Inhaltsverzeichnis
Warum haben manche Tierarten ein besonders hohes Aussterberisiko, während andere selbst starke Veränderungen ihrer Umwelt überstehen? Die Stellersche Seekuh wurde intensiv bejagt, das Nacktbrustkänguru durch eingeschleppte Füchse und Katzen zurückgedrängt, und die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte verlor schließlich ihren ohnehin winzigen Lebensraum.
Jede ausgestorbene Art hat ihre eigene Geschichte, und viele Aussterbeereignisse lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Dennoch zeigt der Vergleich vieler solcher Fälle, dass bestimmte biologische Eigenschaften immer wieder mit einer erhöhten Verwundbarkeit einhergehen. Dazu gehören etwa Körpergröße, Fortpflanzungsstrategie, Inselendemismus und die Fähigkeit, Bedrohungen auszuweichen.
Doch diese Eigenschaften sind nicht die Ursache des Aussterbens. Eine Art verschwindet nicht, weil sie groß, flugunfähig oder auf eine kleine Insel beschränkt ist. Die unmittelbaren Ursachen sind konkrete Bedrohungen – heute meist menschengemacht –, etwa Jagd und Fischerei, Lebensraumverlust, eingeschleppte Arten, Umweltverschmutzung oder Klimaveränderungen. Auch Krankheiten können Populationen stark dezimieren.
Biologische Eigenschaften bestimmen vielmehr mit, wie verwundbar eine Art gegenüber solchen Bedrohungen ist und wie gut sie Verluste verkraften kann. Für den Artenschutz ist deshalb nicht nur entscheidend, welchen Gefahren eine Art ausgesetzt ist, sondern auch: Welche Eigenschaften machen sie gegenüber diesen Gefahren besonders empfindlich?
Große Tiere haben oft schlechtere Karten
Einer der Risikofaktoren, der bei verschiedenen Tiergruppen immer wieder auftaucht, ist die Körpergröße. Eine 2026 veröffentlichte Studie von Simon Schowanek und seinem Team ergab beispielsweise, dass große tropische Säugetiere langfristig schlechtere Überlebenschancen hatten als kleinere Arten.
Auch bei Vögeln zeigt sich dieses Muster. Amir Fromm und Shai Meiri untersuchten 2021 für eine Studie 469 bekannte Vogelaussterben seit dem späten Pleistozän. Die ausgestorbenen Arten waren insgesamt deutlich größer als die heutige Vogelwelt: Ihre mediane Körpermasse betrug 288 Gramm, gegenüber 36 Gramm bei den heute lebenden Arten. Der Unterschied blieb auch bestehen, wenn nur flugfähige Vögel miteinander verglichen wurden.

Ähnliche Zusammenhänge wurden bei Reptilien und Meeresfischen gefunden. Eine globale Reptilienstudie von Alex Slavenko und Kollegen zeigte, dass ausgestorbene Echsen und Schildkröten im Durchschnitt größer waren als rezente Arten. Auch bei Meeresfischen sind große Arten häufiger bedroht und zugleich stärker von der Fischerei betroffen sind. Der Größeneffekt gilt jedoch nicht für alle Tiergruppen gleichermaßen: Bei Schlangen wurde etwa kein solcher Größeneffekt Zusammenhang gefunden, bei Süßwasserfischen sind die Ergebnisse uneinheitlich und auch bei Amphibien ist das Muster deutlich weniger klar – einige Untersuchungen fanden dort sogar ein höheres Risiko bei sehr kleinen Arten. Bei Krokodilen zeigte sich in der Reptilienstudie sogar das umgekehrte Muster.
Warum große Arten häufig verwundbarer sind, lässt sich durch mehrere biologische Zusammenhänge erklären. Sie benötigen oft mehr Nahrung und größere Lebensräume, kommen meist in geringeren Bestandsdichten vor und besitzen häufig eine langsame Lebensweise. Dadurch können ihre Populationen Verluste oft schlechter ausgleichen.
Hinzu kommt, dass große Tiere für Menschen häufig besonders attraktiv waren und sind: Sie liefern viel Fleisch oder besitzen begehrte Körperteile wie Hörner, Geweihe, Stoßzähne oder Felle. Entsprechend waren große Tiere häufig einem starken Jagddruck ausgesetzt. Fromm und Meiri verweisen etwa auf archäologische Fundstellen, an denen Knochen von Moas, Elefantenvögeln und anderen großen Vögeln Hinweise auf eine Nutzung durch Menschen zeigen.
Große Körpergröße ist damit kein allgemeines Todesurteil. Trifft sie jedoch mit langsamer Fortpflanzung und starkem menschlichem Nutzungsdruck zusammen, können Populationen besonders verwundbar sein.
Langsame Fortpflanzung als Risikofaktor
Große Körpergröße und langsame Fortpflanzung hängen eng zusammen. Schowanek und sein Team konnten beide Einflüsse jedoch statistisch voneinander trennen. Dabei zeigte sich: Auch unter ähnlich großen Säugetieren hatten Arten mit längeren Generationszeiten ein höheres Aussterberisiko.
Der Zusammenhang ist gut nachvollziehbar. Arten, die spät geschlechtsreif werden und nur langsam Nachwuchs hervorbringen, können Bestandsverluste schlechter ausgleichen. Werden viele erwachsene Tiere getötet, kann es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis sich ihre Population wieder erholt.
Dass eine langsame Lebensweise auch in anderen Tiergruppen problematisch sein kann, zeigt eine 2024 veröffentlichte Untersuchung an 2.813 Wirbeltierarten. Inselvögel und Insel-Säugetiere besitzen demnach häufig längere Generationszeiten als ihre Verwandten auf dem Festland – eine Eigenschaft, die ihre Verwundbarkeit gegenüber menschlichen Bedrohungen erhöhen kann.
Auch bei Amphibien und Fischen finden sich derartige Zusammenhänge. Eine globale Studie an mehr als 2.000 Amphibienarten zeigte, dass Arten mit wenigen Nachkommen pro Fortpflanzungsereignis stärker bedroht waren. Bei Meeresfischen gilt insbesondere eine späte Geschlechtsreife als Hinweis darauf, dass sich stark dezimierte Bestände nur langsam erholen können.
Langsame Fortpflanzung wird also vor allem dann zum Risiko, wenn zusätzliche Verluste auftreten. Intensive Jagd, Fischerei oder andere Belastungen können Populationen schneller verkleinern, als sie sich durch Nachwuchs wieder erholen.
Inselbewohner sind besonders verwundbar
Besonders deutlich zeigt sich ein erhöhtes Aussterberisiko bei Inselarten. Von den ausgestorbenen Vogelarten, die Fromm und Meiri untersuchten, waren rund 90 % Inselendemiten. Unter den heute lebenden Vogelarten ihres Datensatzes betrug dieser Anteil dagegen nur 24 %.

Bild: John Gerrard Keulemans, Public domain, via Wikimedia Commons
Das Muster beschränkt sich nicht auf Vögel. Von 268 bekannten Säugetieraussterben im Holozän ereigneten sich 225 auf Inseln. Bei Reptilien fanden 73 von 82 bekannten Aussterbeereignissen der vergangenen 50.000 Jahre auf Inseln statt. Für die letzten 3.000 Jahre fällt das Verhältnis noch deutlicher aus: 64 von 65 bekannten Reptilienaussterben ereigneten sich auf Inseln. Inselgebundenheit zählt damit bei mehreren Tiergruppen zu den auffälligsten Risikofaktoren.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Inselarten besitzen meist kleine Populationen und begrenzte Verbreitungsgebiete. Hinzu kommt die lange evolutionäre Isolation vieler Inseln. Auf abgelegenen Inseln fehlten ursprünglich oft landlebende Säugetierräuber, sodass sich manche Arten ohne wirksame Abwehr gegenüber solchen Feinden entwickelten.
Mit der Ankunft des Menschen änderten sich diese Bedingungen oft innerhalb kurzer Zeit. Eingeschleppte Ratten, Katzen und andere Tiere fraßen Eier und Jungtiere, jagten erwachsene Tiere oder veränderten Lebensräume und Nahrungsketten. Besonders Inselvögel waren davon stark betroffen. Ein bekanntes Beispiel ist der Stephenschlüpfer, bei dessen Verschwinden eingeführte Katzen eine wichtige Rolle spielten.
Eigenschaften, die unter den ursprünglichen Bedingungen einer Insel über lange Zeit erfolgreich waren, konnten nach der Ankunft des Menschen und neuer Tierarten plötzlich zur besonderen Verwundbarkeit führen.
Flugunfähigkeit – ein besonders großes Risiko
Bei Vögeln ist Flugunfähigkeit ein besonders auffälliger Risikofaktor. Von den 469 ausgestorbenen Arten, die Fromm und Meiri untersuchten, waren 116 flugunfähig – ungefähr jede vierte. Nach ihren Daten sind damit 68 % der bekannten flugunfähigen Vogelarten, die am Ende des Pleistozäns noch existierten, inzwischen ausgestorben. Allein 58 dieser Verluste betrafen Rallen.
Flugunfähigkeit war in der jüngeren Vergangenheit daher wesentlich weiter verbreitet als heute. Ganze Gruppen wie Moas und Elefantenvögel verschwanden vollständig, und mehrere Vogelordnungen besitzen heute keine flugunfähigen Vertreter mehr, obwohl es solche früher gab.
Dabei ist Flugunfähigkeit kein evolutionärer Fehler. Fliegen kostet viel Energie, und auf Inseln ohne bodenlebende Fressfeinde kann die Fähigkeit zu fliegen, unwichtiger zu werden. Problematisch wird diese Anpassung, wenn Menschen oder eingeschleppte Räuber auftauchen: Flugunfähige Vögel können Bedrohungen nicht durch Auffliegen entkommen, während bei bodenbrütenden Arten zusätzlich Eier und Jungtiere leicht erreichbar sind.
Der Dodo, die Moas und zahlreiche ausgestorbene Inselrallen zeigen, wie gefährlich die Kombination aus Flugunfähigkeit, Inselleben und neuen Fressfeinden oder menschlicher Verfolgung werden kann.

Bild: George Edward Lodge, Public domain, via Wikimedia Commons
Erreichbarkeit und Rückzugsräume
Flugunfähigkeit ist ein spezielles Merkmal von Vögeln. Ein ähnliches Grundprinzip findet sich auch bei anderen Tiergruppen: Wie leicht kann eine Bedrohung eine Art erreichen – und welche Möglichkeiten hat sie, ihr auszuweichen?
In der Studie von Schowanek verschwanden rein bodenlebende Säugetiere langfristig häufiger als Arten, die zumindest teilweise klettern können. Eine mögliche Erklärung ist, dass kletternde Tiere für Menschen oder bodenlebende Räuber schwerer erreichbar sind. Das Leben in Bäumen schützt jedoch nicht grundsätzlich vor dem Aussterben: Geht der Wald verloren, kann diese Abhängigkeit zum Nachteil werden.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Haien und Rochen. Arten, die in flachen Gewässern leben oder nur einen engen Tiefenbereich nutzen, sind stärker gefährdet, unter anderem weil sie der Fischerei vermehrt ausgesetzt sind. Arten mit einem größeren Tiefenspektrum können dagegen zumindest zum Teil in Bereiche ausweichen, die von bestimmten Fangmethoden weniger stark erreicht werden. Entscheidend ist also nicht die Lebensweise allein, sondern wie sie mit einer konkreten Bedrohung zusammenwirkt.
Warum Fleischfresser gefährdet sein können
Bei den untersuchten Säugetieren war ein höherer Anteil tierischer Nahrung langfristig mit einem höheren Aussterberisiko verbunden. Fleischfresser stehen häufig weit oben in der Nahrungskette, benötigen oft große Reviere und sind auf ausreichend Beutetiere angewiesen. Gehen deren Bestände zurück, können deshalb auch die Räuber unter Druck geraten.
So könnte beispielsweise der Haastadler auf Neuseelands Südinsel auch deshalb ausgestorben sein, weil mit den Moas seine wichtigsten Beutetiere verschwanden. Große Räuber geraten zudem häufig in Konflikt mit Menschen, etwa wenn sie Nutztiere reißen oder als Gefahr wahrgenommen werden.
Der Zusammenhang ist allerdings weniger eindeutig als bei Körpergröße oder Generationslänge. Eng verwandte Säugetiere ähneln sich häufig nicht nur in ihrer Ernährung, sondern auch in anderen Merkmalen. Berücksichtigten Schowanek und Kollegen diese evolutionäre Verwandtschaft, wurde der Zusammenhang deutlich schwächer. Daraus lässt sich daher nicht ableiten, dass Fleischfresser grundsätzlich stärker gefährdet sind als Pflanzenfresser.
Kann ein größeres Gehirn beim Überleben helfen?
Bei Säugetieren gibt es Hinweise darauf, dass auch Verhaltensflexibilität das Aussterberisiko beeinflussen kann. In der Studie von Schowanek hatten Arten mit einem relativ größeren Gehirn langfristig bessere Überlebenschancen. Gemeint ist nicht die absolute Gehirngröße, sondern eine Größe, die über dem liegt, was für die jeweilige Körpergröße zu erwarten wäre.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits eine Studie von 2022 zu spätquartären Säugetieraussterben. Eine mögliche Erklärung ist, dass ein größeres Gehirn mit größerer Verhaltensflexibilität verbunden sein kann – etwa mit der Fähigkeit, neue Nahrungsquellen zu nutzen oder auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren.
Der Zusammenhang ist allerdings nicht eindeutig. Große Gehirne benötigen viel Energie und können mit einer langsameren Lebensweise verbunden sein. Bei heutigen Säugetieren wurde deshalb teilweise auch ein gegenteiliger Zusammenhang gefunden. Ob eine relativ große Gehirngröße einen Vorteil bietet, hängt wahrscheinlich davon ab, welchen Umweltveränderungen und Bedrohungen eine Art ausgesetzt ist.
Kleine Verbreitungsgebiete – hohes Risiko
Ein weiterer grundlegender Risikofaktor ist die Größe des Verbreitungsgebiets. Eine weit verbreitete Art kann lokale Verluste häufig verkraften, weil Populationen in anderen Regionen weiterbestehen. Bei einer endemischen Art mit einem winzigen Areal kann dagegen eine einzige starke Veränderung einen großen Teil oder sogar die gesamte Weltpopulation treffen. So ist der Bahamakleiber möglicherweise 2019 endgültig verschwunden, nachdem mehrere Hurrikans seine Heimatinsel Grand Bahama getroffen hatten.
Dass kleine Verbreitungsgebiete mit einem höheren Risiko verbunden sind, zeigt sich in unterschiedlichen Tiergruppen. Eine globale Analyse von 5.246 Froschlurcharten ergab beispielsweise, dass Arten mit kleinen Arealen besonders häufig rückläufige Bestände aufweisen. Auch bei Meeresfischen gehören kleine geografische Verbreitungsgebiete zu den Merkmalen, die mit einer höheren Gefährdung verbunden sind.
Dieser Zusammenhang erklärt auch einen Teil der besonderen Verwundbarkeit von Inselarten. Entscheidend ist nicht die Insel an sich, sondern unter anderem, dass viele Inselendemiten nur auf sehr kleinen Flächen vorkommen. Das gleiche Problem betrifft Arten auf dem Festland, die beispielsweise nur in einem einzelnen Gebirge, Flusssystem, See oder Waldgebiet leben.

Karte: Kmusser, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons / Hutia: Museum of Comparative Zoology, Harvard University, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Spezialisierung kann zur Falle werden
Auch ökologische Spezialisierung kann eine Art verwundbarer machen. Generalisten können unterschiedliche Nahrung nutzen oder verschiedene Lebensräume besiedeln. Spezialisten sind dagegen etwa auf eine bestimmte Nahrung, einen bestimmten Lebensraum oder spezielle Brutplätze angewiesen. Verschwindet genau diese Ressource, stehen ihnen nur wenige Alternativen zur Verfügung.
Anschaulich zeigt sich das bei Korallenfischen. Manche Arten sind eng an bestimmte Korallen oder Riffhabitate gebunden. Untersuchungen zeigen, dass solche Spezialisten besonders empfindlich auf den Verlust ihrer bevorzugten Korallen reagieren – etwa infolge von Korallenbleichen oder anderen Veränderungen des Riffökosystems.
Spezialisierung ist dabei nicht grundsätzlich nachteilig. Unter stabilen Bedingungen kann sie sehr erfolgreich sein. Zum Risiko wird sie vor allem dann, wenn sich die Umwelt schnell verändert und die benötigte Ressource verschwindet. Wie bei anderen Risikofaktoren gilt daher: Je weniger Alternativen einer Art zur Verfügung stehen, desto schwieriger kann sie auf Veränderungen reagieren.

Bild: Francois Libert, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Die Kombination von Faktoren erhöht das Aussterberisiko
Keiner der bisher genannten Faktoren führt für sich allein zwangsläufig zum Aussterben. Große und langsam reproduzierende Arten können über sehr lange Zeiträume erfolgreich sein, ebenso flugunfähige Vögel oder Inselarten mit stabilen Beständen. Entscheidend ist häufig die Kombination mehrerer Eigenschaften mit einer konkreten Bedrohung.
Ein großer, langsam reproduzierender Inselendemit mit kleinem Verbreitungsgebiet kann intensive Jagd beispielsweise wesentlich schlechter verkraften als eine kleine, schnell reproduzierende und weit verbreitete Art. Kommen weitere Belastungen wie eingeschleppte Räuber hinzu, kann sich die Verwundbarkeit zusätzlich erhöhen.
Der Dodo vereinte gleich mehrere solcher Merkmale: Er war groß, flugunfähig, kam ausschließlich auf Mauritius vor und hatte sich dort ohne landlebende Säugetierräuber entwickelt. Mit der Ankunft des Menschen und eingeschleppter Tiere änderten sich diese Bedingungen innerhalb kurzer Zeit.
Dass solche Kombinationseffekte auch in anderen Tiergruppen auftreten, zeigt eine Untersuchung von 241 Korallenfischarten des Indopazifiks. Besonders große Arten mit kleinen Verbreitungsgebieten reagierten empfindlich auf starken menschlichen Einfluss.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, eine Art anhand einzelner Eigenschaften als „zum Aussterben bestimmt“ zu betrachten. Solche Merkmale zeigen vielmehr, wie viel Spielraum einer Population bleibt, wenn neue Belastungen auftreten.
Aussterben verändert unser Bild von „Normalität“
Dass Arten nicht zufällig verschwinden, hat noch eine weitere Konsequenz: Wenn über lange Zeiträume überproportional Arten mit bestimmten Eigenschaften verloren gehen, verändert sich die Zusammensetzung der Tierwelt. Die Arten, die wir heute beobachten, sind deshalb keine zufällige Auswahl der früheren Vielfalt.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Vögeln. Heute sind weniger als 0,5 % der Vogelarten flugunfähig, in der jüngeren Vergangenheit war Flugunfähigkeit sehr viel weiter verbreitet. Auch die Größenverteilung der Vogelwelt hat sich verändert, weil überproportional viele große Arten verschwanden. Fromm und Meiri warnen deshalb davor, allein anhand heute lebender Arten darauf zu schließen, wie häufig bestimmte Eigenschaften früher waren.
Dieses Problem erinnert an das Konzept der Shifting Baselines: Der jeweils gegenwärtige Zustand wird leicht zum Maßstab dafür, was als „normal“ gilt. Sind jedoch bereits zahlreiche Arten verschwunden, kann eine verarmte Tierwelt fälschlich als natürlicher Ausgangszustand erscheinen.
Ein ähnliches Problem zeigt die Studie von Schowanek und seinem Team. Je kürzer der betrachtete Zeitraum wurde, desto stärker veränderten sich einige Zusammenhänge zwischen biologischen Eigenschaften und Aussterberisiko. Merkmale, die langfristig mit höheren Verlusten verbunden waren, konnten in heutigen lokalen Daten teilweise sogar mit besseren Überlebenschancen verbunden erscheinen.
Eine mögliche Erklärung liegt auf der Hand: Viele der besonders empfindlichen Arten fehlen bereits. Wer nur die heutigen Überlebenden betrachtet, kann deshalb unterschätzen, welche Eigenschaften Arten in der Vergangenheit verwundbar machten.
Viele Verluste kennen wir nicht
Unser Wissen über vergangene Aussterbeereignisse ist unvollständig. Fromm und Meiri gehen davon aus, dass die von ihnen erfassten 469 ausgestorbenen Vogelarten nur einen Teil der tatsächlichen Verluste darstellen. Viele abgelegene Inseln wurden bislang nur unzureichend untersucht, zahlreiche Fossilien sind noch nicht wissenschaftlich beschrieben, und der jüngste bekannte Fund einer Art muss nicht mit ihrem tatsächlichen Aussterbezeitpunkt übereinstimmen.
Hinzu kommt eine mögliche Verzerrung der Fossilüberlieferung: Die Knochen großer Vögel bleiben eher erhalten und werden leichter entdeckt als die kleiner Arten. Dadurch könnte ihr Anteil unter den bekannten Aussterbeereignissen überschätzt sein. Historische Berichte und archäologische Funde sprechen allerdings dafür, dass große Vögel tatsächlich besonders stark vom Menschen betroffen waren.
Eine 2026 veröffentlichte Studie von Søren Faurby und Kollegen zeigt, wie groß die Lücke sein könnte. In ihrem bevorzugten Modell schätzten die Forschenden einen Median von 881 bislang nicht dokumentierten Vogelaussterben. Viele dieser unbekannten Arten dürften auf Inseln gelebt haben, wo kleine Verbreitungsgebiete und eine lückenhafte Fossilüberlieferung das Entdecken ausgestorbener Arten erschweren.
Die bekannten Aussterbeereignisse zeigen deshalb wahrscheinlich nur einen Teil des tatsächlichen Verlusts. Insbesondere auf Inseln könnte das Ausmaß vergangener Verluste noch deutlich unterschätzt sein.
Was bedeutet das für den Artenschutz?
Biologische Eigenschaften können helfen, besonders verwundbare Arten frühzeitig zu erkennen. Keine einzelne Eigenschaft bedeutet, dass eine Art aussterben wird. Treffen mehrere bekannte Risikofaktoren zusammen, kann dies aber ein wichtiges Warnsignal sein.
Entscheidend ist dabei immer, auf welche konkrete Bedrohung diese Eigenschaften treffen. Ein kleines Verbreitungsgebiet, langsame Fortpflanzung oder geringe Ausweichmöglichkeiten werden vor allem dann zum Problem, wenn gleichzeitig Jagd, Fischerei, Lebensraumverlust, eingeschleppte Arten oder andere Belastungen auf eine Population einwirken.

Bild: ajott, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Solche Merkmale sind keine evolutionären Fehler. Sie konnten unter den Bedingungen, unter denen sie entstanden, über lange Zeit erfolgreich sein. Gefährlich wird es, wenn sich die Umwelt schneller verändert, als eine Art darauf reagieren kann. Menschen können Lebensräume innerhalb weniger Jahrzehnte verändern, Populationen stark dezimieren oder neue Fressfeinde einführen – evolutionäre Anpassungen benötigen hingegen viele Generationen.
Gerade bei Arten, über deren Bestandsentwicklung noch wenig bekannt ist, können solche Risikoprofile darauf hinweisen, welche Arten genauer untersucht oder vorsorglich stärker geschützt werden sollten. Sie ersetzen jedoch keine Daten über Bestände und konkrete Bedrohungen vor Ort.
Die Untersuchung von Schowanek zeigt zudem, dass langfristige Risikomuster nicht einfach auf jede heutige Population übertragen werden können. Welche Eigenschaften zum Vor- oder Nachteil werden, hängt auch vom betrachteten Zeitraum und den örtlichen Bedingungen ab. Große und langsam reproduzierende Säugetiere erschienen in einigen aktuellen lokalen Datensätzen beispielsweise vergleichsweise widerstandsfähig. Das könnte unter anderem daran liegen, dass besonders empfindliche Arten bereits verschwunden sind und viele der untersuchten Gebiete zumindest teilweise geschützt waren.
Für den Artenschutz bedeutet das: Biologische Eigenschaften sind Warnsignale, keine Vorhersagen. Wichtig bleibt, ihr Zusammenspiel mit den tatsächlichen Bedrohungen einer Population.
Aussterben trifft Arten nicht zufällig
Die verschiedenen Untersuchungen zeigen kein universelles „Aussterbeprofil“. Nicht jeder Risikofaktor gilt für jede Tiergruppe, und dieselbe Eigenschaft kann unter unterschiedlichen Bedingungen ganz verschiedene Folgen haben.
Dennoch kehren bestimmte Muster immer wieder: große Körpergröße, langsame Fortpflanzung, kleine Verbreitungsgebiete, Inselendemismus, starke Spezialisierung und geringe Möglichkeiten, Bedrohungen auszuweichen. Bei Vögeln kann zusätzlich Flugunfähigkeit eine wichtige Rolle spielen; bei Säugetieren gibt es Hinweise auf weitere Einflüsse wie Ernährung und relative Gehirngröße.
Entscheidend ist meist nicht ein einzelnes Merkmal, sondern das Zusammenspiel von biologischer Verwundbarkeit und konkreter Bedrohung. Eine Eigenschaft wird in erster Linie dann zum Risiko, wenn sie einer Art wenig Spielraum lässt, auf Jagd, Fischerei, eingeschleppte Arten oder rasche Veränderungen ihres Lebensraums zu reagieren.
Die Geschichten ausgestorbener Arten zeigen also nicht nur, warum einzelne Arten verschwanden. Erst im Vergleich vieler solcher Geschichten werden wiederkehrende Muster sichtbar. Außerdem erinnern sie daran, dass die Tierwelt, die wir heute beobachten, bereits durch diese ungleich verteilten Verluste geprägt wurde. Die heutige Natur ist demnach nicht der Ausgangspunkt, sie ist durch Jahrtausende nicht zufälliger Aussterbeereignisse geprägt.
Quellen
- Bak, T. M., Camp, R. J., Heim, N. A., et al. (2023). A global ecological signal of extinction risk in marine ray-finned fishes (class Actinopterygii). Cambridge Prisms: Extinction, 1, e25. https://doi.org/10.1017/ext.2023.23
- Dembitzer, J., Castiglione, S., Raia, P., & Meiri, S. (2022). Small brains predisposed Late Quaternary mammals to extinction. Scientific Reports, 12(1), 3453. https://doi.org/10.1038/s41598-022-07327-9
- Faurby, S., Matthews, T. J., Triantis, K. A., & Sayol, F. (2026). Quantifying the unrecorded loss of avian phylogenetic diversity. Ecography, 2026(2), e08267. https://doi.org/10.1002/ecog.08267
- Fromm, A., & Meiri, S. (2021). Big, flightless, insular and dead: Characterising the extinct birds of the Quaternary. Journal of Biogeography, 48(9), 2350–2359. https://doi.org/10.1111/jbi.14206
- Graham, N. A. J., Chabanet, P., Evans, R. D., et al. (2011). Extinction vulnerability of coral reef fishes. Ecology Letters, 14(4), 341–348. https://doi.org/10.1111/j.1461-0248.2011.01592.x
- Loiseau, N., Mouillot, D., Velez, L., et al. (2024). Inferring the extinction risk of marine fish to inform global conservation priorities. PLOS Biology, 22(8), e3002773. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3002773
- Mellin, C., Mouillot, D., Kulbicki, M., et al. (2016). Humans and seasonal climate variability threaten large-bodied coral reef fish with small ranges. Nature Communications, 7, 10491. https://doi.org/10.1038/ncomms10491
- Pincheira-Donoso, D., Harvey, L. P., Cotter, S. C., et al. (2021). The global macroecology of brood size in amphibians reveals a predisposition of low-fecundity species to extinction. Global Ecology and Biogeography, 30(6), 1299–1310. https://doi.org/10.1111/geb.13287
- Sandretti-Silva, G., Schwarz Meyer, A., Caron, F. S., et al. (2026). Phenotypic and ecological correlates of population decline in the world’s anurans. Ecology and Evolution, 16(3), e73168. https://doi.org/10.1002/ece3.73168.
- Schowanek, S. D., Sheil, D., Dupont, P., et al. (2026). Predictors of extinction risk in large tropical forest mammals: From global to local. Science Advances, 12(29), eaeb7543. https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aeb7543
- Slavenko, A., Tallowin, O. J. S., Itescu, Y., et al. (2016). Late Quaternary reptile extinctions: Size matters, insularity dominates. Global Ecology and Biogeography, 25(11), 1308–1320. https://doi.org/10.1111/geb.12491
- Smith, R. (2026, 20. August). How well do past extinctions predict extinction risk today? Phys.org. https://phys.org/news/2026-08-extinctions-extinction-today.html
- Xiong, Y., Rozzi, R., Zhang, Y., et al. (2024). Convergent evolution toward a slow pace of life predisposes insular endotherms to anthropogenic extinctions. Science Advances, 10(28), eadm8240. https://doi.org/10.1126/sciadv.adm8240
Unterstütze diesen Blog
Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über eine kleine Spende. Damit bleibt artensterben.de werbefrei und ohne Bezahlschranken – und alle Leser behalten freien Zugang zu den Inhalten.
Alternativ kannst Du meine Arbeit auch durch den Kauf meines Buches oder über meine Amazon-Wunschliste unterstützen.
Vielen Dank!
