Lemerles Flusspferd

Hippopotamus lemerlei / Lemerles Flusspferd
Skelett von Lemerles Flusspferd im Museum für Naturkunde in Berlin. (© FunkMonk)
Lemerles Flusspferd – Steckbrief
lateinischer Name Hippopotamus lemerlei
englischer Name Lemerle’s Hippopotamus
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Madagaskar (Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens 15. Jahrhundert oder später

Madagassische Folklore: Mangarsahoc, Tsy-Aomby-Aomby, Omby-Rano und Kilopilopitsofy

Trotzdem keine fossilen Überreste von Flusspferden auf Madagaskar auf die letzten 1.000 Jahre datiert werden konnten, ist Lemerles Flusspferd in mündlichen Überlieferungen der Madagassen bis zum heutigen Tage präsent.

So schrieb etwa der Naturforscher Étienne de Flacourt 1648 in seiner Histoire de la grande isle de Madagascar darüber, dass er Geschichten über ein Tier namens Mangarsahoc gehört habe, die nach einem Nilpferd klingen. In anderen Regionen Madagaskars gibt es ähnliche Geschichten über den Tsy-Aomby-Aomby, den Omby-Rano oder den Laloumena. Alle beschriebenen Lebewesen erinnern an ein Flusspferd und treffen kaum auf andere Tiere der Insel zu.

In den 1990er-Jahren machte der sich der Autor David A. Burney nach Madagaskar auf, um ausgestorbene Tiere der Neuzeit zu studieren. Dabei sammelte er auch Geschichten über ein Lebewesen, welches Kilopilopitsofy genannt wurde, und über welches die Dorfbewohner von Belo-sur-mer berichteten.

Mehrere Bewohner des kleinen Fischerdorfes an der Westküste Madagaskars beschrieben ein Tier, das 1976 in das Dorf kam. Burney und der Archäologe Ramilisonina, die die Bewohner 1995 interviewten hielten ihre Ergebnisse 1998 in einem Beitrag für das Journal American Anthropologist fest:

„Bemerkenswert ist, dass die Berichte über dieses mysteriöse Tier in den Details sehr konsistent sind. Alle Berichte, die wir gesammelt haben, unterstreichen, dass das Tier nachtaktiv ist, laut grunzt und ins Wasser flieht, wenn es gestört wird. Zudem besteht Übereinstimmung darin, dass es so groß wie eine Kuh ist, keine Hörner besitzt, eine dunkle Färbung aufweist sowie ein riesiges Maul mit großen Zähnen hat.“ Kilopilopitsofy erfüllt also die Eigenschaften eines kleinen Flusspferdes.

Es gab Flusspferde auf Madagaskar?

Dass einst Flusspferde auch auf Madagaskar lebten, erkennt die Wissenschaft noch nicht allzu lange an. Drei Arten der Madagassischen Flusspferde werden heute gemeinhin akzeptiert: Lemerles Flusspferd, Hippopotamus laloumena und Hippopotamus madagascariensis. Sie alle sind heute ausgestorben.

Oft werden die drei Arten unter dem Begriff Madagassische Flusspferde zusammengefasst, wobei Lemerles Flusspferd und Hippopotamus madagascariensis auch unter einer Vielzahl englischer Bezeichnungen wie zum Beispiel Madagascan Dwarf Hippopotamus, Malagasy Pygmy Hippopotamus oder Madagascar Dwarf Hippopotamus bekannt sind.

Als erstes Madagassisches Flusspferd wurde Lemerles Flusspferd vom französischen Naturforscher Alfred Grandidier entdeckt und 1868 beschrieben. Madagaskar war Grandidiers größtes Projekt und er durchquerte die Insel dreimal. Dabei entdeckte er unter anderem Überreste des Elefantenvogels, der bis zu drei Meter hoch werden konnte.

Grandidier, so das The Eponym Dictionary of Mammals (2009), benannte das gefundene Nilpferd nach einem Mann namens Lemerle, welcher Handlangerarbeiten in der madagassischen Stadt Toliara ausführte.

Überreste von Lemerles Flusspferd wurden vor allem im Süden Madagaskars im Bereich des küstennahen Flachlandes gefunden. Die Paläobiologin Solweig Stuenes vermutet daher 1989 in einem im Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlichten Artikel, dass Lemerles Flusspferd gut an das Leben auf dem Land sowie am und im Wasser angepasst war. Auch der längliche Schädel und die großen Augenhöhlen würden auf eine amphibische Lebensweise hindeuten.

Fossile Überreste von Hippopotamus madagascariensis fanden Wissenschaftler dagegen eher in den Hochländern der Insel. Die Proportionen des Schädels seien hier robuster, was sich auf eine eher terrestrische Lebensweise zurückführen lässt.

Wie die Flusspferde nach Madagaskar kamen

Weitgehend unklar ist bis heute, wie und wann die Madagassischen Flusspferde, die den Flusspferden Afrikas sehr ähnlich sind, auf die Insel kamen. Der Biologe Adrian Burton nimmt sich dieser Frage in seinem Artikel How the Kilopilopitsofy crossed the Sea im Magazin der Ecological Society of America an.

Fest steht, Nilpferde leben zwar semi-aquatisch, können aber nicht wirklich schwimmen; sie stoßen sich mit den Beinen vom Grund des Gewässers ab. Wie also konnten sie die 300 oder 400 Kilometer von Afrika nach Madgaskar überwinden?

Die These, Flusspferde seien auf Vegetationsresten (Baumstämmen vielleicht) nach Madagaskar gelangt, erscheint unwirklich, denn die Tiere können ein Gewicht von bis zu 3.000 Kilogramm erreichen. Einige Wissenschaftler gehen von einer einst existierenden Landbrücke zwischen Afrika und Madagaskar aus und wieder andere vermuten, dass sie doch irgendwie geschwommen sind.

Am wahrscheinlichsten erscheint es, dass das Wasser damals flacher gewesen sei und es entlang des Weges kleinere Inseln gegeben hat. So erklärt sich vielleicht auch, warum es auf Madagaskar drei verschiedene erfolgreiche Nilpferd-Kolonisationen gab.

Die Madagassischen Flusspferde begannen zu schrumpfen

Wie die englischen Namen der ausgestorbenen Flusspferde vermuten lassen, handelte es sich um relativ kleine Nilpferde, die aber, als sie einst nach Madagaskar kamen, noch so groß waren wie ihre nahen Verwandten in Afrika.

Aufgrund von Inselverzwergung schrumpfte Lemerles Flusspferd mit der Zeit. Dieser Prozess der Verzwergung ist auch von anderen inselbewohnenden Nilpferden bekannt, wie etwa vom Hippopotamus creutzburgi, einer ausgestorbenen Nildpferdart von der Insel Kreta, oder Hippopotamus minor, welcher einst auf der Insel Zypern lebte.

Inselverzwergung ist ein evolutionsbiologischer Prozess, bei dem die Körpergröße von Lebewesen über Generationen hinweg auf Inseln abnimmt, wenn sie ohne Fressfeinde oder Anwesenheit von Menschen leben. Dieses Phänomen traf zum Beispiel auch auf den ausgestorbenen Honshū-Wolf in Japan zu.

vergleich größen madagassisches flusspferd und großflusspferd
Im Vergleich: Hippopotamus madagascariensis, das in etwa die Größe von Lemerles Flusspferd besitzt, und der Schädel des heutigen Großflusspferdes. (© Osborn.)
Lemerles Flusspferd war ungefähr zwei Meter lang und erreichte eine Schulterhöhe von knapp 80 Zentimetern. Sein Gewicht betrug möglicherweise knapp 500 Kilogramm. Zum Vergleich: Das in Afrika lebende Großflusspferd (Hippopotamus amphibius) hat eine Körperlänge von drei bis fünf Metern und wiegt zwischen 1.000 und 4.500 Kilogramm. Seine Schulterhöhe ist etwa doppelt so hoch wie bei Lemerles Flusspferd.

Hippopotamus madagascariensis war etwa so groß wie Lemerles Flusspferd. Und Hippopotamus laloumena war um einiges größer als die anderen beiden Madagassischen Flusspferde, allerdings auch ein wenig kleiner als das heutige Großflusspferd.

Lemerles Flusspferd: Erst in der Neuzeit ausgestorben

Doch wie lange haben die Madagassischen Flusspferde nun überhaupt existiert? Ein französischer Kolonialverwalter namens Raybaud behauptete 1902 etwa, dass er Geschichten im Hochland Madagaskars gehört habe, die nur über Flusspferde sein konnten, die sogar noch bis 1878 gelebt haben sollen, so Burney und Ramilisonina. Und die Dorfbewohner von Belo-sur-mer wollen noch 1976 ein Flusspferd gesehen haben.

Jedenfalls verleiteten die vielen konsistenten Überlieferungen die Weltnaturschutzorganisation IUCN dazu, sowohl Lemerles Flusspferd als auch Hippopotamus madagascariensis als kürzlich ausgestorben bzw. in der Neuzeit ausgestorben zu klassifizieren.

Möglicherweise starben die Madagassischen Flusspferde im Zusammenhang mit der Besiedlung Madagaskars durch den Menschen aus, der vor rund 1.500 Jahren auf die Insel kam. Dafür spricht beispielsweise, dass Wissenschaftler an Knochen der Flusspferde menschliche Bearbeitungsspuren fanden. Aber auch klimatische Veränderungen könnten als Ursache infrage kommen.

Auswahl an Literatur über Lemerles Flusspferd:
R.E. Dewar (1984): Extinctions in Madagascar. The loss of subfossil fauna. In: P.S. Martin & R.G. Klein: Quaternary extinctions. A prehistoric revolution, Tucson. S. 574-593. R.D.E. MacPhee & C. Flemming (1999): Requiem Aeternam. The last five hundred years of mammalian extinctions. In: R.D.E. MacPhee: Extinctions in Near Time, New York. S. 333-371. R. Battistini & G. Richard-Vindard (1972): Biogeography and Ecology in Madagascar, Dordrecht.