Ist der Bahamakleiber (Sitta insularis) ausgestorben?
Eines der wenigen Fotos des heute vermutlich ausgestorbenen Bahamakleibers aus dem Jahr 2011. Sitta insularis J.Bond, 1931, Observed in Bahamas by Floyd E. Hayes, CC BY-NC 4.0, via GBIF)

Bahamakleiber – Vom Winde verweht?

Der letzte Sturm – und was ihm vorausging

Es gibt Tierarten, die scheinbar durch ein einzelnes katastrophales Ereignis ausgelöscht wurden – durch einen Hurrikan, einen Vulkanausbruch, eine Flut oder ein Erdbeben. So verschwand die Schwaneninseln-Ferkelratte endgültig von der Erde, nachdem Hurrikan Janet im Jahr 1955 über ihre Heimatinsel Little Swan Island hinwegfegte. Auch die Guadeloupe-Ameive war nach einem tropischen Wirbelsturm, der 1928 ihre Insel traf, nicht mehr nachweisbar. Ebenso könnte die auf Taiwan endemische Unterart des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon sylvina) infolge eines schweren Erdbebens im Jahr 1999 ausgestorben sein.

Seit 2019 gilt möglicherweise auch der Bahamakleiber als verloren – ein kleiner Singvogel, der ausschließlich auf der Insel Grand Bahama lebte und nach mehreren verheerenden Hurrikans in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr beobachtet wurde.

Bahamakleider (Sitta insularis) – fotografiert 2007 von Tom Benson
Der Bahamakleiber ist ein kleiner, etwa 10 cm großer Singvogel mit langem Schnabel und charakteristischem hohen Ruf, der ausschließlich in alten Kiefernwäldern brütet.
Sitta insularis J.Bond, 1931, Observed in Bahamas by Tom Benson, CC BY-NC-ND 4.0, via GBIF)

Doch diese und viele weitere Tierarten sind keine bloßen Opfer „blinder Naturgewalt“. Vielmehr stehen sie exemplarisch für ein Muster, das im Anthropozän immer häufiger wird. Naturkatastrophen wirken oft nur als letzter Auslöser, während eigentliche Niedergang lange zuvor begann. Ein Wirbelsturm oder ein Erdbeben trifft meist auf Populationen, die bereits geschrumpft, isoliert und kaum noch widerstandsfähig sind.

So war etwa die Schwaneninseln-Ferkelratten-Population zum Zeitpunkt des Hurrikans längst schon dezimiert, nachdem wenige Jahre zuvor Hauskatzen auf Little Swan Island ausgesetzt worden waren. Auch die Guadeloupe-Ameive war durch eingeschleppte Mangusten schon lange vor dem Sturm selten geworden.

Entscheidend für das Aussterben einer Art ist daher meist nicht das einzelne Extremereignis, sondern das, was ihm vorausging: jahrzehntelanger Lebensraumverlust, fragmentierte Wälder, invasive Arten oder Bejagung lassen Populationen – insbesondere auf Inseln – stetig schrumpfen. Irgendwann fehlt dann die Fähigkeit zur Erholung. In solchen Situationen kann ein einziges katastrophales Ereignis das Schicksal einer Art endgültig besiegeln.

Hinzu kommt, dass viele dieser Extremereignisse heute häufiger und intensiver auftreten als früher – ein Umstand, der kaum noch als Zufall gelten kann, sondern zunehmend mit dem menschengemachten Klimawandel in Verbindung gebracht wird.

Bahamakleiber – Steckbrief

alternative BezeichnungenBahama-Kleiber, Bahama-Braunkopfkleiber, Braunkopfkleiber (insularis)
wissenschaftliche NamenSitta insularis, Sitta pusilla insularis
englische NamenBahama nuthatch, Bahamas nuthatch, Brown-headed nuthatch (Grand Bahama)
ursprüngliches VerbreitungsgebietGrand Bahama (Bahamas, Karibische Inseln)
Zeitpunkt des Aussterbensmöglicherweise 2019
Ursachen für das AussterbenLebensraumverlust, Hurrikans, auf Insel eingeschleppte Tiere
IUCN-Statusvom Aussterben bedroht

Ein neuer Kleiber – entdeckt von James Bond

Der Bahamakleiber wurde im März 1931 von dem amerikanischen Ornithologen James Bond entdeckt. Während eines Aufenthalts auf Grand Bahama sammelte Bond zwei Kleiber, die er zunächst für Braunkopfkleiber (Sitta pusilla) hielt – eine Art, die in den Kiefernwäldern des südöstlichen Nordamerikas verbreitet ist. Bei genauerem Vergleich mit der umfangreichen Braunkopfkleiber-Sammlung der Academy of Natural Sciences of Philadelphia entschied Bond jedoch, dass sich die Inselvögel in mehreren Merkmalen deutlich von den Festlandsvögeln unterschieden.

Noch im selben Jahr veröffentlichte er die Erstbeschreibung des Bahamakleibers als eine Unterart des Braunkopfkleibers: Sitta pusilla insularis. Von der Nominatform unterschied sich die neuentdeckte Inselform durch einen längeren und schlankeren Schnabel, der im Durchschnitt rund zwei Millimeter länger war als bei der Festlandsform. Zudem beschrieb Bond eine dunklere Gesichtsmaske, die den Bahamakleiber zuverlässig von seinen nordamerikanischen Verwandten unterscheidet.

James Bond – Ornithologe und Namensgeber für 007

der Ornithologe James Bond
James Bond (1900–1989) – amerikanischer Ornithologe und Entdecker des Bahamakleibers. Ian Fleming wählte seinen Namen später bewusst für die Romanfigur James Bond.
Jerry Freilich, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Der Entdecker des Bahamakleibers trug einen Namen, der später weltberühmt werden sollte. James Bond war einer der bedeutendsten Kenner der karibischen Vogelwelt und Autor des Standardwerks Birds of the West Indies (1936).

Der britische Schriftsteller Ian Fleming, selbst passionierter Vogelbeobachter und langjähriger Bewohner Jamaikas, kannte dieses Buch gut – und entlieh sich den Namen seines Autors für die Hauptfigur seines ersten James-Bond-Romans Casino Royale (1953). Fleming hatte nach einem möglichst „gewöhnlichen, sachlichen“ Namen gesucht und schrieb später, er habe in „James Bond“ genau das gefunden.

Der echte James Bond erfuhr erst Anfang der 1960er-Jahre von seinem literarischen Namensvetter. 1964 kam es schließlich zu einem persönlichen Treffen auf Flemings Anwesen Goldeneye in Jamaika. Fleming überreichte Bond ein signiertes Exemplar von You Only Live Twice mit der Widmung: „To the real James Bond, from the thief of his identity.“

Der Lebensraum des Bahamakleibers

In historischer Zeit kam der Bahamakleiber ausschließlich auf Grand Bahama vor. Die flache Kalksteininsel liegt rund 90 Kilometer vor der Küste Floridas und ist mit etwa 1.400 Quadratkilometern zwar eine der größeren Inseln der Bahamas, zugleich aber langgestreckt und schmal – an ihrer breitesten Stelle nur etwa 24 Kilometer. Für eine Art mit so engem Verbreitungsgebiet bedeutete diese räumliche Begrenzung von Beginn an ein erhöhtes Aussterberisiko.

Karibischer Kiefernwald auf Grand Bahama
Karibischer Kiefernwald im Lucayan Nationalpark auf Grand Bahama – lichter, von der Bahama-Kiefer geprägter Lebensraum und zentrales Ökosystem des Bahamakleibers.
Mike Gifford from Ottawa, Canada, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Große Teile von Grand Bahama waren ursprünglich von karibischen Kiefernwäldern (pineyards) bedeckt, die von der Bahama-Kiefer (Pinus caribaea var. bahamensis) geprägt werden. Diese regional endemische Kiefernvarietät bildet offene, lichtdurchflutete Wälder auf flachen Kalksteinböden mit nur dünnen, sandigen Auflagen. Das Ökosystem liegt meist nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und ist typisch für die nördlichen Bahamas sowie die Turks- und Caicosinseln – auf Grand Bahama jedoch besonders ausgedehnt.

Für den Bahamakleiber war dieser Wald nicht nur Lebensraum, sondern ökologische Grundlage. Der kleine Insektenfresser suchte seine Nahrung nahezu ausschließlich an der Rinde und in den Zweigen der Bahama-Kiefern und nutzte nur deren Baumhöhlen zur Fortpflanzung. Andere Waldtypen oder Baumarten spielten für ihn praktisch keine Rolle. Damit war die Art eng an Struktur, Alter und Zustand dieser Kiefernwälder gebunden.

Entscheidend ist dabei: Der Bahamakleiber bewohnte keine jungen Aufforstungen. Er bevorzugte strukturreiche Bestände mit hohen, älteren Bäumen, lückigem Unterwuchs und reichlich stehendem Totholz. Zwar wurde die Art in den 1960er- und 1970er-Jahren häufig in sogenannten „submaturen“ Kiefernwäldern beobachtet, doch handelte es sich dabei um bereits jahrzehntealte, gut entwickelte Bestände – nicht um junge, gleichförmige Forste.

In den letzten Jahren seines Bestehens überlebte der Bahamakleiber fast ausschließlich in den verbliebenen Kiefer-Altbeständen der Lucayan Estates im Norden der Insel. Dieses großflächige, überwiegend private Entwicklungsgebiet war nie offiziell als Schutzgebiet ausgewiesen, bewahrte jedoch lange Zeit Reste besonders alter karibischer Kiefernwälder.

Die Auswertung aller bekannten Nachweise zwischen 2004 und 2018 zeigt ein klares Muster: Bahamakleiber traten fast nur dort auf, wo große, dickstämmige Kiefern und zahlreiche stehende, abgestorbene Stämme (Snags) vorhanden waren. Solche Strukturen sind ökologisch sehr wertvoll. Ihre rissige Borke beherbergt zahlreiche Insekten, und ihr weiches, teils verrottetes Holz erleichtert die Anlage von Bruthöhlen. Gardner, Pereira, Bell und weitere Forschende sprechen in ihrer Studie von 2024 daher von einer ausgeprägten Präferenz für alte, strukturreiche Kiefernwälder.

Gleichzeitig weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass diese Präferenz nicht zwangsläufig bedeutet, der Bahamakleiber hätte außerhalb solcher Wälder grundsätzlich nicht überleben können. Sein Fehlen in anderen Gebieten könnte ebenso auf frühere Abholzungen, Sturmschäden oder seine geringe Ausbreitungsfähigkeit zurückzuführen sein. Unabhängig davon steht fest: Mit dem Verlust der letzten geeigneten Kiefernwälder verschwand auch der Lebensraum, auf den diese hoch spezialisierte Inselart angewiesen war.

Karte Grand Bahama mit Rückzugsgebiet des Bahamakleibers
Der letzte bekannte Rückzugsraum des Bahamakleibers lag im nördlichen Teil der Lucayan Estates (hell schraffiert), einem weitgehend ungeschützten Waldgebiet im Norden von Grand Bahama. 2018 konnten die letzten Individuen nur noch in einem sehr kleinen Teilbereich von weniger als 0,3 km² nachgewiesen werden – hier symbolisch durch den roten Punkt dargestellt.

Fossile Hinweise auf eine einst größere Verbreitung

Seit seiner wissenschaftlichen Entdeckung ist der Bahamakleiber nur von Grand Bahama bekannt. Fossile Funde zeichnen jedoch ein deutlich anderes Bild: David W. Steadman und Janet Franklin beschrieben 2015 und 2020 Überreste aus dem Pleistozän von Abaco und Long Island, die eindeutig dem Bahamakleiber zugeordnet werden können. Diese Funde zeigen, dass die Art früher nicht auf eine einzige Insel beschränkt war.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der bevorzugte Lebensraum des Bahamakleibers – karibische Kiefernwälder – heute nur noch auf vier Bahamasinseln vorkommt: Grand Bahama, Andros, New Providence und Abaco. Auf Long Island und den benachbarten Inseln, mehr als 200 Kilometer entfernt, wachsen heute keine Kiefern mehr. Dennoch finden sich dort fossile Überreste von Vogelarten, die klar an Kiefernwälder angepasst waren.

Gardner, Pereira und ihr Team schließen daraus, dass auf Long Island vor der menschlichen Besiedlung ebenfalls Kiefernwälder existierten. Diese dürften jedoch durch Rodung, Feuer und Landnutzung weitgehend verschwunden sein. Wahrscheinlich war der Bahamakleiber einst deutlich weiter im Bahamas-Archipel verbreitet, verlor jedoch mit dem Verschwinden dieser Wälder schrittweise große Teile seines Lebensraums – bis er zuletzt nur noch auf Grand Bahama überlebte.

verschiedene Kleiber-Arten (Sitta)
Was sind Kleiber?
Kleiber oder Spechtmeisen sind kleine Klettervögel, deren Lebensweise an eine Mischung aus Spechten und Meisen erinnert. Sie bewegen sich geschickt an Baumstämmen entlang und können sogar kopfüber klettern. Sie sind Höhlenbrüter und nutzen meist vorhandene Baumhöhlen, etwa alte Spechthöhlen. Ihren deutschen Namen verdanken sie einer besonderen Fähigkeit: Mit Lehm und Speichel verkleinern sie den Eingang der Bruthöhle so, dass nur sie selbst hindurchpassen. Dieses „Zukleiben“ schützt den Nachwuchs vor Fressfeinden.

Vom Verschwinden des Bahamakleibers

In seiner Erstbeschreibung aus dem Jahr 1931 schrieb Bond über den Bahamakleiber, er sei „offenbar auf die Insel Grand Bahama beschränkt“ und komme dort „nicht selten an den Rändern der Kiefernwälder“ vor, sei im Inselinneren jedoch „selten oder ganz fehlend“. Diese frühe Einschätzung erwies sich später als unvollständig.

In den 1960er- und 1970er-Jahren war der Bahamakleiber offenbar in weiten Teilen der damals noch ausgedehnten karibischen Kiefernwälder verbreitet. Der Ornithologe Donald W. Buden sammelte im Winter 1967/68 insgesamt 17 Exemplare und bezeichnete die Art in einem Gebiet östlich der heutigen Lucayan Estates als „häufig“. Auch John T. Emlen kam zu ähnlichen Ergebnissen: Er schätzte die Bestandsdichte 1969 auf 8,48 Individuen pro Quadratkilometer, Ende der 1970er-Jahre sogar auf etwa 13 Individuen pro Quadratkilometer.

Diese Zahlen vermitteln das Bild einer stabilen Population. Doch nur wenige Jahrzehnte später zeigte sich ein drastischer Wandel: Bei gezielten Erhebungen im Mai 1993 konnten lediglich zwei Individuen nachgewiesen werden. Daraus wurde geschlossen, dass der Bestand seit dem Ende der 1960er-Jahre um rund 90 % eingebrochen war. Auch in den folgenden Jahren blieben Nachweise selten; bis 1998 wurden nur noch vereinzelt auftretende Vögel gemeldet.

Ein Hoffnungsschimmer?

Bahamakleiber 2018 (fotografiert von  Matthew Gardner, University of East Anglia)
Nachdem bereits befürchtet wurde, dass der Bahamakleiber durch Hurrikan Matthew im Jahr 2016 ausgelöscht wurde, entdeckten Forschende die Art 2018 nach gezielter Suche wieder. Dabei entstand dieses Foto.
(© Matthew Gardner, University of East Anglia)

Im Jahr 2004 schien sich die Lage vorübergehend zu entspannen. Ein Forschungsteam um William K. Hayes führte umfassende Erhebungen in den Kiefernwäldern von Grand Bahama durch. Zunächst blieben die Nachsuchen weitgehend erfolglos. Erst der gezielte Einsatz von Tonaufnahmen des artspezifischen Rufs führte zu deutlich mehr Beobachtungen. Auf dieser Grundlage schätzten die Autoren in ihrer Studie (2004) eine Dichte von etwa sechs Individuen pro Quadratkilometer und – bei einer damals noch vorhandenen Kiefernwaldfläche von maximal rund 590 Quadratkilometern – eine Gesamtpopulation von „mehreren Hundert“ Tieren.

Bereits damals betonten Hayes und Kollegen jedoch, dass diese Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren seien. Hochrechnungen von bis zu 1.800 Individuen bezeichneten sie ausdrücklich als optimistisch. Die große Diskrepanz zu den extrem niedrigen Zahlen der frühen 1990er-Jahre erklärten sie vor allem methodisch: Frühere Erhebungen hatten Tonaufnahmen des Braunkopfkleibers verwendet, auf die der Bahamakleiber kaum reagiert. Die scheinbar höheren Bestände von 2004 spiegelten daher keine tatsächliche Erholung wider, sondern eine verbesserte Nachweismethode.

Alle Nachweise stammten aus einem einzigen Gebiet – den Lucayan Estates. Unabhängig von der genauen Individuenzahl stuften die Autoren die Art bereits damals als stark gefährdet. Die Population war nicht nur klein, sondern auch räumlich extrem konzentriert.

Der endgültige Zusammenbruch

Wie ernst die Lage tatsächlich war, zeigte sich nur wenige Jahre später. Im April 2007 untersuchten die Biologen John D. Lloyd und G. L. Slater die Kiefernwälder von Grand Bahama erneut; ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2011. Auf 46 Transekten mit einer Gesamtlänge von über 36 Kilometern registrierten sie zahlreiche typische Kiefernwaldarten – vom Bahamakleiber jedoch nur zwei Individuen. Diese Zahl war zu gering, um eine verlässliche Populationsschätzung vorzunehmen.

Gezielte Nachsuchen mit Playback, also durch Abspielen des Bahamakleiber-Rufs, erbrachten zwar weitere Nachweise, doch auch sie bestätigten das Ausmaß des Problems: Insgesamt wurden nur 14 adulte Tiere und sieben Jungvögel gefunden, ausschließlich innerhalb der Lucayan Estates. Die Autoren stuften den Zustand der Art 2007 als hochgradig besorgniserregend ein und empfahlen dringend Schutzmaßnahmen.

In den folgenden Jahren fanden nur noch sporadische Erhebungen statt. Alles deutet darauf hin, dass der Bahamakleiber bereits lange vor den letzten schweren Hurrikanen auf eine winzige Restpopulation zusammengeschrumpft war.

Nach Hurrikan Matthew: verschwunden

Hurrikan Matthew traf Grand Bahama im Oktober 2016 als Sturm der Kategorie 4 und verursachte massive Schäden. Gewaltige Sturmfluten, Überschwemmungen und orkanartige Winde richteten großflächige Schäden an. Tiefliegende Teile der Insel wurden zeitweise vollständig überflutet, Salzwasser drang weit ins Landesinnere vor und beeinträchtigte nicht nur Siedlungen, sondern auch empfindliche Ökosysteme. Auffällig ist allerdings, dass der Bahamakleiber seit Juni 2016 schon nicht mehr zuverlässig nachgewiesen wurde.

Im Januar 2018 unternahm ein Forschungsteam um Leighton Reid eine intensive Suche nach der Art. Ausgangspunkt waren die beiden letzten bekannten Sichtungen aus Mai und Juni 2016. Als sich dort keine Vögel fanden, erweiterten die Forschenden den Suchradius schrittweise. Trotz großer Anstrengungen – mehrere Tausend Hektar durchkämmter Wald, Dutzende Kilometer Fuß- und Fahrzeugtransekte, systematischer Einsatz von Playback – blieb die Suche erfolglos. Kein einziger Bahamakleiber wurde beobachtet.

Auch ein lokaler Vogelführer konnte laut IUCN über einen Zeitraum von zwölf Monaten keinen einzigen Bahamakleiber mehr beobachten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt nahmen viele Fachleute an, dass die Art vermutlich ausgestorben ist.

Eine letzte Spur

Im Frühjahr 2018 begann ein Team um David Pereira und Matthew Gardner mit einer weiteren Suche nach dem Bahamakleiber. Ziel war es, herauszufinden, ob der Bahamakleiber den verheerenden Hurrikan Matthew von 2016 möglicherweise doch überlebt haben könnte.

Über einen Zeitraum von rund drei Monaten durchkämmten die Forschenden in zwei Teams mehr als 700 Kilometer Wald und setzten Playbacks ein. Nach etwa sechs Wochen gelang der erste Erfolg: Zum ersten Mal seit über zwei Jahren wurde wieder ein Bahamakleiber gesehen und gehört – allerdings ausschließlich in einem winzigen Gebiet von weniger als 0,3 Quadratkilometern im Norden der Lucayan Estates. In den folgenden Wochen kam es zu insgesamt elf Sichtungen, doch stets wurden nur einzelne Vögel gesehen. Nur ein einziges Mal wurden zwei Individuen gleichzeitig beobachtet.

Dass überhaupt noch Tiere gefunden wurden, weckte kurzfristig Hoffnung. Gleichzeitig machte die extreme Seltenheit und räumliche Konzentration deutlich, wie kritisch die Lage war: Der gesamte bekannte Restbestand schien sich auf ein einziges kleines Waldfragment zurückgezogen zu haben. Wie viele Bahamakleiber tatsächlich noch existierten, ließ sich nicht mehr bestimmen. Sicher ist lediglich, dass es mindestens zwei Individuen waren; ihr Geschlecht blieb unbekannt.

Gardner dämpfte die Hoffnung zusätzlich mit einem ernüchternden Hinweis: Bei extrem kleinen Restpopulationen werden häufig nur noch Männchen nachgewiesen. Weibchen sind durch Eiproduktion, Brutpflege und längere Aufenthalte im Nest energetisch stärker belastet und sterben unter Stressbedingungen, Nahrungsmangel oder nach Extremereignissen oft früher. Selbst falls also noch zwei Vögel existierten, war eine Fortpflanzung keineswegs wahrscheinlich. Selbst unter günstigen Annahmen war also eine Erholung der Population kaum noch realistisch.

Das folgende Video dokumentiert eine der Sichtungen im Mai 2018 – möglicherweise eine der letzten filmischen Aufnahmen dieser Art überhaupt:

Das endgültige Aus für den Bahamakleiber?

Im August 2019 entwickelte sich über dem Atlantik der Tropensturm Dorian, der sich rasch verstärkte und am 1. September als Hurrikan der Kategorie 5 – der höchsten Stufe – die Bahamas erreichte. Über Grand Bahama kam der Sturm nahezu zum Stillstand und verharrte dort mehr als 24 Stunden. Dabei traf er die letzten bekannten Rückzugsräume des Bahamakleibers, und die verbliebenen Altbestände der Kiefernwälder wurden schwer geschädigt oder zerstört. Seitdem fehlt jeder verlässliche Nachweis der Art.

Die britische Naturschutzbiologin Diana Bell brachte die Einschätzung vieler Fachleute im Herbst 2019 auf den Punkt, sie schrieb:

„Leider ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Art Hurrikan Dorian überlebt hat.“

Sollte kein weiteres Individuum überlebt haben, markiert Hurrikan Dorian nicht die Ursache, wohl aber den letzten Akt im langen Niedergang des Bahamakleibers.

Warum ist der Bahamakleiber ausgestorben?

Warum der Bahamakleiber verschwand, lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Hurrikane waren wahrscheinlich der letzte Auslöser, aber das Fundament der Art war schon vorher brüchig. Über Jahrzehnte schrumpfte und verarmte ihr Lebensraum, Brutplätze wurden knapp, und zusätzliche Stressoren wie invasive Räuber trafen eine Population, die ohnehin nur noch aus wenigen Tieren bestand. Als die stärksten Stürme schließlich kamen, trafen sie keine stabile Vogelpopulation mehr, sondern eine Art, die kaum noch Spielraum zur Erholung hatte.

Lebensraumverlust: Abholzung, Bebauung. Fragmentierung

Der Bahamakleiber war vollständig an die karibischen Kiefernwälder von Grand Bahama gebunden. Sein Schicksal ist daher untrennbar mit der Geschichte dieses Ökosystems verknüpft – und die ist von intensiver Nutzung geprägt.

Geisterwald auf Grand Bahama
Geisterwald mit abgestorbenen Kiefern auf Grand Bahama:
Durch Sturmfluten drang Salzwasser tief in den Kalksteinboden ein und tötete großflächig karibische Kiefernwälder. Obwohl der Bahamakleiber auf stehendes Totholz angewiesen ist, werden solche Flächen für ihn unbewohnbar, da sie ohne umgebenden Altwald kaum Nahrung, Brutplätze und Schutz bieten.
EgorovaSvetlana, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Schon vor 1900 wurde Holz geschlagen. Den tiefsten Einschnitt gab es jedoch Mitte des 20. Jahrhunderts: Zwischen 1945 und 1955 wurden große, kräftige Kiefern in großem Stil als sogenanntes Grubenholz genutzt – also als stabile Stämme, die im Bergbau zum Abstützen von Stollen dienten. Gerade diese älteren Bäume waren für den Bahamakleiber besonders wertvoll. In den Jahren danach folgten in mehreren Regionen Kahlschläge für die Zellstoffproduktion bis 1959; nahezu der gesamte Kiefernwald der Insel war davon betroffen.

Wie gut sich die Wälder anschließend erholten und ob sie gezielt bewirtschaftet wurden, ist laut Gardner et al. (2024) nur lückenhaft dokumentiert. Sicher ist aber: Als John T. Emlen 1969 den Bahamakleiber untersuchte, fand er ihn häufig in submaturen Beständen – also mittelalten Kiefernwäldern, die bereits eine komplexe Struktur hatten und damals den wichtigsten Waldlebensraum der Insel bildeten.

Spätestens ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schrumpfte der Lebensraum jedoch weiter – nicht nur durch Holzschlag, sondern auch durch Infrastruktur und Bebauung. Straßen, Siedlungsentwicklung und touristische Projekte zerschnitten die Waldflächen. Besonders die Lucayan Estates, das letzte bekannte Kerngebiet, waren in viele Parzellen im privaten und kommerziellen Besitz gegliedert. Auch wenn lange Zeit große Waldreste erhalten blieben, nahm die Fragmentierung zu und mit ihr gingen genau jene alten Strukturen verloren, die der Bahamakleiber für Nahrung, Brut und Schutz benötigte.

Ein Kiefernwald im Dauerstress: Sturm, Salzwasser, Waldsterben

Zu dieser schleichenden Verarmung kam eine zweite Belastung: wiederholte schwere Hurrikane seit den 1990er-Jahren. Stürme wie Erin (1995), Frances und Jeanne (2004), Wilma (2005) und Matthew (2016) beschädigten große Waldflächen, warfen Bäume um oder schwächten sie so, dass sie erst später abstarben.

Karte: Waldverteilung auf Grand Bahama
Waldverteilung auf Grand Bahama (2018): Zu jener Zeit befanden sich die Kiefernwälder in sehr unterschiedlichem Zustand. Vor allem im Norden und im Inselinneren dominierten großflächig abgestorbene oder sich regenerierende Waldbestände. Satellitenaufnahmen deuten darauf hin, dass Kiefern Ende der 1960er-Jahre noch über 1.000 km² bedeckten; für 2004 wurde die Waldfläche nur noch auf rund 600 km² geschätzt.
(© Gardner et al. 2024, Bird Conservation International, CC BY 4.0)

Besonders zerstörerisch wirkten die begleitenden Sturmfluten: Salzwasser drang in den porösen Kalksteinuntergrund ein und schädigte Kiefern so stark, dass ganze Bereiche abstarben. Das erzeugt zwar stehendes Totholz, aber nicht im Sinne eines „gesunden“ Kiefernwaldes: Ein Wald aus abgestorbenen Stämmen bietet kaum noch Schutz, kaum noch dauerhaft Nahrung und vor allem zu wenige geeignete Brutplätze, wenn der umgebende Altwald fehlt. Auffällig ist: Seit den großen Waldschäden in den Jahren 2004 und 2005 gibt es aus den äußeren Bereichen der nördlichen Lucayan Estates keine Nachweise des Bahamakleibers mehr; spätere Beobachtungen konzentrierten sich auf den inneren Kernbereich.

Gardner et al. zeigten 2024, dass sich die Lucayan Estates deutlich von anderen Waldregionen Grand Bahamas unterschieden: Hier fanden sich 2018 höhere Bäume, mehr stehendes Totholz, ein weniger dichter Unterwuchs, aber auch klare Spuren von Sturm- und Feuerschäden. Innerhalb dieses Gebiets wies besonders Lucayan North die höchsten durchschnittlichen Baumhöhen auf – und genau dort wurde der Bahamakleiber zuletzt beobachtet.

Hayes warnte bereits 2004, dass der Bahamakleiber ohne konsequenten Schutz der Kiefernwälder langfristig kaum überleben könne – insbesondere bei fortschreitender Bebauung und möglicher erneuter Abholzung.

Bruthöhlen und Nahrung: Warum „einfach Kiefernwald“ nicht reichte

Bahamaspecht (Melanerpes superciliaris)
Bahamaspecht – hier die auf Kuba vorkommende Unterart. Spechte dieser Artengruppe schlagen Bruthöhlen in alte Kiefern, die später auch von anderen Vögeln genutzt werden. Auf Grand Bahama galt die inzwischen verschwundene Unterart M. s. nyeanus als wichtige „Schlüsselart“, da ihre Höhlen dem Bahamakleiber als Brutplätze dienten.
egorbirder, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Neuere Auswertungen zeigen, dass der Bahamakleiber nicht irgendeinen Kiefernwald nutzte, sondern vor allem strukturreiche Bestände mit hohen, älteren Kiefern und viel stehendem Totholz – also Stämmen, in denen sich Höhlen anlegen lassen und in deren Rinde und morschem Holz besonders viele Insekten sitzen. In jungen, dichten oder stark gestörten Beständen fehlen solche Strukturen oft über lange Zeit. Das bedeutet: Selbst wenn Wald nachwuchs, war er für den Bahamakleiber nicht automatisch wieder „bewohnbar“.

Dazu kommt ein möglicher indirekter Effekt: Diana Bell weist 2019 darauf hin, dass der Bahamakleiber wahrscheinlich unter dem lokalen Verschwinden des Bahamaspechts auf Grand Bahama litt. Diese Unterart (Melanerpes superciliaris nyeanus) schlug regelmäßig Bruthöhlen in alte Kiefern – Höhlen, die später vom Bahamakleiber übernommen wurden. Mit dem Verschwinden des Spechts entstanden kaum noch neue geeignete Höhlen, was die Fortpflanzung eines Höhlenbrüters zusätzlich ausbremsen kann.

Auch Stürme wirken hier doppelt: Sie können zwar neues Totholz schaffen, zerstören aber zugleich genau jene alten Höhlenbäume, die bereits als Brutplätze dienten – und diese Strukturen entstehen oft erst nach Jahrzehnten wieder.

Möglicherweise verschärften sich, so Gardner et al. (2024), die Probleme zusätzlich durch zeitweise Nahrungsengpässe im Winter. Zwar ist der Winter auf Grand Bahama warm und mild, doch das Insektenangebot kann in der trockenen Jahreszeit dennoch zurückgehen. Der Braunkopfkleiber, frisst in solchen Phasen auch Kiefernsamen. Ob der Bahamakleiber dies ebenfalls getan hat, ist nicht bekannt, doch Stürme, die Zapfen von den Bäumen reißen, könnten selbst in diesem milden Klima vorübergehende Nahrungslücken verursacht haben.

Invasive Arten: Zusätzliche Räuber und Konkurrenz

Mit der Erschließung der Insel gelangten auch Tierarten nach Grand Bahama, die dort ursprünglich nicht vorkamen. Für eine winzige Restpopulation kann schon ein moderater Zusatzdruck entscheidend sein. Mehrere Studien (u. a. Hayes et al. 2004; Gardner et al. 2024) sehen invasive Arten als einen weiteren wichtigen Stressfaktor für den Bahamakleiber.

Star als Konkurrent für den Bahamakleiber
Jungvogel des Stars in einer Baumhöhle. Als eingeschleppter Höhlenbrüter kann der Star mit einheimischen Arten wie dem Bahamakleiber um knappe Bruthöhlen konkurrieren.
Maurizio Carlini, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Zu den problematischsten eingeschleppten Arten zählen Nesträuber, darunter die Kornnatter (Elaphe guttata), der Waschbär (Procyon lotor) und verwilderte Hauskatzen (Felis domesticus). Einheimische Schlangenarten wie Epicrates exsul und Alsophis vudii scheinen dagegen selten zu sein und spielten nach Einschätzung von Hayes vermutlich nur eine untergeordnete Rolle, denn während der Erhebungen 2004 wurden keine einheimischen Reptilien beobachtet.

Neben direkter Prädation kam es vermutlich zumindest lokal auch zu Konkurrenz um knappe Bruthöhlen. Invasive Höhlenbrüter wie der Haussperling (Passer domesticus) und der Star (Sturnus vulgaris) haben sich auf Grand Bahama etabliert; Beobachtungen durch Hayes zeigen, dass diese Arten auch in wenig gestörten Waldgebieten und an aufgegebenen militärischen Anlagen auftreten können. Langfristig könnten sie den ohnehin knappen Vorrat an geeigneten Bruthöhlen weiter reduziert haben. Auch einheimische Arten wie der Haarspecht (Picoides villosus) oder der La-Sagra-Fliegenschnäpper (Myiarchus sagrae) kommen als potenzielle Konkurrenten infrage.

Gardner et al. (2024) erwähnen außerdem Hausratten (Rattus rattus), die weltweit als effiziente Nesträuber gelten. Abholzung, Waldfragmentierung und Sturmschäden begünstigen ihre Ausbreitung zusätzlich und erhöhen den Druck auf bodennahe oder höhlenbrütende Vogelarten.

2004 sah Hayes Prädation und Konkurrenz noch nicht als Haupttreiber des Rückgangs, warnte aber ausdrücklich, dass fortschreitende Bebauung und Fragmentierung die Risiken durch invasive Arten deutlich verstärken würden.

Hurrikane als „letzter Stoß“: Direkte Verluste

Dass Hurrikane Lebensräume zerstören, ist klar, doch sie können auch direkt töten. Kleine, standorttreue Inselarten wie der Bahamakleiber haben kaum Ausweichmöglichkeiten, und Höhlenbrüter sind in Stürmen besonders verwundbar, weil umstürzende Bäume ausgerechnet den Schutzraum zur Falle machen können.

Für eine Population, die vermutlich nur noch aus wenigen Individuen bestand, können solche direkten Verluste schnell irreversibel sein. Gardner und sein Team (2024) gehen daher davon aus, dass die Serie starker Hurrikane in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Lebensraum vernichtete, sondern auch zahlreichen Tieren direkt das Leben kostete.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Verlauf plausibel: Der Bahamakleiber wurde über Jahrzehnte durch Lebensraumverlust, Strukturverarmung und zusätzliche Stressoren „ausgedünnt“. Hurrikan Matthew (2016) traf dann eine stark geschwächte Restpopulation, und nach der kurzen Wiederentdeckung 2018 könnte Hurrikan Dorian (2019) schließlich auch die letzten Tiere ausgelöscht haben.

Kein einzelner Auslöser – sondern ein schleichender Kollaps

Warum der Bahamakleiber verschwand, lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Sein Aussterben war das Ergebnis eines jahrzehntelangen Zusammenspiels mehrerer Faktoren, die die Art schrittweise schwächten – bis schließlich ein Punkt erreicht war, an dem selbst ein einzelnes Extremereignis ausreichte, um die letzten Tiere auszulöschen.

Ursprünglich waren die karibischen Kiefernwälder der Bahamas gut an Störungen wie Feuer und tropische Stürme angepasst. In weitgehend intakten Beständen konnten sie Vögeln wie dem Bahamakleiber sogar Schutz bieten. Doch auf Grand Bahama war dieses Ökosystem bereits lange vor den schweren Hurrikanen des 21. Jahrhunderts tiefgreifend verändert: großflächige Abholzungen, zunehmende Bebauung, Fragmentierung und wiederholter Salzwassereintrag hatten die Wälder ausgedünnt und ihrer ökologischen Struktur beraubt.

Sichtung 2018: Bahama-Braunkopfkleiber
Ein Bahamakleiber an einer Kiefer während der „Wiederentdeckung“ im Jahr 2018
(© Matthew Gardner, University of East Anglia)

Der Bahamakleiber geriet dadurch zunehmend unter Druck. Zwar galt die Art in den 1960er- und 1970er-Jahren noch als lokal häufig, doch sie war vermutlich schon damals auf wenige geeignete Waldreste beschränkt. Entscheidend waren alte, große Kiefern mit rissiger Borke und stehendes Totholz – Strukturen, die nach den Kahlschlägen der 1950er-Jahre selten wurden und in den folgenden Jahrzehnten weiter verloren gingen. Die verbliebene Population wirkte lokal stabil, war aber räumlich stark konzentriert und damit hochgradig verwundbar.

Mit der fortschreitenden Zerschneidung der Wälder schrumpfte dieser Lebensraum weiter. Gleichzeitig verschlechterten invasive Räuber und Konkurrenten die Überlebens- und Fortpflanzungschancen zusätzlich. Als der Bestand schließlich unter eine kritische Größe fiel, wogen einzelne Todesfälle schwer, Zufallseffekte nahmen zu, und eine Wiederbesiedlung regenerierter Waldflächen gelang offenbar kaum noch.

Die Serie starker Hurrikane seit den 1990er-Jahren traf daher keine stabile Population mehr, sondern eine bereits stark geschwächte Art in einem ökologisch vorbelasteten Lebensraum. Die Stürme zerstörten alte Kiefern, rissen Höhlenbäume um und ließen durch Sturmfluten ganze Waldflächen absterben. Sie waren weniger die eigentliche Ursache des Niedergangs als vielmehr dessen Beschleuniger.

Als Forschende 2018 nur noch einzelne Bahamakleiber in einem winzigen Waldfragment nachweisen konnten, war die Art faktisch nicht mehr überlebensfähig. Der außergewöhnlich starke und lang anhaltende Hurrikan Dorian im Jahr 2019 traf schließlich die letzten bekannten Rückzugsräume. Nach Einschätzung von Gardner, Pereira, Bell und anderen Forschenden ist es äußerst unwahrscheinlich, dass diese winzige Restpopulation das Ereignis überstanden hat.

Der scheinbar plötzliche Zusammenbruch des Bestands war somit kein abruptes Geschehen, sondern das sichtbare Ende eines jahrzehntelangen, schleichenden Niedergangs. Der Bahamakleiber wurde nicht von den Hurrikanen „ausgelöscht“, sondern von einem geschwächten System, das ihnen nichts mehr entgegensetzen konnte.

Ist der Bahamakleiber ausgestorben?

Ein großer Teil der in historischer Zeit ausgestorbenen Tierarten waren Inselendemiten. Arten, die ausschließlich auf einer einzigen Insel vorkommen, verfügen von vornherein über kleine Populationen und reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihres Lebensraums. Lebensraumverlust, invasive Arten, zunehmende Nutzung durch den Menschen, Brände oder extreme Wetterereignisse können solche Populationen rasch destabilisieren. Der Bahamakleiber entspricht diesem Muster in vielerlei Hinsicht.

Bereits während einer der letzten gezielten Suchaktionen im Jahr 2018 äußerten die beteiligten Forschenden erhebliche Zweifel am Fortbestehen der Art. Diana Bell, die selbst an den Erhebungen beteiligt war, fasste die Situation damals wie folgt zusammen:

„Leider halten wir die Chancen, den Bahamakleiber noch vor dem Aussterben zu bewahren, für sehr gering – aufgrund der extrem niedrigen Individuenzahl und weil wir die genauen Ursachen seines Rückgangs nicht sicher kennen.“

Diese Einschätzung teilen auch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zwar führt die IUCN den Bahamakleiber bislang nicht als ausgestorben, sondern weiterhin als vom Aussterben bedroht. Doch auch diese Einstufung spiegelt die extreme Unsicherheit wider: Sollte überhaupt noch eine Population existieren, geht die IUCN davon aus, dass sie nur noch aus 1 bis 49 geschlechtsreifen Individuen bestehen könnte.

Nach den Kriterien des internationalen Artenschutzes darf eine Art erst dann offiziell als ausgestorben gelten, wenn mit sehr hoher Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass noch einzelne Individuen existieren. Andernfalls besteht die Gefahr, Schutzmaßnahmen zu früh einzustellen – ein als Romeo-Irrtum bekanntes Problem. Um diesen Fehler zu vermeiden, wären weitere gezielte und aufwendige Erhebungen erforderlich, um zu klären, ob der Bahamakleiber den Hurrikan Dorian (2019) möglicherweise überlebt hat.

Unabhängig von seinem formalen Status verdeutlicht der Fall des Bahamakleibers, wie anfällig hoch spezialisierte Inselarten sind, wenn mehrere Belastungsfaktoren zusammenwirken. Anpassungen, die über Jahrtausende ein erfolgreiches Überleben in einem stabilen Inselsystem ermöglicht hatten, wurden im Anthropozän zum Nachteil – mit vermutlich endgültigen Folgen.

Sollte wider Erwarten noch eine winzige Restpopulation existieren, ließe sich zumindest theoretisch an Erfahrungen mit der Schwesterart, dem Braunkopfkleiber des nordamerikanischen Festlands, anknüpfen. Dort konnten regionale Bestandsrückgänge durch gezieltes Habitatmanagement, Nisthilfen und Wiederansiedlungen teilweise aufgehalten oder umgekehrt werden. Solche Maßnahmen hätten jedoch nur dann eine Perspektive, wenn tatsächlich noch Bahamakleiber leben.

Wie Wirbelstürme insulare Biodiversitäts-Hotspots bedrohen

Tropische Wirbelstürme gehören zu den folgenschwersten Naturereignissen für die biologische Vielfalt. Orkanartige Winde, Überschwemmungen und Sturmfluten zerstören Lebensräume, töten Tiere unmittelbar und können Ökosysteme langfristig verändern. Hinzu kommen indirekte Effekte: Nahrungsnetze werden gestört, Brutplätze gehen verloren, invasive Arten breiten sich leichter aus, und das Gleichgewicht zwischen Arten verschiebt sich dauerhaft.

Besonders anfällig sind Inselökosysteme. Inseln beherbergen überdurchschnittlich viele endemische Arten, die nur dort vorkommen und meist kleine, räumlich eng begrenzte Populationen bilden. Trifft ein schwerer Wirbelsturm eine solche Insel, gibt es für diese Arten weder Ausweichräume noch Rückzugsgebiete. Entsprechend hoch ist ihr Aussterberisiko – ein Grund dafür, warum ein großer Teil der dokumentierten Aussterben Inselarten betrifft.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich schwere tropische Wirbelstürme in einem wärmeren Ozean tendenziell intensiver entwickeln können. Gleichzeitig verstärkt der Meeresspiegelanstieg die Auswirkungen von Sturmfluten, selbst dann, wenn sich die Anzahl der Stürme regional nicht eindeutig erhöht. Für Inselarten steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelnes Extremereignis sowohl den Lebensraum als auch die letzte Restpopulation zugleich trifft.

Hurrikan Dorian über Grand Bahama
Hurrikan Dorian über Grand Bahama: Diese Satellitenaufnahme vom 2. September 2019 zeigt den stationären Hurrikan der Kategorie 5, der mit extremen Winden und Sturmfluten große Teile der Insel verwüstete – und vermutlich den letzten verbliebenen Lebensraum des Bahamakleibers zerstörte.
NOAA Satellites, Public domain, via Wikimedia Commons)

Vor diesem Hintergrund untersuchte der Ökologe Simon Valle gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, welches Risiko schwere tropische Wirbelstürme für landlebende Wirbeltiere weltweit darstellen. In der 2025 veröffentlichten Studie kartierten die Forschenden alle tropischen Wirbelstürme der Kategorien 4 und 5 zwischen 1972 und 2022 und verglichen deren Zugbahnen mit der Lage globaler Biodiversitäts-Hotspots.

Das Ergebnis ist eindeutig: Rund drei Viertel aller schweren tropischen Wirbelstürme trafen Hotspots, die vollständig aus Inseln bestehen. Auffällig ist zudem die starke räumliche Konzentration: Über 95 % dieser Stürme entfielen auf nur fünf Regionen – Japan, Polynesien-Mikronesien, die Philippinen, Madagaskar und die Inseln des westlichen Indischen Ozeans sowie die Karibik.

Ein Abgleich mit der Roten Liste der IUCN zeigt jedoch, dass die Häufigkeit von Wirbelstürmen allein wenig über das tatsächliche Aussterberisiko aussagt. Japan wird zwar besonders oft von schweren Stürmen getroffen, beherbergt aber vergleichsweise wenige akut gefährdete Arten. Die Karibik ist seltener betroffen, weist jedoch mit 128 sturmgefährdeten Wirbeltierarten eine der höchsten Risikodichten auf. Entscheidend ist also nicht, wie oft Stürme auftreten, sondern wie klein, isoliert und spezialisiert die betroffenen Populationen sind.

Extrem gefährdet sind Biodiversitäts-Hotspots, die aus vielen kleinen Inseln bestehen. Dort können bereits einzelne Extremereignisse ausreichen, um Arten lokal oder global auszulöschen – ein Muster, das sich auch im Fall des Bahamakleibers widerspiegelt.

Eine Watchlist sturmgefährdeter Arten

Um solche Risiken besser erfassbar zu machen, erstellten Valle und sein Team eine Beobachtungsliste besonders sturmgefährdeter Arten. Sie umfasst 60 Wirbeltierarten, die jeweils ausschließlich auf einer einzigen Insel vorkommen. Für jede dieser Arten könnte ein einzelner schwerer Hurrikan oder Taifun bereits existenzbedrohend sein.

Diese Watchlist ist jedoch nur ein erster Schritt. Sie zeigt, wo das Risiko besonders hoch ist, sagt aber noch wenig darüber aus, wie gut diese Arten tatsächlich geschützt sind. Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Nur 24 der 60 gelisteten Arten sind derzeit Teil aktiver Schutzprogramme, und lediglich sechs werden in Erhaltungszuchtprogrammen betreut.

Die Forschenden plädieren daher für eine internationale Taskforce unter dem Dach der IUCN, die sich gezielt mit sturmbedingten Aussterberisiken befasst. Ziel wäre es, besonders gefährdete Arten frühzeitig zu identifizieren, Schutzmaßnahmen zu koordinieren und im Ernstfall rasch zu reagieren – bevor ein einzelnes Extremereignis das Überleben einer Art endgültig beendet.

Von der Unterart zur eigenständigen Art

Braunkopfkleiber (Sitta pusilla)
Der Braunkopfkleiber vom nordamerikanischen Festland unterscheidet sich vom Bahamakleiber einen kürzeren Schnabel, längere Flügel und andere Lautäußerungen.
lwolfartist, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Als der amerikanische Ornithologe James Bond den Bahamakleiber Anfang der 1930er-Jahre wissenschaftlich beschrieb, ordnete er ihn zunächst als Unterart des auf dem nordamerikanischen Festland verbreiteten Braunkopfkleibers ein. Diese Einschätzung blieb über Jahrzehnte hinweg weitgehend unangefochten – nicht zuletzt, weil sich der Inselvogel äußerlich nur subtil von seinem Festlandsverwandten unterschied.

Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehrten sich Zweifel an dieser taxonomischen Einordnung. Hayes und Kollegen verglichen 2004 Museumsexemplare von Bahama- und Festlandsvögeln und fanden konsistente morphologische Unterschiede: Der Bahamakleiber besitzt unter anderem einen längeren und schlankeren Schnabel, kürzere Flügel und ein verändertes Verhältnis von Schnabel- zu Flügellänge. Diese Merkmale deuteten bereits auf eine eigenständige Entwicklung hin, galten für sich genommen jedoch noch nicht als ausschlaggebend.

Entscheidend waren die Lautäußerungen. Bahamakleiber geben einen charakteristischen, hochfrequenten, trillernden „warble“-Ruf von sich, der bei Braunkopfkleibern vom Festland fehlt. Umgekehrt reagieren Bahamakleiber kaum auf den typischen Festlandsruf, der oft als „rubber ducky“ beschrieben wird. Da Gesang und Rufe bei Singvögeln eine zentrale Rolle für Partnerwahl und Revierabgrenzung spielen, werteten Hayes und Kollegen diese klaren, reproduzierbaren Unterschiede als starkes Indiz für den Status einer eigenständigen Art.

Genetische Hinweise und evolutionäre Trennung

Eine weiterführende Studie von John D. Lloyd und seinem Team untersuchte 2009 zusätzlich die genetische Stellung des Bahamakleibers. Analysen mitochondrialer DNA ergaben eine genetische Distanz von etwa 1,37 % zum Braunkopfkleiber. Dieser Wert liegt im Bereich oder sogar über der genetischen Differenz mancher Vogelarten, die allgemein als eigenständig anerkannt sind – etwa beim Bahamawaldsänger (Setophaga flavescens) im Vergleich zu seinem Festlandsverwandten.

Die genetischen Daten deuten zudem darauf hin, dass sich Bahama- und Braunkopfkleiber bereits vor rund 685.000 Jahren voneinander abgespalten haben. Damit handelt es sich um eine lange isolierte evolutionäre Linie. Wo diese Trennung stattfand, ist besonders aufschlussreich: Während interglazialer Warmzeiten waren die Bahamas wiederholt vollständig überflutet – zuletzt noch vor etwa 80.000 Jahren. Eine kontinuierliche Evolution ausschließlich auf den heutigen Inseln erscheint daher unwahrscheinlich. Wahrscheinlich entstand die Linie des Bahamakleibers auf dem nordamerikanischen Festland oder in einem ehemals größeren karibischen Verbreitungsraum und wurde erst später auf einzelne Inseln – zuletzt auf Grand Bahama – isoliert.

Akustische Isolation als Schlüsselkriterium

Die wichtige Rolle der Lautäußerungen wurde 2020 durch zwei unabhängige Arbeiten weiter bestätigt. Peter Boesman und Nigel J. Collar zeigten anhand vergleichender Analysen, dass sämtliche untersuchten Rufe des Bahamakleibers deutlich höhere Frequenzen aufweisen und sich auch für das menschliche Ohr klar von denen des Braunkopfkleibers unterscheiden.

Ebenfalls 2020 untersuchten Heather Levy und Christopher Cox die biologische Bedeutung dieser Unterschiede experimentell mithilfe experimenteller Playback-Versuche. Da der Bahamakleiber zu diesem Zeitpunkt bereits als möglicherweise ausgestorben galt, spielten sie archivierte Bahama-Rufe verwandten Kleiberarten vor, darunter dem Braunkopfkleiber. Die Festlandsvögel reagierten kaum oder gar nicht auf diese Rufe – ein Hinweis darauf, dass sie sie nicht als arttypische Signale erkennen. Zusammen mit früheren Feldbeobachtungen, nach denen Bahamakleiber stark auf ihre eigenen Rufe reagierten, spricht dies für eine ausgeprägte akustische Isolation – ein zentrales Kriterium bei der Artabgrenzung von Singvögeln.

Auf Grundlage dieser Befunde – deutliche Unterschiede in den Lautäußerungen, bestätigte Playback-Isolation sowie ergänzende morphologische und genetische Daten – erkannte der International Ornithological Congress (IOC) den Bahamakleiber im Jahr 2021 schließlich offiziell als eigenständige Art an: Sitta insularis.

Auch andere Spezialisten geraten unter Druck

Der Bahamakleiber ist kein Einzelfall. Bereits im Januar 2018 stellten Leighton Reid und seine Mitstreiter während einer mehrtägigen, letztlich erfolglosen Suche nach der Art fest, dass auch andere Vogelarten der karibischen Kiefernwälder auffallend selten geworden waren oder ganz fehlten. Arten, die noch wenige Jahrzehnte zuvor als typisch und lokal häufig galten, ließen sich kaum oder gar nicht mehr nachweisen.

So fehlten Bahamagelbkehlchen (Geothlypis rostrata), die bei Erhebungen 1968 und 2007 noch regelmäßig beobachtet worden waren, vollständig. Vom Bahamawaldsänger fanden die Forschenden nur noch wenige Individuen. Und auch die Bahamaschwalbe (Tachycineta cyaneoviridis), die ausschließlich in Kiefernwäldern auf vier Bahamasinseln brütet, wurde bei dieser Suche kein einziges Mal registriert.

Diese Beobachtungen passen in ein größeres Bild: Mehrere endemische Vogelarten der Bahamas sind eng an strukturreiche Kiefernwälder gebunden und reagieren entsprechend empfindlich auf deren Verlust.

Der Bahamawaldsänger: ein Warnsignal

Bahamawaldsänger (Setophaga flavescens)
Bahamawaldsänger – eine endemische Singvogelart der Bahamas, die wie der Bahamakleiber an karibische Kiefernwälder gebunden ist. Lebensraumverlust, Fragmentierung und Hurrikanschäden haben auch bei ihm zu deutlichen Bestandsrückgängen geführt.
christoph_moning, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons)

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Bahamakleiber beschäftigt haben, sorgen sich auch um andere Vogelarten der Bahamas, vor allem um den inzwischen als von der IUCN als stark gefährdet geführten Bahamawaldsänger. Die Art kommt nur auf drei Inseln vor: Grand Bahama sowie Little und Great Abaco. Wie der Bahamakleiber ist sie auf zusammenhängende, alte Kiefernwälder angewiesen.

In einer Feldstudie aus dem Jahr 2018, veröffentlicht 2023, zeigten unter anderem Pereira, Gardner und Bell, dass der Bahamawaldsänger äußerst sensibel auf Waldverlust, Fragmentierung, Bebauung und extreme Wetterereignisse reagiert. Nach der Verwüstung von Grand Bahama durch Hurrikan Dorian im Jahr 2019 könnte die Art dort bereits verschwunden sein; möglicherweise überlebt sie nur noch auf Abaco. Damit gleicht ihre Situation jener des Bahamakleibers in beunruhigender Weise: Zwei endemische Arten, derselbe Lebensraum, derselbe Kollaps.

Diana Bell warnte bereits 2018 eindringlich davor, die Bedeutung dieses Ökosystems zu unterschätzen:

„Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Schutzbemühungen im einheimischen karibischen Kiefernwald nicht nachlassen, da dieser Lebensraum auch für andere endemische Vogelarten wie die Bahamaschwalbe, den Bahamawaldsänger und das Bahamagelbkehlchen von zentraler Bedeutung ist.“

Parallelen zur Cozumelspottdrossel

Ein bemerkenswert ähnliches Schicksal ereilte vermutlich die Cozumelspottdrossel (Toxostoma guttatum), eine endemische Vogelart der mexikanischen Karibikinsel Cozumel. Auch sie war auf eine einzige Insel mit begrenztem Lebensraum beschränkt und galt einst als lokal häufig. Mehrere schwere Hurrikane – insbesondere Gilbert (1988) und Roxanne (1995) – führten jedoch zu einem raschen Bestandszusammenbruch. Hinzu kamen Lebensraumverluste und invasive Arten, darunter eingeschleppte Schlangen, die den Druck auf die ohnehin geschwächte Population noch erhöhten.

Nach sporadischen, teils unbestätigten Sichtungen in den frühen 2000er-Jahren blieb die Art trotz intensiver Nachsuche verschwunden. Die IUCN führt die Cozumelspottdrossel weiterhin als vom Aussterben bedroht, doch viele Fachleute (u. a. Julian Hume in Extinct Birds, 2017) halten sie inzwischen für wahrscheinlich ausgestorben.

Cozumelspottdrossel (Toxostoma guttatum) - ausgestorben?
Der letzte bestätigte Nachweis der Cozumelspottdrossel stammt aus dem Jahr 2006. Ihr mögliches Verschwinden – ebenso wie das des Bahamakleibers – verdeutlicht exemplarisch die extreme Verwundbarkeit insularer Vogelarten gegenüber dem Zusammenwirken von Wirbelstürmen, Lebensraumverlust und invasiven Arten.
(© Katie Sayers, ‚USNM 102454 Mimidae Toxostoma guttatum LAT‘ – Toxostoma guttatum (Ridgway, 1885), Collected in Mexico, CC0 1.0, via GBIF)

Ein gemeinsames Muster

Der Bahamakleiber, der Bahamawaldsänger und die Cozumelspottdrossel stehen exemplarisch für ein wiederkehrendes Muster: hoch spezialisierte Inselarten, angepasst an einen sehr spezifischen Lebensraum, verlieren durch menschliche Eingriffe und zunehmende Extremereignisse ihre ökologische Grundlage. Was bleibt, sind winzige Restpopulationen – und die Erkenntnis, dass der Schutz ganzer Ökosysteme entscheidend ist, wenn weitere Aussterben verhindert werden sollen.


Quellen

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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