Schomburgk-Hirsch

schomburgk-hirsch im zoo / Rucervus schomburgki
Ein Foto des Schomburgk-Hirsches im Westberliner Zoo 1911. In Thailand nannte man diese Tierart Sa Mun oder Nuar Sa Mun. (© Lothar Schlawe)
Schomburgk-Hirsch – Steckbrief
lateinische Namen Rucervus schomburgki, Cervus schomburgki
englischer Name Schomburgk’s Deer
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Thailand
Zeitpunkt des Aussterbens 1932 oder später

Noch heute: Gerüchte um die Existenz des Schomburgk-Hirsches

Es heißt, der letzte Schomburgk-Hirsch starb 1938 in einem Zoo. Dennoch halten sich bis heute die Gerüchte, dass das Tier aus der Familie der Hirsche (Cervidae) noch existieren könnte.

Solche Gerüchte haben ihren Ursprung: Der Landwirtschaftswissenschaftler Laurent Chazée entdeckte im Februar 1991 in einem Medizinladen in der Phongsali-Provinz in Laos ein Geweih. Der Ladenbesitzer äußerte, der Hirsch, dem das Geweih gehörte, sei ein Jahr zuvor in der Nähe erlegt worden. Dies schreibt Gerard B. Schroering 1995 in einem im Magazin Wildlife Conservation veröffentlichten Artikel Swamp Deer Resurfaces. Später identifizierte Chazée das Geweih anhand eines von ihm gemachten Fotos als eines von einem Schomburgk-Hirsch.

Seit diesem Vorfall, der einiges Aufsehen erregte, und aufgrund mehrerer unbestätigter Sichtungen vermuten manche Experten, dass Suchexpeditionen nach dem Hirsch bislang immer an falschen Stellen ihr Glück versucht haben. Die Art könnte im Norden von Laos noch existieren.

Erst 1863 hat der englische Zoologe Edward Blyth den Schomburgk-Hirsch wissenschaftlich beschrieben. Er benannte ihn nach Robert Hermann Schomburgk, einem deutschen Forschungsreisenden und späteren englischen Generalkonsul in Bangkok.

Der Hirsch besaß braunes Fell und war mit einer Kopfrumpflänge von 180 Zentimetern sowie einer Schulterhöhe von 104 Zentimetern recht groß. Er konnte ein Gewicht von 100 bis 120 Kilogramm erreichen.

Schomburgk-Hirsch: Letztes bekanntes Exemplar von Betrunkenem getötet

schomburgk-hirsch-geweih
Der männliche Schomburgk-Hirsch hatte ein sehr verzweigtes Geweih. Die Darstellung stammt von Victor Brooke aus On Cervus schomburgki aus den Proceedings of the Zoological Society of London 1876.

Bis 1932 soll der Schomburgk-Hirsch in der Wildnis existiert haben – bis der letzte Bock von einem Offizier der thailändischen Polizei in der Nähe von Sai Yoke und Kwae Yai erschossen wurde. Das letzte bekannte Exemplar in Gefangenschaft wurde 1938 von einem betrunkenen Einheimischen getötet. Es handelte sich um einen Bock, der als Haustier in einem Tempel in der Samut-Sakhon-Provinz in Thailand gehalten wurde.

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN listet den Schomburgk-Hirsch seit 1994 als ausgestorben. Laut dieser gebe es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Art außer in Thailand auch in anderen Ländern vorgekommen sei.

Es gibt einige frühe Berichte, der Schomburgk-Hirsch sei etwa in Yunnan (China), im Shan-Staat (Myanmar) und Indochina gesichtet worden, doch diese bewerteten Experten als unklar oder falsch.

Der Fund des Geweihs im Medizinladen in Laos legt die Vermutung nahe, dass der Hirsch bis in die späten 1980er-Jahre hinein überlebt haben könnte und dass die Art tatsächlich in Laos vorkam.

Ross D. E. MacPhee und Clare Flemming sehen den Fund in Extinctions in Near Time (1999) als ausreichenden Beweis dafür an, dass der Schomburgk-Hirsch nicht ausgestorben ist. Allerdings weist nichts darauf hin, dass das Geweih von einem kürzlich getöteten Tier stammt und nicht schon seit Jahren im thailändischen Handel war.

Der ehemalige Besitzer des Geweihs sei ein Zwischenhändler für Wildtierteile aus ganz Indochina gewesen, schreibt die IUCN. Sie kommt zu dem Schluss: Auch wenn Überreste des Schomburgk-Hirsches in jüngerer Zeit in Laos entdeckt wurden, sind diese nicht Beweis dafür, dass die Tierart heute noch lebt oder jemals in Laos gelebt hat.

Lebensraumverlust und Überjagung führten zum Aussterben

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Der einzige bekannte ausgestopfte Schomburgk-Hirsch befindet sich im Muséum national d’Histoire naturelle in Paris. Das Tier lebte bis 1868 im Jardin des Plantes in Paris. (© mf9000)
Im späten 19. Jahrhundert soll der Schomburgk-Hirsch recht häufig vorgekommen sein und zwischen 1900 und 1910 konnte man noch Herden in freier Wildbahn beobachten. Doch dann kam es zu einem plötzlichen Rückgang der Population, so der Biologe Francis Harper in Extinct and Vanishing Mammals of the Old World (1945).

In Museen und Privatsammlungen findet man rund 300 oder 400 Geweihe des Schomburgk-Hirsches und einige Knochen. Daher sei das weibliche Exemplar dieser Tierart quasi fast unbekannt, so Harper.

Im späten 19. Jahrhundert begann die kommerzielle Reisproduktion in Thailand, was dazu führte, dass fast das gesamte Gras- und Sumpfland – der Lebensraum der Schomburgk-Hirsche – in Reisanbauflächen umgewandelt wurde. Zudem verdrängten die Bewässerung der Anbauflächen und der Bau der Eisenbahn die Tiere aus ihrem Lebensraum.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Hirschart zudem stark bejagt. Vor allem in Zeiten des Hochwassers in der Regenzeit gestaltete sich die Bejagung des Hirsches sehr einfach, denn die Tiere flohen auf kleine, trockene Inseln. Zudem mied der Schomburgk-Hirsch generell Gebiete mit dichter Vegetation.

Insbesondere für die chinesische Medizin bestand großes Interesse an Schomburgk-Hirschen. Harper vermutet, Geweihe von Schomburgk-Hirschen erzielten höhere Preise als beispielsweise jene vom Sambar (Rusa unicolor) oder von den Leierhirschen (Panolia).

Die Ausrottung von Tierarten für die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist auch heute ein Problem – der Schwarzmarkt boomt. Das gilt nicht nur für China, sondern auch für Laos, Vietnam, Kambodscha oder Japan. Bestandteile wilder Tiere dienen seit Jahrtausenden als Heilmittel; es finden rund 1.500 Tier- und 5.000 Pflanzenarten Verwendung. Seepferdchen sollen etwa Impotenz heilen, Hirsche, Schlangen und Bären potenzsteigernd wirken und das Horn des Nashorns soll Krämpfe und Schlaflosigkeit bekämpfen.

Auswahl an Literatur über den Schomburgk-Hirsch:
F. Harper (1945): Extinct and Vanishing Mammals of the Old World, New York. R.D.E. MacPhee & C. Flemming (1999): Requiem Aeternam. The last five hundred years of mammalian extinctions. In: R.D.E. MacPhee: Extinctions in Near Time, New York. S. 333-371. R. M. Nowak (1999): Walker’s Mammals of the World, Baltimore.