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Es gibt zahlreiche verschollene Tierarten, bei denen bis heute unklar ist, ob sie noch existieren oder längst ausgestorben sind. Manche sind nur durch ein einziges oder wenige Museumsexemplare bekannt, die vor Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten gesammelt wurden. Danach fehlen weitere Nachweise – nicht immer, weil die Tiere trotz intensiver Suche unauffindbar blieben, sondern oft auch, weil kaum jemand gezielt nach ihnen suchte. Über ihre Lebensweise, ihre Ansprüche und selbst ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet ist daher häufig nur wenig bekannt.
Besonders schwierig ist die Suche in abgelegenen oder schwer zugänglichen Regionen, etwa auf kleinen Inseln, in Gebirgswäldern oder in wenig erforschten Meeresgebieten. Doch selbst wenn eine Art seit vielen Jahrzehnten nicht mehr dokumentiert wurde, gilt sie nicht automatisch als ausgestorben. Dafür müsste ausreichend gründlich, über einen längeren Zeitraum und in allen geeigneten Lebensräumen nach ihr gesucht worden sein.
Verschollene Tierarten werden deshalb lieber später als zu früh für ausgestorben erklärt. Eine voreilige Einstufung kann dazu führen, dass Suchprogramme beendet, Forschungsgelder gestrichen und Schutzmaßnahmen für die Art oder ihren Lebensraum eingestellt werden. Sollte doch noch eine kleine Population existieren, könnte ihr damit der Schutz entzogen werden, den sie am dringendsten benötigt.
Solange keine umfassenden Untersuchungen ihr Verschwinden belegen, bleibt die Möglichkeit, dass irgendwo noch einzelne Tiere überlebt haben. Die folgenden sieben Arten zeigen, wie schwer es sein kann, Gewissheit zu erlangen.
Äthiopische Wassermaus – nur ein Exemplar aus dem Jahr 1927

Bild: Wilfred H. Osgood, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Äthiopische Wassermaus oder Waldbachmaus (Nilopegamys plumbeus) ist nur durch ein einziges männliches Exemplar bekannt. Es wurde im März 1927 an einem Bachlauf im äthiopischen Hochland gefangen. Danach gelang kein weiterer Nachweis – allerdings suchte jahrzehntelang auch niemand gezielt nach der Art.
Als Forschende 2018 gezielt den ursprünglichen Fundort aufsuchten, war von dem einstigen Gebirgsbach nichts mehr zu sehen. Der Lebensraum war nahezu vollständig in Weideland umgewandelt worden und bot einem semiaquatischen Nagetier keine geeigneten Bedingungen mehr. Sicher ist daher, dass die Äthiopische Wassermaus an ihrem einzigen bekannten Fundort verschwunden ist. Ob sie andernorts überlebt hat, weiß niemand. Die IUCN führt sie deshalb als möglicherweise ausgestorben.
Das Besondere an der Äthiopischen Wassermaus ist ihre außergewöhnlich starke Anpassung an das Leben im Wasser. Unter den bekannten Mäusen und Ratten Afrikas nimmt sie damit eine Sonderstellung ein. Wahrscheinlich jagte sie ihre Beute aktiv schwimmend in den Gebirgsbächen des äthiopischen Hochlands. Andere semiaquatische Nagetiere des afrikanischen Kontinents bewegen sich dagegen watend durch flaches Wasser oder suchen zwischen Wasserpflanzen und am Ufer nach Nahrung.
Siau-Zwergohreule – seit 1866 ohne sicheren Nachweis
Auch die Siau-Zwergohreule (Otus siaoensis) ist nur durch ein einziges Exemplar bekannt. Der Vogel wurde bereits 1866 auf der kleinen indonesischen Insel Siau nördlich von Sulawesi gesammelt. Eine fünftägige Suche nach der Art im Jahr 1998 war zwar erfolglos, zeigte aber, wie stark sich der Lebensraum inzwischen verändert hatte: Ein Großteil der ursprünglichen Wälder war abgeholzt und durch Plantagen oder Buschland ersetzt worden. Nur noch etwa 50 Hektar Wald sollen damals erhalten gewesen sein, überwiegend in Höhenlagen oberhalb von 800 Metern.
Dennoch wird die Siau-Zwergohreule von der IUCN nicht als ausgestorben, sondern als vom Aussterben bedroht geführt. Dafür sprechen vor allem Berichte von Inselbewohnern, die den Vogel gesehen haben wollen; auch eine Videoaufnahme aus dem Jahr 2017 könnte eine Siau-Zwergohreule zeigen. Weder die Berichte noch das Video gelten jedoch als zweifelsfreier Nachweis, sodass die Art nicht als wiederentdeckt gilt.
Hinzu kommt, dass einige andere asiatische Zwergohreulen selbst in stark veränderten Lebensräumen überleben können – warum nicht auch die Siau-Zwergohreule? Gewissheit könnten nur gründliche Untersuchungen in den verbliebenen und bislang unzureichend erforschten Lebensräumen bringen. Sollte die Art tatsächlich überlebt haben, dürfte ihre Population allerdings äußerst klein sein.

Bild: Otus manadensis siaoensis (Schlegel, 1873) collected in Indonesia by Naturalis Biodiversity Center, CC0 1.0, via GBIF
Lost Shark – drei Exemplare, das jüngste von 1934
Vom Lost Shark (Carcharhinus obsoletus) sind nur drei Museumsexemplare bekannt, die zwischen 1897 und 1934 in Südostasien gesammelt wurden – ein Embryo und zwei Jungtiere. Lange Zeit hielt man die konservierten Tiere für Borneohaie (C. borneensis) oder Vertreter einer anderen kleinen Grauhaiart. Erst die Untersuchung ihrer Zähne und weiterer Körpermerkmale zeigte, dass sie sich deutlich von diesen unterschieden. 2019 wurde auf Basis der drei Exemplare deshalb eine neue Art beschrieben – 85 Jahre nach dem letzten bekannten Fund.
Wo der Lost Shark tatsächlich lebte, ist nicht genau bekannt. Die Herkunftsangaben verweisen auf Sarawak, Bangkok und Ho-Chi-Minh-Stadt, wobei zumindest die beiden Großstädte vermutlich die Märkte bezeichnen, auf denen die Tiere gefunden wurden. Wahrscheinlich bewohnte die Art flache Küstengewässer des südlichen Südchinesischen Meeres. Dort wird seit Jahrzehnten intensiv gefischt, und als Bewohner flacher Küstengewässer hätte der Lost Shark dort vermutlich kaum Rückzugsmöglichkeiten gehabt.
Trotz gezielter Untersuchungen und regelmäßiger Kontrollen von Fischmärkten wurde seit 1934 kein weiteres Exemplar entdeckt. Die IUCN führt den Lost Shark daher als möglicherweise ausgestorben. Da kleine Grauhaie in großen Fängen leicht übersehen oder mit ähnlichen Arten verwechselt werden, lässt sich sein Überleben nicht ganz ausschließen.

Bild: White, W. T., Kyne, P. M. & Harris, M. (2019): Lost before found: A new species of whaler shark Carcharhinus obsolerus from the Western Central Pacific known only from historic records. PLOS ONE 14(1): e0209387, Abb. 1, CC BY 4.0., https://doi.org/10.1371/journal.pone.0209387
Ilin-Borkenratte – 1953 erworben und nie wiedergefunden
Die Ilin-Borkenratte (Crateromys paulus) ist nur durch ein einziges ausgewachsenes Männchen bekannt, das ein Sammler 1953 als präpariertes Exemplar auf der kleinen philippinischen Insel Ilin erworben hat. Ob das Tier auch von der Insel stammte oder woanders gefangen wurde, ist bis heute unklar. Archäologische Funde von zahlreichen Zähnen belegen jedoch, dass die Art zumindest in früherer Zeit auf Ilin heimisch war.
Mehrere gezielte Suchen in den Jahren 1989, 1997 und 2000 blieben erfolglos. Auch spätere Kamerafallen lieferten keinen eindeutigen Nachweis. Der Lebensraum der Ilin-Borkenratte ist heute fast vollständig verschwunden: Auf Ilin gibt es keinen Primärwald mehr, sondern nur noch kleine Reste des ursprünglichen Karstwaldes zwischen Plantagen und Sekundärvegetation.
Möglicherweise kommt die Art noch auf der wesentlich größeren Nachbarinsel Mindoro vor. Dort berichteten Einheimische von einer großen, baumbewohnenden Ratte, die der Ilin-Borkenratte ähnlich sehen soll. Trotz verschiedener Untersuchungen konnte ihr Vorkommen auf Mindoro bislang nicht bestätigt werden. Die IUCN führt die Ilin-Borkenratte wegen der unklaren Herkunft des einzigen Exemplars und der fehlenden Kenntnisse über ihr mögliches Verbreitungsgebiet in der Kategorie Datenlage unzureichend. Auf Ilin ist die Borkenratte wahrscheinlich verschwunden – ob andernorts noch eine kleine Population überlebt hat, lässt sich ohne weitere gezielte Suchen nicht beantworten.

Ilin-Borkenratte: Das einzige bekannte Exemplar misst 25,5 cm von Kopf bis Rumpf; der Schwanz ist mit 21,5 cm fast genauso lang wie der restliche Körper. Die großen Pfoten weisen auf eine baumbewohnende Lebensweise hin.
Bild: KI-Rekonstruktion nach Fotos des Holotypus USNM 522023, Smithsonian Institution, NMNH, CC0, sowie der Erstbeschreibung von Musser & Gordon (1981)
Negros-Fruchttaube – bekannt durch ein einziges Weibchen

Bild: KI-Rekonstruktion nach L. Shyamal, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons und der Erstbeschreibung von Ripley, Dillon & Rabor (1955)
Im Mai 1953 entdeckte ein Zoologe auf der philippinischen Insel Negros ein Taubenpärchen in einem Baum. Er erlegte das Weibchen, während das Männchen davonflog. Bis heute ist die Art, die kurz darauf den Namen Negros-Fruchttaube (Ptilinopus arcanus) erhielt, nur durch dieses eine Exemplar bekannt.
Trotz mehrerer länger andauernder Suchaktionen wurde die Fruchttaube seitdem nicht mehr zweifelsfrei nachgewiesen. Allerdings gab es wiederholt unbestätigte Hinweise: So sollen Jäger 1985 und 2008 Vögel erlegt haben, die der Beschreibung der Art entsprachen. Auch aus dem Jahr 2002 stammt eine mögliche Sichtung. Keiner dieser Berichte ließ sich jedoch wissenschaftlich bestätigen.
Dass die Negros-Fruchttaube dennoch überlebt haben könnte, ist nicht ausgeschlossen. Fruchttauben gelten als scheu und können selbst bei gezielten Untersuchungen leicht übersehen werden. Zudem wurden auf der Nachbarinsel Panay bereits andere bedrohte Vogelarten entdeckt, die zuvor nur von Negros bekannt waren. Teile der dortigen Wälder sind bislang nur unzureichend erforscht.
Die IUCN führt die Negros-Fruchttaube deshalb als vom Aussterben bedroht und nicht als ausgestorben. Sollte sie noch existieren, dürfte ihre Population wohl weniger als 50 erwachsene Tiere umfassen. Als größte Gefahren gelten die Jagd sowie die fortschreitende Zerstörung der Wälder auf Negros.
Roosevelts Anolis – seit 1932 verschollen

Bild: MCZ:Herp:R-36138 – Anolis roosevelti Grant, 1931 Collected in Puerto Rico by © President and Fellows of Harvard College, CC BY-NC-SA 3.0, via GBIF
Roosevelts Anolis (Anolis roosevelti) ist durch acht Museumsexemplare bekannt. Sechs davon wurden vermutlich bereits in den frühen 1860er-Jahren gesammelt, zwei weitere 1931 und 1932 auf der zu Puerto Rico gehörenden Insel Culebra. Historisch kam die Art außerdem auf Vieques, St. John und Tortola im östlichen Teil der Puerto-Rico-Inselbank vor.
Nach seiner wissenschaftlichen Entdeckung wurde Roosevelts Anolis 1932 nur noch einmal sicher nachgewiesen. Seit 1973 gab es zwar mehrere unbestätigte Sichtungen, zuletzt 1978, doch ließ sich keine davon belegen. Einige Meldungen über große Anolis erwiesen sich als Verwechslungen mit Grünen Leguanen. Auch wiederholte Suchen auf Culebra, Vieques, St. John und Tortola blieben erfolglos.
Auf den vier Inseln, auf denen Roosevelts Anolis vermutlich lebte, wurden die ursprünglichen Wälder stark verändert oder vollständig gerodet. Weidewirtschaft, militärische Nutzung, Siedlungsbau und Tourismus zerstörten weitere mögliche Lebensräume. Auch eingeschleppte Ratten und Mungos könnten Eier und ausgewachsene Tiere gefressen haben. Die IUCN führt Roosevelts Anolis als möglicherweise ausgestorben, allerdings besteht noch Hoffnung, dass die Echse vor allem auf kleineren, bislang nicht ausreichend untersuchten Inseln vor der Küste überlebt haben könnte.
Handfisch Sympterichthys unipennis – erst ausgestorben, dann doch nicht
Die Handfischart Sympterichthys unipennis ist nur durch ein einziges Exemplar bekannt. Französische Forschungsreisende sammelten den Fisch 1802 während einer Expedition nach Australien. Als Herkunftsort ist lediglich „australische Meere“ vermerkt; vermutlich stammte das Tier aus den Gewässern im Südosten Tasmaniens.

Bild: Sympterichthys unipennis (Cuvier, 1817) by Australian National Fish Collection, CSIRO, CC BY-NC-SA 4.0, via GBIF
Weder über seinen Lebensraum noch über seine Lebensweise ist etwas bekannt. Verwandte Handfische leben auf felsigen oder sandigen Meeresböden vor Tasmanien. Sollte S. unipennis ebenfalls im D’Entrecasteaux-Kanal vorgekommen sein, könnten die intensive Muschel- und Austernfischerei sowie das Ausbaggern des Meeresbodens seinen Lebensraum schwer geschädigt haben. Ob dies tatsächlich zu seinem Verschwinden führte, lässt sich nicht belegen.
2020 stufte die IUCN S. unipennis aufgrund fehlender Nachweise seit mehr als 200 Jahren als ausgestorben ein. Damit galt er als erster Meeresfisch der Neuzeit, der offiziell in diese Kategorie aufgenommen wurde. Gegen die Einstufung wurde jedoch Einspruch erhoben: Die bisherigen Suchaktionen seien nicht umfassend genug gewesen, um sicher auszuschließen, dass die Art doch noch irgendwo überlebt. 2021 nahm die IUCN die Einstufung deshalb zurück und führt S. unipennis seitdem unter Datenlage unzureichend. Das bedeutet nicht, dass die Handfischart wahrscheinlich noch existiert, sondern lediglich, dass ihr Aussterben bislang nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.
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