Singvögel im Museum
Museale Vogelpräparate als wissenschaftliche Referenzobjekte – und als Spiegel historischer Sammlungspraxis. (© Doreen Fräßdorf, Naturkundemuseum Berlin, 2025)

Die unsichtbare Hälfte der Biodiversität – Wie männlich geprägte Sammlungen Forschung und Artenschutz verzerren

Wir werden vermutlich niemals erfahren, wie die Weibchen des Schomburgk-Hirsches (Rucervus schomburgki) aussahen. In historischen Zeichnungen, Reiseberichten und Museumssammlungen finden sich ausschließlich Überreste der Männchen – mit ihren einzigartigen, vielfach verzweigten Geweihen. Weibchen trugen vermutlich keine, und offenbar galten sie den Sammlern des 19. Jahrhunderts als zu unscheinbar, um bewahrt zu werden. Heute ist die Art ausgestorben, und das Aussehen der Hirschkühe bleibt für immer ein Rätsel. Dabei bilden gerade für ausgestorbene Tierarten Museumssammlungen ihren letzten „Lebensraum“. Ohne sie verschwände nicht nur das Tier selbst, sondern auch das Wissen um seine Existenz.

Das Fehlen weiblicher Belege hatte sogar weiterreichende Folgen. In Thailand hielt sich lange der Glaube, es gebe überhaupt keine weiblichen Schomburgk-Hirsche. Man nahm stattdessen an, die Männchen würden sich mit weiblichen Leierhirschen (Panolia siamensis) paaren, und der Nachwuchs werde – je nach Aussehen – entweder dem Schomburgk- oder dem Leierhirsch zugeordnet. Aus einer Beobachtungslücke entstand so eine eigene Erklärung.

Ist es nicht der Anspruch naturkundlicher Sammlungen, die Vielfalt des Lebens in all ihren Facetten abzubilden? Vermutlich schon, doch die Realität sieht anders aus. Mehr als 95 % aller Tierarten sind Wirbellose: Insekten, Spinnen, Schnecken, Würmer oder Korallen. In Museen dominieren jedoch ausgerechnet jene Gruppen, die in der Natur zahlenmäßig weit weniger ins Gewicht fallen – Vögel und Säugetiere. Und selbst innerhalb dieser ohnehin schon überrepräsentierten Tierklassen zeigt sich eine Geschlechterverzerrung: Männchen werden deutlich häufiger gesammelt als Weibchen. Die Schieflage endet also nicht bei der Auswahl der Tiergruppen, sie setzt sich innerhalb der Arten fort.

Ein strukturelles Ungleichgewicht

Das Schicksal des Schomburgk-Hirsches ist kein Einzelfall. In naturkundlichen Sammlungen sind männliche Tiere bis heute systematisch überrepräsentiert. Besonders bei Vögeln, aber auch bei Säugetieren, dominiert das Bild der Männchen.

Eine Studie von Cooper et al. (2019) analysierte über 2,5 Millionen Vogel- und Säugetierpräparate aus fünf internationalen Museen. Das Ergebnis ist deutlich: Seit dem späten 19. Jahrhundert hat sich das Ungleichgewicht kaum verändert. Bei Vögeln sind nur rund 40 % der bestimmten Exemplare weiblich, bei Säugetieren knapp 48 %. In absoluten Zahlen entspricht das 143.905 mehr männlichen als weiblichen Vogelpräparaten und 40.468 mehr männlichen Säugetierpräparaten.

Schomburgk-Hirsch in Museummssammlungen
Das einzige vollständig erhaltene Präparat des ausgestorbenen Schomburgk-Hirsches. Ansonsten existieren noch 300 bis 400 Geweihe dieser Art – von weiblichen Tieren ist nichts erhalten geblieben.
(© Doreen Fräßdorf, Muséum national d’histoire naturelle, 2024)

Besonders ausgeprägt ist die Schieflage bei Arten mit auffälligen Männchen – etwa bei Paradiesvögeln oder bei Hirschen und Antilopen, deren prächtige Federn, Geweihe oder Hörner das Sammelinteresse auf die Männchen lenkten.

Doch der Bias zeigt sich nicht nur bei einzelnen Arten, sondern quer durch ganze Ordnungen. Bei nahezu allen Vogel-Ordnungen dominieren Männchen. Nur bei den Steißhühnern lag der Anteil weiblicher Exemplare leicht höher (50,4 %). Besonders männlich geprägt sind die Sammlungen bei Tauben (36,8 % Weibchen), Kolibris und Seglern (37,2 %) sowie Sperlingsvögeln (38,4 %). Gerade bei Kolibris ist dieser Kontrast bemerkenswert, da in freier Wildbahn in manchen Populationen mehr Weibchen als Männchen beobachtet werden – in den Sammlungen jedoch überwiegen die Männchen deutlich.

Bei den Säugetieren ist das Bild differenzierter. Faultiere und Ameisenbären waren mit 71 % sogar weibchenlastig, Fledermäuse lagen bei 52,2 %. Letzteres dürfte mit der Sammelpraxis zusammenhängen: Viele Fledermausarten leben außerhalb der Paarungszeit in geschlechtergetrennten Gruppen – etwa in Wochenstuben mit fast ausschließlich Weibchen oder in reinen Männchenquartieren. Wurden ganze Quartiere gesammelt, war ein Geschlecht zwangsläufig überproportional vertreten.

Bei Paarhufern hingegen zeigt sich ein starkes Übergewicht der Männchen (nur 39,7 % Weibchen), obwohl in natürlichen Populationen meist mehr Weibchen vorkommen. Ein wesentlicher Grund ist die gezielte Jagd auf imposante Männchen. Auch unter den Raubtieren zeigt sich eine deutliche Dominanz männlicher Exemplare.

Die Frage ist also nicht mehr, ob ein Ungleichgewicht existiert, sondern warum es über Generationen hinweg bestehen blieb.

Merkmale von Tieren und ihre Auswirkungen auf die Sammlung

Neben gesellschaftlichen Faktoren beeinflussten auch biologische Eigenschaften, welche Tiere gesammelt wurden. Cooper et al. (2019) zeigen, dass Körpergröße, die Ausprägung des sexuellen Dimorphismus und Schmuckmerkmale einen messbaren Einfluss auf das Geschlechterverhältnis in Sammlungen hatten.

  • Körpergröße:
    Bei Vögeln führte ein ausgeprägter Größenunterschied zwischen den Geschlechtern tendenziell zu einem etwas höheren Weibchenanteil – möglicherweise, weil Weibchen leichter zu fangen waren. Bei Säugetieren hingegen war der Effekt umgekehrt: Große, imponierende Männchen wurden gezielt bejagt, was den Weibchenanteil reduzierte.
  • Sexueller Dimorphismus:
    Je deutlicher sich Männchen und Weibchen unterschieden, desto stärker war der Bias zugunsten der Männchen, besonders bei Paarhufern und Raubtieren. Wo hingegen Weibchen größer oder auffälliger sind, etwa bei einigen Greifvögeln, waren sie auch häufiger in Sammlungen vertreten (44,6 % statt durchschnittlich etwa 40 %).
  • Schmuckmerkmale:
    Je auffälliger die Männchen, desto unsichtbarer die Weibchen. Bei Vögeln mit besonders buntem Gefieder – etwa Sperlingsvögeln oder Paradiesvögeln – dominieren die Männchen in den Sammlungen deutlich. Ähnliches gilt für Säugetiere: Hörner, Geweihe, Stoßzähne oder Mähnen machten Männchen zur bevorzugten Jagdtrophäe, wodurch der Anteil weiblicher Präparate stark zurückging.

Warum dominieren die Männchen?

Die Überrepräsentation von Männchen ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis historischer Jagdpraktiken, ästhetischer Vorlieben und biologischer Unterschiede – geprägt vor allem durch die koloniale Sammelpraxis des 18. und 19. Jahrhunderts. Expeditionen suchten nach „spektakulären“ Exemplaren für europäische Museen – nach Tieren, die groß, auffällig und beeindruckend erschienen.

Geweihe - Zoologische Sammlung Halle
Trophäen-Gang im Museum: Reihenweise Geweihe und Hörner – fast ausschließlich von männlichen Tieren. Dabei tragen bei einigen Arten auch Weibchen Hörner, nur wurden sie deutlich seltener gesammelt.
(© Doreen Fräßdorf, Zoologische Sammlung Halle, 2025)

Koloniale Großwildjagd war stark trophäenorientiert. Gesammelt wurden Tiere mit mächtigen Geweihen, imposanten Hörnern, Mähnen oder besonders farbenprächtigem Gefieder. Solche Merkmale sind bei vielen Arten vor allem bei den Männchen ausgeprägt. Sie galten als repräsentativ für eine Art, während Weibchen seltener erwähnt, dokumentiert oder bewahrt wurden.

Selbst bei Arten, bei denen beide Geschlechter Hörner tragen, zeigt sich dieses Muster. Vom Kouprey (Bos sauveli), einem extrem seltenen oder möglicherweise ausgestorbenen Wildrind Südostasiens, stammen die meisten erhaltenen Schädel von männlichen Tieren, obwohl auch Weibchen Hörner besaßen. Entscheidend war nicht nur das Vorhandensein der Hörner, sondern ihre Größe, Form und ihr Trophäenwert.

Ähnliche Strukturen finden sich bei afrikanischen Antilopen, asiatischen Wildrindern oder Hirschen: Die Sammlungen spiegeln die Vorlieben kolonialer Großwildjagd wider und prägen bis heute unser Bild dieser Arten.

Hinzu kommen biologische Faktoren. Männchen vieler Arten sind während der Paarungszeit auffälliger, territorialer und mobiler. Balzverhalten, Revierverteidigung und Gesang erhöhen ihre Sichtbarkeit – und damit die Wahrscheinlichkeit, gesammelt zu werden. Weibchen dagegen bleiben während Brut und Jungenaufzucht oft verborgen. Sammlungen bilden daher nicht nur Artenvielfalt ab, sondern auch Sichtbarkeit.

Auch praktische Aspekte spielten eine Rolle. Weibchen sind häufig schlichter gefärbt oder schwerer von Jungtieren zu unterscheiden. In älteren Sammlungen wurde das Geschlecht zudem nicht immer sorgfältig dokumentiert. Und in manchen Regionen galt es als unangebracht, Weibchen mit Jungtieren zu erlegen – was das Übergewicht männlicher Exemplare zusätzlich verstärkte.

Naturkundliche Sammlungen sind kein neutrales Abbild biologischer Realität. Sie sind ein Spiegel historischer Auswahlentscheidungen – und über lange Zeit wurde vor allem das Auffällige gesammelt. Auffällig waren meist die Männchen. Diese Prägung wirkt bis heute nach und beeinflusst Forschung, Artenschutz und unser Verständnis von Arten.

Der männliche „Standard“ und das „Andere“

Ein historisches Beispiel verdeutlicht, wie stark der männliche „Standard“ in der Naturkunde verankert war. Als der Ornithologe Alfred Newton 1871 ein weibliches Exemplar des Rodrigues-Sittichs (Psittacula exsul) erhielt, beschrieb er es als neue Art. Obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, eine Illustration des Weibchens zu veröffentlichen, schrieb er: „Da es sich unglücklicherweise um ein Weibchen handelt, verzichte ich darauf.“ Er wollte auf ein männliches Exemplar warten. Hier wird nicht nur ein Präparat bewertet, sondern ein Geschlecht.

Rodrigues-Sittich
Rodrigues-Sittich, Illustration von J. G. Keulemans aus Walter Rothschilds Extinct Birds (1907). Abgebildet ist das weibliche Exemplar, das als nicht „repräsentative“ Form der Art galt.
John Gerrard Keulemans, Public domain, via Wikimedia Commons)

Weil ihm das Warten zu lange dauerte, ließ Newton 1875 schließlich doch eine Illustration anfertigen – auf Grundlage des Weibchens. Kurz darauf wurde ihn ein männliches Exemplar zugesandt, eines der letzten seiner Art. Heute sind sowohl ein Männchen als auch ein Weibchen erhalten geblieben.

Auch statistisch zeigt sich diese Hierarchie: Weibliche Typusexemplare sind deutlich seltener vertreten. In der Mehrzahl der Fälle galt das Männchen als Referenzform, während das Weibchen als Abweichung oder Ergänzung behandelt wurde. Newtons Formulierung bringt diese Haltung offen zum Ausdruck.

Diese männlich geprägte Perspektive reicht über die Sammlungspraxis hinaus. Jack Ashby vom University Museum of Zoology in Cambridge weist darauf hin, dass lediglich rund 8 % der nach Personen benannten Vogelarten nach Frauen benannt sind. Auch der Rodrigues-Sittich trägt neben seinem geografischen Namen die Bezeichnung „Newton’s Parakeet“ – benannt nach Alfred Newton. Selbst die Insel Rodrigues wurde nach einem Mann benannt.

Die Hierarchisierung setzte sich auch in der Wissenschaftsgeschichte selbst fort. Dass Frauen in der Naturkunde zwar seit jeher maßgeblich beteiligt waren, aber selten sichtbar wurden, zeigt das Beispiel von Elizabeth Gould. Sie ist vor allem als Frau des berühmten Naturwissenschaftlers John Gould bekannt ist, nicht aber für ihre mehr als 600 naturwissenschaftlichen Illustrationen, die in den Publikationen ihres Mannes erschienen. Ihr eigener Beitrag blieb lange im Hintergrund.

Warum sind weibliche Vögel weniger bunt als Männchen?

Bensbach-Paradiesvogel
Von Bensbachs Paradiesvogel ist nur ein einziges Exemplar bekannt – ein Männchen, das 1894 in Neuguinea gesammelt und heute im Naturalis Biodiversity Center in Leiden (Niederlande) aufbewahrt wird. Während manche Fachleute ihn für einen Hybrid aus Prachtparadiesvogel (Ptiloris magnificus) und Kleinparadiesvogel (Paradisaea minor) halten, sehen andere in ihm eine eigenständige Art, die vermutlich bereits ausgestorben ist.
Keulemans, Public domain, via Wikimedia Commons)

Wer an Paradiesvögel denkt, sieht schillernde Farben und spektakuläre Schmuckfedern vor sich. Diese Pracht zeigen jedoch fast ausschließlich die Männchen. Wie die Weibchen aussehen, wissen nur wenige, denn sie sind oft deutlich schlichter gefärbt – und genau deshalb weit weniger präsent in Illustrationen, Sammlungen und populären Darstellungen.

Von zahlreichen Paradiesvogel-Formen, die zunächst als eigenständige Arten beschrieben und später als Hybride erkannt wurden, existiert häufig nur ein einziges Typusexemplar – fast immer ein prächtig gefärbtes Männchen. Beispiele sind Bensbachs, Bloods oder Elliots Paradiesvogel. Die Weibchen dieser Formen fehlen meist vollständig in der Überlieferung.

Der ausgeprägte Unterschied zwischen den Geschlechtern ist jedoch kein Zufall, sondern Ergebnis sexueller Selektion und unterschiedlicher ökologischer Anforderungen.

Bei vielen Vogelarten investieren Weibchen stärker in Brut und Jungenaufzucht. Sie verbringen längere Zeit am Nest und profitieren daher von einer unauffälligen Tarnfärbung, die das Entdeckungsrisiko durch Räuber verringert. Männchen hingegen konkurrieren häufig um den Zugang zu Weibchen. Auffällige Farben, Balzverhalten und Gesang erhöhen ihre Chancen im Wettbewerb – selbst wenn sie das Risiko erhöhen, entdeckt zu werden.

Die scheinbare „Schlichtheit“ der Weibchen ist somit keine Defizitform, sondern eine eigenständige, evolutionär stabile Strategie. Ausgerechnet diese adaptive Unauffälligkeit begünstigte ihre Unterrepräsentation in Sammlungen. Was in der Evolution ein Überlebensvorteil war, führte in der Sammlungspraxis zu einer systematischen Unsichtbarkeit.

Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus – also deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen – ist bei Vögeln besonders häufig. Naturkundliche Sammler griffen daher bevorzugt zu den auffälligen Männchen, die als repräsentativ galten. So verstärkte biologische Sichtbarkeit einen bereits bestehenden ästhetischen und kulturellen Bias.

Irreversible Lücken: Geschlechter-Bias bei ausgestorbenen Arten

Der Geschlechter-Bias wird besonders deutlich, wenn es um ausgestorbene Arten geht. Denn hier lassen sich Lücken nicht mehr schließen. Was nie gesammelt oder dokumentiert wurde, ist unwiederbringlich verloren.

Die Analyse von Cooper et al. (2019) zeigt, dass selbst unter den Typusexemplaren – den offiziellen Referenzpräparaten zur Definition einer Art – Weibchen stark unterrepräsentiert sind: Nur 27 % der Vogel- und 39 % der Säugetier-Typen sind weiblich. Auch bei Paratypen, den ergänzenden Vergleichsstücken, sind Weibchen seltener vertreten. Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden dadurch häufig nicht systematisch in die Erstbeschreibung integriert. Vor allem bei ausgestorbenen Arten bleibt diese Verzerrung dauerhaft bestehen.

Mauritius-Fruchttaube – nur weibliche Vögel erhalten?
Eines von drei erhaltenen Exemplaren der Mauritius-Fruchttaube im National Museum of Scotland. Vermutlich handelt es sich bei den Exemplaren um Weibchen – eine Seltenheit. Dafür bleibt im Verborgenen, wie die Männchen aussahen.
Geni, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Vom Schomburgk-Hirsch kennen wir Hunderte Geweihe männlicher Tiere, aber kein gesichertes weibliches Exemplar. Wie die Hirschkühe aussahen, wird vermutlich unbekannt bleiben. Auch bei verschiedenen Paradiesvogel-Formen, die später als Hybride erkannt wurden oder deren Populationen verschwanden, existieren meist nur männliche Typusexemplare. Die Weibchen fehlen vollständig.

Doch die Lücken verlaufen nicht immer nur in eine Richtung. Von der Mauritius-Fruchttaube (Alectroenas nitidissima), die in den 1830er-Jahren ausstarb, sind lediglich drei Bälge erhalten geblieben. Ihnen fehlt die leuchtend rote Gesichtshaut, die historische Illustrationen zeigen. Der Paläontologe Julian P. Hume deutete 2011 an, dass es sich bei den erhaltenen Exemplaren vermutlich um Weibchen handelt. Zeitgenössische Berichte beschreiben die Männchen als „unendlich schöner“, doch wenn Hume recht hat, existiert vom männlichen Erscheinungsbild kein einziges Präparat mehr.

In anderen Fällen fehlt nicht das Geschlecht selbst, sondern die Information darüber. Von der Liverpooltaube (Caloenas maculata) existiert nur ein einzelnes Exemplar im World Museum in Liverpool; sein Geschlecht ist unbekannt. Ähnlich verhält es sich bei der um 1840 ausgestorbenen Dieffenbach-Ralle (Hypotaenidia dieffenbachii), von der ebenfalls nur ein Präparat erhalten ist, ohne dokumentiertes Geschlecht. Zwar zeigen Rallen meist keinen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus, doch selbst subtile Unterschiede – etwa in Größe oder Proportionen – lassen sich ohne Vergleich nicht mehr rekonstruieren.

Mal fehlt das Weibchen, mal das Männchen, mal die entscheidende Information. In jedem Fall bleibt eine bleibende Wissenslücke. Bei ausgestorbenen Arten kann keine neue Feldforschung diese Lücken mehr schließen, die Museumssammlung ist hier die letzte Instanz des Wissens.

Unsichtbar im Museum? Geschlechter-Bias in Ausstellungen

Naturkundemuseen und Forschungssammlungen wurden über Jahrhunderte aufgebaut. Lange entschieden Sammler, Jäger und Kuratoren, welche Tiere aufbewahrt und präsentiert wurden. Dabei galt häufig: Je auffälliger, desto repräsentativer. Entsprechend dominieren in vielen Ausstellungen die farbenprächtigen oder imponierenden Männchen.

Weibliche Tiere fehlen nicht nur in Sammlungen, sondern bleiben auch in der Inszenierung oft im Hintergrund. Wenn sie gezeigt werden, erscheinen sie häufig kleiner, passiver oder als Ergänzung zum Männchen. Solche Darstellungen prägen ein Bild der Natur, das nicht nur biologisch unvollständig ist, sondern zugleich kulturelle Rollenbilder transportiert.

Geschlechterverzerrung in Museen: Rotparadiesvögel in Sammlungen
Unterschiedliche Präsentationsweisen des Rotparadiesvogels (Paradisaea rubra) in zwei Ausstellungen:
Links Männchen und Weibchen als Paar, rechts ausschließlich ein Männchen mit ausgebreiteten Schmuckfedern, umgeben von weiteren, überwiegend männlichen Exemplaren. Solche Inszenierungen verstärken den Eindruck, das Männchen sei die „repräsentative“ Form der Art.
(© Doreen Fräßdorf, Naturkundemuseum Berlin & Heineanum Halberstadt, 2025)

Jack Ashby beschreibt in Animal Kingdom: A Natural History in 100 Objects diesen Gender-Bias in Museen auf zwei Ebenen: Weibliche Präparate fehlen entweder ganz oder werden weniger prominent positioniert – etwa tiefer im Regal oder in zurückhaltender Haltung. Ashby vermutet, dass Taxidermisten dabei unbewusst gesellschaftliche Geschlechterstereotype reproduzierten.

Empirisch belegt wurde diese Schieflage von der Museumskuratorin Rebecca Machin in einer Untersuchung des Manchester Museum (2005/2006). Auf Ebene der ausgestellten Individuen waren in der Säugetier-Galerie 71 % der Präparate männlich und nur 29 % weiblich. Bei den Vögeln lag das Verhältnis bei 66 zu 34 %.

Noch deutlicher wird die Verzerrung auf Ebene der Artenrepräsentation: 61 % der Säugetierarten waren ausschließlich durch Männchen vertreten, 11 % ausschließlich durch Weibchen und lediglich 14 % durch beide Geschlechter. Bei den Vogelarten war fast die Hälfte ausschließlich durch Männchen repräsentiert, während lediglich 3 % nur durch Weibchen dargestellt wurden.

Auch die Inszenierung folgte einem Muster: Wurden beide Geschlechter gemeinsam präsentiert, war in rund drei Vierteln der Fälle das Männchen höher positioniert; in 82 % der Fälle nahm es eine aufrechtere, dominantere Haltung ein. Begleittexte verstärkten diese Asymmetrie: Männchen wurden als Jäger, Kämpfer oder Beschützer beschrieben, Weibchen fast immer auf die Rolle als Mutter reduziert. Auffällig ist, dass das Wort „Mutter“ in den Ausstellungstexten regelmäßig auftauchte, „Vater“ hingegen gar nicht.

Um diese Geschlechterverzerrung sichtbar zu machen, verhüllte Machin 2006 im Rahmen der International Women’s Week vorübergehend zahlreiche männliche Präparate. Plötzlich standen die wenigen weiblichen Tiere im Mittelpunkt – und das Ungleichgewicht wurde unmittelbar erkennbar.

Museen sind nicht nur wissenschaftliche Archive, sondern Bildungsorte. Verzerrte Darstellungen können daher langfristig Vorstellungen von „männlicher Dominanz in der Natur“ verfestigen. Naturkundemuseen tragen somit auch eine kulturelle Verantwortung: Sie sollten ihre Präsentationsweisen kritisch reflektieren.

Huia-Paar Berlin Naturkundemuseum
Huias im Naturkundemuseum Berlin
Beim Huia war das Weibchen durch seinen langen, gebogenen Schnabel auffälliger als das Männchen. In einzelnen Ausstellungen bzw. Präparaten wird diese Besonderheit in der Präsentation berücksichtigt – eine seltene Umkehr des üblichen Musters.
(© Doreen Fräßdorf, 2025)

Es gibt jedoch Ausnahmen. Beim ausgestorbenen neuseeländischen Huia war das Weibchen morphologisch auffälliger als das Männchen: Sein langer, gebogener Schnabel unterschied sich deutlich vom kürzeren des Männchens. In manchen Ausstellungen wird diese Besonderheit aufgegriffen und das Weibchen entsprechend prominenter inszeniert. Solche Fälle bleiben jedoch selten.

Welche Folgen hat es, wenn Männchen in Sammlungen überrepräsentiert sind?

Ein Ungleichgewicht in naturkundlichen Sammlungen bleibt nicht folgenlos. Wenn vor allem Männchen gesammelt und dokumentiert wurden, verzerrt dies bis heute Forschung, Artenschutzstrategien und unser Verständnis von Arten.

Waldsänger - Männchen und Weibchen (1917)
Männchen und Weibchen verschiedener Waldsänger-Arten in einer historischen Darstellung (1917) – bemerkenswert vollständig. Während naturkundliche Sammlungen männlich geprägt sind, setzt sich derselbe Blick bis heute fort: Etwa in Bilddatenbanken oder Naturführern erscheinen überwiegend die farbenprächtigeren Männchen. Unten: der Goldflügel-Waldsänger, dessen geschlechtsspezifische Lebensraumnutzung lange übersehen wurde.
Internet Archive Book Images, No restrictions, via Wikimedia Commons)

Ein eindrückliches Beispiel liefert der Goldflügel-Waldsänger (Vermivora chrysoptera). 2019 entdeckte die Ornithologin Ruth Bennett, dass Männchen und Weibchen im Winter unterschiedliche Lebensräume nutzen: Männliche Vögel überwintern in feuchten Bergwäldern, weibliche in tieferen Regionen, die stark von Abholzung betroffen sind. Zwischen 2000 und 2016 verloren Weibchen dadurch doppelt so viel Lebensraum wie Männchen. Lange blieb dieser Unterschied unberücksichtigt, da Schutzprogramme die geschlechtsspezifische Habitatnutzung nicht einbezogen.

Bennett und ihr Team fanden zudem heraus, dass bis zu zwei Drittel gefährdeter nordamerikanischer Zugvögel je nach Geschlecht unterschiedliche Lebensräume oder Höhenlagen nutzen – berücksichtigt wird dies jedoch in weniger als 10 % der Schutzprogramme. Wer nur die „durchschnittliche Art“ betrachtet, übersieht zentrale ökologische Unterschiede.

Auch die Verhaltensforschung war lange männlich geprägt. Über Jahrzehnte galt die Annahme, dass bei Vögeln ausschließlich Männchen singen. Riebel et al. (2019) zeigten, dass in großen Tonarchiven lediglich 0,01 bis 0,03 % der Aufnahmen ausdrücklich als weiblicher Gesang gekennzeichnet sind. Heute weiß man, dass bei rund zwei Dritteln der Singvogelarten auch Weibchen singen. Wer nur männliche Stimmen analysiert, erhält daher ein unvollständiges Bild von Kommunikation, Revierverhalten und Partnerwahl. Seit 2017 dokumentiert das Projekt Female Bird Song gezielt Gesänge weiblicher Vögel, um diese Forschungslücke zu schließen.

Verzerrungen betreffen auch morphologische und genetische Langzeitstudien. Historische Präparate werden häufig genutzt, um Veränderungen in Körpergröße oder Schadstoffbelastung über Jahrzehnte zu analysieren. Da sich Männchen und Weibchen jedoch in Größe, Stoffwechsel und Nahrungswahl unterscheiden, werden Umweltgifte je nach Geschlecht unterschiedlich aufgenommen, gespeichert oder über Fortpflanzungsprozesse wieder abgegeben. Wird das Geschlecht in solchen Analysen nicht systematisch berücksichtigt, können scheinbare Trends entstehen – etwa eine vermeintliche „Verkleinerung“ einer Art im Zuge des Klimawandels oder Veränderungen in der Schadstoffbelastung. Solche Effekte können Artefakte eines unausgewogenen Sammlungsbestands sein.

Der Bias endet nicht in der Museumsvitrine

Der historische Sammlungs-Bias setzt sich im digitalen Zeitalter fort. In Plattformen wie eBird, Xeno-Canto, der Macaulay Library, GBIF oder Bilddatenbanken sind auffällige Männchen ebenfalls oft überrepräsentiert. Sie werden häufiger fotografiert, ihre Gesänge eher aufgenommen und ihre Merkmale detaillierter dokumentiert. Weibchen bleiben häufiger unbestimmt oder unerfasst.

Diese Verzerrung wirkt sich unmittelbar auf moderne Forschung aus. KI-gestützte Bestimmungssysteme lernen aus vorhandenen Trainingsdaten. Wenn diese überwiegend Männchen zeigen oder deren Gesänge enthalten, sinkt die Erkennungsrate für Weibchen. Auch Populationsmodelle und Habitatprognosen basieren auf solchen Datensätzen. Fehlen weibliche Nachweise systematisch, entsteht ein verzerrtes Bild von Verbreitung, Bestandsgröße und ökologischen Ansprüchen einer Art. Der historische Bias wird so ungewollt fortgeschrieben.

Selbst moderne genetische Bestimmungsmethoden stoßen an Grenzen. Eine Studie von Hall et al. (2025) zeigte, dass in allen untersuchten Populationen geschlechtsreversierte Individuen vorkamen – Vögel, deren genetisches Geschlecht nicht mit ihren anatomischen Merkmalen übereinstimmte. Solche biologischen Besonderheiten erklären nicht den historischen Überhang von Männchen in Museen. Sie verdeutlichen jedoch, wie wichtig eine sorgfältige, methodisch abgesicherte Geschlechtsbestimmung in Forschung und Artenschutz ist.

Verzerrte Forschung: Was sich ändern muss

Museen gelten als Archive der Biodiversität. Doch sie sind keine neutralen Speicherorte, sondern historische Produkte ihrer Zeit. Dass in vielen naturkundlichen Sammlungen Männchen überrepräsentiert sind, ist gut belegt. Forschende am Natural History Museum und anderen Institutionen weisen inzwischen selbst darauf hin, dass dieses Ungleichgewicht wissenschaftliche Analysen beeinflussen kann. Die Debatte um Bias in Sammlungen ist damit Teil einer grundlegenden Diskussion über Datenqualität und wissenschaftliche Verantwortung.

Die entscheidende Frage lautet: Wird dieses Ungleichgewicht heute aktiv korrigiert? Nach Cooper und ihrem Team bislang nur unzureichend.

Ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis wirkt sich unmittelbar auf Forschungsergebnisse aus – von morphologischen Vergleichen über ökologische Modelle bis hin zu Schutzstrategien. Wird das Geschlecht nicht systematisch berücksichtigt, entsteht ein Bild der „durchschnittlichen Art“, das tatsächlich nur eine Hälfte abbildet.

Erste Schritte zur Korrektur zeichnen sich ab. Dazu gehören die gezielte Aufnahme weiblicher Individuen in Sammlungen, die konsequente Dokumentation des Geschlechts – gegebenenfalls auch nachträglich per DNA-Analyse – sowie neue Standards bei Typusexemplaren, bei denen neben einem männlichen Holotypus auch ein weiblicher Paratypus berücksichtigt werden sollte.

Auch Ausstellungen müssen sich verändern. Weibliche Tiere fehlen dort häufig oder werden auf ihre Rolle als Mutter reduziert. Wie Rebecca Machin gezeigt hat, transportieren Inszenierungen und Begleittexte oft stereotype Zuschreibungen. Museen sind jedoch nicht nur wissenschaftliche Archive, sondern öffentliche Bildungsorte. Sie sollten bestehende Verzerrungen transparent machen, Präsentationsformen überarbeiten und fehlende Weibchen sichtbar machen, statt sie zu übergehen.

Der notwendige Wandel betrifft auch die Forschungspraxis. Weiblicher Vogelgesang muss ebenso systematisch dokumentiert werden wie männlicher. Fangmethoden sollten nicht automatisch territoriale Männchen bevorzugen. Und in ökologischen oder genetischen Studien sollte das Geschlecht nicht als Randvariable, sondern als grundlegende Kategorie behandelt werden.

Nur wenn beide Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt werden, entsteht ein vollständigeres Bild der Biodiversität – und damit eine belastbare Grundlage für wirksamen Artenschutz. Wer ausschließlich die auffälligen Männchen betrachtet, beschreibt nicht die Art, sondern nur einen Ausschnitt ihrer biologischen Realität.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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Buchcover: Ausgestorbene Säugetiere seit 1500
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