Eine besonders bemerkenswerte Neuheit
Sie ist nur durch ein einziges Exemplar bekannt: ein adultes Männchen, das der US-amerikanische Zoologe Wilfred Hudson Osgood am 20. März 1927 im Hochland Äthiopiens sammelte – in einem kleinen Gebirgsbach nahe der Quelle des Little Abbai. Dieses Tier wurde später als Äthiopische Wassermaus oder Waldbachmaus bekannt.
Die Entdeckung gelang während einer Expedition des Field Museum in Chicago in das damalige Abessinien. Osgood erkannte offenbar schnell, dass er kein gewöhnliches Nagetier vor sich hatte. Noch bevor die gesamte Ausbeute an Kleinsäugern vollständig ausgewertet war, veröffentlichte er die wissenschaftliche Beschreibung der neuen Art. Er bezeichnete sie als „eine besonders bemerkenswerte Neuheit“, die sich deutlich von allen bekannten Formen unterscheide, und hob ihre „ausgeprägten Anpassungen an ein Leben im Wasser“ hervor.

Tatsächlich vereint die Äthiopische Wassermaus mehrere Merkmale, die in dieser Kombination unter afrikanischen Nagetieren einzigartig sind. Ihr Fell ist extrem dicht und weich, die Ohren sind stark verkleinert, und die ungewöhnlich großen, breiten Hinterfüße dürften ihr beim Schwimmen geholfen haben. Osgood verglich sie deshalb mit wasserlebenden Nagetieren anderer Kontinente – etwa den südamerikanischen Fischratten der Gattung Ichthyomys oder den Schwimmratten Neuguineas und Australiens (Hydromys). Für Afrika betonte er dagegen, dass ihm kein wirklich vergleichbares Tier bekannt sei.
Auch der Schädel lieferte Hinweise auf die besondere Lebensweise dieser Art. Osgood fiel vor allem seine charakteristische Form auf: Über den Augen ist der Schädel leicht eingesenkt, während die Schnauze nach oben gebogen ist. Ähnliche Strukturen kannte er von anderen aquatisch lebenden Nagetieren. Er vermutete daher, dass die Schädelform mit der Fortbewegung im Wasser zusammenhängt; möglicherweise erleichterte sie es dem Tier, beim Schwimmen den Kopf so zu halten, dass die Nasenöffnungen oberhalb der Wasseroberfläche blieben.
Auffällig ist zudem, dass die Äthiopische Wassermaus keine enge Verwandtschaft zu den afrikanischen Zottigen Sumpfratten (Dasymys) zu zeigen scheint, obwohl auch diese an feuchte Lebensräume angepasst sind. Für Osgood war deshalb naheliegend, dass sich die Bindung an Wasser in verschiedenen Nagetierlinien Afrikas unabhängig voneinander entwickelt haben muss.
In seiner 1928 veröffentlichten Erstbeschreibung beschrieb Osgood daher nicht nur eine neue Art, sondern stellte sie zugleich in eine eigene Gattung: Nilopegamys plumbeus. Bis heute ist diese Gattung monotypisch geblieben. Kein weiteres Tier konnte ihr je zugeordnet werden, und von der Äthiopischen Wassermaus selbst wurde nie wieder ein zweites Exemplar gefunden.
Äthiopische Wassermaus – Steckbrief
| alternative Bezeichnungen | Äthiopische Waldbachmaus, Äthiopische Wasserratte |
| wissenschaftliche Namen | Nilopegamys plumbeus, Colomys goslingi plumbeus |
| englische Namen | Ethiopian amphibious rat, Ethiopian water mouse, Ethiopian water rat |
| ursprüngliches Verbreitungsgebiet | Äthiopien |
| Zeitpunkt des Aussterbens | nach 1927 |
| Ursachen für das Aussterben | vermutlich Lebensraumverlust |
| IUCN-Status | vom Aussterben bedroht (möglicherweise ausgestorben) |
Verbreitungsgebiet und Lebensraum
Über das Verbreitungsgebiet der Äthiopischen Wassermaus lässt sich kaum mehr sagen als das, was auf einen einzigen Moment im Jahr 1927 zurückgeht. Der bekannte Fundort liegt im Hochland Nordwest-Äthiopiens, in der damaligen Provinz Gojjam, zwischen Sakalla und Njabarra. Die Koordinaten werden mit etwa 11°07′20″ N, 37°12′40″ E angegeben.
Es ist eine Landschaft aus Hochlandrücken, Quellbächen und feuchten Senken. Der Fundort befand sich nahe der Quelle des Little Abbai, auch Gilgel Abay genannt – eines Zuflusses des Tanasees im Quellsystem des Blauen Nils. Die Äthiopische Wassermaus lebte also nicht an einem großen Strom, sondern an einem kleinen Bachlauf in rund 2.600 Metern Höhe.
Osgood (1928) beschrieb den unmittelbaren Fangplatz folgendermaßen:
„Das Typusexemplar (…) wurde in einem kleinen, klaren Bach gefangen, der vermutlich namenlos ist und unweit seiner Quelle in den Little Abbai mündet. Die Falle (…) war in einem schmalen Laufweg aufgestellt, der vom Wasser über eine winzige Insel führte – kaum mehr als ein von Pflanzen gesäumter Trittstein.“
Diese knappe Beschreibung ist nahezu alles, was über den ursprünglichen Lebensraum der Äthiopischen Wassermaus bekannt ist. Vermutlich war sie an kühle, strukturreiche Hochlandbäche gebunden: flaches Wasser, dicht bewachsene Ufer, kleine Inseln, feuchte Verstecke zwischen Pflanzen und Steinen. Für einen am Wasser lebenden Kleinsäuger sind solche Orte ideal, denn sie bieten Deckung, Zugang zum Wasser und wahrscheinlich auch Nahrung.
Ob die Art nur an diesem einen Bach vorkam oder auch andere Quellgewässer der Umgebung besiedelte, bleibt unbekannt. Osgood hatte damals keine Gelegenheit, vergleichbare Stellen nach der Art abzusuchen. Spätere Forschende konnten ebenfalls kein weiteres Exemplar nachweisen. Der Ökologe Tom Dando schätzte das mögliche Verbreitungsgebiet der Äthiopischen Wassermaus 2021 auf weniger als zehn Quadratkilometer.
Der Verlust der Eigenständigkeit
Als Osgood die Äthiopische Wassermaus 1928 wissenschaftlich beschrieb, passte sie für ihn in keine der bekannten Gattungen. Ihre Merkmale waren so ungewöhnlich, dass er für sie eine eigene Gattung aufstellte: Nilopegamys. Diese Einschätzung wurde zunächst von späteren Autoren übernommen, darunter Glover M. Allen (1939) und John Reeves Ellerman (1941).

Bilder (oben, mitte, unten): Field Museum of Natural History, CC BY-NC 4.0, via GBIF
Doch die taxonomische Eigenständigkeit der Art blieb nicht unangetastet. 1966 kam der britische Mammaloge Robert William Hayman zu einer völlig anderen Bewertung: Für ihn ließ sich Nilopegamys plumbeus nicht von der semiaquatischen, in Zentralafrika vorkommenden Afrikanischen Waldbachmaus (Colomys goslingi) unterscheiden. Insbesondere aufgrund der Ähnlichkeiten in Färbung und Fellmuster könne sie „nichts weiter als eine äthiopische Form dieser Art“ sein. So ordnete Hayman Osgoods Art in die Gattung Colomys ein. Aus Nilopegamys plumbeus wurde damit Colomys goslingi plumbeus – eine Unterart.
Aus heutiger Sicht erscheint diese Entscheidung bemerkenswert, denn Hayman hatte das einzige bekannte Exemplar der Äthiopischen Wassermaus nie selbst untersucht. Seine Einschätzung beruhte auf Notizen und Fotografien des Holotyps, die der belgische Mammaloge Walter Verheyen angefertigt hatte. Umso interessanter ist, dass Verheyen selbst in unveröffentlichten Aufzeichnungen zu einer ganz anderen Einschätzung kam: Er hielt mehrere Unterschiede zwischen Nilopegamys und Colomys fest, die gegen eine Gleichsetzung sprachen (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995).
Dennoch setzte sich Haymans Einordnung durch. Über Jahrzehnte verschwand die Äthiopische Wassermaus gewissermaßen taxonomisch in einer anderen Art. Sie galt nicht mehr als eigenständiger Vertreter einer besonderen äthiopischen Linie, sondern als lokale Unterart der weiter verbreiteten Afrikanischen Waldbachmaus. 1983 wurde diese Sicht – trotz Untersuchung des Typusexemplars – durch Fritz Dieterlen erneut gestützt, der die Gattung Colomys überarbeitete und plumbeus weiterhin als eine von sechs Unterarten von C. goslingi behandelte.
Warum diese Einschätzung so lange Bestand hatte, ist nachvollziehbar. Nilopegamys war weiterhin nur durch den Holotyp bekannt. Es gab keine Serie von Tieren, keine Beobachtungen im Freiland und kaum Vergleichsmaterial aus ähnlichen Lebensräumen. Osgoods ursprüngliche Beschreibung wurde nie wesentlich erweitert und blieb die wichtigste Grundlage, doch für moderne Vergleiche eignete sie sich nur begrenzt. Unter solchen Bedingungen konnten äußerliche Ähnlichkeiten leicht überbewertet werden – insbesondere, da Osgood selbst keinen direkten Vergleich mit Colomys vorgenommen hatte (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995).
Erst in den folgenden Jahrzehnten änderte sich die Ausgangslage. Neue Museumsexpeditionen brachten weiteres Material afrikanischer Waldnagetiere hervor, die ebenfalls lange Hinterfüße aufwiesen und an Bachläufe und feuchte Lebensräume angepasst waren, darunter Vertreter der Gattungen Colomys, Malacomys und Deomys. Damit wurde erstmals ein breiterer Vergleich möglich: War Osgoods Wassermaus tatsächlich nur eine abweichende Form von Colomys? Oder handelte es sich doch um eine eigenständige Linie?
Julian C. Kerbis Peterhans und Bruce D. Patterson gingen dieser Frage 1995 nach. Ihre Untersuchung fiel eindeutig aus: Nilopegamys unterscheidet sich in mehreren äußeren, schädelbezogenen und anatomischen Merkmalen klar von Colomys. Die Unterschiede betrafen nicht nur die Färbung, sondern auch Körperproportionen, Hinterfüße, Schädelbau und weitere Merkmale, die für die systematische Einordnung entscheidend sind.
Damit erhielt die Äthiopische Wassermaus ihre Eigenständigkeit zurück. Was jahrzehntelang als Colomys goslingi plumbeus geführt worden war, galt nun wieder als Nilopegamys plumbeus: eine eigene Art in einer eigenen Gattung.
Für Kerbis Peterhans und Patterson war diese Neubewertung mehr als eine reine Korrektur der Systematik. Sie zeigte, dass es sich nicht um ein Randvorkommen einer zentralafrikanischen Art handelte, sondern um ein eigenständiges Taxon des äthiopischen Hochlands – eines, das „die Besonderheit und den Endemismus der Hochlandfauna Äthiopiens“ unterstreicht.

Auch sie lebt an kleinen Gewässern und ist an eine semiaquatische Lebensweise angepasst. Lange wurde die Äthiopische Wassermaus als Unterart von C. goslingi eingeordnet. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch deutliche morphologische Unterschiede, unter anderem bei Körperproportionen, Hinterfüßen und Schädelmerkmalen.
Bild: 427169190, demos7, CC BY-NC 4.0, via iNaturalist
Wader oder Swimmer? – Anpassungen an ein Leben im Wasser
Über das Verhalten der Äthiopischen Wassermaus ist so gut wie nichts bekannt. Kein lebendes Tier wurde je beobachtet, keine Spur dokumentiert, keine Nahrungssuche gefilmt oder beschrieben. Alles, was sich über ihre Lebensweise sagen lässt, muss aus dem einzigen gesammelten Exemplar und seinem Fundort erschlossen werden – aus Körperbau, Schädelmerkmalen und den wenigen Angaben zur Typuslokalität.
Doch auch anhand solcher Merkmale können Fachleute Aussagen treffen: Die Äthiopische Wassermaus war kein gewöhnlicher Bewohner feuchter Ufer, sondern ein stark an Wasser angepasstes Nagetier. Kerbis Peterhans und Patterson zeigten 1995, dass die Art in mehreren Punkten stärker spezialisiert war als die Afrikanischen Waldbachmäuse der Gattung Colomys, mit denen sie lange verwechselt oder in Verbindung gebracht wurde.

Besonders auffällig sind die Hinterfüße. Sie sind groß, breit und kräftig entwickelt – ein Hinweis darauf, dass sie nicht nur zum Laufen am Bachufer dienten, sondern auch beim Schwimmen eine Rolle spielten. Hinzu kommt ein besonders dichtes, weiches Fell, das den Körper im kalten Wasser der Hochlandbäche vor Auskühlung geschützt haben dürfte. Die Ohren sind dagegen stark verkleinert; das kann Wärmeverlust verringern, aber auch den Widerstand beim Bewegen im Wasser reduzieren.
Weitere Details weisen in dieselbe Richtung. Die Gliedmaßen sind stärker behaart, und im Bereich der Vorderfüße befinden sich zusätzliche Tasthaare, sogenannte carpale Vibrissen. Solche Haare können helfen, Berührungen, Strömungen oder Beutetiere in unmittelbarer Nähe wahrzunehmen. Bei Colomys fehlen diese Tasthaare. Für ein Tier, das in trübem oder bewegtem Wasser jagt, sind solche Sinneshaare ein enormer Vorteil.
Auch der Schädel zeigt ungewöhnliche Merkmale. Osgood hatte bereits auf die besondere Form der Schnauze und der Augenregion hingewiesen. Spätere Untersuchungen bestätigten, dass sich Nilopegamys auch im Schädelbau und in der Zahnstruktur deutlich von Colomys unterscheidet. Auffällig sind unter anderem ein relativ großes Gehirn, das etwa 1,5-mal größer als bei anderen muriden Nagern dieser Größe ist, und ein vergrößertes Hinterhauptsloch (Foramen magnum), also die Öffnung, durch die das Rückenmark aus dem Schädel austritt. Solche Merkmale stehen möglicherweise mit besonderen Bewegungs- und Sinnesanpassungen in Verbindung.
Der wichtigste Punkt ist jedoch der Unterschied zwischen Waten und Schwimmen. Mehrere afrikanische Waldnagetiere nutzen flache Bachläufe. Vertreter der Gattungen Colomys, Malacomys oder Deomys werden häufig als „Wader“ beschrieben: Sie bewegen sich vor allem watend durch seichtes Wasser, suchen auf untergetauchter Vegetation nach Nahrung oder laufen entlang der Ufer. Sie sind an feuchte Lebensräume angepasst, aber keine ausgeprägten Schwimmer.
Bei der Äthiopischen Wassermaus scheint die Spezialisierung weiter gegangen zu sein. Kerbis Peterhans und Patterson sehen in ihr einen semiaquatischen Jäger, der sich nicht nur am und im flachen Wasser bewegte, sondern vermutlich auch aktiv schwimmen konnte. Leonid A. Lavrenchenko und Afework Bekele bezeichneten sie 2017 sogar als einzigen schwimmenden Nager Afrikas.
Spätere Einordnungen relativieren dieses Bild. So weist David Happold (2013) darauf hin, dass zwar die breiten Hinterfüße klar auf die Schwimmfähigkeit der Äthiopischen Wassermaus hindeuten würden, ihr aber dennoch typische Merkmale stark aquatischer Säugetiere fehlen. Dazu zählen Anpassungen wie ausgeprägte Schwimmhäute oder einen seitlich abgeflachten Ruderschwanz. Sie war also wahrscheinlich kein vollständig wasserlebendes Tier, sondern ein semiaquatischer Spezialist: an Land beweglich, am Ufer zuhause, aber deutlich besser für das Wasser gerüstet als andere afrikanische Mäuse und Ratten.
Was die Ernährung der Äthiopischen Wassermaus angeht, gibt es lediglich einen indirekten Hinweis. Der Mageninhalt des Holotyps soll nach späteren Angaben von Louis Agassiz Fuertes und Osgood deutlich „fischartig“ gerochen haben. Dies wurde als Hinweis gedeutet, dass kleine Fische zumindest Teil der Nahrung gewesen sein könnten (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995). Ebenso denkbar sind Wasserinsekten, Larven, Krebstiere oder andere wirbellose Tiere, die in Hochlandbächen vorkommen.
Die Äthiopische Wassermaus war also kein reines Wassertier, aber auch keine gewöhnliche Waldbachmaus. Wahrscheinlich war sie ein semiaquatischer Räuber, der die Gebirgsbäche des äthiopischen Hochlands nutzte. Die kräftigen Gliedmaßen und großen Hinterfüße sprechen dafür, dass sie nicht nur watend nach Nahrung suchte, sondern Beute auch aktiv im Wasser verfolgen konnte. Diese Kombination macht die Art innerhalb der afrikanischen Nagetiere außergewöhnlich.
Colomys – ein naher Verwandter
Die Äthiopische Wassermaus war also keine Unterart der Afrikanischen Waldbachmaus. Ganz falsch war die Nähe zu Colomys aber wohl nicht, denn neuere Untersuchungen zeigen: N. plumbeus ist zwar eine eigenständige Art in einer eigenen Gattung, gehört aber wahrscheinlich in die nähere Verwandtschaft der Afrikanischen Waldbachmäuse.
Lange blieb unklar, wo genau Nilopegamys innerhalb der Altweltmäuse (Murinae) einzuordnen ist. Die Art war nur durch ein einziges Exemplar bekannt, und genetisches Material stand lange nicht zur Verfügung. Frühere Systematiker mussten sich daher vor allem auf äußere Merkmale, Schädelbau und Vergleiche mit anderen afrikanischen Nagetieren stützen. Dabei wurde Nilopegamys immer wieder in die Nähe von Colomys gestellt, allerdings zunächst ohne die Sicherheit moderner molekulargenetischer Analysen.

Bild: Nina R from Africa, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Schon Guy Graham Musser und Michael D. Carleton fassten 2005 Colomys, Nilopegamys und Zelotomys in einer sogenannten „Colomys division“ zusammen. Damit betrachteten sie die Äthiopische Wassermaus nicht als völlig isolierte Sonderform, sondern als Teil einer kleinen Gruppe afrikanischer Mäuse mit ähnlichen anatomischen Merkmalen. Auch spätere Arbeiten deuteten in diese Richtung: Pierre-Henri Fabre et al. (2015) schlugen Nilopegamys als mögliches Mitglied der afrikanischen Tribus Praomyini vor, und Christiane Denys et al. (2017) führten die Gattung vorsichtig als sehr seltene Form, die mehrere Merkmale mit dieser Verwandtschaftsgruppe teilt.
Die Praomyini sind eine artenreiche, ausschließlich afrikanische Gruppe innerhalb der Murinae. Zu ihr gehören zahlreiche Mäuse und Ratten, die sehr unterschiedliche Lebensräume besiedeln. Diese Vielfalt macht die Einordnung von Nilopegamys interessant: Innerhalb einer ohnehin formenreichen afrikanischen Radiation scheint die Äthiopische Wassermaus eine besonders spezialisierte Linie zu sein – angepasst an kleine Gewässer, feuchte Uferbereiche und vermutlich ein zumindest teilweise schwimmendes Leben.
Molekulargenetische Untersuchungen, wie sie unter anderem von Violaine Nicolas et al. (2021) zusammengefasst wurden, stützen diese Einordnung. Sie deuten darauf hin, dass Nilopegamys tatsächlich zu den Praomyini gehört und eng mit Colomys verwandt ist. Eine phylogenetische Untersuchung von Thomas C. Giarla et al. (2021) ging noch weiter: Demnach bildet Nilopegamys die Schwestergruppe von Colomys. Beide Linien hätten sich vor etwa 1,8 bis 3 Millionen Jahren getrennt, also am Übergang vom Pliozän zum Pleistozän.
Die Äthiopische Wassermaus ist demnach keine bloße äthiopische Variante von Colomys goslingi, sondern eine eigenständige Linie. Gleichzeitig steht sie Colomys evolutionär nahe. Ihre Ähnlichkeiten mit den Waldbachmäusen sind daher nicht einfach Zufall, sondern spiegeln vermutlich eine gemeinsame Abstammung und ähnliche ökologische Anpassungen wider.
Ob die semiaquatische Lebensweise bereits beim gemeinsamen Vorfahren von Colomys und Nilopegamys angelegt war oder sich in beiden Linien unabhängig weiterentwickelte, lässt sich aktuell nicht sicher sagen. Klar ist nur: Innerhalb der afrikanischen Praomyini entstanden mehrfach Formen, die feuchte Lebensräume, Bachufer und Wasserläufe nutzten. Die Äthiopische Wassermaus scheint zu den am stärksten spezialisierten Vertretern dieser Entwicklung zu gehören. Zugleich bleibt die Erkenntnislage ziemlich dünn: Sie basiert im Wesentlichen auf einem einzigen bekannten Exemplar; Aussagen über dessen Evolutionsgeschichte sind daher zwangsläufig schwierig.
Warum gab es in Afrika so wenige „Wassermäuse“?
Die Äthiopische Wassermaus zeigt, dass sich auch afrikanische Nagetiere an ein Leben im Wasser anpassen konnten. Dennoch blieb sie eine Ausnahme. Während sich in Süd- und Mittelamerika mehrere stark aquatische Nagetiere entwickelten, sind vergleichbare Formen in Afrika selten. Die meisten afrikanischen Arten, die kleine Bäche nutzen, waten eher im flachen Wasser, statt als spezialisierte Schwimmer zu leben (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995).
Ein möglicher Grund liegt in den unterschiedlichen ökologischen Verhältnissen. In den Neotropen waren bestimmte Nischen an Flüssen und Bächen lange weniger stark von anderen Säugetieren besetzt. Dort konnten Nagetiere stärker in diese Lebensräume vordringen und sich zu spezialisierten Wasserbewohnern entwickeln. In Afrika dagegen konkurrierten sie vermutlich mit anderen Tiergruppen, die bereits im oder am Wasser nach Nahrung suchten – etwa Otterspitzmäusen und anderen wasserlebenden Insektenfressern. Für Nagetiere blieb dadurch weniger Raum, sich in diese Richtung zu spezialisieren (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995).
Vor diesem Hintergrund erscheint die Äthiopische Wassermaus umso außergewöhnlicher. Die Art lebte nicht in den feuchten Tieflandwäldern Zentralafrikas, sondern in den Hochlagen Äthiopiens. Dort sind geeignete Gewässer oft kleinräumig, lokal begrenzt und stark von Jahreszeiten abhängig. Dauerhaft wasserführende Gebirgsbäche konnten deshalb besondere Rückzugsräume bilden: kühl, isoliert und ökologisch stabil genug, um eine enge Anpassung an diesen Lebensraum zu ermöglichen (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995; Lavrenchenko & Bekele, 2017).
Auch die Landschaft selbst begünstigte Isolation. Das äthiopische Hochland ist von großen Höhenunterschieden, tief eingeschnittenen Tälern, Schluchten und voneinander getrennten Plateaus geprägt. Mehr als die Hälfte Äthiopiens besteht aus Hochland; viele Lebensräume sind dadurch räumlich voneinander getrennt. Besonders das Große Afrikanische Rift Valley trennte das Hochland bereits früh in ein westliches und ein östliches Plateau und schuf damit Voraussetzungen für lokale Evolution und Artbildung (Lavrenchenko & Bekele, 2017).
Auch innerhalb des Hochlands können Flusstäler und Schluchten als Barrieren wirken. Danila S. Kostin et al. (2020) zeigten etwa, dass der Blue Nile Gorge, eine Schlucht im äthiopischen Hochland, Populationen genetisch trennen kann. Solche Barrieren erschweren den Austausch zwischen benachbarten Tiergruppen und können dazu beitragen, dass sich isolierte Linien über lange Zeit eigenständig entwickeln.
Hinzu kamen wiederholte Klimaschwankungen. Während feuchter Phasen konnten sich Wälder und geeignete Lebensräume ausbreiten, während trockener Phasen schrumpften sie wieder zusammen. Dadurch entstanden immer wieder isolierte Rückzugsräume, in denen spezialisierte Arten überdauern und sich weiterentwickeln konnten. Lavrenchenko und Bekele (2017) sehen in dieser Kombination aus geografischer Isolation, Höhenunterschieden und Klimaschwankungen einen wichtigen Grund für den hohen Anteil endemischer Säugetiere in Äthiopien.
Auch für die Vorfahren der Äthiopischen Wassermaus könnten Flusssysteme eine wichtige Rolle gespielt haben. Giarla et al. (2021) vermuten, dass sie das äthiopische Hochland möglicherweise aus südlicheren Gebieten erreichten – zunächst entlang des Weißen Nils und später über das System des Blauen Nils. Flüsse wären damit nicht nur Barrieren gewesen, sondern auch Ausbreitungswege. Spätere klimatische Veränderungen, vor allem während des mittleren und späten Pleistozäns, könnten diesen Austausch jedoch wieder unterbrochen und die Isolation einzelner Populationen verstärkt haben.
Die Äthiopische Wassermaus dürfte also das Ergebnis mehrerer Entwicklungen gewesen sein: einer seltenen ökologischen Nische in dauerhaften Gebirgsbächen, einer Landschaft voller natürlicher Barrieren und einer langen Geschichte klimatischer Veränderungen. Gerade diese Kombination könnte erklären, warum sich im äthiopischen Hochland ein so ungewöhnlich spezialisierter semiaquatischer Nager entwickeln konnte (Kerbis Peterhans & Patterson, 1995; Lavrenchenko & Bekele, 2017; Giarla et al., 2021).

Die tief eingeschnittene Schlucht des Blauen Nils wirkt als natürliche Barriere und kann Populationen voneinander trennen. Solche Landschaftsstrukturen begünstigen Isolation und lokale Evolution – ein wichtiger Faktor für den hohen Endemismus vieler Kleinsäuger im äthiopischen Hochland.
Bild: Depositphotos (Kooperation)
Äthiopien als Hotspot des Säugetier-Endemismus
Sicher ist: Die Äthiopische Wassermaus lebte in einer außergewöhnlichen Landschaft. Das äthiopische Hochland gehört zu den ökologisch eigenständigsten Regionen Afrikas. Ein großer Teil des Landes liegt über 2.000 Metern Höhe; zudem entfallen auf Äthiopien rund 80 % jener afrikanischen Landflächen, die höher als 3.000 Meter liegen (Kostin et al., 2020). Diese Höhenlagen bilden keine einheitliche Landschaft, sondern ein Mosaik aus Plateaus, Gebirgen, tief eingeschnittenen Tälern und isolierten Lebensräumen.
Solche Hochlandregionen wirken oft wie Inseln in der Landschaft. Arten, die sich dort entwickeln, bleiben häufig auf kleine Gebiete beschränkt. Kerbis Peterhans und Patterson (1995) betonen, dass Äthiopien eine besonders eigenständige Flora und Fauna beherbergt, darunter mehrere isoliert vorkommende Nagetierarten. Auch die Äthiopischen Kurzkopfratten (Stenocephalomys) sind eng an diese Höhenlagen gebunden. In diesem Zusammenhang erscheint die Äthiopische Wassermaus nicht als zufällige Ausnahme, sondern als Teil einer spezialisierten Hochlandfauna.
Wie eigenständig diese Säugetierfauna ist, zeigen Lavrenchenko und Bekele (2017) in ihrer Übersicht zu den Säugetieren Äthiopiens. Sie führten 311 Säugetierarten für das Land auf, darunter 55 endemische Arten. Der Endemismusgrad liegt bei 17,7 % und damit höher als in anderen artenreichen afrikanischen Ländern wie Kenia, Tansania oder dem Kongo. Auffällig ist insbesondere die Vielfalt der Kleinsäuger: Mehrere Nagetiere wurden neu bewertet, in den Artrang erhoben oder erstmals wissenschaftlich beschrieben. Weitere Formen galten damals sogar noch als wahrscheinlich neu für die Wissenschaft, waren aber noch nicht formal beschrieben.
Für die Äthiopische Wassermaus ist dieser Zusammenhang besonders wichtig. Äthiopien ist nicht nur reich an endemischen Säugetieren, sondern auch eine Region, in der selbst heute noch neue Kleinsäuger entdeckt oder taxonomisch neu eingeordnet werden. Viele dieser Arten sind kleinräumig verbreitet, schwer nachzuweisen und ökologisch kaum erforscht. Lavrenchenko und Bekele warnen deshalb, dass unbekannte oder nur schlecht untersuchte Arten verschwinden könnten, bevor ihre Verbreitung, Lebensweise oder Schutzbedürftigkeit überhaupt verstanden ist.
Nilopegamys plumbeus passt genau in dieses Muster. Die Forschenden ordnen die Art den Säugetieren mit extrem begrenztem Verbreitungsgebiet zu – also jenen Hochlandspezialisten, bei denen ein einzelner zerstörter Bachlauf, ein verändertes Tal oder eine verschwindende Feuchtfläche über das Überleben entscheiden kann. Dass die Äthiopische Wassermaus nur durch ein einziges Exemplar bekannt ist und nie lebend beobachtet wurde, macht sie zu einem Beispiel für diese Wissenslücke.
Die Äthiopische Wassermaus könnte damit zu jenen Arten gehören, die verschwanden, bevor ihre Lebensweise überhaupt verstanden wurde. Ihr Fall wirft eine größere Frage auf: Wie viele hoch spezialisierte Kleinsäuger des äthiopischen Hochlands könnten verloren gehen – oder bereits verloren sein –, bevor sie wissenschaftlich richtig erfasst wurden?
Suchexpeditionen in einen zerstörten Lebensraum
Nach der Entdeckung des einzigen bekannten Exemplars im Jahr 1927 vergingen Jahrzehnte, ohne dass gezielt nach weiteren Äthiopischen Wassermäusen gesucht wurde. Die Art blieb ein Museumstier: beschrieben, taxonomisch umstritten, später wieder als eigenständig anerkannt, aber im Freiland nicht erneut nachgewiesen.
Erst Kerbis Peterhans und Patterson (1995) machten nach ihrer Neubewertung der Art deutlich, wie dringend eine gezielte Suche wäre. Insbesondere weil N. plumbeus so stark an Wasser angepasst und vermutlich nur kleinräumig verbreitet war, müsse überprüft werden, ob im äthiopischen Hochland noch überlebende Populationen existieren. Ihre Forderung blieb lange offen.

Bild: Jan Nyssen, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Neue Hinweise brachte erst die Arbeit von Danila S. Kostin und ihrem Team (2020). In den Jahren 2012 und 2018 führten die Forschenden umfangreiche Feldstudien auf und in der Umgebung des Choke Mountain, auch Mount Choqa genannt, durch. Dieses Gebiet umfasst auch die Region des Typusfundorts der Äthiopischen Wassermaus. Insgesamt sammelte das Team 195 Nagetiere, die genetisch neun Arten zugeordnet werden konnten. Nach Abgleich mit der verfügbaren Literatur entsprach diese Artenliste weitgehend dem, was für die Region zu erwarten war – mit zwei Ausnahmen: Die Äthiopischen Wassermaus und die Cheesman-Lamellenzahnratte (Otomys cheesmani), die zuletzt 1968 dokumentiert wurde, fehlten.
Besonders wichtig war die Feldarbeit im Jahr 2018: Kostin et al. suchten gezielt die Typuslokalität der Äthiopischen Wassermaus auf. Das Gebiet war mit Fahrzeugen nicht erreichbar; die Forschenden mussten Pferde nutzen, um dorthin zu gelangen. Schon das zeigt, wie abgelegen der ursprüngliche Fundort liegt. Doch selbst diese Abgeschiedenheit hatte den Lebensraum offensichtlich nicht schützen können.
Statt eines „kleinen Gebirgsbachs nahe der Quelle des Little Abbai“, wie ihn Osgood beschrieb, fanden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine stark veränderte Umgebung vor. Der ursprüngliche Bachlebensraum war verschwunden oder so stark beeinträchtigt, dass er für ein semiaquatisches Nagetier ungeeignet erschien. Kostin et al. kamen deshalb zu einem ernüchternden Schluss: Die Äthiopische Wassermaus ist aus dem Gebiet sehr wahrscheinlich verschwunden; möglicherweise ist sie sogar weltweit ausgestorben. Ihr Urteil für die Cheesman-Lamellenzahnratte fällt ähnlich negativ aus; auch ihre Lebensräume sind durch menschliche Nutzung zerstört.
Dando (2021) verweist darauf, dass der Lebensraum an der Typuslokalität heute stark degradiert ist. Nach einer persönlichen Mitteilung von Leonid Lavrenchenko sei der ursprüngliche Fundort inzwischen weitgehend in Weideland umgewandelt. Die IUCN führt außerdem an, der Lebensraum sei bereits zur Zeit der Sammlung des Holotyps in den 1920er-Jahren stark beeinträchtigt gewesen; worauf diese historische Einschätzung beruht, bleibt jedoch unklar.
Wie Lavrenchenko und Bekele (2017) bereits zeigten, besitzen Kleinsäuger im äthiopischen Hochland – wie Nilopegamys plumbeus – oft nur extrem begrenzte Verbreitungsgebiete, was sie besonders anfällig für Lebensraumveränderungen macht. Selbst kleinräumige Eingriffe können dann bereits schwerwiegende Folgen haben – vor allem, wenn Arten an seltene, dauerhafte Bachsysteme gebunden sind.
Landwirtschaft prägt Äthiopien seit Jahrtausenden, doch Bevölkerungswachstum, Ausweitung von Ackerflächen, Überweidung und die Umwandlung natürlicher Vegetation haben viele Lebensräume stark verändert. Lavrenchenko und Bekele weisen darauf hin, dass Wälder und Gehölzlandschaften großflächig für Siedlungen und Landwirtschaft gerodet wurden; der dichte Wald, der einst rund 40 % der Landesfläche bedeckte, sei auf weniger als 4 % geschrumpft. Im Hochland, wo Feuchtlebensräume oft kleinräumig und voneinander isoliert sind, können solche Veränderungen äußerst gravierend wirken.
Für die Äthiopische Wassermaus dürfte vor allem der Verlust ihres Bachlebensraums entscheidend gewesen sein. Ein Tier, das an kühle, klare Gebirgsbäche, bewachsene Ufer und dauerhaften Zugang zu Wasser angepasst war, konnte vermutlich nicht einfach in beliebige andere Lebensräume ausweichen. Wenn der kleine Bach an der Typuslokalität verschwand oder seine Ufer durch Beweidung und landwirtschaftliche Nutzung verändert wurden, verlor die Art möglicherweise genau den Lebensraum, an den sie gebunden war.
Auch lokale Kenntnisse über die Art scheinen nicht überliefert zu sein. Branden Holmes (2021) weist darauf hin, dass Menschen in Äthiopien N. plumbeus vermutlich begegnet sein müssten, wenn sie noch in nennenswerter Zahl existiert hätte. Doch ihre Besonderheit blieb lange im Hintergrund: Über Jahrzehnte wurde die Äthiopische Wassermaus lediglich als Unterart von Colomys goslingi geführt. Wäre ihre Eigenständigkeit früher wieder stärker beachtet worden, hätte die gezielte Suche nach überlebenden Populationen womöglich früher begonnen – und vielleicht wären Schutzmaßnahmen noch rechtzeitig möglich gewesen.
So endet die bisherige Suche nach der Äthiopischen Wassermaus mit einer Leerstelle. Dort, wo 1927 ein ungewöhnlich spezialisiertes Nagetier gefangen wurde, fanden Forschende fast ein Jahrhundert später keinen geeigneten Lebensraum mehr. Was bleibt, ist ein einzelnes Museumsexemplar.

Quelle: Google Maps/Satellit; Bild: © 2026 Airbus, CNES / Airbus, Maxar Technologies; Kartendaten © 2026 Google; abgerufen am 10.06.2026.
Die Äthiopische Wassermaus – verschollen oder ausgestorben?
Die Äthiopische Wassermaus wurde vor fast 100 Jahren entdeckt – und seither nie wieder nachgewiesen. Man könnte meinen, dass eine Art nach so langer Zeit automatisch als ausgestorben gilt, doch in der Wissenschaft ist man mit solchen Urteilen vorsichtig. Denn oft lässt sich nicht eindeutig feststellen, wann das letzte Individuum einer Art tatsächlich verschwunden ist.
Zwischen „noch vorhanden“ und „ausgestorben“ liegt deshalb eine Grauzone: die verschollenen Arten. Damit sind Arten gemeint, die seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten nicht mehr beobachtet wurden, deren Fortbestehen aber nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Manche von ihnen sind tatsächlich ausgestorben. Andere überleben möglicherweise in schwer zugänglichen Gebieten, in sehr kleinen Restpopulationen oder in Lebensräumen, die bislang kaum untersucht wurden.
Auch die Äthiopische Wassermaus fällt in diese Kategorie. Auf der Roten Liste der IUCN wird sie als „Critically Endangered (Possibly Extinct)“ geführt – also als vom Aussterben bedroht und möglicherweise bereits ausgestorben (Dando, 2021). Diese Einstufung bedeutet: Ihr Verschwinden ist wahrscheinlich, aber noch nicht endgültig bewiesen.
Diese vorsichtige Einordnung hat gute Gründe. Immer wieder werden Arten wiederentdeckt, die über Jahrzehnte nicht mehr gesehen wurden. Eine voreilige Aussterbeerklärung kann problematisch sein, weil sie Suchaktionen und Schutzmaßnahmen beenden könnte, obwohl noch einzelne Tiere existieren. Gerade bei kleinen, nachtaktiven oder schwer nachweisbaren Säugetieren ist ein fehlender Nachweis nicht automatisch ein Beweis für das Aussterben.
Trotzdem fällt die Bilanz bei der Äthiopischen Wassermaus düster aus. Mehrere neuere Arbeiten beschreiben die Art als extrem selten oder möglicherweise bereits ausgestorben. Lavrenchenko und Bekele (2017) schreiben, dass mindestens eine Art ihrer äthiopischen Säugetierliste – Nilopegamys plumbeus – inzwischen ausgestorben sein könnte. Auch Kostin et al. (2020), Nicolas et al. (2021) und Giarla et al. (2021) behandeln die Art als möglicherweise verschwunden oder zumindest extrem selten.
Der Grund liegt nicht nur darin, dass seit 1927 kein weiteres Exemplar gefunden wurde. Entscheidend ist, dass der bekannte Lebensraum an der Typuslokalität heute stark verändert ist. Dort, wo Osgood das Tier einst an einem kleinen Bachlauf entdeckte, fanden spätere Forschende keine geeigneten Bedingungen mehr für ein semiaquatisches Nagetier. Wenn die Äthiopische Wassermaus tatsächlich nur ein sehr kleines Verbreitungsgebiet besaß, könnte der Verlust dieses Bachsystems bereits ausgereicht haben, um sie an den Rand des Aussterbens zu bringen – oder darüber hinaus (Kostin et al., 2020; Dando, 2021).
Der Fall passt gut zu dem, was Thomas E. Martin und sein Team 2022 für sogenannte „lost species“ beschrieben haben. In ihrer globalen Analyse zeigten sie, dass verschollene Arten besonders häufig in den Tropen vorkommen, oft in Regionen mit hoher Biodiversität, starkem Endemismus und schwer zugänglichen Lebensräumen. Rund 92,5 % dieser Arten kommen ausschließlich in den Tropen vor. Viele leben in Gebieten, die wissenschaftlich unzureichend untersucht sind und gleichzeitig durch Entwaldung, Landwirtschaft oder Besiedlung stark unter Druck stehen.
Auffällig ist außerdem, dass ein erheblicher Anteil verschollener Arten an Gebirgsregionen gebunden ist. Laut Martin et al. sind etwa 31 % der „lost species“ Hochland-Endemiten, deren Verbreitungsgebiete klein und fragmentiert sind. Diese Kombination erinnert stark an N. plumbeus: eine Art aus einem abgelegenen Hochlandgebiet, vermutlich mit sehr kleinem Areal und enger Bindung an einen spezialisierten Lebensraum. Solche Arten können leicht unbemerkt verschwinden – oder schlicht übersehen werden.
Damit gehört die Äthiopische Wassermaus zu jenen Arten, bei denen zwei Möglichkeiten nebeneinanderstehen: Entweder sie ist tatsächlich bereits unbemerkt ausgestorben – oder sie überlebt noch immer in einem abgelegenen Bachsystem des äthiopischen Hochlands, so selten und lokal, dass sie bislang jeder Suche entgangen ist.
Besonders schwer wiegt ihr mögliches Aussterben, weil Nilopegamys eine monotypische Gattung ist. Mit ihr würde nicht nur eine einzelne Art verschwinden, sondern eine ganze evolutionäre Linie. Lavrenchenko und Bekele (2017) betonen, dass monotypische Gattungen besondere Schutzpriorität besitzen, weil ihr Verlust einen unverhältnismäßig großen Teil evolutionärer Vielfalt auslöscht.
Solange kein neuer Nachweis gelingt, bleibt die Äthiopische Wassermaus deshalb in einem unsicheren Zwischenzustand. Sie ist nicht offiziell ausgestorben, aber auch nicht mehr lebendig belegt. Ihr Status als „möglicherweise ausgestorben“ ist mehr als eine formale Kategorie. Er beschreibt ein wissenschaftliches und naturschutzfachliches Dilemma: Man weiß zu wenig, um endgültig abzuschließen, aber vielleicht bereits genug, um zu ahnen, dass die Suche zu spät begonnen haben könnte.
Afrikas verschollene Nager
Die Äthiopische Wassermaus ist nicht der einzige afrikanische Nager, von dem die Wissenschaft kaum mehr besitzt als ein altes Museumsexemplar, einen Fundort und viele offene Fragen. Gerade bei kleinen Säugetieren ist die Grenze zwischen „selten“, „übersehen“ und „ausgestorben“ oft schwer zu ziehen. Viele Arten leben versteckt, sind nachtaktiv, äußerlich schwer voneinander zu unterscheiden und wurden nie gezielt über längere Zeiträume untersucht.
Dabei sind Nagetiere die mit Abstand artenreichste Säugetierordnung Afrikas. Nach Ara Monadjem et al. (2015) werden auf dem Kontinent mehr als 460 Nagetierarten geführt; sie machen damit fast die Hälfte aller afrikanischen Säugetierarten aus. Sie besiedeln Wüsten, Savannen, Regenwälder, Sümpfe und alpine Grasländer. Nur wenige von ihnen – darunter Colomys und Nilopegamys – nutzen Wasser zumindest teilweise als Lebensraum.
Trotz dieser Vielfalt sind afrikanische Nagetiere in vielen Regionen noch immer unzureichend erforscht. Giarla et al. (2021) betonen, dass die tatsächliche Artenvielfalt vermutlich unterschätzt wird. Viele Linien zeigen einen hohen Endemismus auf Artniveau und eine ausgeprägte phylogeografische Struktur innerhalb einzelner Arten. Mit anderen Worten: Was äußerlich wie eine weit verbreitete Art aussieht, kann sich bei genauer Untersuchung als Komplex mehrerer regional begrenzter Linien herausstellen.
Hinzu kommt, dass viele Nagetiere äußerlich nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Kleine Unterschiede in Schädel, Zähnen, Fellfärbung oder Genetik können darüber entscheiden, ob es sich um eine bekannte oder um eine bisher unerkannte Art handelt. Deshalb gehören Nagetiere – neben Fledermäusen – zu den Säugetiergruppen, in denen bis heute besonders häufig neue Arten beschrieben oder alte Artgrenzen neu bewertet werden.
Genau das macht die Einschätzung des Aussterberisikos so schwierig. Mäuse und Ratten gelten oft als widerstandsfähig und anpassungsfähig. Manche Arten profitieren tatsächlich von menschlich veränderten Landschaften, doch das gilt längst nicht für alle. Gefährdet sind insbesondere hoch spezialisierte Arten mit sehr kleinen Verbreitungsgebieten, etwa Formen, die nur auf einem einzelnen Berg, in einem bestimmten Hochlandgebiet oder auf einer kleinen Insel vorkommen.
Die Vergangenheit zeigt, dass auch Nagetiere endgültig verschwinden können. Sehr deutlich wurde das auf Inseln. Die Maclear-Ratte (Rattus macleari) der Weihnachtsinsel verschwand nach der Einschleppung von Hausratten und ihren Parasiten. Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (Melomys rubicola) gilt als erstes Säugetier, dessen Aussterben offiziell mit den Folgen des menschengemachten Klimawandels in Verbindung gebracht wurde. Beide Fälle zeigen: Auch Nagetiere sind nicht automatisch „Überlebenskünstler“, wenn ihr Lebensraum klein, isoliert und plötzlich stark verändert ist. Auf dem afrikanischen Festland sind solche Aussterbeprozesse oft schwerer zu erkennen, weil viele Arten ohnehin selten nachgewiesen werden und historische Daten fehlen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie weniger gefährdet sind.
Zusammen mit vergleichsweise geringem Forschungsinteresse und fortschreitendem Lebensraumverlust führt das dazu, dass viele afrikanische Nagetiere bis heute rätselhaft bleiben. Manche könnten bereits verschwunden sein, ohne dass ihr Aussterben überhaupt bemerkt wurde (Holmes, 2021).
Mehrere afrikanische Nagetiere sind seit Jahrzehnten nicht mehr oder nur äußerst selten dokumentiert worden. Dazu zählen die Furchenzahn-Waldmaus (Leimacomys buettneri) aus Togo, die nur aus dem Jahr 1890 bekannt ist, die Große Buschmaus (Grammomys gigas) aus Kenia, beschrieben nach zwei Exemplaren von 1910, die Samtklettermaus (Dendroprionomys rousseloti) aus dem Kongo, die seit 1966 nicht mehr nachgewiesen wurde, sowie die Kahuzi-Klettermaus (Dendromus kahuziensis), die nur von zwei 1967 und 1972 im Kongo gesammelten Exemplaren bekannt ist. Auch die Cheesman-Lamellenzahnratte (Otomys cheesmani) aus Äthiopien gehört in diese Reihe.

Bild: Unknown author, CC0, via Wikimedia Commons
Gleichzeitig zeigen einzelne Wiederfunde, dass lange fehlende Nachweise nicht automatisch Aussterben bedeuten. Die Mount-Oku-Waldmaus (Hylomyscus grandis) aus Kamerun war lange nur durch das Typusexemplar aus dem Jahr 1967 bekannt, wurde 2013 aber erneut nachgewiesen. Auch die Äthiopische Streifenmaus (Mus imberbis) konnte im November 2012 erstmals seit 1980 wieder lebend fotografiert werden, möglicherweise, weil frühere Suchmethoden ungeeignet waren. Solche Beispiele zeigen, wie wichtig gezielte Nachsuchen und passende Erfassungsmethoden bei kleinen, schwer aufzuspürenden Säugetieren sind.
Die Bedrohungen ähneln denen vieler anderer Tiergruppen: Lebensraumverlust, Entwaldung, Landwirtschaft, Brandrodung, Ausdehnung von Siedlungen und Überweidung. Kleine Nagetiere sind oft auf dichte Vegetation angewiesen, die ihnen Deckung vor Fressfeinden bietet. Wird diese Vegetation durch Viehhaltung, Feuer oder Umwandlung in Ackerland zerstört, verschwinden auch die Kleinsäuger. Selbst Schutzgebiete helfen nicht immer, wenn sie vor allem für große Säugetiere eingerichtet wurden und die Lebensräume kleiner Arten kaum berücksichtigt werden.
Hinzu kommt der Klimawandel. Besonders Arten der Hochlagen sind gefährdet, weil sich geeignete Klimabedingungen mit steigenden Temperaturen immer weiter nach oben verschieben. Auf einem Berg ist dieser Ausweichraum begrenzt. Irgendwann endet der Lebensraum am Gipfel. Für Arten, die ohnehin nur kleine, kühle Hochlandbereiche besiedeln, kann das langfristig zur Falle werden.
Dass selbst heute noch neue Kleinsäuger in Äthiopien entdeckt werden, zeigt auch die erst 2025 erschienene Erstbeschreibung von Crocidura stanleyi, einer winzigen Spitzmaus aus dem Hochland. Sie ist zwar kein Nagetier, passt aber als Beispiel in denselben Zusammenhang: Kleinsäuger können selbst in vergleichsweise gut bekannten Regionen lange unbemerkt bleiben. Die Art wiegt nur etwa drei Gramm und wurde erst nach jahrelanger Forschung als neu erkannt.

Bild: Dendroprionomys rousseloti F.Petter, 1966 Collected in Congo, CC BY 4.0, via GBIF
Quellen
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- Denys, C., Lecompte, E., Dubois, A., & Taylor, P. J. (2017). Diagnoses and contents of new African and Eurasian Murinae (Rodentia, Muridae) tribes. Dumerilia, 7, 82-90.
- Dieterlen, F. (1983). Zur Systematik, Verbreitung und Ökologie von Colomys goslingi Thomas & Wroughton, 1907 (Muridae; Rodentia). Bonner Zoologische Beiträge, 34, 73–106.
- Giarla, T. C., Demos, T., Monadjem, A., et al. (2021). Integrative taxonomy and phylogeography of Colomys and Nilopegamys (Rodentia: Murinae), semi-aquatic mice of Africa, with descriptions of two new species. Zoological Journal of the Linnean Society 192(1), 206–235. https://doi.org/10.1093/zoolinnean/zlaa108
- Happold, D. C. D. (2013). Genus Nilopegamys: Ethiopian water rat. In D. C. D. Happold (Ed.), Mammals of Africa: Vol. III. Rodents, hares and rabbits (pp. 508–509). Bloomsbury Publishing.
- Hayman, R. W. (1966). On the affinities of Nilopegamys plumbeus Osgood. Annales Musée Royal de l’Afrique Centrale, Tervuren, Belgique, ser. 8 (Sciences Zoologiques), 144, 29–38.
- Holmes, B. (2021). What’s Lost and What Remains: The Sixth Extinction in 100 Accounts (eBook). Self published.
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- Kostin, D. S., Martynov, A. A., Komarova, V. A., et al. (2020). Rodents of Choke Mountain and surrounding areas (Ethiopia): The Blue Nile gorge as a strong biogeographic barrier. Journal of Vertebrate Biology 69(2), 1–12. https://doi.org/10.25225/jvb.20016
- Lavrenchenko, A. L., & Bekele, A. (2017). Diversity and conservation of Ethopian mammals: What have we learned in 30 years? Ethiopian Journal of Biological Sciences, 16(Suppl.), 1–20.
- Martin, T., Bennett, G., Fairbairn, A. J., & Mooers, A. Ø. (2022). ‘Lost’ taxa and their conservation implications. Animal Conservation 26(1), S. 14–24. https://doi.org/10.1111/acv.12788
- Monadjem, A., Taylor, P. J., Denys, C., & Cotterill, F. P. (2015). Rodents of sub-Saharan Africa: a biogeographic and taxonomic synthesis. Walter de Gruyter GmbH & Co KG.
- Nicolas, V., Mikula, O., Lavrachenko, L. A., et al. (2021). Phylogenomics of African radiation of Praomyini (Muridae: Murinae) rodents: First fully resolved phylogeny, evolutionary history and delimitation of extant genera. Molecular Phylogenetics and Evolution 163(1), 107263. https://doi.org/10.1016/j.ympev.2021.107263
- Osgood, W. H. (1928): A new genus of aquatic rodents from Abyssinia. Field Museum of Natural History, Zoological Series, 12(15), 185–189.
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