. https://www.birdlife.org/news/2025/09/10/glimmer-of-hope-sought-after-lost-bird-rediscovered-in-india/
- Search for Lost Birds. (o. J.). Jerdon’s Courser (Rhinoptilus bitorquatus). https://searchforlostbirds.org/birds/1625
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