Viele Menschen berichten inzwischen Ähnliches: Wo vor einigen Jahren im Sommer noch zahlreiche Schmetterlinge über Wiesen, Gärten, Wegränder oder Böschungen flogen, sind heute oft nur noch wenige – oder gar keine – zu sehen. Solche Beobachtungen sind zunächst persönlich und lokal; sie hängen vom Wetter, vom Blühangebot, vom Zeitpunkt der Mahd und von vielen weiteren Faktoren ab. Doch sie passen zu einem größeren Muster, das auch wissenschaftliche Daten zeigen: Europas Schmetterlinge stehen unter großem Druck.
Gut sichtbar wird das in Roten Listen. Sie zeigen, welche Arten stabile Bestände haben, welche zurückgehen und bei welchen das Aussterberisiko hoch ist. Neben der europäischen Roten Liste gibt es in vielen Ländern eigene nationale Bewertungen. Diese unterscheiden sich in Aktualität, Methodik und Umfang: Manche erfassen nur Tagfalter, andere zusätzlich Widderchen oder weitere Schmetterlingsgruppen; manche folgen streng den IUCN-Kategorien, andere nutzen nationale Einstufungssysteme.
Trotz dieser Unterschiede zeigen die länderspezifischen Listen ein weitgehend einheitliches Bild: In vielen gut untersuchten Ländern Europas ist ein erheblicher Teil der Schmetterlingsarten verschwunden oder bestandsgefährdet. Der Blick auf einzelne Länder zeigt, dass der Rückgang nicht nur in Zahlen sichtbar wird, sondern in konkreten Lebensräumen: auf Wiesen, in Mooren, an Waldrändern, in Gärten und auf ehemals artenreichen Flächen.
Europa: Fast jede dritte Art ist bedroht oder potenziell gefährdet
Die Europäische Rote Liste der Schmetterlinge von 2025 zeigt, dass der Rückgang längst nicht nur einzelne Regionen betrifft. Für die Bewertung wurden 442 europäische Schmetterlingsarten untersucht. Der Madeira-Kohlweißling (Pieris wollastoni) gilt inzwischen als global ausgestorben; für die Berechnung der Gefährdungskategorien bleiben damit 441 heute noch vorkommende Arten oder Unterarten. Von ihnen sind 65 Taxa bedroht – das entspricht 14,7 %. Weitere 60 gelten als potenziell gefährdet. Zusammengenommen sind 125 Arten bzw. 28,3 % der europäischen Schmetterlinge bedroht oder potenziell gefährdet.
Gegenüber der vorherigen Bewertung hat sich die Lage deutlich verschlechtert. 2010 galten 37 Taxa als bedroht, 2025 sind es 65. Die Zahl bedrohter Taxa ist damit um 76 % gestiegen. Noch stärker fällt der Anstieg bei den besonders stark gefährdeten Arten und Unterarten aus: Die Zahl der stark gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Taxa hat sich von 15 auf 41 mehr als verdoppelt. Zugleich gelten über 50 % der Schmetterlinge, für die Bestandstrends vorliegen, als rückläufig.
Die Gefährdung verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig. Häufig betroffen sind spezialisierte Arten, die auf bestimmte Lebensräume, Futterpflanzen oder kleinräumige Klimabedingungen angewiesen sind. Besonders gefährdet sind endemische Arten, die nur in Europa oder sogar nur in einzelnen Regionen vorkommen: Von den noch vorhandenen europäischen Endemiten gelten mehr als 40 % als bedroht oder potenziell gefährdet.
Schmetterlingsverlust: Was nationale Rote Listen zeigen
Nach dem europäischen Gesamtbild lohnt sich ein Blick auf einzelne Länder. Die folgenden Beispiele sind keine Rangliste, denn Rote Listen einzelner Länder unterscheiden sich in Aktualität, Methodik und Umfang. Sie zeigen dennoch, wie deutlich der Schmetterlingsverlust bereits in vielen nationalen Gefährdungsbewertungen sichtbar wird – in intensiv genutzten Agrarräumen ebenso wie in Gebirgsregionen, Feuchtgebieten oder artenreichen Mittelmeerlandschaften.
Deutschland: Über die Hälfte ausgestorben, gefährdet oder extrem selten
In Deutschland wurden in der aktuellen Roten Liste von 2025 insgesamt 207 etablierte Arten und Unterarten der Tagfalter und Widderchen bewertet. 10 Taxa gelten als ausgestorben oder verschollen, 93 weitere sind bestandsgefährdet: 13 sind vom Aussterben bedroht, 51 stark gefährdet, 27 gefährdet, 11 extrem selten und 2 fallen in die Kategorie „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“. Hinzu kommen 11 extrem seltene Taxa.
Damit sind 114 der 207 bewerteten Taxa ausgestorben, verschollen, bestandsgefährdet oder extrem selten – also 55 %. Nur 71 Arten und Unterarten, rund ein Drittel, gelten derzeit als ungefährdet. Gegenüber der vorherigen Roten Liste von 2011 überwiegen zudem die Verschlechterungen: 49 Taxa wurden höher in eine Gefährdungskategorie eingestuft, nur 29 verbesserten sich.

Bild: peterichman, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Österreich: Fast zwei Drittel der Tagfalter ausgestorben oder gefährdet
Für Österreich ist die aktuell gültige bundesweite Rote Liste der Tagfalter noch die Liste von 2005. Sie bewertet 215 etablierte Tagfalterarten. Davon gelten 5 Taxa als regional ausgestorben oder verschollen, 40 als vom Aussterben bedroht, 44 als stark gefährdet und 46 als gefährdet. Damit stehen 135 Arten oder Unterarten bzw. 63 % in einer Gefährdungskategorie oder gelten bereits als verschwunden.
Eine neue Rote Liste ist derzeit in Arbeit. Der Naturschutzbund Österreich meldete im Mai 2026, dass die „Rote Liste der Tagfalter Österreichs“ nach mehr als zwei Jahrzehnten umfassend aktualisiert wird. Die bisherigen Erhebungen würden bereits zeigen, dass „über 50 %“ der österreichischen Tagfalterfauna gefährdet ist.

Bild: Ivan Medenica, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schweiz: Mehr als die Hälfte ausgestorben, gefährdet oder potenziell gefährdet
Die aktuell gültige Rote Liste der Tagfalter und Widderchen der Schweiz wurde 2014 veröffentlicht und beruht auf dem Datenstand von 2012. Bewertet wurden 226 Arten und Unterarten: 201 Tagfalter und 25 Widderchen. Davon gelten 78 Taxa, also 35 %, als ausgestorben oder bestandsgefährdet. 3 Taxa sind in der Schweiz ausgestorben, 10 vom Aussterben bedroht, 27 stark gefährdet und 38 gefährdet. Weitere 44 Arten und Unterarten, rund 20 %, werden als potenziell gefährdet eingestuft.
Rechnet man diese Gruppen zusammen, sind in der Schweiz 122 der 226 bewerteten Tagfalter und Widderchen ausgestorben, gefährdet oder potenziell gefährdet – also rund 54 %. Eine Aktualisierung läuft bereits: Für die Jahre 2024 bis 2029 ist eine neue Felderhebung vorgesehen, die zu einer Veröffentlichung der nächsten Roten Liste im Jahr 2029 führen soll.

Bild: IvanHabiprot, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Niederlande: Nur 38 % der Tagfalter sind ungefährdet
Die aktuelle niederländische Rote Liste der Tagfalter stammt aus dem Jahr 2019. Sie wurde von De Vlinderstichting erarbeitet und im selben Jahr offiziell festgestellt. Von den 76 bewerteten Tagfalterarten und -unterarten gelten 15 als aus den Niederlanden verschwunden. Weitere 12 Taxa sind vom Aussterben bedroht, 10 stark gefährdet, 7 gefährdet und 3 potenziell gefährdet. Nur 29 Taxa, also 38 %, werden derzeit nicht als bedroht eingestuft.
Gegenüber der Roten Liste von 2006 blieb die Zahl der Arten auf der Roten Liste zwar gleich: Auch damals wurden 47 Arten als verschwunden, bedroht oder potenziell gefährdet eingestuft. Die Zusammensetzung hat sich jedoch verändert. Zwei zuvor verschwundene Tagfalterarten wurden wieder nachgewiesen, zugleich gelten zwei Arten mehr als bedroht. Besonders stark gingen die Bestände zwischen 1950 und 1990 zurück, doch auch danach setzte sich der Rückgang fort: In den letzten 25 Jahren sank die Zahl der Schmetterlinge in den Niederlanden um 43 %.

Bild: Joris Egger, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Großbritannien: Jede zweite verbliebene Art ist bedroht oder potenziell bedroht
Die überarbeitete Rote Liste der britischen Tagfalter wurde 2022 veröffentlicht. Sie bezieht sich auf Großbritannien, also England, Schottland und Wales – nicht auf das gesamte Vereinigte Königreich einschließlich Nordirland. Bewertet wurden 62 regelmäßig vorkommende oder ehemals heimische Arten und Unterarten. 4 davon gelten in Großbritannien als ausgestorben.
Von den 58 verbliebenen Taxa sind 24 bedroht: 8 gelten als vom Aussterben bedroht, 16 als gefährdet. Weitere 5 werden als potenziell gefährdet eingestuft. Zusammen betrifft das 29 Arten – also jede zweite der heute noch nachgewiesenen britischen Tagfalterarten. Gegenüber der vorherigen Bewertung aus dem Jahr 2011 hat sich die Lage deutlich verschlechtert: Der Anteil bedrohter Arten und Unterarten ist von 23 auf 41 % gestiegen.

Bild: IvanHabiprot, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Spanien: Nahezu jede dritte Art gilt als bedroht
Für Spanien wurde 2026 der Atlas y Libro Rojo de las Mariposas Españolas vorgestellt. Darin werden Daten zu 261 in Spanien nachgewiesenen Tagfalterarten und -unterarten ausgewertet. 79 Taxa bzw. 30 % gelten als bedroht: 2 sind vom Aussterben bedroht, 52 stark gefährdet und 25 gefährdet. Weitere 31 Taxa werden als potenziell gefährdet eingestuft. 139 Arten und Unterarten gelten derzeit als nicht gefährdet, 9 wurden nicht bewertet und für 3 ist die Datenlage unzureichend.
Die europäische Rote Liste verweist zudem auf besonders empfindliche Gebirgsarten Südspaniens. Dazu gehören etwa die Bläulinge Agriades zullichi, Polyommatus golgus und Polyommatus violetae. Sie kommen nur in hoch gelegenen Gebirgslebensräumen vor und sind dadurchäußerst anfällig für Klimawandel, Dürreperioden und Feuer.
Für den europäischen Vergleich ist Spanien wichtig, weil das Land eine sehr hohe Artenvielfalt mit mediterranen, gebirgigen und insularen Lebensräumen besitzt. Auch in dieser artenreichen Schmetterlingsfauna steht jedoch ein erheblicher Teil der Arten und Unterarten bereits in einer Gefährdungskategorie.

Bild: J.claude, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Tschechien: 63 % ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet
Da für Tschechien keine eigene nationale Rote Liste nur der Schmetterlinge vorliegt, bildet die Rote Liste der Wirbellosen von 2017 mit dem Abschnitt zu den Tagfaltern (Hesperioidea und Papilionoidea) die Grundlage. Bewertet wurden 162 Taxa; 8 weitere Arten wurden nicht einbezogen, weil sie nur als Irrgäste oder gelegentlich eingeschleppte Arten gelten. Von den bewerteten Tagfaltern gelten 17 als regional ausgestorben, 24 als vom Aussterben bedroht, 12 als stark gefährdet und 25 als gefährdet. Weitere 23 Taxa werden als potenziell gefährdet eingestuft. Insgesamt fallen damit 101 Taxa in eine Rote-Liste- oder Vorwarnkategorie – 63 % der tschechischen Tagfalterfauna.
Gegenüber der vorherigen Roten Liste von 2005 sank die Zahl der regional ausgestorbenen oder bedrohten Arten von 86 auf 78. Gleichzeitig stieg jedoch die Gesamtzahl der betroffenen Taxa einschließlich der potenziell gefährdeten Arten von 90 auf 101. Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass sich der Zustand der tschechischen Tagfalterfauna insgesamt weiter verschlechtert hat.

Bild: Tomas Čekanavičius, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Flandern (Belgien): 52 % der Tagfalter verschwunden oder bedroht
Für Belgien wird hier Flandern herangezogen, weil dort eine aktuelle IUCN-Rote Liste der Tagfalter von 2021 vorliegt. Bewertet wurden 75 Arten und Unterarten. Davon gelten 20 Taxa in Flandern als regional ausgestorben. Weitere 3 sind vom Aussterben bedroht, 7 stark gefährdet und 9 gefährdet. Zusammen sind das 39 der 75 bewerteten Tagfalter-Taxa – also 52 %.
Weitere 2 Arten werden als potenziell gefährdet eingestuft; 34 Taxa gelten derzeit als nicht gefährdet. Einschließlich der potenziell gefährdeten Taxa sind 41 Arten und Unterarten betroffen. Die Autoren weisen darauf hin, dass sich die Gesamtlage gegenüber früheren Jahrzehnten leicht verbessert hat, unter anderem durch neu eingewanderte Arten und durch Waldarten, die heute besser abschneiden. Schmetterlinge der Heidegebiete und nährstoffarmen Lebensräume bleiben jedoch besonders problematisch. Im Vergleich zu Nachbarregionen hat Flandern den höchsten Anteil regional ausgestorbener Tagfalterarten.

Bild: Joris Egger, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Frankreichs europäisches Festland: 85 % der Tagfalter ungefährdet
Die nationale Rote Liste der Tagfalter des europäischen Frankreichs weist im Vergleich zu vielen anderen Ländern niedrigere Gefährdungswerte auf. Bewertet wurden 253 Arten und Unterarten der France métropolitaine, also des europäischen Frankreichs ohne Überseegebiete wie Réunion, Guadeloupe, Martinique oder Französisch-Guayana. 1 Art gilt dort als regional ausgestorben; 2 Taxa sind vom Aussterben bedroht, 3 stark gefährdet und 11 gefährdet. Damit sind 17 Arten regional ausgestorben oder bedroht – das entspricht 6,7 %.
Weitere 18 Arten und Unterarten, also 7,1 %, gelten als potenziell gefährdet. 3 Taxa konnten wegen unzureichender Datenlage nicht bewertet werden. 215 Arten und Unterarten werden als nicht gefährdet eingestuft, was 85 % der Tagfalter des europäischen Frankreichs entspricht.
Diese vergleichsweise günstige Einstufung sollte jedoch vorsichtig eingeordnet werden. Die Liste stammt aus dem Jahr 2012, bezieht sich auf ein großes und landschaftlich sehr vielfältiges Gebiet und ist nur eingeschränkt mit neueren oder kleinräumigeren Roten Listen vergleichbar. Eine Aktualisierung der nationalen Roten Liste ist geplant bzw. angelaufen; dabei sollen auch Widderchen einbezogen werden.

Bild: Мишарина Анна Леонидовна, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Dänemark: 50 % verschwunden, bedroht oder potenziell bedroht
Die Zahlen stammen aus der dänischen Roten Liste der Tagfalter der Aarhus University / DCE. Der Bewertungszeitraum war 2020–2021, veröffentlicht wurde die Auswertung 2023. Von 113 Tagfalterarten und -unterarten wurden 76 nach IUCN-Kriterien bewertet. 37 Taxa galten als nicht relevant für die Bewertung, etwa weil sie nur zufällig auftreten, eingewandert sind oder sich erst in Etablierung befinden.
Von den bewerteten Taxa gelten 13 als regional ausgestorben. Weitere 3 sind vom Aussterben bedroht, 7 stark gefährdet und 3 gefährdet. Zusammen sind das 26 Arten und Unterarten, also 34 % der bewerteten Tagfalter. Hinzu kommen 12 potenziell gefährdete Taxa. Insgesamt sind damit 38 Taxa regional ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet – genau die Hälfte der bewerteten Tagfalterfauna.
Die dänische Rote Liste weist zudem darauf hin, dass viele bestandsgefährdete Arten weiter zurückgehen: 65 % der gefährdeten Tagfalter werden aktuell als abnehmend eingestuft.

Bild: Carsten Siegel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schweden: 38 % der Tagfalter sind bedroht oder potenziell gefährdet
Schweden verfügt mit der Roten Liste 2025 über eine sehr aktuelle nationale Bewertung. Eine eigene Rote Liste nur für Tagfalter gibt es nicht; die Tagfalter sind als Artengruppe in der nationalen Gesamt-Roten-Liste enthalten. Nach Angaben von SLU Artdatabanken wurden 113 Tagfalterarten und -unterarten für Schweden berücksichtigt. Davon gelten 3 Taxa als vom Aussterben bedroht, 6 als stark gefährdet, 16 als gefährdet und 18 als potenziell gefährdet. Zusammen sind das 43 Taxa – etwa 38 % der schwedischen Tagfalterfauna. 70 Arten, also rund 62 %, gelten als nicht gefährdet.
Aktuell wird in Schweden keine Tagfalterart als regional ausgestorben geführt. Zwei Arten stehen jedoch kurz davor: Der Östliche Scheckenfalter (Melitaea britomartis) und der Kronwicken-Bläuling (Plebejus argyrognomon) werden in der Roten Liste als vermutlich ausgestorben eingestuft. Beide wurden seit längerer Zeit nicht mehr sicher nachgewiesen.

Bild: Zeynel Cebeci, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Was der Ländervergleich zeigt
Die nationalen Roten Listen zeigen trotz eingeschränkter Vergleichbarkeit ein klares Gesamtbild: In fast allen betrachteten Ländern ist ein großer Teil der Tagfalter bereits ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet.
Besonders hohe Werte zeigen sich in mehreren Ländern mit stark veränderten und intensiv genutzten Landschaften. In Tschechien fallen 63 % der bewerteten Tagfalter in die Kategorien regional ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet. Auch in Flandern, Dänemark, der Schweiz, Deutschland und Großbritannien liegt der Anteil der betroffenen Arten bei etwa der Hälfte oder darüber. In den Niederlanden gelten nur noch 38 % der bewerteten Taxa als ungefährdet; zugleich zeigen Monitoringdaten dort starke langfristige Bestandsrückgänge.
Auffällig ist zudem der hohe Anteil bereits verschwundener Arten. In Flandern gelten 20 von 75 bewerteten Tagfalterarten als regional ausgestorben. Auch in den Niederlanden und Dänemark ist der Anteil regional ausgestorbener Arten hoch. Der Rückgang beschreibt also nicht nur ein zukünftiges Risiko, sondern hat in vielen Landschaften bereits zu realen Verlusten geführt.
Frankreich fällt im Vergleich dazu aus dem Rahmen: Dort gelten in der Roten Liste des europäischen Frankreichs deutlich mehr Tagfalter als nicht gefährdet als in allen anderen betrachteten Ländern. Diese Einstufung ist jedoch wegen Alter, Raumbezug und Datenlage zunächst vorsichtig zu interpretieren.
Auch niedrigere Rote-Listen-Werte in Teilen Südeuropas bedeuten nicht automatisch Entwarnung. In einigen Regionen fehlen lange, flächendeckende Monitoringdaten, sodass Rückgänge weniger gut sichtbar werden als in Ländern mit jahrzehntelanger Erfassung.
Insgesamt wird deutlich: Der Rückgang der Schmetterlinge ist kein einzelnes nationales Problem. Besonders betroffen sind intensiv genutzte, stark zerschnittene oder stark veränderte Landschaften. Kritisch ist vor allem die Lage spezialisierter Arten, die auf nährstoffarme Wiesen, Moore, Heiden, lichte Wälder, Waldsäume, Trockenrasen oder andere selten gewordene Lebensräume angewiesen sind.
Warum Europas Schmetterlinge verschwinden
Die Ursachen sind nicht in jedem Land identisch, folgen aber einem ähnlichen Muster. Schmetterlinge geraten vor allem dort unter Druck, wo ihre Lebensräume verschwinden, verarmen, zu intensiv genutzt oder nicht mehr passend gepflegt werden.
Eine zentrale Rolle spielt der Verlust artenreicher Lebensräume. Viele Tagfalter sind auf blütenreiche Wiesen, Magerrasen, Moore, Heiden, Waldränder, lichte Wälder oder kleinräumig strukturierte Landschaften angewiesen. Werden solche Flächen gedüngt, häufig gemäht, entwässert, aufgeforstet oder in Acker- und Siedlungsflächen umgewandelt, verschwinden Nektarpflanzen für die erwachsenen Falter. Oft gehen auch die speziellen Raupenfutterpflanzen verloren, an die viele Arten gebunden sind.
Besonders folgenreich ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Häufige Mahd, hohe Stickstoffeinträge, Pestizide sowie der Verlust von Brachen, Feldrainen, Hecken und extensiv genutzten Wiesen machen ehemals artenreiche Landschaften für viele Schmetterlinge kaum noch nutzbar. Selbst wenn einzelne Blütenpflanzen vorhanden bleiben, fehlen oft ungemähte Teilflächen, offene Bodenstellen, Saumstrukturen oder ein Mosaik aus unterschiedlich genutzten Flächen.
Gleichzeitig kann auch die Aufgabe traditioneller Nutzung problematisch sein. Viele gefährdete Schmetterlinge leben nicht in unberührter Wildnis, sondern in halboffenen Kulturlandschaften, die durch extensive Beweidung, Mahd oder kleinräumige Nutzung entstanden sind. Werden solche Flächen aufgegeben, verbuschen sie oder wachsen zu. Dadurch verschwinden sonnenwarme, nährstoffarme und blütenreiche Standorte.
Hinzu kommt die Zerschneidung der Landschaft. Viele Populationen sind heute klein und voneinander isoliert. Wenn ein lokaler Bestand verschwindet, kann er nicht mehr ohne Weiteres aus benachbarten Gebieten neu besiedelt werden. Für Tagfalterarten mit geringer Ausbreitungsfähigkeit oder sehr speziellen Lebensraumansprüchen ist das besonders problematisch.
Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung. Hitze, Dürre, veränderte Niederschläge und extreme Wetterereignisse können Raupen, Puppen und Futterpflanzen direkt treffen. In Gebirgen, Mooren, nördlichen Regionen und auf Inseln sind manche Arten zusätzlich gefährdet, weil sie kaum Ausweichräume haben. Kälteangepasste Arten können nicht beliebig nach Norden oder in höhere Lagen ausweichen, wenn geeignete Lebensräume fehlen oder bereits stark fragmentiert sind.
Ein weiteres Problem ist die zunehmende Vereinheitlichung der Landschaft. In intensiv genutzten Agrarräumen verschwinden nicht nur einzelne Lebensräume, sondern ganze Lebensraummosaike. Dadurch können Schmetterlingsgemeinschaften scheinbar stabil bleiben, obwohl ihre Vielfalt abnimmt: Wenige mobile und anpassungsfähige Arten kommen weiterhin vor oder werden sogar häufiger, während spezialisierte, standorttreue Arten verschwinden. Eine Studie von 2025 beschreibt dieses Muster als eine Form monotoner Stabilität. Es erklärt, warum in manchen Landschaften noch Schmetterlinge zu sehen sind, obwohl die Artenzusammensetzung bereits stark verarmt ist.
Besonders betroffen sind niedrige Lagen mit intensiver Landwirtschaft. Höhere Lagen, steile Hänge sowie extensiv genutzte Berg- und Magerwiesen dienen vielen Arten dagegen noch als Rückzugsräume. Langfristig helfen solche Flächen jedoch nur, wenn sie miteinander verbunden bleiben und nicht ebenfalls durch Verbuschung, Aufforstung, Überdüngung oder Nutzungsaufgabe verloren gehen.
Rückgänge setzten schon viel früher ein
Langfristige Daten (2020) zeigen, dass der Rückgang vielerorts bereits vor Jahrzehnten begann. Besonders gut dokumentiert ist das in Großbritannien, den Niederlanden und Flandern. In Großbritannien sind die Schmetterlingszahlen seit 1976 insgesamt etwa um die Hälfte zurückgegangen; spezialisierte Arten bestimmter Lebensräume verloren besonders stark. In den Niederlanden zeigen historische Verbreitungsdaten sogar, dass die Entwicklung schon deutlich früher einsetzte: Bereits zwischen 1890 und 1940 schrumpften die Verbreitungsgebiete vieler Arten, lange bevor moderne Monitoringprogramme begannen.
Diese Beispiele machen deutlich, dass der heutige Zustand oft das Ergebnis einer langen Entwicklung ist. Viele Arten wurden nach und nach auf Schutzgebiete, Straßenränder, Bahndämme oder wenige verbliebene Restlebensräume zurückgedrängt.
Naturnahe Gärten allein reichen nicht aus
Naturnahe Gärten, Blühflächen und kleine Restbiotope sind wertvoll. Sie bieten Nahrung, schaffen Trittsteine und können vor allem häufigeren Arten helfen. Für viele gefährdete Tagfalter reicht das jedoch nicht aus. Sie brauchen größere, dauerhaft geeignete und miteinander verbundene Lebensräume – etwa magere Wiesen, Feuchtgebiete, Heiden, lichte Wälder, Säume oder extensiv genutzte Weiden.
Schmetterlingsschutz muss deshalb über private Einzelmaßnahmen hinausgehen. Entscheidend sind größere Habitatnetzwerke, eine angepasste Pflege, weniger Düngung, weniger Pestizide, offene Mikrohabitate und ein Nutzungsmosaik aus Mahd, Beweidung, Säumen, Brachen und lichten Gehölzstrukturen. Naturnahe Gärten können helfen. Doch der Schutz spezialisierter Schmetterlinge entscheidet sich vor allem dort, wo ihre eigentlichen Lebensräume liegen: in Wiesen, Heiden, Mooren, lichten Wäldern, Säumen und extensiv genutzten Kulturlandschaften.
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