Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte sich die Blauschwanz-Sandveld-Eidechse (Nucras caesicaudata) der wissenschaftlichen Beobachtung entzogen. Seit ihrer Erstbeschreibung Anfang der 1970er-Jahre existierte sie nur noch in Museumssammlungen und alten Fundlisten – lebende Tiere schienen verschwunden. Nun ist klar: Die Art ist nicht ausgestorben. Sie hat überdauert, unentdeckt und fernab der Aufmerksamkeit von Forschung und Artenschutz.
Der erste gesicherte Nachweis seit 53 Jahren gelang im Dezember 2025 im Banhine-Nationalpark im Süden Mosambiks. Dort konnte im Rahmen gezielter Biodiversitätserhebungen ein Exemplar der Blauschwanz-Sandveld-Eidechse gefangen und fotografiert werden. Es handelt sich um den ersten eindeutig belegten Fund seit der wissenschaftlichen Erstbeschreibung.
Bereits wenige Wochen zuvor, im November 2025, hatten Forschende während einer Erhebung im ebenfalls im Süden Mosambiks gelegenen Zinave-Nationalpark ein weiteres Tier beobachtet. Dieses konnte jedoch weder gefangen noch dokumentiert werden. Zusammengenommen deuten beide Beobachtungen darauf hin, dass die Art nicht nur punktuell überlebt hat.
Gezielte Feldforschung statt Zufallsfund
Bekannt gegeben wurde die Wiederentdeckung durch den Endangered Wildlife Trust (EWT), dessen Forschende die Art im Rahmen sogenannter Rapid Biodiversity Assessments aufspürten. Diese systematischen Kurzzeit-Erhebungen dienen dazu, bislang unzureichend untersuchte Schutzgebiete gezielt nach seltenen oder verschollenen Arten abzusuchen.
Die Arbeiten erfolgten in enger Zusammenarbeit mit der mosambikanischen Naturschutzbehörde Administração Nacional das Áreas de Conservação, dem Maputo Natural History Museum sowie der Peace Parks Foundation. Sie sind Teil des Projekts Restoring African Rangelands, das von Conservation International koordiniert und international gefördert wird. Die Wiederentdeckung ist damit kein Zufallsfund, sondern das Ergebnis gezielter Suchstrategien.
Eine Art mit rätselhafter Geschichte

(© MCZ:Herp:R-173550 Nucras caesicaudata dorsal – Nucras caesicaudata Broadley, 1972 Collected in Zimbabwe by © President and Fellows of Harvard College, CC BY-NC-SA 3.0, via GBIF)
Die Blauschwanz-Sandveld-Eidechse wurde 1972 vom afrikanischen Herpetologen Donald George Broadley wissenschaftlich beschrieben. Grundlage waren ungewöhnlich viele Exemplare, die bereits zwischen 1966 und 1971 gesammelt worden waren. Damals galt die Art als regional verbreitet: Nachweise lagen aus dem Gonarezhou-Nationalpark in Simbabwe, dem äußersten Nordosten des Kruger-Nationalparks in Südafrika sowie aus der Gazaland-Ebene in Mosambik vor.
Umso bemerkenswerter ist, dass nach dieser Erstbeschreibung über Jahrzehnte hinweg kein einziges weiteres Exemplar dokumentiert wurde – weder in einem dieser Gebiete noch anderswo. Die Art verschwand vollständig aus der wissenschaftlichen Beobachtung.
Data Deficient – und aus dem Blick geraten
Diese außergewöhnlich lange Datenlücke führte dazu, dass die Blauschwanz-Sandveld-Eidechse auf der Roten Liste der IUCN als „Datenlage unzureichend“ (Data Deficient) eingestuft wurde. Das bedeutet nicht, dass die Art ungefährdet war, sondern dass schlicht zu wenig Informationen vorlagen, um ihr Aussterberisiko zu bewerten. Zusätzlich wurde sie von der Naturschutzinitiative re:Wild als „verschollene Art“ geführt – ein Begriff für Arten, die über lange Zeiträume hinweg nicht mehr nachgewiesen werden konnten.
Neues Licht auf Verbreitung und Status
Die Beobachtungen aus dem Banhine- und dem Zinave-Nationalpark bestätigen nicht nur das Fortbestehen von Nucras caesicaudata, sondern erweitern auch das bekannte Verbreitungsgebiet der Art. Erstmals seit Jahrzehnten existiert wieder eine belastbare Grundlage, um den Schutzstatus der Blauschwanz-Sandveld-Eidechse neu zu bewerten.
Beim im Banhine-Nationalpark dokumentierten Tier wurde zudem eine Gewebeprobe entnommen. Mithilfe genetischer Analysen soll die taxonomische Einordnung der Art innerhalb der Gattung Nucras überprüft werden. Diese Daten sind zugleich eine wichtige Grundlage für zukünftige Untersuchungen zur Populationsstruktur, zu ökologischen Ansprüchen und zur evolutionären Geschichte der Art. Weitere gezielte Erhebungen sind geplant, um das tatsächliche Verbreitungsgebiet und die Größe der Population besser einschätzen zu können.
Noch ist unklar, wie groß der Bestand der Blauschwanz-Sandveld-Eidechse tatsächlich ist und wie weit ihr Vorkommen fragmentiert ist. Auffällig ist vor allem, dass die Art über Jahrzehnte hinweg nicht mehr nachgewiesen wurde, obwohl viele historische Fundorte in gut gemanagten Schutzgebieten liegen. Ob dieses Ausbleiben neuer Nachweise auf einen tatsächlichen Bestandsrückgang zurückgeht oder vielmehr das Ergebnis fehlender gezielter Erhebungen und einer geringen Entdeckungswahrscheinlichkeit ist, lässt sich derzeit nicht beurteilen. Genau diese Unsicherheit ist der Grund, weshalb die Art bislang nicht belastbar bewertet werden kann.
Wer suchet, der findet – gezielte Feldforschung als Schlüssel
Die Wiederentdeckung von Nucras caesicaudata ist für den Artenschutz von besonderer Bedeutung. Sie zeigt, dass Arten nicht zwangsläufig verschwunden sind, nur weil sie jahrzehntelang nicht dokumentiert wurden. Häufig fehlt es weniger an biologischer Präsenz als an gezielter Suche.
Dass systematische Feldforschung hier einen entscheidenden Unterschied machen kann, zeigte sich bereits bei einer nahe verwandten Art: Auch die Orangefarbene Sandveld-Eidechse (Nucras aurantiaca) galt lange als praktisch verloren, bis sie im Rahmen gezielter Erhebungen wiederentdeckt wurde. Solche Fälle machen deutlich, dass Wiederentdeckungen kein Zufall sind, sondern das Ergebnis methodischer Arbeit – und dass sich hinter der Kategorie Data Deficient Arten verbergen können, die am Rand des Verschwindens stehen, ohne dass wir es wissen.
Quellen
- Cape Times (2025, 18. Dezember): After 50 years, the Blue-tailed Sandveld Lizard makes a comeback.
https://capetimes.co.za/news/2025-12-18-after-50-years-the-blue-tailed-sandveld-lizard-makes-a-comeback/ - Endangered Wildlife Trust (2025, 15. Dezember): Lost lizard species rediscovered after more than half a century. (offizielle Pressemitteilung)
- Marshall, S. (2025, 17. Dezember): Lost Lizard Species Rediscovered After 50 Years. Social-TV.
https://social-tv.co.za/uncategorized/lost-lizard-species-rediscovered-after-50-years
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