Ausgestorbene Pflanzen

Ausgestorbene & verschollene Pflanzen – eine Liste

Ein häufig übersehenes Artensterben

Ausgestorbene Pflanzen: Cry-Veilchen (Viola cryana)
Das in Frankreich endemische Cry-Veilchen (Viola cryana) wurde seit 1927 nicht mehr gefunden und gilt daher als ausgestorben. Als Ursachen gelten das starke Sammeln durch Botaniker sowie der Abbau von Kalkstein in seinem Lebensraum.
Bild: Curtis’s botanical magazine dedications, 1827-1927, Public domain, via Wikimedia Commons

Wenn vom Aussterben die Rede ist, denken viele zuerst an Tiere: an den Dodo, den Beutelwolf oder die Wandertaube. Einzelne ausgestorbene Pflanzenarten sind den meisten Menschen dagegen kaum bekannt. Dabei verschwinden auch Pflanzen seit Jahrhunderten durch Lebensraumverlust, invasive Arten, Übernutzung und Klimawandel.

Dieses Ungleichgewicht wird auch als Plant Blindness oder Plant Awareness Disparity beschrieben: Pflanzen werden häufig weniger bewusst wahrgenommen als Tiere. Sie erscheinen vielen Menschen eher als „grüne Kulisse“ denn als eigenständige Lebewesen mit komplexen Lebensweisen und zentraler ökologischer Bedeutung. Die Folge ist, dass auch ihr Rückgang weniger Aufmerksamkeit erhält – in der Öffentlichkeit, in den Medien und teils auch in Schutzprioritäten.

Wie bei vielen Tierarten ist auch bei Pflanzen das Aussterben oft schwer eindeutig festzustellen. Besonders bei unscheinbaren, selten gesammelten oder nur kleinräumig verbreiteten Arten liegt zwischen „noch vorhanden“ und „ausgestorben“ eine breite Grauzone. Manche Pflanzen waren schon immer selten, wuchsen nur auf einer einzelnen Insel, an einem Berghang oder in einem bestimmten Feuchtgebiet. Andere sind lediglich von einem einzelnen Herbarbeleg bekannt oder wurden seit Jahrzehnten – manchmal sogar seit Jahrhunderten – nicht mehr nachgewiesen.

Hinzu kommt: Einige Pflanzen können als Samen im Boden überdauern oder nur in bestimmten Jahreszeiten eindeutig erkannt werden. Deshalb gelten viele Arten zunächst als verschollen, möglicherweise ausgestorben, bevor ihr tatsächlicher Status geklärt werden kann. Überdies gibt es Arten, die nicht mehr in der freien Natur wachsen, aber noch in botanischen Gärten, Samenbanken oder anderen Erhaltungskulturen überleben.

Inseln als Schwerpunkt des Pflanzensterbens

Viele der heute als ausgestorben oder verschollen geltenden Pflanzenarten waren Insel-Endemiten. Sie kamen also nur auf einer einzigen Insel oder Inselgruppe vor. Diese enge räumliche Begrenzung macht sie extrem verletzlich. Wenn eine Art nur an einem bestimmten Berghang oder in nur einem Tal wächst, kann bereits eine kleine Veränderung ausreichen, um ihren gesamten Bestand zu gefährden.

Argyroxiphium virescens - ausgestorben
Das Maui Greensword (Argyroxiphium virescens) war eine endemische Pflanzenart im Osten der hawaiianischen Insel Maui. Es verschwand vermutlich um 1945; als Hauptursache gilt die starke Beweidung und Schädigung seines Lebensraums durch eingeführte Ziegen, Rinder und Schweine.
Bild: Argyroxiphium virescens Hillebr. by The New York Botanical Garden, CC BY 4.0, via GBIF

Inselökosysteme entwickelten sich oft über lange Zeiträume isoliert. Viele Pflanzen waren dort an sehr spezielle Standortbedingungen angepasst: an bestimmte Höhenlagen, Nebelwälder, vulkanische Böden, feuchte Schluchten, Trockenwälder oder offene Küstenbereiche. Zugleich fehlten auf vielen Inseln ursprünglich große Pflanzenfresser oder konkurrenzstarke Arten. Mit der Ankunft des Menschen veränderte sich das: Wälder wurden gerodet, Flächen beweidet, Siedlungen angelegt und fremde Tiere und Pflanzen eingeschleppt. Für Inselarten bedeutete das nicht selten, dass ihr gesamter Lebensraum innerhalb kurzer Zeit verschwand oder stark verändert wurde.

Ein Beispiel ist die Rapa-Nui-Palme (Paschalococos disperta) der Osterinsel. Einst war die Insel großflächig von Palmenwäldern bedeckt, doch zwischen etwa 1200 und 1650 verschwanden diese Wälder nach und nach. Neben menschlicher Nutzung spielte dabei offenbar die eingeschleppte Pazifische Ratte (Rattus exulans) eine entscheidende Rolle: Sie fraß die großen, nährstoffreichen Palmensamen und verhinderte so über Generationen hinweg die natürliche Verjüngung der Bestände. Die Menschen entfernten zusätzlich ausgewachsene Bäume durch Rodung, Feuer und Holznutzung. Am Ende verschwand eine ganze endemische Baumart für immer.

Dieses Muster zeigt sich auch auf Hawaii oder St. Helena. Dort trafen kleine natürliche Areale, hohe Endemismusraten – sowohl bei Pflanzen als auch bei Tieren – und menschliche Eingriffe aufeinander. Verwilderte Ziegen, Schweine, Kaninchen oder Ratten fraßen Jungpflanzen, zerstörten Vegetation oder verhinderten die natürliche Verjüngung. Invasive Gräser und Sträucher verdrängten einheimische Pflanzen, veränderten Feuerregime oder nahmen seltenen Arten Licht, Raum und Nährstoffe. Wenn eine Pflanzenart ohnehin nur aus wenigen Individuen bestand, konnte eine solche Kombination aus Lebensraumverlust, Fraßdruck und Konkurrenz schnell zum endgültigen Verschwinden führen.

Anhand der Azoren lässt sich exemplarisch zeigen, dass Inseln zu den gefährdetsten Räumen der globalen Pflanzenvielfalt gehören. Eine 2026 in Scientific Reports veröffentlichte Studie zur endemischen Gefäßpflanzenflora der Inselgruppe zeigt, dass ein erheblicher Teil dieser Flora bedroht ist. Die Forschenden bewerteten 94 ausschließlich auf den Azoren vorkommende Pflanzenarten und Unterarten nach den Kriterien der IUCN Roten Liste. Zwölf Taxa konnten aufgrund unsicherer Datenlage nicht abschließend eingestuft werden; von den übrigen 82 bewertbaren Taxa gelten 60,9 % als bestandsgefährdet. Allein 35 Taxa wurden als stark gefährdet eingestuft, acht weitere als vom Aussterben bedroht. Zudem erklärte die Studie zwei Taxa für ausgestorben: Vicia dennesiana von der Insel São Miguel, eine endemische Wicke, die bereits im 19. Jahrhundert aus der Kultur verschwand, sowie Armeria maritima azorica, die zuletzt 1974 auf São Jorge nachgewiesen wurde. Die Forschenden betonen, dass diese dokumentierten Aussterbefälle vermutlich nur einen Teil der tatsächlichen Verluste abbilden. Viele Pflanzen könnten bereits verschwunden sein, bevor sie wissenschaftlich beschrieben oder systematisch erfasst wurden.

Pflanzen auf Kontinenten sind nicht unbedingt weniger bedroht, doch auf Inseln wird Aussterben oft schneller sichtbar, weil die Verbreitungsgebiete kleiner und die ökologischen Beziehungen enger begrenzt sind. Verschwindet dort der letzte Standort, verschwindet nicht nur eine lokale Population, sondern die gesamte Art.

Die Hauptursachen des Pflanzensterbens

Die wichtigste Ursache für das Verschwinden von Pflanzenarten ist der Verlust und die Veränderung ihrer Lebensräume. Wälder werden gerodet, Feuchtgebiete trockengelegt, Küsten bebaut, Grasländer in Ackerflächen umgewandelt oder Berghänge durch Straßen, Bergbau und Tourismus erschlossen. Für seltene oder kleinräumig verbreitete Pflanzen kann bereits der Verlust weniger Standorte existenziell sein.

Eine weitere zentrale Rolle spielen invasive Arten. Eingeschleppte Tiere können Jungpflanzen, Samen oder ganze Vegetationsbestände schädigen; invasive Pflanzen konkurrieren mit einheimischen Arten um Licht, Wasser und Nährstoffe. Insbesondere auf Inseln, wo Arten ohne solche Konkurrenz oder Fraßfeinde entstanden sind, können diese Veränderungen verheerende Folgen haben.

Eriocaulon inundatum - ausgestorbene Pflanzen-Art aus dem Senegal
Eriocaulon inundatum war eine Blütenpflanze aus der Familie der Pfeifenputzergewächse (Eriocaulaceae). Die Art ist nur aus Senegal sicher belegt, wo sie 1943 gesammelt wurde. Bei Nachsuchen am Typusfundort konnte sie nicht wiedergefunden werden; ein Großteil der möglichen Lebensräume wurde durch lokalen Salzabbau zerstört. Daher gilt E. inundatum als ausgestorben.
Bild: ALF033287-Eriocaulon inundatum Moldenke by e-ReColNat (ANR-11-INBS-0004), CC BY 4.0, via GBIF

Hinzu kommt direkte Übernutzung. Wertvolle Holzarten, Heilpflanzen, Orchideen, Sukkulenten, Palmfarne oder auffällige Zierpflanzen wurden und werden aus der Natur entnommen. Langsam wachsende Arten können solche Verluste oft kaum ausgleichen, vor allem wenn sie nur wenige Samen bilden oder auf bestimmte Bestäuber angewiesen sind.

Der Klimawandel verschärft viele dieser Belastungen. Höhere Temperaturen, veränderte Niederschläge, Dürren, Stürme oder steigende Meeresspiegel verändern die Standorte, an die Pflanzen angepasst sind. Gefährdet sind Hochgebirgspflanzen, Küstenarten, Nebelwaldpflanzen, Inselendemiten und Arten mit sehr kleinen Verbreitungsgebieten, die kaum Ausweichmöglichkeiten haben. Ein Beispiel ist der Key-Largo-Baumkaktus (Pilosocereus millspaughii) in Florida: Sein lokales Verschwinden wird mit Meeresspiegelanstieg, Sturmfluten und zunehmender Küstenerosion in Verbindung gebracht.

In der Regel führt nicht ein einzelner Faktor zum Aussterben einer Art, sondern eine Kombination mehrerer Belastungen: Lebensräume werden kleiner, invasive Arten breiten sich aus, Bestäuber verschwinden, das Klima verändert sich und die letzten Populationen verlieren an genetischer Vielfalt. So können Pflanzenarten verschwinden, lange bevor ihr Rückgang öffentlich wahrgenommen wird.

Ausgestorbene Pflanzen: Daten & Fakten (Stand: 05/2026)

Die Rote Liste der IUCN dokumentiert weltweit Pflanzenarten, die offiziell als ausgestorben (EX) oder in der Natur als ausgestorben (EW) gelten. Derzeit listet sie 141 Pflanzenarten sowie 11 Unterarten oder Varietäten als global ausgestorben. Diese Zahlen zeigen jedoch nur den dokumentierten Teil des Problems. Tatsächlich dürfte die Zahl verschwundener Pflanzenarten höher liegen, denn viele Arten wurden nie umfassend untersucht, sind nur von wenigen Herbarbelegen bekannt oder verschwanden, bevor ihr Gefährdungsstatus überhaupt bewertet wurde.

Ausgestorben: Fissidens microstictus (Moos)
Spaltzahnmoos Fissidens microstictus
Die Art war auf Madeira endemisch und wurde seit 1982 trotz gezielter Suchen nicht mehr gefunden. Ihr früherer Lebensraum liegt heute in einem vollständig urbanisierten und stark touristisch geprägten Gebiet der Insel. Sie gilt daher als ausgestorben.
Bild: Fissidens microstictus Dixon & Luisier Collected in Portugal, CC BY 4.0, via GBIF

In Nordamerika verzeichnet die IUCN die meisten offiziell ausgestorbenen Pflanzen: 48 Arten und 10 Unterarten. Ein großer Teil davon entfällt auf die Hawaiiinseln: 46 dieser Taxa waren dort endemisch, kamen also natürlicherweise nur auf diesem Archipel vor. Dazu gehören etwa Glockenblumengewächse wie Cyanea dolichopoda oder Cyanea pohaku.

Auch in Subsahara-Afrika sind zahlreiche Pflanzen verschwunden. Dort gelten 27 Pflanzen-Taxa als ausgestorben. Allein von der Insel St. Helena stammen 5 offiziell ausgerottete Arten, darunter der St.-Helena-Olivenbaum (Nesiota elliptica) und das St.-Helena-Ebenholz (Melhania melanoxylon). In Ozeanien sind 24 Pflanzen-Taxa als ausgestorben gelistet. Dazu zählen 4 Arten aus Australien sowie jeweils 6 Arten aus Neuseeland, Neukaledonien und Französisch-Polynesien. Aus der Karibik sind 15 ausgestorbene Pflanzen-Taxa bekannt, davon allein 11 aus Kuba.

In Europa gelten 9 Pflanzen-Taxa als offiziell ausgestorben, allerdings muss diese Zahl differenziert betrachtet werden: 1 Art, Ornithogalum visianicum, wurde 2016 in Kroatien wiederentdeckt; 1 weitere, Astragalus nitidiflorus, wurde bereits 2003 in Spanien wiedergefunden; 2 weitere noch gelistete Arten wurden inzwischen mit noch existierenden Arten synonymisiert. Weiterhin als ausgestorben gelten das Cry-Veilchen (Viola cryana) aus Frankreich, das Laubmoos Nobregaea latinervis und das Spaltzahnmoos Fissidens microstictus von Madeira sowie die Flockenblume Centaurea tuntasia und der Doldenblütler Geocaryum divaricatum aus Griechenland.

In der Kategorie In der Natur ausgestorben stehen derzeit 47 Pflanzenarten und 1 Unterart, darunter die Franklinie (Franklinia alatamaha) aus dem US-Bundesstaat Georgia. In der Natur wurde sie seit dem frühen 19. Jahrhundert nicht mehr nachgewiesen. Heute existiert sie nur noch in Kultur; alle bekannten Pflanzen gehen auf Samen und Setzlinge zurück, die im 18. Jahrhundert gesammelt wurden. Auch den Palmfarn Encephalartos woodii aus Südafrika findet man nur noch in botanischen Gärten. Alle erhaltenen Pflanzen stammen von einem einzigen männlichen Wildexemplar ab, das Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde. Da bis heute keine weibliche Pflanze gefunden wurde, ist eine natürliche geschlechtliche Fortpflanzung nicht möglich. Die Art überlebt damit zwar noch als lebende Pflanze, ist aber in ökologischer und evolutionärer Hinsicht an einem kritischen Endpunkt angekommen.

Bodensee-Steinbrech / Lake Constance saxifrage (Saxifraga oppositifolia amphibia)
Auch der Bodensee-Steinbrech (Saxifraga oppositifolia amphibia) ist heute höchstwahrscheinlich ausgestorben. Er kam nur an den Kiesufern des Bodensees vor und wurde seit den 1960er-Jahren nicht mehr nachgewiesen.
Bild: Doreen Fräßdorf, Naturkundemuseum Stuttgart

Über die Autorin: Doreen Fräßdorf

Doreen Fräßdorf ist Autorin und Betreiberin von artensterben.de. Sie recherchiert und schreibt über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Arten in der Neuzeit – mit Schwerpunkt auf Roten Listen, wissenschaftlichen Studien, historischen Quellen und aktuellen Schutzbemühungen. Ziel ist eine verständliche, faktenbasierte Einordnung komplexer Entwicklungen rund um Biodiversitätsverlust und Artenschutz.
Sie ist außerdem Autorin eines Sachbuchs über ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit.

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Buchcover: Ausgestorbene Säugetiere seit 1500
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