Blaubock: Colossal plant die Wiederauferstehung
Eines der wenigen bekannten Blaubock-Exemplare im Muséum national d’histoire naturelle in Paris – keines ist vollständig erhalten, was die genetische Rekonstruktion erheblich erschwert. Bild: Doreen Fräßdorf

Die Wiederauferstehung des Blaubocks? – Neue Pläne von Colossal Biosciences

Vor über 200 Jahren verschwand der Blaubock aus dem südlichen Afrika. Nun arbeitet das US-Biotech-Unternehmen Colossal Biosciences daran, diese ausgestorbene Art zumindest teilweise wieder zum Leben zu erwecken. Der Ansatz wird als De-Extinktion bezeichnet

Die erste bekannte Illustration des Blaubocks aus dem Jahr 1778 stammt vom Schweizer Naturforscher Jean Nicolas Sébastien Allamand. Obwohl die Art zu diesem Zeitpunkt noch existierte, diente Allamand vermutlich ein ausgestopftes Exemplar aus Leiden als Vorlage.
Bild: Special Collections of the University of Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Blaubock (Hippotragus leucophaeus) war eine Antilope, die ausschließlich in den offenen Graslandschaften des südwestlichen Südafrikas vorkam. Zeitgenössische Berichte beschreiben das Fell der Art als grau mit einem leicht bläulichen Schimmer – ein Merkmal, das der Art ihren Namen gab. Bereits im 17. Jahrhundert galt der Blaubock als selten und war auf ein vergleichsweise kleines Verbreitungsgebiet beschränkt.

Auffällig ist, wie lückenhaft unser Wissen über diese Art bis heute ist. Als gesicherte Belege existieren nur wenige Museumsexemplare sowie einige Knochen- und Hornfunde. Beobachtungen lebender Tiere sind kaum dokumentiert, und Darstellungen beruhen auf ausgestopften Präparaten. Der Blaubock verschwand damit zu einer Zeit, als er wissenschaftlich kaum erfasst war.

1799 oder 1800 wurde das letzte bekannte Tier erlegt. Der Blaubock gilt damit als das erste große afrikanische Säugetier, das in historischer Zeit ausgerottet wurde. Als Hauptursachen gelten die intensive Bejagung durch europäische Siedler, der Verlust von Lebensraum durch landwirtschaftliche Nutzung sowie die Konkurrenz mit Nutztieren.

Für die Einordnung des De-Extinction-Projekts ist ein Punkt entscheidend: Der Blaubock verschwand nicht durch einen langsamen natürlichen Prozess, sondern innerhalb kurzer Zeit infolge intensiver menschlicher Einflüsse. Entscheidend ist daher die Frage, ob die Bedingungen, die zu seinem Aussterben führten, heute überhaupt überwunden sind.

Colossals Plan: Wie soll der Blaubock „zurückkehren“?

Colossal Biosciences hat kürzlich bekannt gegeben, bereits seit 2024 daran zu arbeiten, den Blaubock in einer modernen Form wieder hervorzubringen. Der Ansatz folgt einem Schema, das bereits aus anderen De-Extinction-Projekten – etwa Mammut, Schattenwolf, Dodo oder Beutelwolf – zum Einsatz kommt.

Im ersten Schritt wurde genetisches Material aus Museumsexemplaren gewonnen, unter anderem aus dem Schwedischen Naturkundemuseum. Ziel ist es, das Genom des Blaubocks möglichst vollständig zu rekonstruieren. Auf dieser Grundlage lassen sich genetische Varianten identifizieren, die für charakteristische Merkmale verantwortlich sind – etwa die gebogenen Hörner, die blaugraue Fellfärbung oder der helle Fleck im Gesichtsbereich.

Anschließend wird dieses rekonstruierte Genom mit dem Erbgut nah verwandter Arten verglichen. Als wichtigste Referenzen dienen dabei die Pferdeantilope (Hippotragus equinus) und die Rappenantilope (H. niger), mit denen der Blaubock genetisch zu über 98 % übereinstimmt.

Im nächsten Schritt folgt das eigentliche Genom-Editing: Bestimmte Gene der Pferdeantilope werden gezielt verändert, um zentrale Merkmale des Blaubocks nachzubilden. Die so modifizierten Zellen werden anschließend mithilfe moderner Reproduktionstechnologien weiterverarbeitet. Dazu zählen unter anderem reprogrammierte Stammzellen (iPSCs), In-vitro-Fertilisation sowie die Entwicklung eines Embryos im Labor.

Dieser Embryo soll schließlich von einer Pferdeantilope ausgetragen werden. Die Tragzeit beträgt etwa neun Monate. Nach Angaben des Unternehmens könnten erste Tiere bereits in den kommenden Jahren geboren werden.

Pferdeantilopen zählen zu den nächsten genetischen Verwandten des ausgestorbenen Blaubocks. Im De-Extinction-Projekt von Colossal Biosciences sollen sie daher als „zellulärer Ersatz“ dienen. Das bedeutet, die Pferdeantilope liefert die Zellen und die biologische Plattform, auf der der „Blaubock“ überhaupt erst konstruiert wird.
Bild: Charles J. Sharp, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Colossals Argument – und die Kritik

Colossal verfolgt mit seinem Blaubock-Projekt mehrere Ziele. Neben der Entwicklung neuer biotechnologischer Verfahren geht es auch darum, diese künftig im Artenschutz einzusetzen und gleichzeitig Aufmerksamkeit für den Verlust biologischer Vielfalt zu schaffen. Aus Sicht des Unternehmens könnten Fortschritte aus der De-Extinction-Forschung dazu beitragen, genetisch verarmte Populationen zu stabilisieren oder bedrohte Arten gezielt zu unterstützen.

So argumentiert CEO Ben Lamm, dass die im Rahmen des Projekts entwickelten Methoden – etwa im Bereich Fortpflanzungstechnologie und Zellbiologie – auch anderen stark gefährdeten Antilopen zugutekommen könnten, beispielsweise der Hunter-Antilope (Beatragus hunteri). Zu den hervorgehobenen Fortschritten zählen unter anderem die erfolgreiche Entnahme von Eizellen bei der Pferdeantilope sowie die Erzeugung induzierter pluripotenter Stammzellen (iPSCs). Dabei werden ausgereifte Zellen in einen stammzellähnlichen Zustand zurückversetzt, aus dem sich unterschiedliche Gewebetypen entwickeln lassen. Dabei handelt es sich um eine Technologie, die grundsätzlich auch für den Artenschutz relevant sein könnte.

Darüber hinaus verspricht man sich von der Analyse der DNA des Blaubocks neue Erkenntnisse über dessen evolutionäre Anpassungen. Dieses Wissen könnte helfen, heutige, spezialisierte und bedrohte Huftiere besser zu verstehen und zu schützen. In diesem Sinne versteht Colossal das Projekt als Brücke zwischen De-Extinction-Forschung und praktischem Naturschutz.

Demgegenüber steht jedoch ein akuter Handlungsdruck: Weltweit gelten rund 30 Antilopenarten als stark bedroht, darunter neben der Hunter-Antilope auch die Mendesantilope (Addax nasomaculatus), die Damagazelle (Gazella dama) und die Riesen-Rappenantilope (Hippotragus niger variani). Viele dieser Arten leiden unter Lebensraumverlust, Fragmentierung und sinkender genetischer Vielfalt – Probleme, die unmittelbare Schutzmaßnahmen erfordern.

Genau hier setzt die Kritik an. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bezweifeln, dass De-Extinktion derzeit einen konkreten Beitrag zum praktischen Artenschutz leisten kann. Stattdessen wird sie häufig als aufwendiges und kostspieliges Experiment gesehen, dessen Nutzen unklar bleibt.

Ein zentraler Einwand lautet daher: Die verfügbaren Ressourcen wären im Schutz heute lebender Arten deutlich wirksamer eingesetzt. Denn klassische Maßnahmen haben sich bereits als erfolgreich erwiesen. Zuchtprogramme und Wiederansiedlungen konnten etwa die Arabische Oryx (Oryx leucoryx) oder die Säbelantilope (O. dammah) vor dem endgültigen Aussterben bewahren.

Säbelantilopen (Oryx dammah)
Die Säbelantilope galt seit 2000 als in der Wildnis ausgestorben (EW). Durch internationale Zuchtprogramme und erfolgreiche Auswilderungen – etwa im Tschad – konnte sich der Bestand erholen; heute wird die Art wieder als stark gefährdet (EN) geführt. Ein Beispiel dafür, dass klassische Artenschutzmaßnahmen wirksam sein können.
Bild: Zachi Evenor, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Gibt es überhaupt noch passenden Lebensraum?

Ein wichtiger Kritikpunkt betrifft weniger die Technik als die ökologische Realität. Der Blaubock lebte ursprünglich in den küstennahen Graslandschaften des südwestlichen Südafrikas, vor allem in der heutigen West- und Ostkap-Region. Diese Lebensräume waren kleinräumig und spezialisiert.

Heute existieren sie in ihrer ursprünglichen Form kaum noch. Mehr als 90 % dieser Lebensräume wurden in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt, fragmentiert oder durch menschliche Nutzung grundlegend verändert. Der Lebensraum, an den der Blaubock angepasst war, ist damit weitgehend verschwunden.

Als genetische Grundlage für die Rekonstruktion dient die Pferdeantilope, die heute vor allem in Savannen und offenen Waldlandschaften des östlichen und südlichen Afrikas lebt – also in deutlich anderen Ökosystemen. Damit stellt sich die Frage, wo ein „rekonstruierter“ Blaubock überhaupt angesiedelt werden könnte.

Küstennahe Graslandschaften der Kapregion: Der spezialisierte Lebensraum des Blaubocks existiert heute nur noch fragmentiert.
Bild: Chris Eason from London, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Zwar könnte man argumentieren, dass ein solches Tier sich im Lebensraum der Pferdeantilope zurechtfinden müsste, da es genetisch auf ihr basiert. Doch durch gezielte Genveränderungen werden nicht nur äußere Merkmale beeinflusst, sondern potenziell auch physiologische Anpassungen an Umweltbedingungen. Gerade bei einer ursprünglich spezialisierten Art könnten bereits kleinere Veränderungen entscheidend sein.

Hinzu kommt, dass Verhalten und ökologische Rolle nicht einfach genetisch rekonstruierbar sind. Ein solcher „Blaubock“ hätte weder die artspezifischen Verhaltensmuster noch die historischen Wechselwirkungen mit seiner Umwelt. Er wäre damit weder ein echter Blaubock noch eine typische Pferdeantilope, sondern ein Tier ohne klare ökologische Einordnung.

Gleichzeitig verlieren selbst nahe verwandte Arten wie die Pferdeantilope weiterhin Lebensraum. Die grundlegenden Faktoren – Flächenumwandlung, Fragmentierung und menschlicher Nutzungsdruck – bestehen also fort. Kann also ein „wiederbelebtes“ Tier in ein Ökosystem zurückkehren, das in seiner ursprünglichen Form nicht mehr existiert – oder würde man ein Tier schaffen, für das es keinen eindeutig passenden Lebensraum mehr gibt?

Nach Angaben von Colossal Biosciences arbeitet das Unternehmen bereits mit Naturschützern, Landbesitzern und Behörden an möglichen Wiederansiedlungsstrategien. Konkrete Standorte wurden bislang jedoch nicht genannt.

De-Extinktion oder synthetischer Proxy?

Wenn Colossal Biosciences von „De-Extinktion“ – also einer Wiederbelebung – spricht, ist das wissenschaftlich nur eingeschränkt zutreffend. Das Ergebnis des Projekts wird kein echter Blaubock sein, sondern ein genetisch verändertes Tier auf Grundlage der Pferdeantilope, das einzelne äußere Merkmale des Blaubocks nachbildet.

Eine Art definiert sich jedoch nicht allein über ihr Erscheinungsbild. Ebenso entscheidend sind Verhalten, Fortpflanzungsbiologie und ihre spezifische ökologische Rolle – Eigenschaften, die sich nicht einfach durch gezielte Genveränderungen rekonstruieren lassen. Ob ein solches Tier die ursprüngliche Funktion des Blaubocks im Ökosystem übernehmen könnte, bleibt daher offen.

Aus diesem Grund sprechen Kritiker von einem „synthetischen Proxy“: einem biologischen Ersatz, der bestimmte Merkmale imitiert, ohne die ursprüngliche Art in ihrer Gesamtheit wiederherzustellen.

Ein Beispiel liefert ein früheres Projekt des Unternehmens: Die Ende 2024 und Anfang 2025 vorgestellten, „rekonstruierten“ Schattenwölfe (Aenocyon dirus) basierten genetisch auf dem Grauwolf (Canis lupus). Durch gezielte Veränderungen an 14 Genen entstanden Tiere, die dem vor rund 13.000 Jahren ausgestorbenen Vorbild ähneln, biologisch handelt es sich jedoch nicht um echte Schattenwölfe, sondern um genetisch modifizierte Grauwölfe.

Rückkehr einer Art oder technologische Illusion?

Das Projekt von Colossal Biosciences ist sicherlich wissenschaftlich faszinierend. Es zeigt, wie weit genetische Technologien heute entwickelt sind und welches Potenzial in ihnen steckt. Doch was genau wird hier eigentlich zurückgebracht? Kein echter Blaubock, sondern ein genetisch konstruierter Ersatz, dessen ökologische Rolle unklar ist.

Entscheidend ist dabei weniger die technische Machbarkeit als der Kontext: Der Blaubock verschwand nicht zufällig, sondern infolge menschlicher Eingriffe. Diese grundlegenden Bedingungen – insbesondere veränderte Lebensräume und anhaltender Nutzungsdruck – sind vielerorts bis heute nicht überwunden.

Vor diesem Hintergrund wirkt De-Extinktion weniger wie eine Rückkehr, sondern eher wie ein Experiment: ein Versuch, verlorene Arten nachzubilden, ohne die Ursachen ihres Verschwindens vollständig gelöst zu haben.

Dennoch entfalten solche Projekte Wirkung. Sie rücken ausgestorbene Arten wieder ins öffentliche Bewusstsein und erinnern daran, dass Artensterben kein abgeschlossenes Kapitel ist. Ob daraus auch konkreter Nutzen für den Artenschutz entsteht, bleibt jedoch abzuwarten.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

Profil & Arbeitsweise

Unterstütze diesen Blog
Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über eine kleine Spende. Damit bleibt artensterben.de werbefrei und ohne Bezahlschranken – und alle Leser behalten freien Zugang zu den Inhalten. Alternativ kannst Du meine Arbeit auch durch den Kauf meines Buches oder über meine Amazon-Wunschliste unterstützen. Vielen Dank!

Buchcover: Ausgestorbene Säugetiere seit 1500
Spenden mit PayPal Spenden mit PayPal Überweisung per IBAN gern auf Anfrage.