Wiederentdeckung: Killifisch Moema claudiae
Winzig, farbenprächtig und fast verloren: Moema claudiae – hier ein Männchen (oben, 3,8 cm) und ein Weibchen (unten, 3,6 cm) – wurde 2024 nach über 20 Jahren wiederentdeckt. Die Killifisch-Art wird nur etwa vier Zentimeter groß und überlebt in temporären Regenzeittümpeln des bolivianischen Amazonasgebiets. (© Drawert & Litz (2025), Nature Conservation, CC BY 4.0)

„Verlorene Schönheit“: Ausgestorben geglaubter Killifisch nach 20 Jahren wiederentdeckt

Als Forscher im Frühjahr 2024 einen unscheinbaren, flachen Tümpel am Rand eines abgelegenen Waldrestes in Bolivien untersuchten, ahnten sie nicht, genau dort – unter Blättern, grauem Schlamm und umgeben von ausgedehnten Agrarflächen – eine Art zu finden, die viele bereits für ausgestorben hielten: Moema claudiae, ein saisonaler Killifisch, der seit über 20 Jahren als verschollen galt.

Die wissenschaftlichen Details zur Wiederentdeckung veröffentlichten Heinz Arno Drawert und Thomas Otto Litz im Fachjournal Nature Conservation. Ihre Studie zeigt: Diese seltene Art hat überlebt – und erhält nun eine überraschende zweite Chance.

Ein Fisch, der im Boden überdauert

Moema claudiae gehört zu den südamerikanischen Eierlegenden Zahnkärpflingen – besser bekannt als Killifische oder Saisonfische – aus der Familie der Rivulidae. Diese Fische besitzen eine der außergewöhnlichsten Fortpflanzungsstrategien im Tierreich: Sie leben in temporären Gewässer wie Pfützen, Tümpeln oder saisonal überfluteten Waldmulden, die in der Trockenzeit vollständig austrocknen. Während die erwachsenen Tiere dann absterben, überdauern ihre Eier im schlammigen Boden. In einer speziellen Ruhephase (Diapause) können sie monatelange Trockenzeiten überstehen. Sobald die Regenzeit einsetzt, erwacht das Leben im Substrat – die Eier schlüpfen, und eine neue Generation beginnt ihren Jahreszyklus.

Ihre extreme Spezialisierung macht Saisonfische jedoch auch besonders empfindlich gegenüber menschlichen Eingriffen. Verschwindet ein solches temporäres Gewässer oder füllt es sich nicht mehr zuverlässig, ist meist auch die gesamte Population verloren.

Vom Erstfund zum Status „Möglicherweise ausgestorben“

Moema claudiae wurde 2003 vom brasilianischen Ichthyologen Wilson J. E. M. Costa erstmals beschrieben. Die Typusexemplare stammten aus einem temporären Feuchtgebiet in den Überschwemmungsflächen des Río San Pablo im bolivianischen Tiefland – einer Landschaft, die damals noch aus einem Mosaik aus Wald, Savanne und saisonalen Tümpeln bestand.

Biotop von M. claudiae
Der saisonale Schwarzwassertümpel, in dem Moema claudiae 2024 wiederentdeckt wurde. Die Art überlebt in solchen temporären Gewässern, die während der Regenzeit entstehen und im Umfeld intensiver Landwirtschaft heute hochgradig bedroht sind.
(© Drawert & Litz (2025), Nature Conservation, CC BY 4.0)

Wie vielerorts im Amazonasraum veränderte sich diese Region rasant. Die ursprüngliche Fundstelle wurde vollständig zerstört: Eine Siedlung entstand, Wälder wurden abgeholzt und die Umgebung großflächig in Agrarflächen umgewandelt. Pestizide, Dünger und veränderte Wasserregime belasteten das Ökosystem zusätzlich. Die kleinen Tümpel, auf die M. claudiae angewiesen ist, wurden entwässert, zugeschüttet oder kontaminiert. Die einst dichte Vegetation verschwand in einem Umkreis von mehreren Kilometern.

Mehrere intensive Suchkampagnen in der Umgebung des Fundortes blieben erfolglos. Da die Art nur von dieser einen Lokalität bekannt war und seit mehr als zwei Jahrzehnten kein Nachweis mehr gelang, stufte die IUCN Moema claudiae schließlich als „vom Aussterben bedroht, möglicherweise ausgestorben“ ein.

Bolivien zählt zu den Ländern mit den höchsten jüngsten Verlusten an tropischen Primärwäldern – und ist ein globaler Hotspot für Killifische: 32 Arten sind dort bekannt, 19 davon endemisch und neun ausschließlich von ihren Typuslokalitäten dokumentiert.

Doch noch da: Ein Tümpel im Restwald

Im April 2024 untersuchten Drawert und Litz die verbliebenen Waldreste und saisonalen Gewässer der Region erneut. Eines ihrer Ziele: Moema claudiae entweder wiederzufinden oder den endgültigen Verlust der Art zu bestätigen. Sie wurden fündig.

Der Fundort war ein kleiner, maximal 40 Zentimeter tiefer Schwarzwassertümpel in einem saisonal überfluteten Waldstreifen, ein schmales Relikt, das von ausgedehnten Agrarflächen eingerahmt wird. Der Untergrund bestand aus einer dicken Laubschicht über grauem Ton, ohne Unterwasserpflanzen, lediglich mit etwas Gras im Uferbereich. Dieser neue Standort liegt rund 100 Kilometer nordwestlich des Ortes, an dem die Art 2003 entdeckt wurde – und ist ebenfalls bereits durch landwirtschaftliche Nutzung bedroht.

In diesem Tümpel fingen die Forschenden mehrere kleine, farbenprächtige Killifische. Spätestens im Labor war klar: Es handelt sich eindeutig um Moema claudiae. Erstmals konnten lebende Tiere fotografiert und ihr Verhalten dokumentiert werden. Besonders auffällig ist der große, schwarze, vertikal verlaufende Schulterfleck der Männchen – ein wichtiges Merkmal, das die Art von nah verwandten Arten unterscheidet.

Damit steht fest: Moema claudiae ist nicht ausgestorben, sondern überlebte in einem winzigen Resthabitat direkt am Rand der Felder.

Ein Hotspot: 6 weitere Killifisch-Arten

Überraschenderweise fanden die Forschenden im selben Tümpel neben M. claudiae noch sechs weitere Arten saisonaler Killifische – so viele wie nie zuvor in einem einzigen Gewässer dokumentiert wurden. Zu den Begleitarten gehörten unter anderem der Langflossige Schleierkärpfling (Pterolebias longipinnis), Moema beucheyi, Spectrolebias filamentosus und Papiliolebias habluetzeli.

Normalerweise koexistieren nur wenige hochspezialisierte Saisonfisch-Arten im selben Habitat, da sie sich sehr enge ökologische Nischen teilen. Doch hier treffen mehrere ökologische Zonen aufeinander: der Amazonas­regenwald, die Savannen der Llanos de Moxos und die Einzugsgebiete zweier großer Flusssysteme. Dieses Zusammenspiel erzeugt ein außergewöhnlich vielfältiges Mosaik aus Mikrohabitaten – und macht den kleinen Tümpel zu einem Hotspot von globaler Bedeutung.

Der Lebensraum von M. claudiae verschwindet

In ihrer Studie zeigen Drawert und Litz auch, wie stark sich die Region in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Zwischen 2001 und 2024 verlor Bolivien fast zehn Millionen Hektar Wald – mehr als die Hälfte davon primäre, feuchte Tropenwälder. Allein im Jahr 2024 verschwanden über 1,8 Millionen Hektar Baumdecke. Besonders betroffen sind die Tieflandgebiete im Norden von Santa Cruz und im Süden des Departments Beni – also genau jene Regionen, in denen Moema claudiae vorkommt.

Fundgebiet Moema claudiae (Killifisch, Saisonfisch)
Wo Moema claudiae überlebt: Die Karte zeigt die ursprüngliche Fundstelle (Stern) und den 2024 wiederentdeckten Bestand (Kreis) – eingebettet in eine Landschaft, die seit 2000 großflächig abgeholzt wurde (rot markiert).
(© Drawert & Litz (2025), Nature Conservation, CC BY 4.0)

Haupttreiber dieser Entwicklung sind:

  • die Ausweitung der Agrargrenze,
  • großflächige Soja- und andere Monokulturen,
  • Brandrodungen,
  • sowie neue Straßen und Siedlungen.

Für Arten wie M. claudiae, die vollständig von kleinen saisonalen Tümpeln abhängen, bedeutet diese Entwicklung einen schleichenden Verlust ihrer gesamten Lebensgrundlage.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Entwaldung verändert die Niederschlagsmuster des Amazonasgebietes erheblich. Eine im März 2025 in Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass über gerodeten Flächen in der Regenzeit häufiger Starkregen auftritt, während die Trockenzeit vielerorts noch trockener wird. Für Killifische ist das fatal: Starkregen kann Eier auswaschen, extreme Trockenphasen lassen sie im Boden absterben. Im Zusammenspiel mit der fortschreitenden Entwaldung entsteht ein gefährlicher Mix aus Habitatverlust und klimatischer Destabilisierung, der das Überleben hochspezialisierter Arten wie M. claudiae massiv erschwert.

Handeln – bevor die Art wieder verschwindet

Die Wissenschaftler betonen die Dringlichkeit: Der wiederentdeckte Tümpel ist derzeit der einzige bekannte Lebensraum von Moema claudiae. Ohne konsequente Schutzmaßnahmen könnte selbst diese letzte Population rasch verloren gehen.

Sie empfehlen daher:

  • den sofortigen Schutz des Fundgebietes, idealerweise durch die Ausweisung eines kleinen, rechtlich gesicherten Schutzareals,
  • eine systematische Kartierung weiterer saisonaler Tümpel in der Region, um mögliche zusätzliche Populationen aufzuspüren,
  • eine enge Zusammenarbeit mit Gemeinden und Landbesitzern, um Nutzungskonflikte zu minimieren,
  • die Entwicklung langfristiger Managementpläne, die landwirtschaftliche Nutzung und Biodiversität besser miteinander vereinbaren.

Als ergänzende Sicherheitsmaßnahme regen sie an zu prüfen, ob eine Erhaltungszucht unter kontrollierten Bedingungen aufgebaut werden kann – etwa gemeinsam mit lokalen Forschungseinrichtungen oder internationalen Expertinnen und Experten für saisonale Killifische.

Doch ebenso klar ist: Selbst die beste Zuchtstation und das sorgfältigste Monitoring können die grundlegende Bedrohung nicht aufhalten. Entscheidend ist letztlich, die fortschreitende Entwaldung zu verlangsamen und die verbliebenen Lebensräume zu bewahren – bevor Moema claudiae ein zweites Mal verschwindet.

Noch ist nicht alles verloren

Die Geschichte von Moema claudiae zeigt, dass selbst winzige, unscheinbare Arten eine enorme Bedeutung haben können. Sie erinnert uns daran, dass manche Arten nur deshalb als ausgestorben gelten, weil wir sie nicht mehr finden – nicht, weil sie tatsächlich verschwunden sind. Und sie macht bewusst, wie viele weitere Arten unbemerkt verschwinden, lange bevor sie überhaupt entdeckt oder wissenschaftlich beschrieben wurden.

Für M. claudiae ist es nicht zu spät. Doch die Wiederentdeckung dieser Art verdeutlicht auch, dass wir uns im Artenschutz nicht auf glückliche Zufälle verlassen dürfen. Lebensräume müssen vorausschauend geschützt werden, bevor Arten an den Rand des Verschwindens gedrängt werden, nicht erst danach.

Die Rückkehr dieses kleinen Killifischs ist ein Hoffnungsschimmer und ein Beweis dafür, wie erstaunlich widerstandsfähig die Natur sein kann, wenn man ihr selbst kleinste Rückzugsräume lässt. Gleichzeitig mahnt er zur Eile: Während Arten wie der Ash-Meadows-Killifisch bereits unwiederbringlich verloren sind, zeigt Moema claudiae, was möglich bleibt – wenn wir rechtzeitig handeln.


Quelle

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