Früher Allobates olfersioides, nun Teil der Gattung Dryadobates
Dieser fingernagelgroße, einst als weit verbreitet geltende Frosch wurde unter dem Namen Allobates olfersioides geführt – doch inzwischen wissen wir: Es waren mindestens zwölf Arten. Das hier abgebildete Tier gehört vermutlich zu einer überlebenden Art der neuen Gattung Dryadobates. Drei andere Arten aus dieser Gruppe gelten heute als ausgestorben. Renato Augusto Martins, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Museums-DNA deckt auf: Drei Froscharten aus dem Atlantischen Regenwald längst ausgestorben

Eine aktuelle Studie zeigt: Drei brasilianische Amphibienarten gelten nun als ausgestorben – Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden. Eine formale Einstufung durch die IUCN steht zwar noch aus, doch die genetischen und historischen Belege lassen kaum Zweifel am Verlust dieser Arten.

Veröffentlicht im Bulletin of the American Museum of Natural History, identifizierte eine internationale Forschungsgruppe mithilfe modernster DNA-Analysen aus historischen Museumsexemplaren drei Froscharten aus dem brasilianischen Atlantischen Regenwald eindeutig – und erklärt sie zugleich für ausgestorben: Dryadobates capixaba, D. carioca und D. olfersioides.

Mit musealer DNA verschollene Arten sichtbar machen

museale DNA (hDNA)
Im Museum konservierte Frösche sind nicht nur Zeugen vergangener Biodiversität, sie liefern auch historische DNA (hDNA). Dank moderner Analyseverfahren konnten Forschende aus solchen Präparaten bis zu 100 Jahre alte Erbinformationen extrahieren und so ausgestorbene Arten wie Dryadobates capixaba genetisch rekonstruieren.

Das Team um den Herpetologen Taran Grant (Universität São Paulo) analysierte bis zu 100 Jahre alte Museumsexemplare, aus denen sogenannte historische DNA (hDNA) extrahiert wurde – trotz Konservierungsschäden durch Formalin und Alkohol. Diese Technik, Museomics genannt, stammt ursprünglich aus der Paläogenetik und erlaubt Vergleiche zwischen Typusexemplaren und heutigen Populationen.

Bislang galt im Atlantischen Regenwald nur eine einzige Art der Unterfamilie Allobatinae als verbreitet: der Rio Rocket Frog Allobates olfersioides. Die winzigen, bodenbewohnenden Frösche werden aufgrund ihrer flinken Bewegungen auch „Rocket Frogs“ (Raketenfrösche) genannt. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist sehr ähnlich, sodass man lange annahm, sie gehörten alle zur gleichen Art, obwohl sie aus unterschiedlichen Regionen stammen.

Die neue Studie belegt nun: Es handelt sich um mehrere, genetisch klar unterscheidbare Arten, die äußerlich nahezu identisch wirken. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, wurde eine neue Gattung eingeführt: Dryadobates. Heute gehören alle Rocket Frogs des Atlantischen Regenwalds zu dieser Gattung. Drei der bislang mindestens zwölf bekannten Arten gelten als ausgestorben.

Die drei verschwundenen Froscharten im Porträt

1. Dryadobates capixaba

  • Typuslokalität: Refúgio Sooretama, Linhares im brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo
  • Holotyp: adultes Männchen, gesammelt am 5. November 1964
  • Größe: adulte Männchen 13,1–14,7 mm lang, adulte Weibchen unbekannt
  • Merkmale: braun bis dunkelbraun mit Flecken, dunkle Flanken mit heller Seitenlinie
  • Verhalten: vermutlich tagaktiv mit akustisch auffälligem Balzverhalten (genaue Rufe nicht bekannt), bodenlebend in feuchten Tieflandregenwäldern
  • Letzte bestätigte Sichtung: 1975 – seitdem trotz gezielter Suche (auch mittels eDNA) nicht mehr nachgewiesen. Wenn sie noch existierten, hätte man sie wahrscheinlich gehört oder gesehen, da sie tagaktiv und akustisch auffällig sind.

2. Dryadobates carioca

  • Typuslokalität: Represa Rio Grande, Jacarepaguá, im Parque Estadual da Pedra Branca, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien
  • Holotyp: adultes Weibchen – gesammelt am 27. Juni 1967
  • Größe: Männchen: 14,6–16,1 mm, Weibchen: 15,8–17,8 mm
  • Merkmale: brauner Rücken mit dunklen Flecken, cremefarbener Streifen vom Bauch zur Schnauze
  • Verhalten: bodenbewohnend im Primärwald, tagaktiv
  • Letzter Nachweis: seit der Erstbeschreibung 1967 nicht mehr beobachtet; auch intensive Feldforschung (etwa im November 1999) blieb erfolglos

3. Dryadobates olfersioides

  • Typuslokalität: Angra dos Reis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien
  • Lektotyp: adultes Männchen, gesammelt im April 1924
  • Größe: Männchen: 17–18,8 mm (größte bekannte Art der Gattung); Weibchen unbekannt
  • Merkmale: einfarbig braun, Flanken mit diffuser heller Linie und cremefarbenen Punkten
  • Verhalten: unbekannt; vermutlich wie andere Dryadobates-Arten tagaktiv und bodenlebend im feuchten Primärwald
  • Letzter Nachweis: Januar 1975 und Dezember 1981; seither trotz intensiver Feldforschung in der Region nicht mehr wiedergefunden

Warum die Dryadobates-Arten verschwanden – und warum das kein Einzelfall ist

Atlantischer Regenwald
Der Atlantische Regenwald (Mata Atlântica) erstreckt sich entlang der Ostküste Brasiliens – von Nordost-Brasilien bis in den Süden des Landes. Einst ein zusammenhängendes Ökosystem, ist heute nur noch ein Bruchteil in verstreuten Fragmenten erhalten.
NASA and Miguelrangeljr, Public domain, via Wikimedia Commons)

Alle drei wahrscheinlich ausgestorbenen Dryadobates-Arten waren endemisch im Atlantischen Regenwald Brasiliens – einem der artenreichsten, zugleich aber am stärksten bedrohten Ökosysteme der Erde. Heute sind nur noch etwa zwölf Prozent der ursprünglichen Waldfläche erhalten, meist in Form kleiner, voneinander isolierter Fragmente. Genau das wurde den winzigen, bodenlebenden Fröschen zum Verhängnis.

Dryadobates-Arten sind vermutlich kaum mobil und auf ein feuchtes Mikroklima im intakten Regenwaldboden angewiesen. Die Zerschneidung ihres Lebensraums durch Straßen, Städte oder Plantagen führte nicht nur zu einer zunehmenden Isolation, sondern verringerte auch die genetische Vielfalt. Dadurch stieg die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten, Klimaschwankungen und anderen Stressfaktoren. Viele dieser Arten kamen ohnehin nur in extrem kleinen Gebieten vor, teils ist nur ein einziger Fundort belegt.

Zusätzlich dürften Urbanisierung, veränderte Wasserverfügbarkeit, Lichtverschmutzung oder der Klimawandel zum Aussterben beigetragen haben. Besonders deutlich wird dies bei D. carioca und D. olfersioides: Ihre Typusfundorte liegen heute in urbanen Randzonen von Rio de Janeiro, die sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert haben.

Das Verschwinden von drei Dryadobates-Arten ist kein Einzelfall, sondern Teil eines besrogniserregenden Trends. Eine 2024 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie zeigte, dass über 80 Prozent der endemischen Baumarten im Atlantischen Regenwald vom Aussterben bedroht sind. Auch andere Tierarten sind betroffen – etwa der große, schwarz gefiederte Mituhokko (Mitu mitu), der heute als in der Wildnis ausgestorben gilt. Seine Geschichte ähnelt der von Dryadobates: Lebensraumverlust, Waldzerschneidung, fehlender Schutz.

Zur Gattung Dryadobates

Die Unterschiede zwischen den Allobates-Arten des Amazonasgebiets und jenen des Atlantischen Regenwalds machten es notwendig, eine neue Gattung für letztere einzuführen: Dryadobates. Die neu eingeführte Gattung Dryadobates umfasst derzeit mindestens zwölf Arten, alle im Atlantischen Regenwald endemisch. Sie gehört zur Familie Aromobatidae (Unterfamilie Allobatinae) und ist Schwestergruppe aller übrigen Allobatinae.

Charakteristisch für die Gattung Dryadobates sind mehrere Merkmale:

  • Rufverhalten: Die Männchen rufen mit einzelnen, kurzen Lauten – ein auffälliges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Gruppen.
  • Fortpflanzung: Brutpflege durch Männchen, bei der die Kaulquappen vermutlich durch die Männchen aktiv zu Wasserstellen transportiert werden.
  • Lebensraum: Die Tiere leben bodennah in feuchten Primärwäldern, häufig in Laubstreu.
  • Körpergröße: Die meisten Arten sind winzig – oft nur 1,5 bis 2 Zentimeter lang, etwa so groß wie ein menschlicher Fingernagel.

Dryadobates gehört zur Gruppe der sogenannten „Nurse Frogs“ – eine Bezeichnung für tropische Frösche mit ausgeprägtem Brutpflegeverhalten, bei dem die Männchen Kaulquappen bewachen oder transportieren.

Diese unscheinbaren Frösche spielen trotz ihrer geringen Größe eine wichtige Rolle im feuchten Bodenökosystem der Regenwälder. Sie sind Indikatoren für intakte Mikrohabitate und durch ihr kleines Verbreitungsgebiet besonders anfällig für Umweltveränderungen.

Wenn falsche Annahmen Arten gefährden

Weil der Rio Rocket Frog (Allobates olfersioides) einst als eine weit verbreitete Art galt, die viele Populationen im Atlantischen Regenwald vereinte, wurde sie in der Roten Liste der IUCN als „nicht gefährdet“ geführt. Doch die neue Studie zeigt: Diese scheinbar weit verbreitete Art war in Wahrheit ein Komplex aus mehreren, lokal endemischen Arten, von denen inzwischen drei verschwunden sind.

„Die Erkenntnis, dass es sich nicht um eine weit verbreitete, sondern um mehrere eng begrenzte Arten handelt, verändert alles“, sagt der Studienleiter Taran Grant gegenüber Agência FAPESP. „Der Atlantische Regenwald ist stark fragmentiert und anfällig für Lebensraumverluste – jede dieser Arten steht daher vor eigenen spezifischen Bedrohungen, die individuelle Schutzmaßnahmen erfordern.“

Hoffnung & Handlungsbedarf

Von den übrigen neun bekannten Dryadobates-Arten sind einige nur von einem einzigen Fundort bekannt. Zwei weitere existieren bisher nur in Museumssammlungen. Möglicherweise sind sie ebenfalls bereits ausgestorben. Sollte sich das bestätigen, wären fast 40 Prozent aller bekannten Arten dieser Gattung in nur 50 Jahren verschwunden. Das zeigt die Dringlichkeit gezielter Schutzmaßnahmen und intensiverer Feldforschung. Denn auch wenn manche Arten als „ungefährdet“ gelten, könnten sie in Wahrheit bereits verschwunden sein.

Aber es gibt auch Hoffnung: Große Teile des Regenwalds in Rio de Janeiro, Espírito Santo und Bahia wurden noch nicht intensiv erforscht. Neue Arten könnten entdeckt oder verschollene wiedergefunden werden.

Quellen

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