Alte Arten: die Lederschildkröte
Warum sind manche Arten fast überall? Die Lederschildkröte entstammt einer uralten Linie und sie ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Sie durchquert ganze Ozeane und ist weltweit in tropischen und subtropischen Meeren zu finden. Rabon David, U.S. Fish and Wildlife Service, Public domain, via Wikimedia Commons)

Mehr Zeit, mehr Raum: Wie Alter die Verbreitung von Arten prägt

Alte Arten = größeres Areal (meistens): Eine neue Auswertung von 26.345 Linien aus sieben großen Tier- und Pflanzengruppen zeigt ein deutliches Muster: Ältere Arten sind im Durchschnitt weiter verbreitet – Ausnahme: Meeressäuger. Aus früheren Studien wissen wir, Reproduktionsrate, Lebensraumgröße und Anpassungsfähigkeit prägen die Überlebensfähigkeit von Arten. Nun kommt ein weiterer Faktor hinzu: das evolutionäre Alter.

Das internationale Team um die Evolutionsökologin Adriana Alzate hat quer durch den „Stammbaum des Lebens“ untersucht, warum manche Arten riesige Verbreitungsgebiete haben, während andere nur winzige Flecken besiedeln: Amphibien, Reptilien, Vögel, Riff-Fische, Palmen sowie terrestrische und marine Säugetiere.

Das Ergebnis: Je älter eine Art (im phylogenetischen Sinn), desto größer ist typischerweise ihr Areal – besonders deutlich auf Inseln und bei Gruppen mit geringem Ausbreitungsvermögen (etwa viele Amphibien). „Alt“ meint hier nicht Lebensalter, sondern die Zeit seit der Abspaltung von der Schwesterlinie.

Verbreitungskünstler: Alter, Mobilität & Menscheneinfluss

Arten, die riesige Areale besiedeln, finden wir quer durch die Natur: die Kokospalme (Cocos nucifera) an tropischen Küsten, die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), die nahezu alle tropischen und warm-gemäßigten Ozeane durchquert, oder das Gewöhnliche Schilfrohr (Phragmites australis), das in Feuchtgebieten auf fast allen Kontinenten wächst. Gemeinsame Erfolgsfaktoren sind meist ein hohes Ausbreitungsvermögen, ökologischer Generalismus (viele Umweltbedingungen werden toleriert) – und teils auch menschliche Starthilfe durch Verschleppung und Einführung.

Weltweit verbreitet ≠ automatisch „alt“

„Weit verbreitet“ heißt nicht automatisch „evolutionär alt“.

  • Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist von Europa über Nordamerika bis Asien verbreitet und seit dem 19. Jahrhundert auch in Australien. Sein Erfolg beruht vor allem auf Anpassungsfähigkeit (und teilweise Einführung durch den Menschen) – nicht darauf, besonders alt zu sein.
  • Ähnlich beim Haussperling (Passer domesticus): Er kommt fast weltweit vor, weil er Siedlungen des Menschen folgt und sehr flexibel lebt. rotz großer Verbreitung gilt er evolutionär als jung; seine globale Präsenz ist stark menschgemacht.

Alte Linien, große Areale – der Trend

Kokospalme - eine gute Ausbreiterin
Weit gereist dank schwimmender Samen: Die Kokospalme ist heute pantropisch verbreitet. Ihre salzwasserfeste Frucht kann wochenlang auf dem Meer treiben – zusätzlich half der Mensch bei der Verbreitung. Ein Beispiel dafür, wie hohes Ausbreitungsvermögen große Areale ermöglicht.
Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Die Studie zeigt: Je älter eine Art (evolutionär), desto größer ist typischerweise ihr Verbreitungsgebiet – kein Zufall, sondern ein Muster – mit Ausnahmen. Beispiele:

  • Die Lederschildkröte steht für eine sehr alte Abstammungslinie und ist beinahe kosmopolitisch in warmen Meeren.
  • Das Schilf ist ein alter Artenkomplex mit hoher ökologischer Toleranz und effizienter Samenverbreitung – ein Schlüssel für seine weltweite Präsenz.

Der Befund beschreibt einen Trend, keine eiserne Regel. Es gibt auch alte Arten mit kleinen Arealen (etwa Spezialisten oder Inselendemiten). Wie groß ein Areal wird, bestimmen neben dem Alter vor allem Ausbreitungsvermögen, Ökologie und Insel-/Festlandlage – und bei manchen Arten auch Menscheneinfluss.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

Alter & Arealgröße

Grob gesagt gilt: Je älter eine Art, desto größer ist im Schnitt ihr Verbreitungsgebiet. Ältere Arten hatten schlicht mehr Zeit, neue Regionen zu erreichen, sich anzupassen und stabile Bestände aufzubauen.

Ausnahme: Meeressäuger (etwa Wale, Delfine, Robben) zeigen keinen klaren Alterseffekt. Gründe dafür sind, dass sie sich im offenen Ozean oft sehr weit bewegen können (weniger harte Barrieren als an Land), dynamische Meeresräume (Strömungen, Temperaturfelder), wodurch sich Verbreitungen schneller verschieben, und eine kleine Datenbasis (nur ca. 70 Arten).

Alter hilft beim „Arealaufbau“, aber Lebensraumtyp und Beweglichkeit der Arten entscheiden mit, wie sichtbar dieser Effekt ist.

Inseln verstärken den Unterschied

Inselarten haben erwartbar kleinere Areale als Festlandsarten. Zugleich ist auf Inseln der Altersunterschied besonders deutlich:

  • Frühe Kolonisatoren (oft Generalisten) waren die ersten, die eine Insel oder ein Archipel erreichten. Sie trafen auf wenig Konkurrenz und wenige Räuber und konnten sich breiter entfalten. Mit viel Zeit schafften sie es zudem, sich zwischen Inseln auszubreiten (über Landbrücken, Treibgut, kurze Seewege) und so größere Insel-Areale aufzubauen.
  • Jüngere Inselarten entstehen häufig lokal, zum Beispiel wenn sich eine Population auf eine Insel isoliert und dort neu differenziert. Das Ergebnis sind sehr kleine Verbreitungen (Endemiten), oft auf eine Insel oder wenige Täler begrenzt.

Auf Inseln entscheidet nicht nur Zeit (Alter), sondern auch Ausbreitungsbarrieren und Ökologie (Generalist vs. Spezialist) darüber, wie groß ein Areal werden kann: Alt = tendenziell größeres Areal, jung = oft winziges Areal.

Ausbreitungsvermögen zählt

Mallorca-Geburtshelferkröte
Endemit mit Mini-Areal: Die Mallorca-Geburtshelferkröte (Alytes muletensis) lebt natürlicherweise nur in wenigen Kalkschluchten der Serra de Tramuntana. Als schlechte Ausbreiterin mit kleinem Verbreitungsgebiet gehört sie zu den Arten, die laut der neuen Studie besonders verletzlich sind.
(© Govern des Illes Balears, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons)

Ob eine Art große Areale erobert, hängt stark davon ab, wie gut sie sich ausbreiten kann.

  • Gute Ausbreiter (etwa See- und Zugvögel oder Palmen, deren Samen über Tiere oder Wasser weit transportiert werden) bauen schnell große Verbreitungen auf. Bei ihnen ist der Alterseffekt schwächer, denn sie schaffen Reichweite auch in kürzerer Zeit.
  • Schlechte Ausbreiter (viele Amphibien) kommen langsam voran – hier ist der Alterseffekt besonders ausgeprägt: Je älter, desto eher wurde das Areal trotz Barrieren vergrößert.

Alter hilft, aber das Ausbreitungsvermögen entscheidet, wie stark sich dieser Vorteil in der Fläche niederschlägt.

Skaleneffekt: Nicht jede Familie zeigt den Trend

Auf grober Ebene (Klassen, Ordnungen) ist der Zusammenhang klar. Feiner (in Familien) wird er oft neutral:

  • In 65 % der Ordnungen und 76 % der Familien zeigt sich kein eindeutiger Alterseffekt. Warum? Weil arteigene Eigenschaften das Alter-Signal überdecken können, zum Beispiel:
  • Vögel: Flügelgeometrie (Langstreckenflieger vs. Kurzflügler)
  • Säugetiere: Körpergröße, Wanderradius
  • Amphibien: Feuchtigkeitsbindung, Laichplatztreue
  • Pflanzen: Samenverbreitung (Wind, Tiere, Wasser), ökologische Spezialisierung

Mehrere Prüfungen der Forschenden zeigen übereinstimmend: Der beobachtete Zusammenhang ist robust und kein Artefakt einzelner Ausreißer, Messweisen oder Zufall.

Warum das für den Artenschutz zählt

Großes Areal ≠ sicher – aber oft robuster

Ein weites Verbreitungsgebiet senkt das Risiko, dass eine Art durch ein einzelnes Ereignis (Feuer, Dürre, Krankheit) vollständig verschwindet. Garantiert ist das nicht, doch statistisch ist die Auslöschungsgefahr geringer.

Kleine Areale = hohes Aussterberisiko

Arten mit sehr kleinem Vorkommen sind besonders anfällig für Zufallseinflüsse und lokale Eingriffe (Entwaldung, Bebauung). Häufig sind sie jung, inselgebunden oder schlechte Ausbreiter.

Im Artenschutz sollten deshalb Arten oder Populationen höchste Priorität haben, die gleichzeitig jung sind, kleinräumig vorkommen und geringe Mobilität aufweisen. Praktisch umfasst das: frühzeitige Gefährdungsbewertungen, engmaschiges Monitoring, strenger Habitat­schutz und, falls nötig, ex-situ-Sicherungen.

Inseln & fragmentierte Landschaften: Wege schaffen

Amphibientunnel
Querungshilfe für Kröten & Co.: Der Amphibientunnel am Schloss Diepenbrock (Bocholt) leitet Frösche, Kröten und Molche während der Wanderzeit sicher unter der Straße hindurch – besonders wichtig für schlecht mobile Arten.
jpr65, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Wo Barrieren dominieren (Inseln, Verkehrsachsen, ausgeräumte Agrarräume), entscheidet Durchlässigkeit über das Überleben. Wirksam sind:

  • Biotopverbünde/Korridore: Hecken, Saumstreifen, Uferzonen, Auenrenaturierung – vernetzen Lebensräume und sichern genetischen Austausch.
  • Trittsteine: Kleingewässer, artenreiche Brachen, Blühflächen als Zwischenstopps für Arten mit kurzer Reichweite.
  • Querungshilfen: Grünbrücken, Amphibien­tunnel, Durchgängigkeit an Gewässern (Fischpässe).
  • Wiederansiedlungen/Translokationen bei schlechten Ausbreitern – nach Vorprüfung (Genetik, Krankheiten, Habitatqualität) und mit Langzeitbetreuung.
  • Auf Inseln zusätzlich: Biosecurity (Einschleppungen verhindern), Management invasiver Räuber, strikter Schutz verbleibender Mikrohabitate.

Große Areale sind kein Garant.

Weit verbreitete Arten können dennoch rasch verlieren – etwa durch Klimawandel (Verschiebung von Klimagürteln), gleichzeitige Belastungen in vielen Regionen (Landnutzung, Pestizide), Übernutzung (Fischerei/Jagd) oder Krankheiten. Deshalb braucht es:

  • Schutz über das gesamte Areal hinweg (nicht nur Hotspots): repräsentative Schutzgebiete in verschiedenen Klimaräumen.
  • Klimakorridore & Höhen-/Breitengrad-Staffelung: Landschaften so planen, dass mitwandernde Populationen Anschluss finden.
  • Geschärfte Risikoprofile:
    • Jung + kleinräumig + schlechte Ausbreiter → sofortige Fokusarten
    • Alt + großräumig, aber stark genutzte oder migrantische Arten → flächenwirksame Steuerung (etwa internationale Absprachen, Zugrouten sichern, Nutzungsgrenzen)

Das Artalter hilft, Verwundbarkeit besser einzuschätzen – entscheidend bleibt, Barrieren zu reduzieren und Belastungen zu senken. So steigen die Chancen, dass Arten Raum und Zeit gewinnen.

Was wir aus der Studie lernen

Kernaussage: Im Durchschnitt besitzen ältere Arten größere Verbreitungsgebiete. Das macht sie nicht automatisch sicher, hilft aber, Verwundbarkeit besser einzuschätzen: Junge, kleinräumige Arten mit geringem Ausbreitungsvermögen sind besonders gefährdet. Für sie braucht es höchste Priorität – mit striktem Habitatschutz, Vernetzung ihrer Lebensräume und, wo sinnvoll, Wiederansiedlungen.

Für das Management heißt das: Zeit hilft beim Arealaufbau, entscheidend sind aber überwindbare Barrieren und die gleichzeitigen Belastungen (Landnutzung, Klima­wandel etc.). Arten mit großen Arealen müssen über weite Räume hinweg konsistent abgesichert werden – durch repräsentative Schutzgebiete in unterschiedlichen Klimaräumen, funktionierende Wanderkorridore und international abgestimmtes Management (insbesondere für Zug- und Weitwanderarten).

Ausblick: Die Studienautoren vermuten, dass ältere, großräumig verbreitete Arten genetisch besser gepuffert sein könnten, Umwelt­veränderungen auszuhalten – das muss die Genomforschung noch prüfen. Bis dahin gilt: Jung + kleinräumig + schlechte Ausbreiter = hohe Priorität. Und: Vernetzte Lebensräume geben Arten die Chance, mit der Zeit zu wachsen.

Quelle

  • Alzate, A., Rozzi, R., Velasco, J. A., Robertson, D. R., Zizka, A., Tobias, J. A., Hill, A., Bacon, C. D., Janzen, T., Pellissier, L., van der Plas, F., Rosindell, J., & Onstein, R. E. (2025). Evolutionary age correlates with range size across plants and animals. Nature Communications, 16, 7894. https://doi.org/10.1038/s41467-025-62124-y

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