Biophobie und der Entfremdung von der Natur
Alltägliche Naturerfahrungen sind entscheidend für unsere Beziehung zur Umwelt – ihr Verlust begünstigt Entfremdung und Naturangst.

Wenn Natur fremd wird: Wie Entfremdung und Angst das Artensterben beschleunigen

Der Verlust biologischer Vielfalt gehört zu den größten ökologischen Krisen unserer Zeit. Doch während über bedrohte Arten, Lebensraumzerstörung und Klimawandel intensiv diskutiert wird, bleibt ein Aspekt oft unbeachtet: die schwindende Beziehung zwischen Mensch und Natur. Zwei aktuelle Studien zeigen, wie tief diese Entfremdung bereits reicht – und welche Folgen sie für den Natur- und Artenschutz hat.

Eine modellbasierte Langzeitanalyse von Miles Richardson rekonstruiert den Rückgang der Naturverbundenheit seit Beginn der Industrialisierung. Eine zweite Arbeit von Johan Kjellberg Jensen, Anna S. Persson und Masashi Soga untersucht das wachsende Phänomen der Biophobie – also Angst, Ekel und Ablehnung gegenüber der Natur. Gemeinsam machen beide Studien deutlich: Viele Menschen verlieren nicht nur den emotionalen Bezug zur Umwelt, sondern beginnen zunehmend, sie als Bedrohung wahrzunehmen.

Der schleichende Verlust der Naturverbundenheit

Die im Fachjournal Earth veröffentlichte Studie von Richardson untersucht, wie sich die Beziehung des Menschen zur Natur seit dem Jahr 1800 verändert hat. Grundlage ist ein agentenbasiertes Computermodell, in dem eine virtuelle Gesellschaft aus Familien in einer vereinfachten Landschaft aus Städten, Grünflächen und degradierten Gebieten lebt. Über mehrere Generationen hinweg simuliert das Modell, wie sich Naturverbundenheit entwickelt, während Urbanisierung zunimmt und naturnahe Lebensräume verschwinden.

Dabei verbindet die Simulation historische Daten zur Stadtentwicklung mit psychologischen Annahmen zur Wahrnehmung von Natur und zur Weitergabe von Einstellungen innerhalb von Familien. Auf diese Weise konnte Richardson nicht nur die Entwicklung seit Beginn der Industrialisierung rekonstruieren, sondern auch mögliche Zukunftsszenarien bis zum Jahr 2125 berechnen.

Zentrale Grundlage ist das Konzept der „Extinction of Experience“: Je seltener Menschen Natur erleben, desto schwächer wird ihre emotionale Bindung. Diese sinkende Verbundenheit führt wiederum dazu, dass Natur immer weniger aufgesucht wird. Der Prozess verstärkt sich selbst.

Zur Überprüfung seiner Modellergebnisse nutzte Richardson zusätzlich kulturhistorische Daten. Mithilfe des Analysewerkzeugs Google Books Ngram Viewer untersuchte er, wie häufig 28 typische naturbezogene Begriffe – etwa „Fluss“, „Bäume“ oder „Vögel“ – seit dem 19. Jahrhundert in Büchern verwendet wurden. Die Auswertung zeigte einen deutlichen Rückgang seit etwa 1850, parallel zur Industrialisierung und Urbanisierung. Damit bestätigten die sprachlichen Trends die Ergebnisse des Modells: Beide deuten auf einen Verlust der Naturverbundenheit von rund 60 % hin.

Während um 1800 noch große Teile der Bevölkerung in unmittelbarer Nähe zu naturnahen Landschaften lebten, wohnen heute über 80 % der Menschen in stark urbanisierten Räumen. Grünflächen wurden kleiner, fragmentierter und stärker reguliert, natürliche Prozesse verschwanden zunehmend aus dem Alltag. Freizeit verlagerte sich immer stärker in Innenräume und digitale Umgebungen.

Biophobie / Verlust der Naturverbundenheit
Digitale Mediennutzung verdrängt zunehmend direkte Naturerfahrungen – ein zentraler Treiber der Naturentfremdung.
Rawpixel.com, CC0, via Wikimedia Commons)

Wenn Entfremdung vererbt wird

Ein zentrales Ergebnis der Richardson-Studie ist die starke intergenerationelle Prägung: Die Distanz zur Natur wird in hohem Maße von Generation zu Generation weitergegeben. Kinder übernehmen ihre Einstellungen nicht primär durch eigene Erfahrungen, sondern vor allem durch die Haltung ihrer Eltern. Eltern mit geringer Naturverbundenheit vermitteln diese Distanz oft unbewusst an ihre Kinder.

Das Modell zeigt, dass rund 80 % der kindlichen Naturverbundenheit auf familiäre Einflüsse zurückgehen. Selbst verbesserte Umweltbedingungen (z. B. begrünte Städte, neue Schutzgebiete) führen nicht automatisch zu einer neuen Beziehung zur Natur. Die Entfremdung bleibt kulturell und psychologisch verankert.

Kleine Maßnahmen reichen nicht aus

Angesichts des langfristigen Rückgangs der Naturverbundenheit stellt sich die Frage, ob und wie sich diese Entwicklung noch umkehren lässt. Um darauf eine Antwort zu finden, integrierte Richardson in sein Modell verschiedene Zukunftsszenarien bis ins Jahr 2125. Er untersuchte unter anderem die Wirkung von mehr Grünflächen, bewussterer Naturwahrnehmung (etwa durch weniger Ablenkung durch Smartphones im Freien) und gezielter Programme zur frühzeitigen Förderung der Naturverbundenheit bei Kindern.

Keine dieser Maßnahmen erwies sich für sich allein als ausreichend, um den jahrzehntelangen Abwärtstrend nachhaltig zu stoppen. Selbst bei maximaler Umsetzung aller drei Ansätze zeigte das Modell, dass eine Erholung nur langsam einsetzt. Aufgrund der starken intergenerationellen Prägung bleibt die Distanz zur Natur über längere Zeit bestehen.

Unter günstigen Bedingungen könnten sich laut Richardson erst ab etwa 2050 deutliche Verbesserungen zeigen – dann, wenn eine neue Generation heranwächst, die wieder intensiver mit Natur aufgewachsen ist und diese Haltung an ihre eigenen Kinder weitergibt.

Wenn Distanz zu Angst wird: Das Phänomen Biophobie

Während Richardson vor allem den Verlust der Bindung untersucht, analysiert die zweite Studie, veröffentlicht in Frontiers in Ecology and the Environment, was aus dieser Distanz entstehen kann: aktive Ablehnung der Natur. Jensen und sein Team werteten 196 internationale Studien aus Psychologie, Umweltwissenschaften, Soziologie und Gesundheitsforschung aus. Ziel war es, erstmals einen systematischen Überblick über Biophobie zu gewinnen.

Biophobie umfasst nicht nur klinische Phobien, sondern auch alltägliches Unbehagen: Angst vor Insekten, Unsicherheit im Wald, Ekel vor Böden oder Abneigung gegen wilde Landschaften. Solche Einstellungen äußern sich oft in scheinbar harmlosen Aussagen wie „In der Natur ist es unhygienisch“, „Wildtiere sind gefährlich“ oder „Ich fühle mich im Wald nicht wohl“.

Die Analyse zeigt, dass negative Emotionen gegenüber der Natur in vielen Weltregionen zunehmen. Angst, Ekel und Ablehnung treten dabei nicht nur in einzelnen Bevölkerungsgruppen auf, sondern lassen sich über verschiedene Altersgruppen, soziale Milieus und kulturelle Kontexte hinweg beobachten.

Wie Biophobie entsteht

Biophobie entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

  • Psychologische Eigenschaften wie Ängstlichkeit, negative Lernerfahrungen oder fehlendes Wissen erhöhen die Anfälligkeit.
  • Biologische Faktoren wie Stresssensibilität oder genetische Dispositionen beeinflussen die Stressreaktion.
  • Umweltfaktoren wie das Aufwachsen in stark versiegelten Städten und wenig Naturkontakt führen zu mangelnder Vertrautheit mit Pflanzen und Tieren. Unbekanntes wird schneller als Gefahr interpretiert.
  • Soziale Einflüsse wie familiäre Einstellungen, Medienberichte über „Problemtiere“ oder kulturelle Mythen prägen kollektive Bilder von Natur.

Angst wird dabei häufig sozial gelernt und weitergegeben. Biophobie ist daher kein isoliertes Phänomen, sondern Ausdruck eines komplexen gesellschaftlichen Prozesses.

Die Folgen für Mensch und Umwelt

Naturbeobachtung als Grundlage für Naturverbundenheit
Aktive Naturbeobachtung stärkt Wissen und emotionale Bindung – zentrale Faktoren für langfristige Naturverbundenheit.
U.S. Department of Agriculture, Public domain, via Wikimedia Commons)

Biophobie hat weitreichende Folgen für Individuum und Gesellschaft. Sie beeinträchtigt das Wohlbefinden, da naturnahe Räume gemieden werden und wichtige Erholungs- und Ausgleichseffekte verloren gehen. Diverse Studien belegen, dass Aufenthalte in der Natur Stress reduzieren, die Konzentrationsfähigkeit fördern und die emotionale Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen können. Wer solche Erfahrungen meidet, verzichtet damit auf eine wichtige Ressource für die psychische Gesundheit.

Problematischer sind die gesellschaftlichen Konsequenzen von Biophobie. Menschen, die sich in natürlichen Umgebungen unwohl fühlen, besuchen Schutzgebiete, Nationalparks oder Renaturierungsflächen seltener. Sie entwickeln weniger emotionale Bindung zu Landschaften und Arten und unterstützen Naturschutzmaßnahmen entsprechend seltener. Gleichzeitig steigt die Akzeptanz für Abschüsse, Umsiedlungen oder andere Eingriffe in Wildtierpopulationen. Tiere werden zunehmend als potenzielle Gefahr wahrgenommen – nicht als schützenswerter Bestandteil der biologischen Vielfalt.

Wer Natur fürchtet, engagiert sich seltener für ihren Erhalt – selbst dann, wenn er die ökologische Bedeutung grundsätzlich anerkennt.

Der Teufelskreis der Biophobie

Die Jensen-Studie beschreibt einen sich selbst verstärkenden Kreislauf, der erklärt, wie aus anfänglicher Distanz schrittweise aktive Ablehnung der Natur entsteht.

  1. Geringer Naturkontakt
    Durch Urbanisierung, intensive Mediennutzung und veränderte Freizeitgewohnheiten verbringen viele Menschen nur noch wenig Zeit in naturnahen Umgebungen. Direkte Erfahrungen mit Pflanzen, Tieren und natürlichen Prozessen werden selten.
  2. Unsicherheit und Überforderung
    Fehlende Erfahrung führt dazu, dass Natur als fremd und unberechenbar wahrgenommen wird. Unerwartete Begegnungen mit Insekten, Wildtieren oder unbekannten Landschaften lösen schnell Unsicherheit, Angst oder Ekel aus.
  3. Vermeidung und Rückzug
    Negative Emotionen führen dazu, dass Natur bewusst gemieden wird. Wälder, Schutzgebiete oder naturnahe Flächen werden seltener aufgesucht, der Kontakt nimmt weiter ab.
  4. Verlust von Wissen und emotionaler Bindung
    Mit dem Rückzug geht auch Wissen über Arten, ökologische Zusammenhänge und Lebensräume verloren. Natur wird zunehmend abstrakt und bedeutungslos. Sie existiert vor allem noch als theoretisches Thema in Medien oder im Zusammenhang mit Umweltkrisen.

Wenn Natur keinen persönlichen und emotionalen Wert mehr hat, wird ihr Verlust kaum noch als eigenes Problem wahrgenommen. Der Kreislauf schließt sich und stabilisiert sich selbst.

Dieser Mechanismus ähnelt dem „Extinction of Experience“-Modell aus Richardsons Studie, wird jedoch durch starke negative Emotionen verstärkt. Aus bloßer Entfremdung wird aktive Ablehnung.

Wege aus der Entfremdung

Die beiden Studien zeigen, dass Entfremdung und Naturangst kein unvermeidliches Schicksal sind. Wirksame Gegenmaßnahmen müssen jedoch an mehreren Stellen zugleich ansetzen und langfristig wirken.

Kinder in der Natur
Positive Naturerfahrungen im Kindesalter stärken langfristig die Verbundenheit mit der Umwelt – ein zentrales Ergebnis aktueller Studien.
Virginia State Parks, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

1. Frühe und regelmäßige Naturerfahrungen ermöglichen
Positive Erlebnisse in der Kindheit prägen die Einstellung zur Natur nachhaltig. Kinder brauchen regelmäßigen Kontakt mit lebendiger, vielfältiger Natur – nicht nur gelegentliche Ausflüge oder gestaltete Grünflächen.

2. Familien gezielt einbeziehen
Da Einstellungen häufig innerhalb von Familien weitergegeben werden, müssen auch Eltern angesprochen werden. Gemeinsame Naturangebote und niedrigschwellige Programme helfen, neue Routinen zu entwickeln.

3. Naturnahe Städte schaffen
Vielfältige, teilweise wilde Grünräume im urbanen Alltag senken Hemmschwellen und ermöglichen schrittweise Annäherung – besonders für naturferne Bevölkerungsgruppen.

4. Angst durch Wissen und positive Erfahrungen abbauen
Unwissen und Unsicherheit lassen sich durch Artenkenntnis, verständliche Information und behutsame Annäherung reduzieren. Unterschiedliche Ursachen von Biophobie erfordern unterschiedliche Ansätze.

5. Verantwortungsvollen Umgang der Medien fördern
Sachliche Berichterstattung und der Abbau von Angstbildern tragen dazu bei, verzerrte Wahrnehmungen von Natur und Wildtieren zu korrigieren.

6. Langfristige Programme etablieren
Nachhaltige Veränderungen entstehen nicht durch Einzelprojekte, sondern durch dauerhaft verankerte Programme, die Bildung, Stadtentwicklung und Naturschutz verbinden.

Zusammengefasst zeigen die Studien: Nur wenn positive Erfahrungen, Wissen und emotionale Bindung gemeinsam gestärkt werden, lässt sich der Kreislauf aus Distanz, Angst und Gleichgültigkeit durchbrechen.

Warum Wissen allein nicht reicht

Die beiden Studien zeigen, dass der Verlust der Naturverbundenheit direkte Folgen für den gesellschaftlichen Rückhalt des Naturschutzes hat. Wenn immer mehr Menschen Natur als fremd, unangenehm oder bedrohlich wahrnehmen, werden Schutzgebiete als Belastung, Wildtiere als Risiko und Renaturierungsprojekte als verzichtbarer Luxus betrachtet. In einem solchen gesellschaftlichen Klima lassen sich ambitionierte Schutzprogramme kaum dauerhaft durchsetzen.

Dabei mangelt es nicht an Informationen. Seit Jahren warnen Klimamodelle, Artenlisten und ökologische Szenarien vor dramatischen Entwicklungen. Dennoch führen diese Erkenntnisse nur selten zu langfristigem Engagement für Naturschutz. So zeigte eine Studie 2024, dass selbst das Interesse an kürzlich ausgestorbenen Tierarten häufig nur kurzfristig anhält und rasch wieder abflacht.

Ein zentraler Grund dafür liegt in der emotionalen Distanz vieler Menschen zur natürlichen Umwelt. Wer Natur vor allem mit Unsicherheit, Unbehagen oder Angst verbindet, entwickelt kaum eine innere Motivation, sich für ihren Erhalt einzusetzen – selbst angesichts düsterer Zukunftsprognosen.

Die Forschung zeigt, dass rationales Wissen ohne emotionale Bindung häufig abstrakt bleibt. Artensterben, Klimawandel und Landschaftsverlust werden dann als entfernte, schwer greifbare Probleme wahrgenommen, die wenig mit dem eigenen Alltag oder der Zukunft der eigenen Familie zu tun haben. Die ökologische Krise erscheint als etwas, das „anderswo“ oder „irgendwann“ stattfindet.

Fehlt diese persönliche Verbindung, sinkt auch die Bereitschaft, langfristige Verantwortung zu übernehmen – für kommende Generationen ebenso wie für die Stabilität natürlicher Lebensgrundlagen. Naturschutz wird dann nicht als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe verstanden, sondern als Spezialthema für Fachleute und engagierte Minderheiten.

Erfolgreicher Naturschutz erfordert also mehr als Aufklärung und Warnungen. Er setzt eine gesellschaftlich verankerte Beziehung zur Natur voraus, die über Angst, Distanz und Gleichgültigkeit hinausgeht. Erst wenn Menschen Natur wieder als Teil ihres eigenen Lebens begreifen, entsteht die Motivation, sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und Enkel zu bewahren.


Quellen

  • Jensen, J. K., Persson, A. S., & Soga, M. (2025). Toward a unified understanding of people’s aversion to nature: Biophobia. Frontiers in Ecology and the Environment, 24(1), e70019. https://doi.org/10.1002/fee.70019
  • Richardson, M. (2025). Modeling the historical decline of nature connectedness: An agent-based approach from 1800 to 2020. Earth, 6(3), 82. https://doi.org/10.3390/ecosystems6030082

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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