Rodrigues-Nachtreiher

rodrigues-nachtreiher (Nycticorax megacephalus)
Die Illustration des französischen Naturforschers Alphonse Milne-Edwards aus dem Jahr 1875 zeigt verschiedene Knochen des ausgestorbenen Rodrigues-Nachtreihers.
Rodrigues-Nachtreiher – Steckbrief
lateinische Namen Nycticorax megacephalus, Ardea megacephala, Megaphoyx megacephala
englischer Name Rodrigues Night-Heron
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Rodrigues (Indischer Ozean)
Zeitpunkt des Aussterbens Mitte des 18. Jahrhunderts

Französische Entdecker beschrieben den Rodrigues-Nachtreiher zuerst

Bekannt ist der Rodrigues-Nachtreiher vor allem aus einem Reisebericht des französischen Entdeckers François Leguat. Ende des 17. Jahrhunderts machte er sich mit anderen Hugenotten auf zur Insel Réunion.

Leguat und seine Begleiter wollten dort einen Neustart wagen, weil sie gehört hatten, Réunion sei von Franzosen verlassen. Da dem nicht so war, steuerten sie die Nachbarinsel Rodrigues an.

Als Leguat später wieder nach Europa zurückkehrte, veröffentlichte er 1708 einen Reisebericht unter dem Titel Voyages et aventures de François Leguat, in welchem er unter anderem den Rodrigues-Nachtreiher beschrieb.

Neben dem Rodrigues-Nachtreiher berichtet Leguat in seinen Schilderungen noch von anderen heute ausgestorbenen Tierarten der Inseln Mauritius und Rodrigues: etwa vom Rodrigues-Riesengecko, Rodrigues-Taggecko, Rodrigues-Solitär und vom Rodrigues-Sittich.

Der französische Entdecker Julien Tafforet wurde 1725 nach Rodrigues gesandt, um die Eignung der Insel zur Besiedlung festzustellen. Er verweilte dort neun Monate und machte Aufzeichnungen zur Flora und Fauna. Seine Reiseschilderung aus dem Jahr 1926, der erst im späten 19. Jahrhundert entdeckt wurde, liefert ebenfalls Informationen zu ausgestorbenen Tieren, wie etwa dem Rodrigues-Solitär oder dem Rodrigues-Nachtreiher.

Knochenfunde und Reiseberichte liefern Informationen zu Verhalten und Aussehen

gemeiner nachtreiher
Das Gefieder des Rodrigues-Nachtreihers soll dem des heute noch existierenden Gemeinen Nachtreihers (Foto, Nycticorax nycticorax) ähnlich gewesen sein. (© Kclama)
Was Verhalten und Aussehen des Rodrigues-Nachtreihers angeht, können hier nur subfossile Knochen und die genannten Reiseberichte Informationen liefern. So schreibt etwa Leguat über das Verhalten des Vogels:

„Wir haben Rohrdommeln (Reihervögel) gesehen, die so groß und schwer wie Kapaune (Masthähne) waren. Sie sind zahmer und einfacher einzufangen als die ‚Fasanenvögel‘ (…). Geckos dienen als Futter für Vögel, vor allem für die Rohrdommeln. Als wir Geckos mit einer Stange von Ästen herunter schüttelten, kamen die Vögel angelaufen und verschlangen sie direkt vor uns, auch wenn wir versuchten, dies zu verhindern; und selbst, wenn wir nur so taten, kamen sie auf die gleiche Weise an und folgten uns.“

Leguat und Tafforet sind sich einig, dass der Rodrigues-Nachtreiher etwa so groß wie ein kleiner Reiher und nur bedingt flugfähig war. Der Reiher flog höchstens in Gefahrensituationen, wobei er auch dann das Laufen bevorzugte.

Wie bereits im Zitat geschrieben, dienten Geckos den Vögeln als Hauptnahrungsmittel, wie etwa die heute ausgestorbenen Rodrigues-Riesengeckos und -Taggeckos. Weiterhin weiß man heute, dass die Eier des Rodrigues-Nachtreihers eine grünliche Farbe besaßen.

Die Analysen der gefundenen Knochen hat zudem ergeben, der Schnabel der Rodrigues-Nachtreiher war sehr kräftig gewachsen; daher auch der Name megacephalus, was so viel wie „großköpfig“ bedeutet. Zudem weisen die subfossilen Überreste darauf hin, dass die Vogelart dabei war, sich in Richtung Flugunfähigkeit zu entwickeln. Nachzulesen ist dies in einem Aufsatz von Graham Stewart Cowles im Buch Studies of Mascarene Island Birds (1987).

Der vermutlich ebenfalls im Reisebericht von François Leguat erwähnte Mauritius-Nachtreiher (Nycticorax mauritianus), der auf der Insel Mauritius Ende des 17. Jahrhunderts ausgestorben ist, ist nahe mit dem Rodrigues-Nachtreiher verwandt.

Rodrigues-Nachtreiher: Ausrottung durch Überjagung

karte rodrigues leguat
Eine Landkarte von François Leguat (1708), die die Insel Rodrigues im unberührten Zustand zeigt.
Als Grund für das Aussterben des Rodrigues-Nachtreihers gibt die Weltnaturschutzorganisation IUCN Überjagung durch den Menschen an. Dies liegt nahe, denn die Vogelart wurde als relativ zahm und als einfach zu fangen beschrieben, trotzdem sie nicht völlig flugunfähig war.

Anhand der Schilderungen von Leguat und Tafforet sind sich Experten sicher, dass der Rodrigues-Nachtreiher 1708 und 1726 noch existierte. Bereits 1761 berichtete der französische Astronom Alexandre Guy Pingré allerdings, er habe keine „Rohrdommeln“ mehr auf Rodrigues finden können.

Nachdem Rodrigues von Menschen besiedelt wurde, wurde auch das Ökosystem der Insel stark beeinträchtigt und viele endemische Arten starben aus. Es heißt, dass Wälder vor der Besiedlung die gesamte Insel bedeckten; heute ist davon kaum etwas geblieben.

Zu der Zeit, als der Rodrigues-Nachtreiher, die Insel bewohnte, existierten beispielsweise auch noch der Rodrigues-Solitär, der Rodrigues-Papagei, der Rodrigues-Sittich, Leguats Sumpfhuhn, die Rodrigues-Eule, der Rodrigues-Star, die Rodrigues-Fruchttaube, die Rodrigues-Riesenschildkröte und die Rodrigues-Sattelrücken-Riesenschildkröte. Alle diese Arten sind heute ausgestorben.

Auswahl an Literatur über den Rodrigues-Nachtreiheer:
A.W. Diamond (1987): Studies of Mascarene Island Birds, Cambridge. S. 5-89 & S. 90-100.
L.W. Rothschild (1907): Extinct Birds, London.