Réunion-Purpurhuhn

reunion-purpurhuhn réunion-purpurhuhn Porphyrio coerulescens
So könnte das Reunion-Purpurhuhn ausgesehen haben. Die Zeichnung entstammt Lionel Walter Rothschilds Buch Extinct Birds (1907).
Réunion-Purpurhuhn – Steckbrief
alternative Bezeichnung Maskarenen-Purpurhuhn
lateinische Namen Porphyrio caerulescens, Porphyrio coerulescens, Apterornis coerulescens, Cyanornis erythrorhynchus
englische Namen Réunion Swamphen, Réunion Gallinule, Réunion Oiseau Bleu
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Réunion (Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens um 1730

Das Reunion-Purpurhuhn existiert nur hypothetisch

Das ausgestorbene Maskarenen- oder Reunion-Purpurhuhn existiert eigentlich nur hypothetisch, denn Knochen hat man bis heute keine gefunden. Bekannt ist die Vogelart aus der Familie der Rallen (Rallidae) lediglich aus sechs Berichten früher Reisender oder Seefahrer.

Einer der zeitgenössischen Berichte stammt von einem französischen Reisenden namens Sieur Dubois aus dem Jahr 1674. Er ist veröffentlicht im Buch The Voyages made by the Sieur D. B. und darin heißt es:

Oiseau bleus: So groß wie ein Solitär, das Gefieder ist komplett blau, der Schnabel und die Füße sind rot und gleichen denen von Hühnern; sie können nicht fliegen, aber extrem schnell rennen, sodass ein Hund sie kaum fangen kann; sie sind sehr gut.“

Mit Solitär meint Dubois höchstwahrscheinlich den ebenfalls in seinem Reisebericht erwähnten und Anfang des 18. Jahrhunderts ausgestorbenen Réunion-Ibis oder -Solitär, der die Größe einer großen Gans erreichte.

Ob das Maskarenen-Purpurhuhn tatsächlich flugunfähig war, ist nicht sicher, da darüber in den Reiseberichten keine Einigkeit herrscht. Da Purpurhühner, die ausschließlich auf Inseln endemisch sind oderbvnh  waren in der Regel nicht fliegen konnten, kann man davon ausgehen, dass auch das Reunion-Purpurhuhn flugunfähig war.

Existenz des Reunion-Purpurhuhns gilt als gesichert – auch ohne Knochenfunde

Anhand alter Berichte sind sich Experten sicher, dass das Reunion-Purpurhuhn einst lebte. Zudem ist die Gattung der Purpurhühner (Porphyrio) bekannt dafür, sich auf ozeanischen Inseln anzusiedeln. Auf verschiedenen Inseln haben sich so im Laufe der Zeit unterschiedliche Purpurhuhn-Arten entwickelt, von denen heute noch die Südinsel-Takahe (Porphyrio hochstetteri) auf der Südinsel Neuseelands existiert.

Neben dem Reunion-Purpurhuhn sind in der Neuzeit auch folgende Purpurhuhn-Arten auf Inseln ausgestorben: die Nordinsel-Takahe von der Nordinsel Neuseelands, das Lord-Howe-Purpurhuhn von der Lord-Howe-Insel, das Neukaledonische Purpurhuhn von Neukaledonien und der Koau von den Inseln Hiva Oa und Tahuata. Zwischen 700 und 1200 nach Christus ist zudem die kleine Purpurhuhnart Porphyrio mcnabi während der Besiedlung der Gesellschaftsinseln durch Menschen ausgestorben.

Allen Reiseberichten bis auf jenem von Dubois, der keine Informationen zum genauen Lebensraum des Vogels macht, lässt sich entnehmen, dass das Maskarenen-Purpurhuhn auf der sich auf der Insel Réunion befindlichen Hochebene Plaine de Cafres im Bergwald lebte.

Mit dem Wissen, dass der Vogel vorzugsweise auf der Hochebene lebte, versuchten Wissenschaftler 1974 dort mögliche Stätten für fossile Knochenfunde aufzuspüren. Leider ohne Erfolg; es wurden weder Höhlen noch andere vielversprechende Örtlichkeiten gefunden. Das Resultat der Suche war, dass zunächst das Gebiet, in welchem das Reunion-Purpurhuhn einst lebte, gründlich kartografiert werden müsste, bevor subfossile Überreste gefunden und damit die Existenz des Vogels bewiesen werden kann.

Unklar, ob das Reunion-Purpurhuhn als Nahrung diente

Glaubt man der Aussage eines Missionars namens Père Brown, so wurde das Reunion-Purpurhuhn zum letzten Mal 1724 gesehen. Jedoch berichtete ein anonymer britischer Marineoffizier über einen Vogel, der 1763 auf dem Hochplateau Plaine de Cafres mit Stöcken erschlagen wurde. Niemand weiß, ob es sich hierbei wirklich um ein Purpurhuhn gehandelt hat oder aber etwa um einen Sturmvogel oder Sturmtaucher.

Der britische Ornithologe Anthony Cheke geht in der 1987 erschienenen Monographie Studies of Mascarene Island Birds davon aus, dass das Reunion-Purpurhuhn um 1730 herum ausgestorben ist. Da der Vogel vermutlich nicht fliegen konnte, war er wahrscheinlich eine leichte Beute für Jäger und eingeschleppte Tiere, was schließlich zum Aussterben der Art geführt haben könnte.

Etwas seltsam mutet der letzte Satz aus Dubois Beschreibung an: „Sie sind sehr gut.“ Unklar ist, ob er sich hier auf die Eignung der Maskarenen-Purpurhühner als Nahrungsquelle bezieht und deren Fleisch besonders schmackhaft ist.

Insgesamt stimmen auch die Reiseberichte in diesem Punkt nicht überein. Fest steht aber, die meisten Arten von Purpurhühnern gelten als wenig schmackhaft. Zudem deutet die Reisebeschreibung Mission à l’île Bourbon du sieur Feuilley en 1704 des Kartografen Jean Feuilly darauf hin, dass ausgewachsene Vögel nicht das ganze Jahr über gejagt wurden. Vielleicht aus kulinarischen Gründen.

Uneinigkeit über die Gattung

Der Baron und Zoologe Michel Edmond de Selys-Longchamps ordnete das Reunion-Purpurhuhn 1848 zunächst der Gattung Apterornis bzw. Aptornis zu. Dabei handelte es sich um ausgestorbene flugunfähige Vögel, welche einst auf Neuseeland heimisch waren. Auch den Reunion-Ibis und die um 1700 ausgestorbene Mauritius-Ralle (Aphanapteryx bonasia) gesellte er dazu.

Der Name Aptornis war allerdings schon vergeben, und zwar hatte der englische Biologe Richard Owen zwei Vögel – Nordinsel- und Südinsel-Adzebill – damit bereits vier Jahre zuvor beschrieben; so nachzulesen in Rails of the World (1977). Die Aptornis starben vermutlich Ende des 13. Jahrhunderts aus.

Die wissenschaftliche Bezeichnung des Maskarenen-Purpurhuhns änderte sich so über die Jahre mehrfach. Der richtige wissenschaftliche Name ist seit 2014 Porphyrio caerulescens. Bei der oft für diese Tierart verwendeten Bezeichnung Porphyrio coerulescens hat sich laut der IUCN ein orthographischer Fehler eingeschlichen.

Auswahl an Literatur über das Réunion-Purpurhuhn:
L.W. Rothschild (1907): Extinct Birds. D.B. Dubois (2010): The Voyages made by the Sieur D. B. Translated and edited by Captain P. Oliver. With facsimile maps and illustrations. A.S. Cheke (1987): An ecological history of the Mascarene Islands. In: A.W. Diamond: Studies of the Mascarene Island Birds. S. 5-89.