Barbados-Fadenschlange (Tetracheilostoma carlae) wiederentdeckt1
Die Barbados-Fadenschlange ist so groß wie ein Regenwurm und gilt als kleinste Schlange der Welt. Nach fast 20 Jahren ohne bestätigte Sichtung wurde sie nun auf der Karibik-Insel wiederentdeckt – ein Hoffnungsschimmer für den Artenschutz. (© Photo by Connor Blades / Re:wild)

Barbados: Kleinste Schlange der Welt nach 20 Jahren wiederentdeckt

Mit einer Körperlänge von nur neun bis zehn Zentimetern und einem Durchmesser kaum größer als eine Spaghetti ist sie nicht nur winzig, sondern auch äußerst schwer zu finden: Die Barbados-Fadenschlange (Tetracheilostoma carlae), auch bekannt als Barbados-Schlankblindschlange. Sie gilt als die kleinste von rund 3.100 bekannten Schlangenarten weltweit.

Seit ihrer letzten bestätigten Sichtung vor fast zwei Jahrzehnten galt die Art als möglicherweise ausgestorben. Sie stand auf einer globalen Liste von 4.800 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, die als „verloren für die Wissenschaft“ geführt werden. Die Suche nach der Schlange war Teil des Projekts Conserving Barbados’ Endemic Reptiles (CBER), das sich dem Schutz seltener und endemischer Reptilien auf der Karibik-Insel widmet.

Die Wiederentdeckung im März 2025

Größenvergleich Barbados-Schlankblindschlange und Münze
Kaum größer als eine Münze: Die ausgewachsene Barbados-Fadenschlange erreicht nur etwa zehn Zentimeter Länge. Ihr Gewicht liegt bei weniger als ein Gramm.
(© Photo courtesy of Professor Blair Hedges)

Wie aus einem Bericht der Nonprofit-Naturschutzorganisation Re:wild hervorgeht, gelang einem Team des barbadischen Umweltministeriums und von Re:wild im März 2025 ein bedeutender Fund: Die Biologen Connor Blades und Justin Springer entdeckten bei einer gezielten ökologischen Erhebung im Zentrum der Insel ein Exemplar der winzigen Schlange unter einem eingewachsenen Felsen – an einer Stelle, an der man sie zuletzt vermutet hatte.

Die Bestimmung der Art war jedoch nicht einfach: Die Barbados-Fadenschlange sieht der invasiven Blumentopfschlange (Indotyphlops braminus) zum Verwechseln ähnlich. Diese wurde in den letzten Jahrzehnten unbeabsichtigt auf die Insel eingeschleppt und kann mit bis zu 23 Zentimetern deutlich größer werden. Beide Arten lassen sich oft nur unter dem Mikroskop eindeutig unterscheiden.

Das gefundene Tier wurde daher zur genauen Untersuchung an die Universität der Westindischen Inseln gebracht. Dort bestätigte sich unter dem Mikroskop die Identität: charakteristische blass orangefarbene Rückenlinien, seitlich liegende Augen, eine markante Nasenschuppe und das Fehlen von Kopfrillen wiesen eindeutig auf Tetracheilostoma carlae hin. Nach der Untersuchung wurde die Schlange wieder an ihrem Fundort in den Wald zurückgebracht.

Endemisch und vom Aussterben bedroht

Die Barbados-Fadenschlange ist endemisch auf Barbados, kommt also ausschließlich auf der Karibik-Insel vor. Ihr Verschwinden wäre einem globalen Aussterben gleichgekommen. Umso bedeutsamer ist ihre Wiederentdeckung nach fast zwei Jahrzehnten ohne bestätigte Sichtung.

Seit die Art im Jahr 1889 das erste Mal gesammelt wurde, verlässliche Nachweise – oft lagen Jahrzehnte dazwischen. Die winzige Schlange aus der Familie der Schlankblindschlangen (Leptotyphlopidae) gilt daher als extrem selten. Die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) führt sie auf ihrer Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“.

Ihre Zukunft bleibt ungewiss. Barbados hat seit Beginn der Kolonialzeit vor über 500 Jahren mehr als 98 Prozent seiner ursprünglichen tropischen Regenwälder verloren. Die wenigen verbliebenen Waldreste umfassen laut IUCN vermutlich weniger als zehn Quadratkilometer. Sie beschränken sich auf das unerschlossene Scotland District sowie ein Netz tief eingeschnittener Schluchten im Landesinneren.

Lebensraumzerstörung, invasive Arten und der fortschreitende Nutzungsdruck auf die verbliebenen Naturflächen gefährden nicht nur die Barbados-Fadenschlange, sondern viele weitere endemische Arten der Insel.

Hinzu kommt die geringe Fortpflanzungsrate: Nach aktuellem Kenntnisstand legt ein Weibchen pro Fortpflanzungszyklus nur ein einziges Ei. Das erschwert den Wiederaufbau stabiler Populationen zusätzlich. Zum Vergleich: Die invasive Blumentopfschlange vermehrt sich asexuell durch Parthenogenese – jede weibliche Schlange kann ohne Partner fruchtbare Nachkommen hervorbringen.

Eine späte wissenschaftliche Entdeckung

Obwohl die Art bereits 1889 und 1963 gesammelt wurde, wurde sie erst im Jahr 2008 durch den US-amerikanischen Evolutionsbiologen Blair Hedges wissenschaftlich beschrieben. Bei seinen Recherchen stieß Hedges auf zwei falsch etikettierte Museumsexemplare – ein Hinweis darauf, wie leicht die winzige, unscheinbare Art übersehen werden kann.

Über die Lebensweise der Barbados-Fadenschlange ist bislang kaum etwas bekannt. Es wird vermutet, dass sie – wie andere Schlankblindschlangen – die meiste Zeit unterirdisch lebt und sich von Larven von Ameisen und Termiten ernährt.

Übrigens: Viel kleiner als T. carlae kann eine Schlange nicht sein. Evolutionsbiologisch gibt es eine natürliche Untergrenze, denn unterhalb einer gewissen Körpergröße könnten Jungtiere keine geeignete Nahrung mehr finden. Die Barbados-Fadenschlange bewegt sich also am unteren biologischen Limit dessen, was bei Schlangen überhaupt möglich ist.

Schutzmaßnahmen für die Barbados-Fadenschlange

Die Wiederentdeckung der Barbados-Fadenschlange ist nicht nur ein kleiner Triumph, sondern auch eine Handlungsaufforderung. Ihr Überleben hängt davon ab, wie konsequent die letzten Rückzugsräume der Art geschützt werden.

Ein erster Schritt ist getan: Durch das Projekt Conserving Barbados’ Endemic Reptiles (CBER) konnten gezielte Erhebungen durchgeführt und wichtige Daten über Fundorte und Lebensraum gesammelt werden. Die Forschenden wissen nun besser, wo und wann sie nach der Art suchen müssen. Das ermöglicht künftig ein systematisches Monitoring, um Populationsgrößen einzuschätzen und Veränderungen frühzeitig zu erkennen.

Besonders zentral ist der Schutz der verbliebenen Waldgebiete. Diese sind das letzte Refugium nicht nur für die Barbados-Fadenschlange, sondern auch für zahlreiche weitere endemische Arten. Dazu gehören seltene Pflanzen, Insekten, Amphibien und Reptilien. Die Wälder im Scotland District und die tief eingeschnittenen Schluchten mit ihrem feuchten Mikroklima müssen dauerhaft erhalten und gegen Abholzung, Bebauung und invasive Arten geschützt werden.

Wiederentdeckung der Barbados-Fadenschlange
Die wiedergefundene Barbados-Fadenschlange ist blind und lebt meist unter der Erdoberfläche verborgen – in den wenigen verbliebenen Regenwaldresten und Sekundärwäldern der Karibik-Insel Barbados.
Velatrix, CC0, via Wikimedia Commons)

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Bekämpfung invasiver Arten – insbesondere der Indischen Mungos, die viele bodenbewohnende Tiere auf Barbados verdrängt oder ausgerottet haben. Auch die Blumentopfschlange, die leicht mit der Fadenschlange verwechselt werden kann, stellt eine Konkurrenz dar. Maßnahmen zur Eindämmung invasiver Arten müssen mit Sensibilität geplant und mit anderen Naturschutzstrategien abgestimmt werden.

Ein langfristiger Schutz ist nur möglich, wenn auch die lokale Bevölkerung einbezogen wird. Die Wiederentdeckung der Barbados-Fadenschlange kann als Symbol für die Einzigartigkeit der Inselnatur dienen – und als Aufruf zum Handeln. Umweltbildung, Öffentlichkeitsarbeit und die Förderung naturverträglicher Landnutzung spielen eine zentrale Rolle, um Bewusstsein zu schaffen und dauerhafte Akzeptanz für Schutzmaßnahmen zu erreichen.

Die erfolgreiche Wiederentdeckung ist das Ergebnis internationaler Zusammenarbeit zwischen lokalen Behörden und globalen Naturschutzorganisationen wie Re:wild. Solche Partnerschaften sind entscheidend, um Know-how, Finanzierung und Öffentlichkeitswirksamkeit zu bündeln.

Warum solche Wiederentdeckungen wichtig sind

Die Barbados-Fadenschlange steht stellvertretend für viele extrem seltene, übersehene oder bereits als ausgestorben geltende Arten. Barbados hat bereits mehrere endemische Arten verloren, darunter den Barbados Racer (Liophis perfuscus), den Barbados-Skink (Alinea lanceolata), die Barbados-Riesenreisratte (Megalomys georginae) und den Barbados-Waschbären (Procyon lotor gloveralleni). Zwei Reptilienarten, der Racer und der Skink, sind vermutlich durch den Indischen Mungo verschwunden, der in den 1870er-Jahren zur Rattenbekämpfung eingeführt wurde und bis heute heimische Arten gefährdet.

Die erneute Sichtung der Barbados-Fadenschlange unterstreicht, wie wichtig gezielte Feldforschung ist – gerade in schwer zugänglichen, oft übersehenen Lebensräumen. Solche Wiederentdeckungen sind nicht nur Hoffnungsschimmer für den Artenschutz, sondern auch Aufforderungen zum Handeln: Der Erhalt verbleibender Naturflächen auf Inseln wie Barbados ist von zentraler Bedeutung – für die biologische Vielfalt, aber auch für das kulturelle Erbe und das ökologische Gleichgewicht.

Quelle

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