Wandertaube

amerikanische wandertaube
Exponat der Wandertaube aus dem Nationalmuseum in Prag; dieses kam 1953 aus dem Gymnasium in Prachatice, Tschechien, ins Nationalmuseum. (© Doreen Fräßdorf)
Wandertaube – Steckbrief
alternative Bezeichnung Amerikanische Wandertaube
lateinische Namen Ectopistes migratorius, Columba migratoria, Columba canadensis, Ectopistes migratoria
englische Namen Passenger Pigeon, Wild Pigeon
ursprüngliches Verbreitungsgebiet Nordamerika
Zeitpunkt des Aussterbens 1914

Die Wandertaube: Von einer der häufigsten zur ausgestorbenen Vogelart

Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine der häufigsten Vogelarten der Welt, wurde die letzte frei lebende Wandertaube im Jahr 1900 erschossen und das letzte in Gefangenschaft lebende Tier namens Martha starb 1914.

Die Vogelart war ursprünglich in Nordamerika verbreitet und die letzten verlässlichen Aufzeichnungen zu Wandertauben in freier Wildbahn stammen laut IUCN von 1900. Eine Suche im Jahr 1910 zeigte keinen Erfolg.

Igor Akimuschkin beschreibt in seinem Buch Vom Aussterben bedroht? anschaulich, wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben mag, als die Wandertauben zahlreich waren:

„Diese Vögel tauchten am Himmel in so dichten Schwärmen auf, daß die Sonne buchstäblich nicht mehr zu sehen war. Es wurde schummrig wie während einer Sonnenfinsternis, (…) Vogelmist fiel wie Schnee vom Himmel (…).“

Es existieren viele Zeitzeugenberichte, die Ähnliches wiedergeben. Doch: Wie kann eine derart häufige Vogelart innerhalb von 100 Jahren aussterben? Die Geschichte der Wandertaube erinnert an die der Felsengebirgsschrecke (Melanoplus spretus). Diese zog ebenfalls in riesigen Schwärmen über Nordamerika und starb im frühen 20. Jahrhundert aus.

Wandertaube: Das Fleisch galt als Delikatesse

wandertaube Audubon
Zeichnung eines Wandertauben-Pärchens von John James Audubon (1785-1851): Die Weibchen waren matter gefärbt als die Männchen.

Wissenschaftler konnten bislang nicht endgültig klären, warum die Amerikanische Wandertaube ausgestorben ist. Zweifelsohne trägt der Mensch Mitschuld, denn schon im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Taube an der Atlantikküste stark bejagt.

Während aus zeitgenössischen Berichten hervorgeht, dass 1866 noch ein 14 Stunden langer Schwarm mit rund drei Milliarden Tieren gesehen wurde, gab es in den 1880er-Jahren bereits nur noch Kolonien von etwa 10.000 Vögeln.

Das Fleisch der Wandertaube galt als Delikatesse, weshalb mit den Tieren ein lukrativer Handel im Osten und Mittleren Westen der USA getrieben wurde.

Trotz des Rückgangs der Individuenzahl bejagten die Menschen die Wandertauben weiter, sodass Anfang der 1890er-Jahre Schwärme mit mehreren 100 Vögeln schon selten waren.

Etwa ab 1900 gibt es kaum noch Lebenszeichen der Wandertaube. Es gab nur noch sehr wenige Einzelbeobachtungen. Akimuschkin sah die Bejagung, die sich aufgrund der Häufigkeit der Wandertaube einfach gestaltete, als die Ursache für das Aussterben der Art an. Mit der Wandertaube starb übrigens die Wandertaubenmilbe (Diplaegidia gladiator) aus, die die Taube als Wirt nutzte.

Bejagung nicht alleinige Ursache für das Aussterben

wandertaube jagd Ectopistes migratorius
Zeitgenössische Darstellung der Jagd auf Wandertauben in Louisiana, USA, aus den 1870er-Jahren.
Neuere Untersuchungen ziehen neben der Bejagung auch andere Faktoren, die zum Aussterben geführt haben, mit in Betracht. Dazu gehören die Zerstörung des Lebensraums, Störungen an den Brutkolonien etwa durch Fällen von Nistbäumen, Veränderungen des Klimas sowie Erkrankungen.

So geht aus einer 2014 veröffentlichten Studie der National Taiwan Normal University hervor, dass die Wandertauben-Population über die Jahrtausende hinweg großen Schwankungen ausgesetzt war.

Wissenschaftler vermuten, Wandertauben-Populationen hätten sich vor der Ansiedlung der Europäer in Nordamerika immer wieder gut erholen können. Die zusätzliche Jagd auf die Vögel allerdings habe die Tierart dann nicht verkraften können.

Einige Theorien gehen davon aus, dass Wandertauben als Koloniebrüter Feinden nur die Strategie entgegenbrachten, durch einen vorhandenen Überschuss an Individuen diese zu sättigen.

Als die Zahl der Individuen sank, besaßen einzelne Brutpaare oder kleine Gruppen keine Anpassungsmöglichkeiten, die zum nötigen Bruterfolg führen konnten. Das heißt, die Wandertauben brüteten immer relativ unversteckt. Zudem fand lediglich eine Jahresbrut mit nur einem Ei statt.

Gentechnik: Die Wandertaube klonen?

Biologen der University of California starteten in Santa Cruz das Gentechnik-Projekt De-Extinction, welches bis zum Jahr 2032 das Genom der Wandertaube rekonstruieren soll. Mithilfe von Haustauben soll die ausgestorbene Tierart rückgezüchtet werden.

Dieses Projekt wird unter anderem von der Organisation WWF kritisch betrachtet, da sich der ehemalige Lebensraum der Wandertaube stark verändert habe bzw. nicht mehr vorhanden ist.