Madeira-Kohlweißling

madeira-kohlweißling
Weiblicher Madeira-Kohlweißling aus dem Buch The Butterflies and Moths of Teneriffe (1894) von A. E. und Rashleigh Holt White.
Madeira-Kohlweißling – Steckbrief
lateinische Namen Pieris brassicae wollastoni, Pieris wollastoni, Pieris cheiranti wollastoni, Ganoris wollastoni
englische Namen Madeiran Large White, Large White
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Madeira (Atlantischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens frühestens 1977

Madeira-Kohlweißling: Führte ein Virus oder ein Parasit zum Aussterben?

Der Madeira-Kohlweißling wurde zum ersten Schmetterling erklärt, der aufgrund menschlichen Eingreifens in die Natur in Europa ausgestorben ist, so Lewis Smith 2007 in einem Artikel der britischen Times. Warum genau der Madeira-Kohlweißling ausgestorben ist, steht allerdings nicht fest.

Smith benennt mögliche Ursachen für das Verschwinden der Schmetterlingsart. Dazu gehören etwa der Verlust von Lebensraum zur Schaffung neuer Gewerbe- und Wohnflächen sowie der Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft.

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN weist außerdem auf zwei weitere mögliche Ursachen hin. Eine Hypothese stellt B. Gardiner 2003 in seiner Studie The possible Cause of Extinction of Pieris brassicae wollastoni vor: Der Madeira-Kohlweißling könnte durch das Einschleppen des Kleinen Kohlweißlings (Pieris rapae) mitsamt eines Virus auf Madeira ausgestorben sein. Dies soll in den 1950er-Jahren geschehen sein.

Seit 1971 gehört der Kleine Kohlweißling nämlich zu den häufigsten Tagfalter-Arten auf Madeira, so der Entomologe Marc Meyer 1993 in Die Lepidoptera der makaronesischen Region. Unsicher ist er sich jedoch, ob sich die Art aufgrund guter Entwicklungsmöglichkeiten auf Madeira angesiedelt hat oder ob sie unabsichtlich mit Gemüse importiert wurde.

Die zweite Hypothese von Aurel Lozan und Kollegen aus dem Jahr 2008 besagt: Das Aussterben der Schmetterlingsart könnte auf das Einschleppen eines Parasiten auf die portugiesische Insel Madeira zurückzuführen sein.

Bei dem Parasiten handelt es sich um die Kohlweißlings-Schlupfwespe oder -Brackwespe (Cortesia glomerata). Der Parasit zur Schädlingsbekämpfung wurde unter anderem auch auf die Kanarischen Inseln eingeführt, wodurch die Wespe zu einer ernsten Bedrohung für den dort endemischen Kanaren-Weißling (Pieris cheiranthi) wurde. Aufgrund dessen liegt die Vermutung nahe, dass der Parasit auch auf Madeira zum Verschwinden des Madeira-Kohlweißlings beigetragen haben könnte.

Erfolglos: 15 Jahre lange Suche nach dem Tagfalter

Zuletzt gesichtet wurde der Kohlweißling auf Madeira 1977. Nach einer erfolglosen, 15 Jahre andauernden Suche in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde 2007 das Aussterben des Madeira-Kohlweißlings gemeldet.

Die IUCN listet den Schmetterling bislang als „stark gefährdet, wahrscheinlich ausgestorben“. Mit der Begründung: Eine weitere adäquate Suche sei vonnöten, um herauszufinden, ob der Madeira-Kohlweißling ausgestorben oder nur extrem selten ist.

Wissenschaftler vermeldeten, der Schmetterling sei in den 1970er-Jahren selten gewesen, doch einige Berichte aus den 80er-Jahren gehen wiederum von einer weiten Verbreitung der Art aus. Suchen in den 90er-Jahren waren schließlich erfolglos, so Marc Meyer.

Da man die Spezies auf der relativ überschaubaren, rund 740 Quadratkilometer großen Insel Madeira seit mindestens 20 Jahren aber nicht gesichtet hat, sind sich die meisten Experten einig, dass der Madeira-Kohlweißling ausgestorben ist.

Umstrittener Artstatus: Madeira-Kohlweißling

Die lateinische Bezeichnung des Madeira-Kohlweißlings ehrt den englischen Insektenforscher Thomas Vernon Wollaston. Dieser hat aufgrund einer Lungenkrankheit im 19. Jahrhundert viel Zeit auf Madeira und den Kapverdischen Inseln verbracht und dabei eine Vielzahl an neuen Insektenarten entdeckt.

Der Artstatus des Madeira-Kohlweißlings ist umstritten, denn nicht alle Wissenschaftler halten den Schmetterling von Madeira für eine eigenständige Art. Einige gehen davon aus, dass es sich um eine Unterart des Großen Kohlweißlings (Pieris brassicae) handelt. Der Große Kohlweißling ist von Nordamerika bis Skandinavien weit verbreitet.

Beispielsweise die IUCN und auch A. E. und Rashleigh Holt White in Butterflies and Moths of Teneriffe (1894) haben den eigenen Artstatus des Schmetterlings mit Pieris wollastoni anerkannt.

Der Madeira-Kohlweißling konnte eine Flügelspannweite von 5,5 bis 6,5 Zentimetern erreichen. Dies entspricht in etwa auch der Größe des Großen Kohlweißlings und des Kanaren-Weißlings.

Die Flügel des Schmetterlings von Madeira besaßen eine weiß-beige Färbung. Die Weibchen hatten jedoch auf der Rückseite der Vorderflügel schwarze miteinander verschmolzene Flecken. Die Spitzen der Flügel waren schwarz. Die Kohlweißling-Arten unterscheiden sich untereinander unter anderem hinsichtlich der Form und Anordnung der schwarzen Flecken auf den Vorderflügeln.

Die Raupen des Madeira-Kohlweißlings waren grün mit schwarzen Flecken und gelben Streifen am oberen Teil des Körpers. Sie ernährten sich hauptsächlich von Blättern des Gemüsekohls (Brassica oleracea), weshalb der Kohlweißling bzw. dessen Raupen manchmal als Schädlinge angesehen werden.

Auswahl an Literatur über den Madeira-Kohlweißling:
A. E. & R. Holt White (1894): The Butterflies and Moths of Teneriffe. J. Feltwell (1982): Large white Butterfly: The Biology, Biochemistry and Physiology of Pieris brassicae (Linnaeus).