Die aktuell gültige bundesweite Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands von 2018 zeigt, wie stark sich die Pflanzenwelt hierzulande bereits verändert hat: Mehr als ein Viertel der bewerteten Arten und Unterarten ist bestandsgefährdet. 65 Taxa gelten in Deutschland sogar als ausgestorben oder verschollen – das entspricht 1,8 % der bewerteten Farn- und Blütenpflanzen.
Diese Pflanzen sind nicht zwangsläufig weltweit ausgestorben; viele kommen außerhalb Deutschlands noch vor. Dennoch ist ihr Verschwinden ist ein Warnsignal. Pflanzensterben beginnt meist nicht mit dem plötzlichen Ende einer Art, sondern schrittweise: Erst verschwindet ein Standort, dann eine lokale Population, später eine ganze Region. Wenn derselbe Prozess auch in anderen Teilen des Verbreitungsgebiets stattfindet, kann aus regionalem Verschwinden schließlich globales Aussterben werden.
Anhand von Pflanzen lässt sich dieser Prozess besonders gut beobachten. Viele der verschwundenen Arten waren Spezialisten: Sie lebten in nährstoffarmen Äckern, Mooren, Feuchtwiesen, klaren Gewässern, offenen Ufern oder Magerrasen. Solche Lebensräume sind in Deutschland selten geworden. Entwässerung, Düngung, Herbizide, Flussregulierung, Uferverbau, Flächenverbrauch oder die Aufgabe traditioneller Nutzungsformen haben viele Standorte stark verändert. Für spezialisierte Pflanzen bedeutet das: Nicht nur einzelne Vorkommen gehen verloren, ihre gesamte ökologische Grundlage verschwindet.
8 in Deutschland ausgestorbene Pflanzen
Wasserfalle – eine fleischfressende Wasserpflanze
Die Wasserfalle (Aldrovanda vesiculosa) ist eine freischwebende, wurzellose Wasserpflanze aus der Familie der Sonnentaugewächse. Sie treibt meist knapp unter der Wasseroberfläche und fängt mit kleinen Klappfallen winzige Wassertiere wie Wasserflöhe oder junge Mückenlarven.
Obwohl die Art historisch von Europa über Afrika und Asien bis nach Australien verbreitet war, kam sie stets nur zerstreut und selten vor. In Deutschland sind elf historische Standorte bekannt, vor allem in Brandenburg sowie ein Vorkommen in Bayern am Bodensee. Viele Bestände verschwanden bereits um 1900 oder in den 1930er-Jahren; die letzten brandenburgischen Vorkommen erloschen spätestens um 1980. Laut Roter Liste wurde die Wasserfalle in Deutschland zuletzt im Jahr 2000 nachgewiesen und gilt heute als ausgestorben oder verschollen. In Österreich verschwand die Wasserfalle bereits im 19. Jahrhundert aus ihrem einzigen bekannten Vorkommen im Bodenseegebiet.
Die Wasserfalle starb aus, weil ihre Lebensräume verloren gingen: klare, nährstoffarme, flache Stillgewässer mit stabilem Wasserstand. Entwässerung, Gewässerausbau, Verschlammung, Uferveränderungen sowie Torf- und Kiesabbau zerstörten viele frühere Standorte. Hinzu kamen Nährstoffeinträge aus Landwirtschaft und Abwässern. Sie fördern Algen und konkurrenzstarke Wasserpflanzen, trüben das Wasser und verschlechtern die Lichtverhältnisse. Für die lichtbedürftige Wasserfalle wird das Gewässer dadurch unbewohnbar.

Bild: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Moor-Steinbrech – ein Relikt aus kälteren Zeiten

Bild: Franz Xaver, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der Moor-Steinbrech (Saxifraga hirculus subsp. hirculus) ist eine gelb blühende Pflanze feuchter, nährstoffarmer Moorstandorte. In Deutschland war er vor allem an Zwischen- und Flachmoore gebunden – Lebensräume, die dauerhaft nass, hell und arm an Nährstoffen sein müssen. Solche Bedingungen findet man heute kaum noch.
Obwohl die Art auf der Nordhalbkugel weit verbreitet ist, waren ihre mitteleuropäischen Vorkommen etwas Besonderes: Sie gelten als Relikte aus kälteren Klimazeiten. In Deutschland verschwand der Moor-Steinbrech im Laufe des 20. Jahrhunderts vollständig. Viele Bestände waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts stark zurückgegangen; in Bayern galten sie Mitte des 20. Jahrhunderts als am Erlöschen. Der letzte Nachweis aus Südschwaben stammt von 1981, im Murnauer Moos blühte die Art zuletzt 1992. Seit 1995 gilt sie in Deutschland als verschollen bzw. ausgestorben.
Ursachen waren vor allem Entwässerung, Nährstoffeinträge, die Veränderung von Mooren und der Verlust offener, nasser Standorte. Hinzu kommt der Klimawandel: Für eine kälteangepasste Moorpflanze am Rand ihres Verbreitungsgebiets können wärmere und trockenere Bedingungen zusätzlichen Stress bedeuten. In Mitteleuropa ist der Moor-Steinbrech heute nur noch an wenigen Orten erhalten.
Bodensee-Steinbrech – global ausgestorbener Bodensee-Endemit
Der Bodensee-Steinbrech (Saxifraga oppositifolia subsp. amphibia) war eine besondere Form des Gegenblättrigen Steinbrechs. Anders als die alpine Hauptart lebte er nicht im Hochgebirge, sondern an den Kies- und Geröllufern des Bodensees. Dort war er an einen sehr speziellen Lebensraum angepasst: offene, nährstoffarme Uferbereiche, die im Jahresverlauf zeitweise überflutet wurden und später wieder trockenfielen.
Damit war der Bodensee-Steinbrech ein echter Endemit des Bodenseegebiets. Er kam nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor – und auch dort nur an wenigen geeigneten Uferabschnitten. Seit den 1960er-Jahren wurde die Pflanze nicht mehr nachgewiesen; laut Roter Liste gilt sie in Deutschland seit 1975 als ausgestorben oder verschollen. Da es außerhalb des Bodenseegebiets keine natürlichen Vorkommen gab, bedeutet ihr Verschwinden sehr wahrscheinlich das weltweite Aussterben dieser Unterart.
Die Ursachen liegen vor allem im Verlust dynamischer, naturnaher Kiesufer. Uferverbauung, Regulierung, Nutzungsdruck, Nährstoffeinträge und die Veränderung natürlicher Wasserstandsschwankungen ließen die offenen, regelmäßig überfluteten Standorte verschwinden. Pflanzen wurden offenbar nicht rechtzeitig in Kultur genommen: eine Wiederansiedlung gilt deshalb heute als unmöglich.

Bild: Doreen Fräßdorf
Flachs-Leimkraut – ausgestorben mit dem Leinanbau

Bild: Don Manfredo, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Das Flachs-Leimkraut (Silene linicola), auch Echte Flachsnelke genannt, war eine hochspezialisierte Begleitpflanze des Leinanbaus. Es wuchs früher ausschließlich in Flachsfeldern und blieb dort als Verunreinigung im Saatgut erhalten. Die einjährige Pflanze wurde 30 bis 60 Zentimeter hoch und trug rosarote Blüten mit purpurroten Streifen.
In Deutschland gilt das Flachs-Leimkraut laut Roter Liste seit 1955 als ausgestorben oder verschollen. Sein Verschwinden hängt direkt mit dem Ende des traditionellen Leinanbaus zusammen. Da die Art keine dauerhaft keimfähige Samenbank im Boden aufbauen konnte, war sie auf die regelmäßige Aussaat von verunreinigtem Lein angewiesen. Als der Flachsanbau zurückging und Saatgut stärker gereinigt wurde, verlor sie ihre einzige ökologische Nische.
Interessant ist, dass das Flachs-Leimkraut wahrscheinlich erst durch die lange Nutzungsgeschichte des Menschen entstand – als an den Leinanbau angepasste Form einer südlicher verbreiteten Stammart. Sein Aussterben zeigt daher nicht nur den Verlust einer Ackerwildpflanze, sondern auch das Verschwinden einer historischen Kulturlandschaft.
Außerhalb Deutschlands kommt das Flachs-Leimkraut noch in Teilen Frankreichs, Italiens und Kroatiens bzw. der nordwestlichen Balkanhalbinsel vor. Die Art ist jedoch insgesamt selten und eng an historische Formen des Flachsanbaus gebunden.
Acker-Meier – ein verschwundenes Ackerwildkraut

Bild: Kurt Stueber / www.biolib.de, via Wikimedia Commons, Asperula arvensis, CC BY-SA 3.0 (zugeschnitten)
Der Acker-Meier oder Acker-Meister (Asperula arvensis) ist ein mediterran geprägtes Ackerwildkraut aus der Familie der Rötegewächse. Er wuchs vor allem in Getreidefeldern, seltener auch auf Brachen oder in Weinbergen, und bevorzugte warme, helle Standorte auf kalk- und tonreichen Böden.
In Deutschland ist der Acker-Meier schon aus vorgeschichtlicher Zeit belegt, unter anderem durch archäobotanische Funde. Er war also lange Teil der mitteleuropäischen Ackerflora. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft verschwand die Art jedoch im 20. Jahrhundert fast vollständig aus Mitteleuropa. In Deutschland gilt sie laut Roter Liste seit 1999 als ausgestorben oder verschollen; auch in Österreich und den Niederlanden ist sie verschwunden. In der Schweiz ist sie vom Aussterben bedroht.
Weltweit ist der Acker-Meier nicht ausgestorben. Sein ursprüngliches Areal reicht von Europa und dem Mittelmeerraum bis nach Vorder- und Zentralasien. Noch heute kommt er beispielsweise im Mittelmeerraum, in Nordafrika und im Nahen Osten vor. Sein Verschwinden aus Deutschland zeigt, wie stark traditionelle Ackerwildkräuter unter moderner Landwirtschaft, Saatgutreinigung, Herbiziden und dem Verlust extensiv bewirtschafteter Felder gelitten haben.
Hohes Sumpf-Knabenkraut – eine verschollene Orchidee der Feuchtwiesen

Bild: Димитър Найденов / Dimìtar Nàydenov, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Das Hohe Sumpf-Knabenkraut (Anacamptis palustris subsp. elegans, früher Orchis palustris subsp. elegans) ist eine Wildorchidee nasser Standorte. Es erreicht Wuchshöhen von etwa 30 bis 80 Zentimetern und besitzt schmale, aufrechte Blätter sowie purpurfarbene bis rosaviolette Blüten. Sein Verbreitungsgebiet liegt östlich von Mitteleuropa und reicht über Südosteuropa, den Balkan und die Kaukasusregion bis nach Zentral- und Südwestasien.
In Deutschland kam diese Unterart nur an wenigen geeigneten Feuchtstandorten vor und gilt laut Roter Liste seit vor 1970 als ausgestorben oder verschollen. Sie war an dauerhaft nasse bis wechselnasse, basenreiche Niedermoore, Feuchtwiesen und Uferbereiche gebunden – Lebensräume, die in Deutschland im 20. Jahrhundert stark zurückgegangen sind.
Die wahrscheinlich wichtigsten Ursachen für ihr Verschwinden waren Entwässerung, Umbruch und Nutzungsintensivierung von Feuchtwiesen, Nährstoffeinträge sowie die Regulierung von Flüssen und Grundwasserständen. Spezialisierte Feuchtgebietsorchideen sind auf dauerhaft hohe Wasserstände, nährstoffarme bis mäßig nährstoffreiche Böden und eine angepasste Bewirtschaftung angewiesen, etwa eine späte, extensive Mahd oder sehr schonende Beweidung. Werden solche Flächen entwässert, gedüngt, zu früh oder zu häufig gemäht, umgebrochen oder ganz aufgegeben, verschwinden die Bedingungen, die diese Orchideen brauchen.
Pfriemenkresse – eine winzige Pflanze aus nährstoffarmen Seen

Bild: Steve Matson, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Die Pfriemenkresse (Subularia aquatica subsp. aquatica) ist eine kleine Wasser- und Uferpflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Sie wird meist nur wenige Zentimeter hoch und bildet eine kleine Rosette aus dünnen, pfriemenförmigen Blättern. Ihre weißen Blüten ragen nur dann aus dem Wasser, wenn der Wasserstand niedrig genug ist; bleiben sie dauerhaft untergetaucht, kann sich die Pflanze auch selbst bestäuben.
In Deutschland kam die Pfriemenkresse an flachen, zeitweise überschwemmten Ufern nährstoffarmer Seen vor. Solche Standorte sind sehr empfindlich: Sie brauchen klares, eher saures und nährstoffarmes Wasser, offene Uferbereiche und natürliche Wasserstandsschwankungen. Laut Roter Liste gilt die Art hierzulande seit 1973 als ausgestorben oder verschollen; auch in der Schweiz ist sie ausgestorben.
Wahrscheinlich verschwand die Pfriemenkresse vor allem durch die Veränderung ihrer Gewässerlebensräume. Nährstoffeinträge, Uferverbauung, Freizeitnutzung, Wasserstandsregulierung und Verschlammung ließen viele offene, nährstoffarme Seeufer verschwinden. Für eine so kleine, konkurrenzschwache Pflanze bedeutet das: Größere Wasserpflanzen, Röhrichte oder Algen nehmen zu, während ihre eigenen lichten Uferstandorte verloren gehen.
Zwerg-Rohrkolben – verschwunden mit den wilden Flüssen

Bild: Ettore Balocchi, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Der Zwerg-Rohrkolben (Typha minima) ist eine seltene Sumpfpflanze größerer Flussauen. Auffällig sind seine kleinen, fast kugelrunden Fruchtstände, durch die er sich deutlich von den größeren Rohrkolbenarten unterscheidet. In der Roten Liste Deutschlands werden zwei Unterarten geführt: Zwerg-Rohrkolben (Typha minima subsp. minima) und Zierlicher Zwerg-Rohrkolben (Typha minima subsp. gracilis). Beide sind laut Roter Liste vor 2005 aus Deutschland verschwunden.
Die Art war an dynamische Flusslandschaften gebunden. Sie besiedelte offene, zeitweise überschwemmte Sand-, Schlick- und Kiesufer, neu entstandene Altarme, ruhige Mäander und vegetationsarme Schwemmflächen. Solche Standorte entstehen dort, wo Flüsse noch umlagern, überfluten und immer wieder neue Rohböden schaffen.
Diese Dynamik ging an vielen großen Flüssen verloren. Flussregulierung, Uferverbau, Kiesabbau, Verkehrswegebau sowie Grundwasser- und Flussbettabsenkungen ließen geeignete Auenstandorte verschwinden. Ohne regelmäßige Störung wachsen offene Ufer rasch zu; der konkurrenzschwache Zwerg-Rohrkolben verliert dann seine Pionierstandorte. In Deutschland sind frühere Vorkommen erloschen, während in der Schweiz und Österreich noch Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte laufen.
Warum Pflanzen in Deutschland verschwinden
Die acht Beispiele zeigen ein gemeinsames Muster: Verloren gingen nicht nur einzelne Pflanzenarten, sondern ganze Standorttypen. Die Wasserfalle verschwand mit nährstoffarmen Stillgewässern, der Zwerg-Rohrkolben mit dynamischen Flussauen, der Moor-Steinbrech mit intakten Mooren, Acker-Meier und Flachs-Leimkraut mit historischen Formen des Ackerbaus.
Die Ursachen unterscheiden sich im Detail, folgen aber demselben Prinzip: Intensive Landwirtschaft, Düngung, Herbizide und Saatgutreinigung verdrängten viele Ackerwildkräuter. Entwässerung, Flussregulierung, Uferverbau und sinkende Wasserstände veränderten Moore, Feuchtgebiete und Auen. Magere, offene Standorte gingen verloren, weil sie aufgegeben, überbaut, aufgeforstet oder zu stark mit Nährstoffen belastet wurden.
Viele dieser Pflanzen brauchten sehr genaue Bedingungen: wenig Nährstoffe, offene Böden, ausreichend Licht, natürliche Wasserstandsschwankungen oder eine extensive Nutzung. Sobald diese Bedingungen verschwinden, reicht es nicht, dass irgendwo noch „Grün“ vorhanden ist. Für spezialisierte Arten wird der Lebensraum unbewohnbar.
Artenschutz bedeutet deshalb mehr als Samen zu sammeln oder einzelne Pflanzen nachzuziehen. Samenbanken, Erhaltungskulturen und Wiederansiedlungen können wichtig sein. Entscheidend ist aber, dass geeignete Lebensräume erhalten oder wiederhergestellt werden: Moore müssen nass bleiben oder wiedervernässt werden, Flüsse brauchen mehr Dynamik, Feuchtwiesen eine angepasste Nutzung, Äcker wieder Raum für Wildkräuter. Zugleich müssen Nährstoffeinträge, Flächenverbrauch und weitere Eingriffe reduziert werden.
Das Verschwinden dieser Pflanzen zeigt, wie stark sich einst artenreiche Biotope verändert haben oder ganz verloren gegangen sind.
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