Bettongia haoucharae sp. nov. – Neu entdeckt und schon ausgestorben
So könnte die kürzlich beschriebene, aber bereits ausgestorbene Bürstenkänguru-Art Bettongia haoucharae ausgesehen haben – eine wissenschaftliche Illustration von Nellie Pease, basierend auf Schädelmerkmalen der Art. (© Nellie Pease, CC BY-NC)

Bürstenkängurus: Neue Arten für Australien – leider (teils) schon ausgestorben

Australien ist bekannt für seine einzigartige Tierwelt, doch viele Arten sind verschwunden, bevor sie überhaupt wissenschaftlich beschrieben werden konnten. Ein aktuelles Beispiel liefert eine im Fachjournal Zootaxa veröffentlichte Studie von Forschenden der Curtin University, des Western Australian Museum und der Murdoch University: Sie beschreibt eine bislang unbekannte, aber bereits ausgestorbene Art aus der Gattung der Bürstenkängurus – Bettongia haoucharae, auch bekannt als Little Bettong.

Die Studie geht jedoch noch weiter: Sie überarbeitet die Systematik der Gattung Bettongia. Denn aufgrund der Seltenheit, der ähnlichen Körperform und der geringen Größe vieler Arten war es bislang schwierig, ihre tatsächliche Vielfalt zu erfassen. Erst durch die Kombination moderner genetischer Methoden mit fossilen und musealen Funden lässt sich nun ein klareres Bild dieser bedrohten Tiergruppe zeichnen.

Neue Art aus alten Knochen

Karte: subfossile Knochenfunde von Bettongia haoucharae
Subfossile Knochen von B. haoucharae wurden in der Nullarbor-Ebene (grün) und in der Großen Victoria-Wüste (rot) entdeckt.
(© verändert nach Hesperian, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Die neu beschriebene Art Bettongia haoucharae – ein kleiner Beutelsäuger aus der Familie der Rattenkängurus (Potoroidae) – wurde nicht durch Feldbeobachtungen oder Kamerafallen entdeckt, sondern anhand subfossiler Knochen, die in Höhlen der Nullarbor-Ebene und in der Großen Victoria-Wüste in Südwestaustralien gefunden wurden.

Ein internationales Forschungsteam verglich diese Überreste mit modernen und historischen Museumspräparaten aus Australien, Großbritannien und Oxford. Dabei zeigten sich auffällige Unterschiede in der Morphologie von Schädeln, Zähnen und Skelettteilen.

Die Analyse von insgesamt 193 Exemplaren bestätigte: Die subfossilen Funde lassen sich nicht dem Östlichen Bürstenschwanz-Rattenkänguru (Bettongia penicillata) zuordnen, sondern gehören zu einer bislang unbekannten, eigenständigen Art, die nun den Namen B. haoucharae trägt.

Wer war Bettongia haoucharae?

Die neu beschriebene Art B. haoucharae war ein kleiner, bodenlebender Beutelsäuger, eng verwandt mit dem Woylie. Wie dieser ähnelte sie einem Mini-Känguru mit gedrungenem Körperbau und einer markanten, buschigen Schwanzspitze.

Little Bettong (Bettongia haoucharae) – so könnte die Art ausgesehen haben (Nellie Pease)
Künstlerische Darstellung des ausgestorbenen Little Bettong (Bettongia haoucharae). Gut zu erkennen ist der bürstenartige Schwanz – das namensgebende Merkmal der Gattung.
(© Nellie Pease, CC BY-NC)

Die nachtaktiven Woylies – und vermutlich auch B. haoucharae – wühlen bei ihrer Nahrungssuche nach bestimmten Pilzen, die sie ausgraben, große Mengen Erde auf. Dadurch fördern sie die Zersetzung von Pflanzenmaterial, verbessern die Bodenstruktur und tragen wesentlich zum ökologischen Gleichgewicht ihres Lebensraums bei.

Da B. haoucharae ausschließlich durch subfossile Funde bekannt ist, bleibt vieles über ihr Verhalten, ihre Fortpflanzung und ihre genaue Lebensweise unbekannt. Fest steht jedoch: Die Art lebte in ariden bis halbtrockenen Buschlandschaften in der Great Victoria Desert und der Nullarbor-Ebene – einer heute weitgehend baumlosen, trockenen Hochebene zwischen West- und Südaustralien. Sie war also vermutlich gut an Trockenheit und karge Bedingungen angepasst.

Das Artepithetonhaoucharae“ ehrt eine Person, deren Identität in der wissenschaftlichen Erstbeschreibung genannt wird. Die Forschenden wollen jedoch gemeinsam mit der Noongar-Gemeinschaft, den Ureinwohnern des südwestlichen Westaustraliens, einen respektvollen indigenen Namen finden. Auch „Woylie“ stammt aus dem Noongar-Sprachraum.

Taxonomische Änderungen bei den Woylies

Woylie (Bettongia ogilbyi)
Ein Woylie (B. ogilbyi): Die Art galt früher als Unterart von Bettongia penicillata und wurde 2025 als eigenständig anerkannt.
Colorado State University Libraries, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Die Studie ging über die Beschreibung von Bettongia haoucharae hinaus. Die Forschenden nahmen den gesamten sogenannten Bettongia penicillata-Komplex unter die Lupe – also alle bekannten Woylie-Formen, lebende wie ausgestorbene. Sie stützten sich dabei auf subfossile, moderne und historische Museumsexemplare, um eine möglichst umfassende Datengrundlage zu schaffen. Denn bisher bezogen sich genetische Analysen zu B. penicillata meist ausschließlich auf heute lebende Tiere.

Die Ergebnisse zeigen: Es handelt sich nicht bloß um eine einzige Art mit mehreren Unterarten, sondern um eine deutlich differenziertere Gruppe eigenständiger Arten und Unterarten – viele davon stark bedroht oder bereits ausgestorben.

Was früher als eine Art mit zwei Unterarten galt, wird nun als zwei getrennte Arten verstanden: Bettongia penicillata (ausgestorben) und Bettongia ogilbyi (überlebend).

Aus einer Art werden zwei

Das Östliche Bürstenschwanz-Rattenkänguru (Bettongia penicillata) aus dem Südosten Australiens gilt seit den 1920er-Jahren als ausgestorben.

Die überlebende Population im Südwesten Australiens – bisher als Unterart Westliches Bürstenschwanz-Rattenkänguru (B. p. ogilbyi) bekannt – wird nun als eigenständige Art anerkannt: Bettongia ogilbyi. Sie umfasst zwei heute noch existierende Unterarten und gilt nun als das eigentliche „Woylie“:

  • Forest Woylie (Bettongia ogilbyi sylvatica)
    Diese Form lebt in den feuchten Jarrah-Wäldern und gilt als stark gefährdet. Sie wurde erfolgreich in mehreren Regionen Australiens wieder angesiedelt und zeigt erste Erholungstendenzen.
  • Scrub Woylie (Bettongia ogilbyi ogilbyi)
    Diese Unterart bewohnt trockenere Buschlandschaften. Sie ist vom Aussterben bedroht – es gibt nur noch ein Individuum im Kanyana Wildlife Rehabilitation Centre sowie eine kleine Wildpopulation im Tutanning Nature Reserve.

Darüber hinaus wurden zwei weitere, ehemals synonymisierte Woylie-Unterarten revalidiert – sie gelten jedoch als ausgestorben:

  • Bettongia ogilbyi francisca
    Diese Form ist durch historische Museumsexemplare von St. Francis Island belegt und vermutlich um 1900 ausgestorben.
  • Bettongia ogilbyi odontoploica
    Diese Unterart wurde anhand subfossiler Überreste von Bernier Island identifiziert und ist vermutlich nach 1500 verschwunden.

Der sogenannte Woylie-Komplex besteht heute aus dem Westlichen Bürstenschwanz-Rattenkänguru Bettongia ogilbyi mit insgesamt vier Unterarten, von denen zwei überleben und zwei ausgestorben sind. Die Neubewertung ist nicht nur taxonomisch bedeutsam, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf Artenschutzmaßnahmen, denn genetisch unterschiedliche Populationen sollten getrennt betrachtet und gezielt geschützt werden.

Schädelvergleich zwischen Bettoniga-Arten
Man sieht deutlich, dass sich die Schädel verschiedener Bürstenkänguru-Arten in Form und Größe enorm unterscheiden: (A) B. ogilbyi sylvatica, (B) B. ogilbyi odontoploica, (C) B. penicillata, (D) B. ogilbyi ogilbyi, (E) B. haoucharae, und (F) B. ogilbyi francisca.
(© Jake Newman-Martin, CC BY-NC)

Weitere (ausgestorbene) Bürstenkängurus

Zur Gattung der Bürstenkängurus zählen neben dem Woylie und dem Östlichen Bürstenschwanz-Rattenkänguru noch neun weitere Arten bzw. Unterarten – fünf davon gelten als ausgestorben:

  • Der neu beschriebene, ausgestorbene Little Bettong (B. haoucharae).
  • Das Östliches Bürstenrattenkänguru (B. gaimardi)
    Diese Art hat zwei Unterarten
    • B. g. gaimardi, das Südostaustralische Bürstenrattenkänguru, ist in den 1920er-Jahren ausgestorben.
    • B. g. cuniculus, Tasmanisches Bürstenrattenkänguru, kommt auf Tasmanien vor.

  • Der Boodie oder Lesueur-Bürstenkänguru (B. lesueur)
    Auf dem australischen Festland seit Mitte des 20. Jahrhunderts ausgestorben, heute nur noch auf wenigen Inseln vor Westaustralien und in umzäunten, raubtierfreien Schutzgebieten erhalten. Es werden drei Unterarten unterschieden; darunter das Westliche Lesueur-Bürstenkänguru (B. l. graii), das als ausgestorben gilt. Vermutlich verschwand zwischen den 1940er- und 1960er-Jahren.
  • Das Nördliche Bürstenrattenkänguru (B. tropica)
    Diese Art galt lange als ausgestorben, bis in Queensland eine kleine Restpopulation entdeckt wurde. Die IUCN stuft sie als stark gefährdet ein.
  • Das Nullarbor-Bürstenkänguru (B. pusilla)
    Nur durch subfossile Überreste bekannt, vermutlich im 19. Jahrhundert ausgestorben.
  • Das Wüsten-Bürstenrattenkänguru (B. anhydra)
    Diese ausgestorbene Art ist ausschließlich durch einen beschädigten Schädel bekannt. Sie verschwand wahrscheinlich in den 1950er- oder 1960er-Jahren.

Warum sind so viele Bürstenkängurus ausgestorben oder stark bedroht?

Boodie
Ein Boodie oder Lesueur-Bürstenkänguru mit einem Funkortungshalsband.
Banjo Bilby, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Viele Arten der Bürstenkängurus (Gattung Bettongia) sind vor allem in den letzten 500 Jahren verschwunden und die Ursachen ähneln sich fast immer:

  • Eingeschleppte Tiere: Mit der europäischen Besiedlung kamen neue Tiere nach Australien – insbesondere Rotfüchse und Hauskatzen. Für die kleinen Bürstenkängurus, die zuvor ohne größere Beutegreifer lebten, sind diese neuen Eindringlinge tödlich. Auch eingeschleppte Wildkaninchen stellen als Nahrungskonkurrenz eine Bedrohung dar.
  • Zerstörung ihres Lebensraums: Bürstenkängurus bewohnen lichte Wälder, Buschlandschaften und das trockene Outback. Doch durch Landwirtschaft, Weidewirtschaft und Infrastruktur verschwanden große Teile ihres Lebensraums. Was blieb, waren oft isolierte, zu kleine Rückzugsgebiete.
  • Feuer und Klimawandel: Buschfeuer werden durch den Klimawandel heißer, schneller und unberechenbarer. Für kleine, bodenlebende Arten wie die Bürstenkängurus bedeutet das oft den Tod – sie können kaum fliehen oder sich schützen. Hinzu kommen extreme Dürren und Temperaturspitzen, die ihre wichtigste Nahrungsquelle bedrohen: Pilze. Diese bilden den Hauptbestandteil der Nahrung vieler Bettongia-Arten.

Die Geschichte der Bürstenkängurus ist ein Beispiel dafür, wie empfindlich Tierarten auf menschliche Eingriffe in ihr Ökosystem reagieren und wie schnell selbst ganze Gattungen an den Rand des Verschwindens geraten können.

Weshalb ist die neue Studie so wichtig?

Die Beschreibung einer bereits ausgestorbenen Art mag zunächst wenig relevant erscheinen, doch die Bedeutung dieser Studie reicht weit darüber hinaus. Sie kann den Blick auf den Artenschutz ändern.

mumifiziertes Exemplar von Bettongia haoucharae (Little Bettong)
Ein mumifiziertes Exemplar von B. haoucharae – umgangssprachlich auch als „Little Bettong“ bezeichnet. Die Arm- und Bein­knochen wurden zur Bestimmung entnommen.
(© Jake Newman-Martin, CC BY-NC)
  1. Schutzprogramme standen auf falscher Grundlage:
    Woylies gelten mit nur noch rund 12.000 Tieren als vom Aussterben bedroht. In den vergangenen Jahren wurden etwa 4.000 Individuen im Rahmen von Schutzmaßnahmen in neue Lebensräume umgesiedelt – teilweise in Gebiete, in denen sie nie heimisch waren. Die neue Studie zeigt: Viele dieser Umsiedlungen mussten scheitern, weil es sich nicht um geeignete Lebensräume für Woylies, sondern für andere, besser angepasste Bürstenkänguru-Arten handelte.
  2. Falscher Lebensraum, falsche Nahrung:
    Woylies sind auf Pilze im feuchten Waldboden spezialisiert. In trockeneren Regionen – etwa im Outback – fehlen diese Pilze oft, vor allem bei hohen Temperaturen infolge des Klimawandels. Ähnliche Probleme betreffen auch andere Pilzfresser wie das Nördliche Bürstenrattenkänguru. Wer Woylies an Orte umsiedelt, an denen ihre Nahrung nicht vorkommt, riskiert ihr Überleben.
  3. Ohne Artkenntnis kein wirksamer Artenschutz:
    Ob Zuchtprogramm oder Wiederansiedlung – wer nicht genau weiß, welche Arten oder Unterarten er vor sich hat, kann auch keine sinnvollen Maßnahmen ergreifen. Genetisch unterschiedliche Populationen zu mischen, kann langfristig sogar schaden – durch Hybridisierung, Inzuchtprobleme oder Verlust ökologisch bedeutsamer Eigenschaften.
  4. Museen sind Schatzkammern:
    Die Entdeckung von Bettongia haoucharae war nur möglich, weil historische Präparate aus Naturkundemuseen analysiert wurden. Die Studie unterstreicht den Wert solcher Sammlungen für die Erforschung der Vergangenheit und im Hinblick auf aktuelle Artenschutzfragen.
  5. Subfossilien liefern entscheidende Hinweise:
    Subfossile Knochenfunde, also noch nicht vollständig versteinerte Überreste, ergänzen genetische Daten lebender Tiere. Sie helfen, ausgestorbene Arten zu identifizieren, ihre Anpassungen zu verstehen und ihre Verbreitungsgebiete zu rekonstruieren.

Ausgestorbene Tiere sind wichtig für den Artenschutz

Die Beschreibung von Bettongia haoucharae ist wichtig für die australische Säugetierforschung, zeigt aber auch, wie still und unbemerkt Arten verschwinden können, noch bevor wir sie überhaupt als eigenständige Spezies erkennen. Der Little Bettong ist kein Einzelfall: Auch der 2018 beschriebene Nullarbor-Langnasenbeutler (Perameles papillon) war bereits ausgestorben, vermutlich zwischen 1920 und 1960.

Solche Fälle führen vor Augen, wie lückenhaft das Wissen über die Tierwelt bis heute ist – selbst in einem vergleichsweise gut erforschten Land wie Australien. Die neue Studie liefert nicht nur den Nachweis einer weiteren ausgestorbenen Art, sondern ordnet auch die Woylies neu: Statt einer Art gibt es nun zwei – mit mehreren Unterarten, von denen einige bereits verschwunden sind.

Artenschutz ist nicht nur die Rettung lebender Tiere, sondern beginnt oft schon im Archiv: in Sammlungen, Museumsmagazinen, Knochenschubladen. Jede neu entdeckte Art, selbst wenn sie bereits ausgestorben ist, kann helfen, die richtigen Schlüsse für den Erhalt der noch lebenden Arten zu ziehen.

Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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