Rotbindiger Samtfalter (Arethusana arethusa)
Der Rotbindige Samtfalter (Arethusana arethusa) ist in trockenen, warmen Offenlandlebensräumen Süd- und Südosteuropas verbreitet. In Deutschland und der Schweiz gilt er nach den jeweiligen Roten Listen inzwischen als regional ausgestorben; die letzten Nachweise stammen aus den Jahren 1977 bzw. 1974. Bild: Gilles San Martin, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Europas Schmetterlinge: Was Rote Listen über ihren Rückgang zeigen

Viele Menschen berichten inzwischen Ähnliches: Wo vor einigen Jahren im Sommer noch zahlreiche Schmetterlinge über Wiesen, Gärten, Wegränder oder Böschungen flogen, sind heute oft nur noch wenige – oder gar keine – zu sehen. Solche Beobachtungen sind zunächst persönlich und lokal; sie hängen vom Wetter, vom Blühangebot, vom Zeitpunkt der Mahd und von vielen weiteren Faktoren ab. Doch sie passen zu einem größeren Muster, das auch wissenschaftliche Daten zeigen: Europas Schmetterlinge stehen unter großem Druck.

Gut sichtbar wird das in Roten Listen. Sie zeigen, welche Arten stabile Bestände haben, welche zurückgehen und bei welchen das Aussterberisiko hoch ist. Neben der europäischen Roten Liste gibt es in vielen Ländern eigene nationale Bewertungen. Diese unterscheiden sich in Aktualität, Methodik und Umfang: Manche erfassen nur Tagfalter, andere zusätzlich Widderchen oder weitere Schmetterlingsgruppen; manche folgen streng den IUCN-Kategorien, andere nutzen nationale Einstufungssysteme.

Trotz dieser Unterschiede zeigen die länderspezifischen Listen ein weitgehend einheitliches Bild: In vielen gut untersuchten Ländern Europas ist ein erheblicher Teil der Schmetterlingsarten verschwunden oder bestandsgefährdet. Der Blick auf einzelne Länder zeigt, dass der Rückgang nicht nur in Zahlen sichtbar wird, sondern in konkreten Lebensräumen: auf Wiesen, in Mooren, an Waldrändern, in Gärten und auf ehemals artenreichen Flächen.

Europa: Fast jede dritte Art ist bedroht oder potenziell gefährdet

Die Europäische Rote Liste der Schmetterlinge von 2025 zeigt, dass der Rückgang längst nicht nur einzelne Regionen betrifft. Für die Bewertung wurden 442 europäische Schmetterlingsarten untersucht. Der Madeira-Kohlweißling (Pieris wollastoni) gilt inzwischen als global ausgestorben; für die Berechnung der Gefährdungskategorien bleiben damit 441 heute noch vorkommende Arten oder Unterarten. Von ihnen sind 65 Taxa bedroht – das entspricht 14,7 %. Weitere 60 gelten als potenziell gefährdet. Zusammengenommen sind 125 Arten bzw. 28,3 % der europäischen Schmetterlinge bedroht oder potenziell gefährdet.

Gegenüber der vorherigen Bewertung hat sich die Lage deutlich verschlechtert. 2010 galten 37 Taxa als bedroht, 2025 sind es 65. Die Zahl bedrohter Taxa ist damit um 76 % gestiegen. Noch stärker fällt der Anstieg bei den besonders stark gefährdeten Arten und Unterarten aus: Die Zahl der stark gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Taxa hat sich von 15 auf 41 mehr als verdoppelt. Zugleich gelten über 50 % der Schmetterlinge, für die Bestandstrends vorliegen, als rückläufig.

Die Gefährdung verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig. Häufig betroffen sind spezialisierte Arten, die auf bestimmte Lebensräume, Futterpflanzen oder kleinräumige Klimabedingungen angewiesen sind. Besonders gefährdet sind endemische Arten, die nur in Europa oder sogar nur in einzelnen Regionen vorkommen: Von den noch vorhandenen europäischen Endemiten gelten mehr als 40 % als bedroht oder potenziell gefährdet.

Schmetterlingsverlust: Was nationale Rote Listen zeigen

Nach dem europäischen Gesamtbild lohnt sich ein Blick auf einzelne Länder. Die folgenden Beispiele sind keine Rangliste, denn Rote Listen einzelner Länder unterscheiden sich in Aktualität, Methodik und Umfang. Sie zeigen dennoch, wie deutlich der Schmetterlingsverlust bereits in vielen nationalen Gefährdungsbewertungen sichtbar wird – in intensiv genutzten Agrarräumen ebenso wie in Gebirgsregionen, Feuchtgebieten oder artenreichen Mittelmeerlandschaften.

Deutschland: Über die Hälfte ausgestorben, gefährdet oder extrem selten

In Deutschland wurden in der aktuellen Roten Liste von 2025 insgesamt 207 etablierte Arten und Unterarten der Tagfalter und Widderchen bewertet. 10 Taxa gelten als ausgestorben oder verschollen, 93 weitere sind bestandsgefährdet: 13 sind vom Aussterben bedroht, 51 stark gefährdet, 27 gefährdet, 11 extrem selten und 2 fallen in die Kategorie „Gefährdung unbekannten Ausmaßes“. Hinzu kommen 11 extrem seltene Taxa.

Damit sind 114 der 207 bewerteten Taxa ausgestorben, verschollen, bestandsgefährdet oder extrem selten – also 55 %. Nur 71 Arten und Unterarten, rund ein Drittel, gelten derzeit als ungefährdet. Gegenüber der vorherigen Roten Liste von 2011 überwiegen zudem die Verschlechterungen: 49 Taxa wurden höher in eine Gefährdungskategorie eingestuft, nur 29 verbesserten sich.

Loreley-Dickkopffalter (Muschampia lavatherae)
Der Loreley-Dickkopffalter (Muschampia lavatherae) ist eine wärmeliebende Art trockener, sonniger Lebensräume. Sein Verbreitungsgebiet reicht von Nordafrika und Südeuropa bis nach Vorderasien. In Deutschland kam er nur sehr lokal am Mittelrhein vor, im Umfeld der Loreley. Der letzte Nachweis von dort stammt von 1985; heute gilt der Loreley-Dickkopffalter hierzulande als ausgestorben.
Bild: peterichman, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Österreich: Fast zwei Drittel der Tagfalter ausgestorben oder gefährdet

Für Österreich ist die aktuell gültige bundesweite Rote Liste der Tagfalter noch die Liste von 2005. Sie bewertet 215 etablierte Tagfalterarten. Davon gelten 5 Taxa als regional ausgestorben oder verschollen, 40 als vom Aussterben bedroht, 44 als stark gefährdet und 46 als gefährdet. Damit stehen 135 Arten oder Unterarten bzw. 63 % in einer Gefährdungskategorie oder gelten bereits als verschwunden.

Eine neue Rote Liste ist derzeit in Arbeit. Der Naturschutzbund Österreich meldete im Mai 2026, dass die „Rote Liste der Tagfalter Österreichs“ nach mehr als zwei Jahrzehnten umfassend aktualisiert wird. Die bisherigen Erhebungen würden bereits zeigen, dass „über 50 %“ der österreichischen Tagfalterfauna gefährdet ist.

Polyommatus admetus - Europas Schmetterlinge
Der Östliche Esparsetten-Bläuling (Polyommatus admetus) wird in der österreichischen Roten Liste von 2005 als regional ausgestorben geführt. Die Art erreicht in Mitteleuropa den westlichen Rand ihres Verbreitungsgebiets; für Österreich sind historische Vorkommen vor allem aus Niederösterreich belegt. Ihre Raupen leben an Esparsetten-Arten (etwa O nobrychis ebenoides), weshalb der Falter trockene, warme und blütenreiche Offenlandlebensräume benötigt.
Bild: Ivan Medenica, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Schweiz: Mehr als die Hälfte ausgestorben, gefährdet oder potenziell gefährdet

Die aktuell gültige Rote Liste der Tagfalter und Widderchen der Schweiz wurde 2014 veröffentlicht und beruht auf dem Datenstand von 2012. Bewertet wurden 226 Arten und Unterarten: 201 Tagfalter und 25 Widderchen. Davon gelten 78 Taxa, also 35 %, als ausgestorben oder bestandsgefährdet. 3 Taxa sind in der Schweiz ausgestorben, 10 vom Aussterben bedroht, 27 stark gefährdet und 38 gefährdet. Weitere 44 Arten und Unterarten, rund 20 %, werden als potenziell gefährdet eingestuft.

Rechnet man diese Gruppen zusammen, sind in der Schweiz 122 der 226 bewerteten Tagfalter und Widderchen ausgestorben, gefährdet oder potenziell gefährdet – also rund 54 %. Eine Aktualisierung läuft bereits: Für die Jahre 2024 bis 2029 ist eine neue Felderhebung vorgesehen, die zu einer Veröffentlichung der nächsten Roten Liste im Jahr 2029 führen soll.

Felsenfalter (Chazara briseis)
Der Felsenfalter (Chazara briseis) gilt in der Schweiz als vom Aussterben bedroht. Früher war die wärmeliebende Art am Jurasüdfuss weiter verbreitet; heute sind nur noch zwei isolierte Reliktpopulationen bekannt – im Kanton Jura und im Münstertal in Graubünden. Der Falter besiedelt trockene, felsige Weiden mit kurzer, lückiger Vegetation. Diese Lebensräume sind empfindlich: Zu wenig Beweidung führt zu dichter Vegetation und Verbuschung, zu intensive Nutzung kann durch Überweidung und Nährstoffeinträge ebenfalls schaden. Der Felsenfalter benötigt also nicht einfach nur „mehr Natur“, sondern eine gezielte Pflege seiner Lebensräume.
Bild: IvanHabiprot, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Niederlande: Nur 38 % der Tagfalter sind ungefährdet

Die aktuelle niederländische Rote Liste der Tagfalter stammt aus dem Jahr 2019. Sie wurde von De Vlinderstichting erarbeitet und im selben Jahr offiziell festgestellt. Von den 76 bewerteten Tagfalterarten und -unterarten gelten 15 als aus den Niederlanden verschwunden. Weitere 12 Taxa sind vom Aussterben bedroht, 10 stark gefährdet, 7 gefährdet und 3 potenziell gefährdet. Nur 29 Taxa, also 38 %, werden derzeit nicht als bedroht eingestuft.

Gegenüber der Roten Liste von 2006 blieb die Zahl der Arten auf der Roten Liste zwar gleich: Auch damals wurden 47 Arten als verschwunden, bedroht oder potenziell gefährdet eingestuft. Die Zusammensetzung hat sich jedoch verändert. Zwei zuvor verschwundene Tagfalterarten wurden wieder nachgewiesen, zugleich gelten zwei Arten mehr als bedroht. Besonders stark gingen die Bestände zwischen 1950 und 1990 zurück, doch auch danach setzte sich der Rückgang fort: In den letzten 25 Jahren sank die Zahl der Schmetterlinge in den Niederlanden um 43 %.

Skabiosen-Scheckenfalter (Euphydryas aurinia)
Der Skabiosen-Scheckenfalter (Euphydryas aurinia) gilt in den Niederlanden als ausgestorben. Die Art ist europaweit verbreitet, aber vielerorts stark zurückgegangen. Sie besiedelt meist extensiv genutzte Feuchtwiesen, Moore, Magerrasen und andere nährstoffarme Offenlandlebensräume. Ihr Verschwinden in den Niederlanden geht auf Entwässerung, Düngung, Nutzungsintensivierung und den Verlust traditionell gepflegter Wiesen zurück.
Bild: Joris Egger, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Großbritannien: Jede zweite verbliebene Art ist bedroht oder potenziell bedroht

Die überarbeitete Rote Liste der britischen Tagfalter wurde 2022 veröffentlicht. Sie bezieht sich auf Großbritannien, also England, Schottland und Wales – nicht auf das gesamte Vereinigte Königreich einschließlich Nordirland. Bewertet wurden 62 regelmäßig vorkommende oder ehemals heimische Arten und Unterarten. 4 davon gelten in Großbritannien als ausgestorben.

Von den 58 verbliebenen Taxa sind 24 bedroht: 8 gelten als vom Aussterben bedroht, 16 als gefährdet. Weitere 5 werden als potenziell gefährdet eingestuft. Zusammen betrifft das 29 Arten – also jede zweite der heute noch nachgewiesenen britischen Tagfalterarten. Gegenüber der vorherigen Bewertung aus dem Jahr 2011 hat sich die Lage deutlich verschlechtert: Der Anteil bedrohter Arten und Unterarten ist von 23 auf 41 % gestiegen.

Baum-Weißling (Aporia crataegi)
Der Baum-Weißling (Aporia crataegi) ist in großen Teilen Europas und Asiens verbreitet und in Deutschland derzeit nicht gefährdet. Auf den Britischen Inseln ist die Art jedoch seit den 1920er-Jahren ausgestorben; auch in Flandern gilt sie inzwischen als ausgestorben. Warum sie in Großbritannien verschwand, ist unklar. Vermutlich wirkten mehrere Faktoren zusammen, darunter Veränderungen geeigneter Offenland- und Gebüschlebensräume, chemische Belastungen sowie die zunehmende Isolation der letzten Populationen. Genanalysen historischer britischer Exemplare deuten zudem darauf hin, dass die letzten Bestände bereits unter genetischer Verarmung litten.
Bild: IvanHabiprot, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Spanien: Nahezu jede dritte Art gilt als bedroht

Für Spanien wurde 2026 der Atlas y Libro Rojo de las Mariposas Españolas vorgestellt. Darin werden Daten zu 261 in Spanien nachgewiesenen Tagfalterarten und -unterarten ausgewertet. 79 Taxa bzw. 30 % gelten als bedroht: 2 sind vom Aussterben bedroht, 52 stark gefährdet und 25 gefährdet. Weitere 31 Taxa werden als potenziell gefährdet eingestuft. 139 Arten und Unterarten gelten derzeit als nicht gefährdet, 9 wurden nicht bewertet und für 3 ist die Datenlage unzureichend.

Die europäische Rote Liste verweist zudem auf besonders empfindliche Gebirgsarten Südspaniens. Dazu gehören etwa die Bläulinge Agriades zullichi, Polyommatus golgus und Polyommatus violetae. Sie kommen nur in hoch gelegenen Gebirgslebensräumen vor und sind dadurchäußerst anfällig für Klimawandel, Dürreperioden und Feuer.

Für den europäischen Vergleich ist Spanien wichtig, weil das Land eine sehr hohe Artenvielfalt mit mediterranen, gebirgigen und insularen Lebensräumen besitzt. Auch in dieser artenreichen Schmetterlingsfauna steht jedoch ein erheblicher Teil der Arten und Unterarten bereits in einer Gefährdungskategorie.

Mohrenfalter Erebia rondoui
Der Mohrenfalter (Erebia rondoui) ist ein endemischer Tagfalter der Pyrenäen und kommt nur in Frankreich und Spanien vor. Er lebt in hoch gelegenen Gebirgslebensräumen zwischen etwa 1.650 und 2.300 Metern Höhe. In der spanischen Roten Liste wird die Art als stark gefährdet eingestuft, während sie in der französischen Roten Liste von 2012 als nicht gefährdet gilt. Ob der Falter in einer aktualisierten französischen Bewertung weiterhin als ungefährdet gelten würde oder ebenfalls eine höhere Gefährdungseinstufung erhält, bleibt offen.
Bild: J.claude, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Tschechien: 63 % ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet

Da für Tschechien keine eigene nationale Rote Liste nur der Schmetterlinge vorliegt, bildet die Rote Liste der Wirbellosen von 2017 mit dem Abschnitt zu den Tagfaltern (Hesperioidea und Papilionoidea) die Grundlage. Bewertet wurden 162 Taxa; 8 weitere Arten wurden nicht einbezogen, weil sie nur als Irrgäste oder gelegentlich eingeschleppte Arten gelten. Von den bewerteten Tagfaltern gelten 17 als regional ausgestorben, 24 als vom Aussterben bedroht, 12 als stark gefährdet und 25 als gefährdet. Weitere 23 Taxa werden als potenziell gefährdet eingestuft. Insgesamt fallen damit 101 Taxa in eine Rote-Liste- oder Vorwarnkategorie – 63 % der tschechischen Tagfalterfauna.

Gegenüber der vorherigen Roten Liste von 2005 sank die Zahl der regional ausgestorbenen oder bedrohten Arten von 86 auf 78. Gleichzeitig stieg jedoch die Gesamtzahl der betroffenen Taxa einschließlich der potenziell gefährdeten Arten von 90 auf 101. Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass sich der Zustand der tschechischen Tagfalterfauna insgesamt weiter verschlechtert hat.

Gelbringfalter (Lopinga achine)
Der Gelbringfalter (Lopinga achine) kommt in lichten, strukturreichen Wäldern vor. Sein Verbreitungsgebiet reicht von Frankreich über Mittel- und Osteuropa bis nach Russland, Nordasien und Japan, doch meist tritt die Art nur lokal und in kleinen Beständen auf. In Tschechien gilt der Gelbringfalter als vom Aussterben bedroht; auch in Deutschland und Bayern wird er als stark gefährdet eingestuft. Sein Rückgang zeigt, dass nicht nur Wiesen- und Offenlandarten betroffen sind, sondern auch spezialisierte Falter halboffener Waldlebensräume.
Bild: Tomas Čekanavičius, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Flandern (Belgien): 52 % der Tagfalter verschwunden oder bedroht

Für Belgien wird hier Flandern herangezogen, weil dort eine aktuelle IUCN-Rote Liste der Tagfalter von 2021 vorliegt. Bewertet wurden 75 Arten und Unterarten. Davon gelten 20 Taxa in Flandern als regional ausgestorben. Weitere 3 sind vom Aussterben bedroht, 7 stark gefährdet und 9 gefährdet. Zusammen sind das 39 der 75 bewerteten Tagfalter-Taxa – also 52 %.

Weitere 2 Arten werden als potenziell gefährdet eingestuft; 34 Taxa gelten derzeit als nicht gefährdet. Einschließlich der potenziell gefährdeten Taxa sind 41 Arten und Unterarten betroffen. Die Autoren weisen darauf hin, dass sich die Gesamtlage gegenüber früheren Jahrzehnten leicht verbessert hat, unter anderem durch neu eingewanderte Arten und durch Waldarten, die heute besser abschneiden. Schmetterlinge der Heidegebiete und nährstoffarmen Lebensräume bleiben jedoch besonders problematisch. Im Vergleich zu Nachbarregionen hat Flandern den höchsten Anteil regional ausgestorbener Tagfalterarten.

Kleiner Moorbläuling (Phengaris alcon))
Der Kleine Moorbläuling (Phengaris alcon, Syn. Maculinea alcon), auch Enzian-Ameisenbläuling genannt, ist ein hochspezialisierter Falter feuchter Wiesen, Moore und Heiden. In Flandern gilt die Art als vom Aussterben bedroht, in Deutschland als stark gefährdet. Ihre Raupen sind zunächst auf Enziane als Futterpflanzen angewiesen, später aber auch auf bestimmte Knotenameisen, in deren Nestern sie einen Teil ihrer Entwicklung verbringen. Dadurch reagiert die Art äußerst empfindlich auf Entwässerung, Verbuschung, intensive Nutzung und Trockenperioden: Gehen Futterpflanzen oder passende Ameisenvorkommen verloren, kann auch der Falter nicht überleben.
Bild: Joris Egger, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Frankreichs europäisches Festland: 85 % der Tagfalter ungefährdet

Die nationale Rote Liste der Tagfalter des europäischen Frankreichs weist im Vergleich zu vielen anderen Ländern niedrigere Gefährdungswerte auf. Bewertet wurden 253 Arten und Unterarten der France métropolitaine, also des europäischen Frankreichs ohne Überseegebiete wie Réunion, Guadeloupe, Martinique oder Französisch-Guayana. 1 Art gilt dort als regional ausgestorben; 2 Taxa sind vom Aussterben bedroht, 3 stark gefährdet und 11 gefährdet. Damit sind 17 Arten regional ausgestorben oder bedroht – das entspricht 6,7 %.

Weitere 18 Arten und Unterarten, also 7,1 %, gelten als potenziell gefährdet. 3 Taxa konnten wegen unzureichender Datenlage nicht bewertet werden. 215 Arten und Unterarten werden als nicht gefährdet eingestuft, was 85 % der Tagfalter des europäischen Frankreichs entspricht.

Diese vergleichsweise günstige Einstufung sollte jedoch vorsichtig eingeordnet werden. Die Liste stammt aus dem Jahr 2012, bezieht sich auf ein großes und landschaftlich sehr vielfältiges Gebiet und ist nur eingeschränkt mit neueren oder kleinräumigeren Roten Listen vergleichbar. Eine Aktualisierung der nationalen Roten Liste ist geplant bzw. angelaufen; dabei sollen auch Widderchen einbezogen werden.

Schwarzer Trauerfalter (Neptis rivularis)
Der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) war in der Roten Liste der Tagfalter des europäischen Frankreichs die einzige als regional ausgestorben eingestufte Art. Sein Hauptverbreitungsgebiet liegt weiter östlich – von den Ostalpen und Teilen Mitteleuropas über Südosteuropa bis nach Russland, China und Japan. In Österreich gilt die Art als gefährdet. Sie besiedelt lichte Laubwälder, Bachschluchten und andere halbschattige, strukturreiche Lebensräume. Warum sie aus Frankreich verschwunden ist, ist unklar. Vermutlich handelte es sich dort um ein sehr randständiges und nur schwach dokumentiertes Vorkommen.
Bild: Мишарина Анна Леонидовна, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Dänemark: 50 % verschwunden, bedroht oder potenziell bedroht

Die Zahlen stammen aus der dänischen Roten Liste der Tagfalter der Aarhus University / DCE. Der Bewertungszeitraum war 2020–2021, veröffentlicht wurde die Auswertung 2023. Von 113 Tagfalterarten und -unterarten wurden 76 nach IUCN-Kriterien bewertet. 37 Taxa galten als nicht relevant für die Bewertung, etwa weil sie nur zufällig auftreten, eingewandert sind oder sich erst in Etablierung befinden.

Von den bewerteten Taxa gelten 13 als regional ausgestorben. Weitere 3 sind vom Aussterben bedroht, 7 stark gefährdet und 3 gefährdet. Zusammen sind das 26 Arten und Unterarten, also 34 % der bewerteten Tagfalter. Hinzu kommen 12 potenziell gefährdete Taxa. Insgesamt sind damit 38 Taxa regional ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet – genau die Hälfte der bewerteten Tagfalterfauna.

Die dänische Rote Liste weist zudem darauf hin, dass viele bestandsgefährdete Arten weiter zurückgehen: 65 % der gefährdeten Tagfalter werden aktuell als abnehmend eingestuft.

Weißbindiges Wiesenvögelchen oder Perlgrasfalter (Coenonympha arcania)
Das Weißbindige Wiesenvögelchen (Coenonympha arcania), auch Perlgrasfalter genannt, gehört zu den in Dänemark ausgestorbenen Tagfalterarten. Wie fast alle dort verschwundenen Arten war es an lichte Wälder, Waldlichtungen und strukturreiche Übergangsbereiche gebunden. In Dänemark kam die Art bis 1968 noch in lichten Eichengebüschen bei Varde in Westjütland und bis 1996 in der Umgebung von Viborg in Mitteljütland vor. Als wichtige Ursache ihres Verschwindens gilt die Verbuschung und Veränderung der offenen Eichengebüsche. In der aktuellen dänischen Roten Liste wird zudem der Eschen-Scheckenfalter (Euphydryas maturna) neu als regional ausgestorben geführt.
Bild: Carsten Siegel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Schweden: 38 % der Tagfalter sind bedroht oder potenziell gefährdet

Schweden verfügt mit der Roten Liste 2025 über eine sehr aktuelle nationale Bewertung. Eine eigene Rote Liste nur für Tagfalter gibt es nicht; die Tagfalter sind als Artengruppe in der nationalen Gesamt-Roten-Liste enthalten. Nach Angaben von SLU Artdatabanken wurden 113 Tagfalterarten und -unterarten für Schweden berücksichtigt. Davon gelten 3 Taxa als vom Aussterben bedroht, 6 als stark gefährdet, 16 als gefährdet und 18 als potenziell gefährdet. Zusammen sind das 43 Taxa – etwa 38 % der schwedischen Tagfalterfauna. 70 Arten, also rund 62 %, gelten als nicht gefährdet.

Aktuell wird in Schweden keine Tagfalterart als regional ausgestorben geführt. Zwei Arten stehen jedoch kurz davor: Der Östliche Scheckenfalter (Melitaea britomartis) und der Kronwicken-Bläuling (Plebejus argyrognomon) werden in der Roten Liste als vermutlich ausgestorben eingestuft. Beide wurden seit längerer Zeit nicht mehr sicher nachgewiesen.

Östlicher Scheckenfalter (Melitaea britomartis)
Der Östliche Scheckenfalter (Melitaea britomartis) wird in der schwedischen Roten Liste von 2025 als vom Aussterben bedroht und vermutlich ausgestorben eingestuft. In Schweden erreicht die Art den nördlichen Rand ihres europäischen Verbreitungsgebiets und kam dort nur sehr lokal vor. Typische Lebensräume sind nährstoffarme, trockenwarme Kalkmagerrasen, lichte Grasfluren und strukturreiche Offenlandstandorte. Ihr Rückgang steht im Zusammenhang mit dem Verlust nährstoffarmer, extensiv genutzter Graslandlebensräume.
Bild: Zeynel Cebeci, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Was der Ländervergleich zeigt

Die nationalen Roten Listen zeigen trotz eingeschränkter Vergleichbarkeit ein klares Gesamtbild: In fast allen betrachteten Ländern ist ein großer Teil der Tagfalter bereits ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet.

Besonders hohe Werte zeigen sich in mehreren Ländern mit stark veränderten und intensiv genutzten Landschaften. In Tschechien fallen 63 % der bewerteten Tagfalter in die Kategorien regional ausgestorben, bedroht oder potenziell gefährdet. Auch in Flandern, Dänemark, der Schweiz, Deutschland und Großbritannien liegt der Anteil der betroffenen Arten bei etwa der Hälfte oder darüber. In den Niederlanden gelten nur noch 38 % der bewerteten Taxa als ungefährdet; zugleich zeigen Monitoringdaten dort starke langfristige Bestandsrückgänge.

Auffällig ist zudem der hohe Anteil bereits verschwundener Arten. In Flandern gelten 20 von 75 bewerteten Tagfalterarten als regional ausgestorben. Auch in den Niederlanden und Dänemark ist der Anteil regional ausgestorbener Arten hoch. Der Rückgang beschreibt also nicht nur ein zukünftiges Risiko, sondern hat in vielen Landschaften bereits zu realen Verlusten geführt.

Frankreich fällt im Vergleich dazu aus dem Rahmen: Dort gelten in der Roten Liste des europäischen Frankreichs deutlich mehr Tagfalter als nicht gefährdet als in allen anderen betrachteten Ländern. Diese Einstufung ist jedoch wegen Alter, Raumbezug und Datenlage zunächst vorsichtig zu interpretieren.

Auch niedrigere Rote-Listen-Werte in Teilen Südeuropas bedeuten nicht automatisch Entwarnung. In einigen Regionen fehlen lange, flächendeckende Monitoringdaten, sodass Rückgänge weniger gut sichtbar werden als in Ländern mit jahrzehntelanger Erfassung.

Insgesamt wird deutlich: Der Rückgang der Schmetterlinge ist kein einzelnes nationales Problem. Besonders betroffen sind intensiv genutzte, stark zerschnittene oder stark veränderte Landschaften. Kritisch ist vor allem die Lage spezialisierter Arten, die auf nährstoffarme Wiesen, Moore, Heiden, lichte Wälder, Waldsäume, Trockenrasen oder andere selten gewordene Lebensräume angewiesen sind.

Warum Europas Schmetterlinge verschwinden

Die Ursachen sind nicht in jedem Land identisch, folgen aber einem ähnlichen Muster. Schmetterlinge geraten vor allem dort unter Druck, wo ihre Lebensräume verschwinden, verarmen, zu intensiv genutzt oder nicht mehr passend gepflegt werden.

Eine zentrale Rolle spielt der Verlust artenreicher Lebensräume. Viele Tagfalter sind auf blütenreiche Wiesen, Magerrasen, Moore, Heiden, Waldränder, lichte Wälder oder kleinräumig strukturierte Landschaften angewiesen. Werden solche Flächen gedüngt, häufig gemäht, entwässert, aufgeforstet oder in Acker- und Siedlungsflächen umgewandelt, verschwinden Nektarpflanzen für die erwachsenen Falter. Oft gehen auch die speziellen Raupenfutterpflanzen verloren, an die viele Arten gebunden sind.

Besonders folgenreich ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Häufige Mahd, hohe Stickstoffeinträge, Pestizide sowie der Verlust von Brachen, Feldrainen, Hecken und extensiv genutzten Wiesen machen ehemals artenreiche Landschaften für viele Schmetterlinge kaum noch nutzbar. Selbst wenn einzelne Blütenpflanzen vorhanden bleiben, fehlen oft ungemähte Teilflächen, offene Bodenstellen, Saumstrukturen oder ein Mosaik aus unterschiedlich genutzten Flächen.

Gleichzeitig kann auch die Aufgabe traditioneller Nutzung problematisch sein. Viele gefährdete Schmetterlinge leben nicht in unberührter Wildnis, sondern in halboffenen Kulturlandschaften, die durch extensive Beweidung, Mahd oder kleinräumige Nutzung entstanden sind. Werden solche Flächen aufgegeben, verbuschen sie oder wachsen zu. Dadurch verschwinden sonnenwarme, nährstoffarme und blütenreiche Standorte.

Hinzu kommt die Zerschneidung der Landschaft. Viele Populationen sind heute klein und voneinander isoliert. Wenn ein lokaler Bestand verschwindet, kann er nicht mehr ohne Weiteres aus benachbarten Gebieten neu besiedelt werden. Für Tagfalterarten mit geringer Ausbreitungsfähigkeit oder sehr speziellen Lebensraumansprüchen ist das besonders problematisch.

Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung. Hitze, Dürre, veränderte Niederschläge und extreme Wetterereignisse können Raupen, Puppen und Futterpflanzen direkt treffen. In Gebirgen, Mooren, nördlichen Regionen und auf Inseln sind manche Arten zusätzlich gefährdet, weil sie kaum Ausweichräume haben. Kälteangepasste Arten können nicht beliebig nach Norden oder in höhere Lagen ausweichen, wenn geeignete Lebensräume fehlen oder bereits stark fragmentiert sind.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Vereinheitlichung der Landschaft. In intensiv genutzten Agrarräumen verschwinden nicht nur einzelne Lebensräume, sondern ganze Lebensraummosaike. Dadurch können Schmetterlingsgemeinschaften scheinbar stabil bleiben, obwohl ihre Vielfalt abnimmt: Wenige mobile und anpassungsfähige Arten kommen weiterhin vor oder werden sogar häufiger, während spezialisierte, standorttreue Arten verschwinden. Eine Studie von 2025 beschreibt dieses Muster als eine Form monotoner Stabilität. Es erklärt, warum in manchen Landschaften noch Schmetterlinge zu sehen sind, obwohl die Artenzusammensetzung bereits stark verarmt ist.

Besonders betroffen sind niedrige Lagen mit intensiver Landwirtschaft. Höhere Lagen, steile Hänge sowie extensiv genutzte Berg- und Magerwiesen dienen vielen Arten dagegen noch als Rückzugsräume. Langfristig helfen solche Flächen jedoch nur, wenn sie miteinander verbunden bleiben und nicht ebenfalls durch Verbuschung, Aufforstung, Überdüngung oder Nutzungsaufgabe verloren gehen.

Rückgänge setzten schon viel früher ein

Langfristige Daten (2020) zeigen, dass der Rückgang vielerorts bereits vor Jahrzehnten begann. Besonders gut dokumentiert ist das in Großbritannien, den Niederlanden und Flandern. In Großbritannien sind die Schmetterlingszahlen seit 1976 insgesamt etwa um die Hälfte zurückgegangen; spezialisierte Arten bestimmter Lebensräume verloren besonders stark. In den Niederlanden zeigen historische Verbreitungsdaten sogar, dass die Entwicklung schon deutlich früher einsetzte: Bereits zwischen 1890 und 1940 schrumpften die Verbreitungsgebiete vieler Arten, lange bevor moderne Monitoringprogramme begannen.

Diese Beispiele machen deutlich, dass der heutige Zustand oft das Ergebnis einer langen Entwicklung ist. Viele Arten wurden nach und nach auf Schutzgebiete, Straßenränder, Bahndämme oder wenige verbliebene Restlebensräume zurückgedrängt.

Naturnahe Gärten allein reichen nicht aus

Naturnahe Gärten, Blühflächen und kleine Restbiotope sind wertvoll. Sie bieten Nahrung, schaffen Trittsteine und können vor allem häufigeren Arten helfen. Für viele gefährdete Tagfalter reicht das jedoch nicht aus. Sie brauchen größere, dauerhaft geeignete und miteinander verbundene Lebensräume – etwa magere Wiesen, Feuchtgebiete, Heiden, lichte Wälder, Säume oder extensiv genutzte Weiden.

Schmetterlingsschutz muss deshalb über private Einzelmaßnahmen hinausgehen. Entscheidend sind größere Habitatnetzwerke, eine angepasste Pflege, weniger Düngung, weniger Pestizide, offene Mikrohabitate und ein Nutzungsmosaik aus Mahd, Beweidung, Säumen, Brachen und lichten Gehölzstrukturen. Naturnahe Gärten können helfen. Doch der Schutz spezialisierter Schmetterlinge entscheidet sich vor allem dort, wo ihre eigentlichen Lebensräume liegen: in Wiesen, Heiden, Mooren, lichten Wäldern, Säumen und extensiv genutzten Kulturlandschaften.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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